Lebendige Erinnerung

30. Oktober 2017

Anneliese Maurer

Anneliese Maurer
* 18. April 1924 in Mannheim; † 30. Oktober 2017 in Aalen

Meine liebe Mutter ist tot. Eine beeindruckende Mannheimer Persönlichkeit hat uns mit 93 Jahren für immer verlassen.
Sie starb nach kurzer schwerer Krankheit dank der segensreichen Palliativmedizin ohne allzu große Schmerzen. Wir, meine Frau und ich, hatten Zeit und Gelegenheit, uns angemessen zu verabschieden.
(Unseren Erfolg, mein Bestehen der ‚Disputatio‘ und somit der letzten Prüfung zur Promotion vor knapp drei Wochen, hat sie noch bewusst erlebt und stolz mit uns gefeiert. Von ihr zum Spaß und augenzwinkernd „Herr Doktor“ genannt zu werden, war für mich schon etwas Besonderes – und für sie die späte Erfüllung eines auf mich projizierten Lebenstraums.)

Fast ein Jahrhundert in einem Nachruf zusammenfassen, ist fast unmöglich:
Als Älteste (und anerkannt „Vernünftige“) aus einer vielköpfigen Arbeiterfamilie in Not- und Kriegszeiten hat sie nach dem militärisch-politisch-moralischen Zusammenbruch Deutschlands längst desillusioniert als 21jährige entschlossen mitgeholfen, das zerstörte Deutschland wiederaufzubauen. Erst mit Ende 20 hat sie ihre große Liebe, meinen Vater, geheiratet – und ihn während ihrer Schwangerschaft nach einem schrecklichen Unfall wenige Jahre darauf für immer verloren.
Von diesem Schicksalsschlag hat sie sich so ganz nie erholt.
Dass mir der Vater fehlte, habe ich angesichts ihrer Liebe und Fürsorge lange nicht bemerkt – auch wenn wir anfangs (nur materiell, niemals ideell) arm waren.
Als ich in die Schule kam, konnte sie wieder ganztags arbeiten und schaffte es immerhin zur Disponentin einer damals großen Mannheimer Firma.
Die zweitschönste Zeit ihres Lebens (nach der viel zu kurzen Ehe) war ihr ‚Unruhe-Stand‘ nach der Pensionierung: Weltreisen bis in die USA, nach Asien und China; klassische und Jazz-Konzerte, Theater und Kabarett; Treffen mit Freundinnen in den Mannheimer Cafés und mit uns in ihren Lieblingsrestaurants.
Ganz typisch: Sie hatte erst mit 50 Jahren (1974) schwimmen gelernt, betreute aber bis zu ihrem 80. Lebensjahr die DRLG-Kinder ihrer Frei- und Hallenbäder, wurde hierfür von ihnen geliebt, gesellschaftlich verehrt und geehrt – auch auf einer ganzen Seite unserer Zeitung.
Ihre 10 000 Fahrradkilometer mit Mitte 60 binnen eines einzigen Jahres sind rekordverdächtig. Bei unserem Verdauungsspaziergang 2004 im (Mannheimer) Käfertaler Wald nach üppigem Gelage bei ihrem Lieblingschinesen anlässlich ihres 80. Geburtstags kamen wir drei Aalener ihr kaum hinterher.

Körperlich lange und geistig bis zuletzt topfit, besiegte sie 2007 mit ihrem eisernen Überlebenswillen selbst eine Krebserkrankung, gab sodann (2008, mit 84 Jahren) auf unser Drängen hin ihr „betreutes Wohnen“ in ihrer geliebten Geburts- und Heimatstadt Mannheim für ein allerdings schönes, geräumiges Zimmer in einem Aalener Seniorenheim auf, wo sie bald zur seelischen Mitbetreuerin und ‚Ältesten‘ ernannt wurde und wo wir sie wöchentlich ein- bis zweimal, in den letzten Wochen fast täglich besuchten.
Jahrelang, fast bis zuletzt nahm sie an den beachtlichen Aktionen teil: kleine Ausflüge in die schöne City von Aalen; Basteln, Backen, Gedächtnistrainung, Spielnachmittage; kleine Rezitationskonzerte wie auf diesem Foto mit mir, ihrem einzigen Sohn, am Akkordeon:

 

meine Mutter beim Akkordeonkonzert (zweite von rechts)

meine Mutter beim Akkordeonkonzert (zweite von rechts)

Bergab ging es erst zu Jahresbeginn 2017 – nach einem Sturz und mehreren Krankenhausaufenthalten samt komplizierten Operationen, die nichts mehr nützen sollten.
In den letzten Wochen war sie bettlägerig, in den letzten Tagen kaum noch ansprechbar. Sie starb gestern Nachmittag zwei Stunden nach meinem Besuch ganz friedlich, mit sich und der Welt versöhnt.
Bei unserer letzten Begegnung mit ihr gestern Abend sahen wir eine tapfere Mutter Courage – mit gelöster Miene und einem feinen Lächeln fast wie aus dem Jenseits.
Ich bin eher nachdenklich, bewegt als traurig, vielleicht sogar erleichtert: Als Christ weiß man, sie ist längst bei meinem geliebten und unvergessenen Vater

