Lebendige Erinnerung

16. Juni 2017

Dr. phil. Helmut Kohl

Dr. phil. Helmut Kohl – Triumph und Tragödie
*3. April 1930 in Ludwigshafen a.Rh. (Pfalz und Metropolregion Rhein-Neckar); † 16. Juni 2017 in ebenda, im Stadtbezirk Oggersheim
Helmut Kohl ist tot. Er war ein bedeutender deutscher und internationaler Politiker der CDU: von 1969 bis 1976 Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und von 1982 bis 1998 der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Diese sechzehn Jahre sind bis heute Rekord – noch vor Conrad Adenauer mit ‚nur‘ 14 und Angela Merkel mit bislang knapp 12 Jahren. Von 1973 bis 1998 war er Bundesvorsitzender, danach Ehrenvorsitzender seiner Partei.

Ein Leben und Wirken Shakespeareschen Ausmaßes!
Schauen wir uns zunächst zur Einstimmung auf YouTube einen der würdigen, knappen, doch wohltuend parteiübergreifenden Nachrufe an:

In allen lokalen und überregionalen Zeitungen, in allen Medien (mehreren Fernseh-, unzähligen Rundfunksendern), sogar im gestern erschienenen SPIEGEL (eine beachtliche Leistung, die freilich auf Intuition und Kontakte zu engen Angehörigen schließen lässt) sind bereits (am 17.06.) Nachrufe erschienen, die ich unmöglich alle rezipieren kann und schon gar nicht referieren möchte.
An dieser Stelle, an diesem „Ort für gemeinsames Gedenken, für stille Trauer und persönliche Anteilnahme“ (so die Homepage des ‚Portals‘) geht es auch um unsere persönliche Beziehung, Einstellung, Sichtweise zu bzw. auf die Verstorbenen.

Es waren eher Zufälle, dass ich vor Jahrzehnten zwei große Politiker des 20. Jahrhunderts aus der Nähe und ‚live‘ erleben durfte: 1989 auf dem Schlossplatz von Stuttgart Willi Brand, den ehemaligen Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger von 1971, Vorgängers von Helmut Schmidt

Helmut Schmidt

und Vor-Vorgänger Helmut Kohls – und im Jahr darauf eben ihn, damals seit acht Jahren (und die gleiche Zeitstrecke nochmals, insgesamt also wie bereits erwähnt unglaubliche 16 Jahre lang) der Bundeskanzler der BRD, die sich im selben Jahr mit dem anderen Deutschland, der DDR, vereinigen sollte.
Das vorwiegend CDU-freundliche Publikum war zahlreich vertreten; ich fühlte mich als damaliger SPD-Anhänger ein wenig einsam zwischen so vielen Kohl-Fans, kann mich aber immerhin noch an den letzten Satz der launigen, erfreulich kurzen und kurzweiligen Rede erinnern, ein Satz, der zugleich den Klischees von Helmut Kohl entspricht, die unsereins gedankenlos verinnerlicht hatte:
„Reden sollen kurz und Würste sollen lang sein!“
Würste gab es dann auch und womöglich Freibier auf Kosten der CDU – ganz im Sinne von uns SPD-Proletariern…

Im Rahmen der Bundestagswahl 1994 erlebte ich an gleicher Stelle (vor der ehrwürdigen Heidelberger Universität) einen vergleichsweise kleinen, schon damals und erst Recht als späterer Verteidigungsminister gescheiterten SPD-Politiker – bei einer Rede, in dessen Verlauf er plump über seinen politischen Gegner lästerte und gegenüber seinem großteils spontan empörten Publikum behauptete, Heidelberg habe keinen Grund, auf seinen einstigen Studenten Helmut Kohl (1951 – 56) stolz zu sein.
Auch ich, meinerseits zwei Jahrzehnte später (ab 1976) ein ehemaliger Student dieser ehrwürdigen Universitätsstadt, empfand diese unnötige Spitze gegen einen schon damals hochverdienten Staatsmann als anmaßend und als Disqualifikation des vielleicht auch einfach neidischen Redners, der nicht annähernd eine derartige Lebensleistung vorzuweisen hatte – und uns Älteren allenfalls als verliebt-läppischer, eitel-verantwortungsloser Wasserplanscher erinnerlich ist, während seine Soldaten in einen für sie lebensgefährlichen Krieg zogen.
Damals wusste ich, die SPD hat wieder keine Chance gegen den in sich ruhenden Buddha deutsch-europäischer CDU-Politik.
Denn selbstverständlich sind nicht nur die Heidelberger stolz auf bedeutende Persönlichkeiten unserer gewachsenen, gefestigten Demokratie, die sich um unser Land verdient gemacht haben – natürlich auch auf clevere Nichtakademiker wie z.B. Lothar Späth.