Alfred Maurer

, ihren jüngeren, aber bereits verstorbenen Geschwistern und u.a. auch unserem wunderbaren Mannheimer Akkordeonlehrer und Dirigenten Fritz Breunig wiederbegegnet

Fritz Breunig

Gedichte zum Themenkreis ‚Mutter‘, ‚Alter‘, ‚Tod‘ gibt es zahlreiche; heute brauche ich meinen Dichterfreund Jens nicht mühsam und aufwendig zu bestechen. Auf meine Mutter werden wir ohnehin einen trinken; denn natürlich hat sie auch ihn gekannt.
Ich habe wohl im Einverständnis mit meiner Mutter drei besondere Beispiele ausgewählt.
Der erste Autor ist Kurt Tucholsky (1890-1935): Sein Gedicht im Berliner Dialekt Mutters Hände ist berühmt; meine Mutter hat es geliebt.
Mutters Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht…
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bonbons zujesteckt
und Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält…
alles mit deine Hände…

Heiß warn se und kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Der nächste Autor ist der Liedermacher Reinhard Mey, dessen Mutter freilich bereits vor Jahrzehnten verstorben ist:
Seine chansoneske Biografie „Ein Foto vor mir auf dem Tisch“ habe ich ein wenig gekürzt, ‚zurechtgestutzt‘. Die hörenswerte musikalische Version liegt auf zwei CD’s von 1986 vor („Alleingang“).

Das Foto vor mir auf dem Tisch

Ist längst vergilbt und altmodisch, In seinem Jugendstil-geschwung‘nen Rahmen.
Ein kleines Mädchen jener Zeit, In einem weißen Spitzenkleid,
So wie auf manch alten Bonbonreklamen…

Der II. Weltkrieg bricht herein … Und sie lernt Hunger und Entbehrung kennen.
Kriegsende, Elend, Inflation, / Das Ende mancher Illusion…
Und nun wird alles doppelt schwer, / Allein in diesem Trümmermeer,
Es geht nur noch darum zu überleben…
Aus ihren Kleidern macht sie mir / Mantel und Rock, und wenn ich frier‘,
Briketts aus den letzten Habseligkeiten.
Mit Liebe und aus nichts macht sie / Mir Spielzeug und mit Phantasie
Eine glückliche Zeit aus bitt‘ren Zeiten…
Und dann in meiner wilden Zeit: / Stur wie ein Bock, mit allen Streit:
Kein noch so guter Rat wird angenommen.
Nur ihrer, so ganz nebenher, / Sie lässt mir das Gefühl, als wär‘
Ich zu der Einsicht ganz allein gekommen.
Der erste eig‘ne Weg ist schwer, / Weiß nicht, wie oft ich noch heimkehr‘,
Mit vollem Herzen und mit leeren Taschen!
Wie oft hat sie mir dann verdeckt / Manche Markfünfzig zugesteckt,
Den Koffer gepackt und mein Zeug gewaschen!…

Das Leben währet 80 [ja sogar 90] Jahr / Sagt man, und wenn es köstlich war,
Dann ist‘s, wie ihres, Müh‘ und Last gewesen.
Die braunen Haare sind schlohweiß, / Und so schließt sich der Bilder Kreis,
Die sich für mich um ihr Kinderbild ranken.
Auch wenn‘s gar nichts zur Sache tut: Ich schwör‘s, besäß‘ ich einen Hut,
Dann zög‘ ich ihn jetzt vor ihr in Gedanken.

Das allerschönste Lied in diesem Zusammenhang stammt von der Gruppe PUR und veranschaulicht den unausweichlichen Generationenwechsel, den wir nunmehr Alten soeben gefasst-gelassen erleben:
„Der Mann am Fenster“.

1994 habe ich diesen besonderen, bewegenden und doch tiefgründig heiteren Song an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg als 37-jähriger Diplomand ebenso in einen soziologischen Vortrag integriert wie zwei Interviews mit noch aktiven Senioren. Der eine war der damals erst 74-jährige Prof. Dr. Gerd Frank, dem ich vor Jahren bereits einen Nachruf gewidmet habe

Prof. Dr. Gerhard Frank

– die andere war meine Mutter. Meine jungen Kommilitonen, aber auch unser Prof waren beeindruckt. Thema war ‚Altern als Chance‘.
Im Rückblick können wir beruhigt feststellen, meine Mutter hat ihre Chancen genutzt – ihr Leben lang. Auch der Kinderwunsch meiner Eltern 1955 war ausdrücklich eine gute Idee!
Danke und R I P Mutti!

(das ‚Lacrimosa‘ aus Mozarts Requiem)

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

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