Lothar Späth

Seriös und zudem umfassend-ausführlich ist auch eine ZDF-History-Dokumentation über den berühmten Pfälzer Helmut Kohl von 2015, deren Titel bereits die Tendenz vorgibt, wie sie für viele von uns gilt und insbesondere für bedeutende Politiker (Conrad Adenauer, Helmut Schmidt – von Uwe Barschel oder Jürgen Möllemann

Jürgen W. Möllemann

ganz zu schweigen):

„Triumph und Tragödie“.

„De mortuis nihil nisi bene!“
Das altrömische Nachruf-Prinzip zielt keineswegs auf Unterschlagung oder auch nur Beschönigung der Schwachstellen und Schattenseiten eines Verstorbenen, sondern lediglich darauf, diese fair und in Relation zur eigenen Schuldhaftigkeit darzustellen.
Dies ist vielfach geschehen – doch manche überkritische Darstellung ging zu weit, berücksichtigte nicht, dass wir alle erst Recht in einem langen Leben wie diesem (87 Jahre!) Fehler machen, zum Irrtum verdammt, „Menschen in unserem Widerspruch“ sind.
Die bald 20 Jahre zurückliegende Parteispendenaffäre (an der sich Helmut Kohl keineswegs persönlich bereichert hat), ja selbst das wohl nur bedingt von ihm mitverschuldete Zerwürfnis mit seiner Familie (so sehr wir die Verbitterung der beiden jahrelang ausgesperrten Söhne nachvollziehen können, die den Tod ihres Vaters aus den Medien erfahren mussten und erst sodann das Elternhaus betreten durften) – sie haben hinter unseren Respekt vor dem ‚Kanzler der Einheit‘ und unsere Trauer zurückzutreten.
Vielleicht können wir, die Fans und die Gegner Dr. Helmut Kohls, uns als kleinsten gemeinsamen Nenner auf dieses Resümee des Chefredakteurs einigen:

„Die Bundesrepublik hat eine prägende Persönlichkeit verloren, die trotz mancher Widersprüchlichkeit großen Respekt verdient!“

Im Himmel sind Rollstühle entbehrlich und fällt auch das Sprechen nicht mehr schwer. Unser verdienter Jahrhundertkanzler wird dort einstigen Weggefährten (wie Conrad Adenauer und seinem Wanderfreund Franz-Josef Strauß), Freunden und Gegnern, seiner ersten längst nicht mehr lichtempfindlichen Ehefrau Hannelore wiederbegegnet sein, die ihm längst verziehen hat, dass er ihr einst (einer typischen Anekdote nach) den gesamten beiden zugleich geschenkten Kaviar weggegessen hatte.
Dieser Ort ewigen Friedens wird sich ohnehin eher für Versöhnungen und stilles Vergeben angeboten haben als für überschwängliche Feierstunden oder gar das Begleichen alter Rechnungen.
Auch diesmal werden seine Ansprachen kurz gewesen sein – und die Würste zum Freibier lang.
Vielleicht hat er ja auch nur (wie bei einem Festakt zum 30. Jahrestag seiner ersten Kanzlerwahl am 27. September 2012) gesagt:
„Es war eine fantastische Zeit“ – trotz alledem…

RIP Dr. Helmut Kohl!

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Er war ein ganz Großer. Ich verneige mich tief vor seinem Lebenswerk.

Eintrag by Manfred Hein am 7.November 2017


Gedanken und Erinnerungen an Dr. phil. Helmut Kohl hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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