Lebendige Erinnerung

11. Mai 2017

Joachim Kaiser

Joachim Kaiser (*18. Dezember 1928 in Ostpreußen; † 11. Mai 2017 in München) war seit 1959 leitender Redakteur bei der ‚Süddeutschen Zeitung‘ und von 1977 bis 1996 Professor für Musikgeschichte an der ‚Hochschule für Musik und Darstellende Künste‘ in Stuttgart.
Er zählte international zu den einflussreichsten und bedeutendsten Musik-, Literatur- und Theaterkritikern.
Seit jeher imponieren mir mehrdimensional Begabte und so bemühe ich mich von früh auf selbst, das Musizieren mit dem Schreiben in Einklang zu bringen, bis beide verschiedenen und doch miteinander harmonierenden Tätigkeiten sich gegenseitig befruchten.
(Na gut, darauf warte ich bis heute…)
Umgekehrt sind mir einseitig Talentierte suspekt: Wer lediglich über Musik schreiben und sie nicht auch selbst machen kann, den kann ich nicht recht ernst nehmen (ohne ihn gleich als ‚Fachidioten‘ zu diskreditieren).
Prof. Dr. phil. Joachim Kaiser, ausübender Musiker, Hochschullehrer, begnadeter Autor und einer der letzten großen Gelehrten Deutschlands, war unglaublich vielseitig und insofern durchaus ein freilich unerreichbares Vorbild.
Um seinen einzigartigen Status wusste er und an ihn erinnerte er auch gelegentlich. Legendär ist dieser Aphorismus von ihm:
„Es ist mir egal, wer unter mir Feuilletonchef ist…“
Eitel und selbstbewusst war er – und doch nicht arrogant. Ich habe ihn vielmehr als freundlich und liebenswürdig erlebt, als bis fast zuletzt (als Alter und Krankheit ihm zusehends zu schaffen machten) bereit, uns an seinem großen Wissen nicht nur über Musik, sondern (gelegentlich) auch über Literatur Anteil nehmen zu lassen.
Hierzu nutzte er die gesamte Medienlandschaft, arbeitete also früh schon multi- und symmedial:


(eine Folge der lehrreichen Serie „Kaisers Klassik-Kunde“)

Auf YouTube können wir uns noch weitere gelehrsame und zugleich vergnügliche Vorträge anhören (in denen er Leserfragen beantwortete); es gibt CDs, DVDs – und zahlreiche Bücher.
Absolut lesens- und empfehlenswert sind zum einen das sogar preiswerte Taschenbuch „Große Pianisten in unserer Zeit“ (München 1965/1996) und zum anderen die beiden Bände „Kaisers Klassik“, die aus einer Serie für eine Medienzeitschrift hervorgegangen und insofern auch für den musikalischen Laien verständlich geschrieben sind (München 1997 und 1999).
Der achtbare, ja einzigartige Lebenslauf von Joachim Kaiser ist mehrfach im Internet und in Sachbüchern nachzulesen; würdevolle Nachrufe gibt es mehrere und aus dreien möchte ich zitieren:
„Bildungsbürger ist für mich kein Schimpfwort“, sagte er 2008 in einem Interview für die ‚Süddeutsche Zeitung‘.
„… Im Rundfunk, im Fernsehen, vor allem aber in seinen Texten in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ verkündete Kaiser über viele Jahrzehnte klar formulierte und penibel durchdachte Urteile über die Dirigenten, Sänger, Schriftsteller und Theaterkünstler, die er liebte – und wurde dafür von seinen Lesern und Zuhörern verehrt, wie es Journalisten nur selten widerfährt…“ (DER SPIEGEL vom 13.05.17)
Mit ihm sei „das Papsttum in der Kritik unwiederbringlich zu Ende gegangen“, schreibt wehmütig die ‚Welt‘ und spielt zugleich auf den Tod erstens von ‚Literaturpapst‘ Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki

und zweitens von dessen kongenialem Kollegen Prof. Helmut Karasek an.

Hellmuth Karasek

Sehenswert ist auch dieser Nachruf:


Klar: Solange wir Kaisers Bücher noch lesen, seine Vorträge noch hören und seine Filme noch sehen, begreifen wir (in Anlehnung an eine bekannte indianische Spruchweisheit), dass er nicht wirklich tot ist.
Darüber hinaus dürfen wir spekulieren, träumen und auch im Hinblick auf unsere irdische Endlichkeit hoffen:
Der große Wissenschaftler und Autor Joachim Kaiser, der die Musikwerke eher würdigte als sie wie sein großer Kollege zu ‚zerreißen‘ (wie auf dem berühmten SPIEGEL-Titel von 1995 anlässlich eines ‚zerrissenen‘ Romans von Günter Grass versinnbildlicht), mag eben Reich-Ranicki als allerersten im Himmel getroffen haben, wo es ähnliche, wenn auch entmaterialisierte Räume gibt wie in unserer bescheidenen und unvollkommenen Ding-Welt – also z.B. eine große Bibliothek, in der auch die umfangreichen Werke dieser drei stehen, die unsereins in unserem begrenzten Leben gar nicht mehr alle bewältigen können.
Sie dürften sich herzlich begrüßt haben; im Himmel sollte es eigentlich keine Konkurrenz mehr geben, keinen Neid und keine Eifersucht. (Na, warten wir’s ab.)
Vielleicht sind die beiden dort (oder auch in einem ‚Wiesengrund‘) ihrem Kollegen Altmeister Theodor Wiesengrund Adorno begegnet und einigen von ihnen teils geschätzten, teils zerrissenen Dichtern.
Lässt sich da kein himmlisches Szenario erfinden?
Nun hat sich mein Dichterfreund Jens Ladenburger nach dieser traurigen Nachricht vom Tod des multikulturellen ‚Musik-Kaisers‘ erstmal volllaufen lassen und hängt derzeit noch wie ein angeschlagener Boxer hilflos in den Seilen. Vorerst ist mit ihm nicht zu rechnen.
So habe ich selbst versuchen müssen, ein lyrisches Requiem zu verfassen, das jedenfalls von Herzen kommt und das Ihrige trotz seiner Dürftigkeit erreichen möge.
Prof. Kaiser, Wissenschaftler und Kritiker, aber auch Menschenfreund, hätte wohl nachsichtig gelächelt.

Drei große Kritiker auf ihrer Wolke Fred Maurer, im Mai 2017
Auf Theodor Wiesengrund A., Marcel R.-R., Joachim K.

Nun ist der letzte von den dreien von uns gegangen,
Jahrzehnte nach dem alten Philosoph vom Wiesengrunde;
Zwei Ästheten ergänzen nun die jenseitige Runde:
Der Himmel der Kunst scheint noch wie verhangen.

Bei aller Freundschaft waren einst sie doch Rivalen
Und gerieten nach der Begrüßung bald in Streit:
Wer von ihnen war der Größte zu ihrer Lebenszeit?
Wessen Stern sollte noch heute am hellsten strahlen?

Es könne niemals ein richtiges Leben,
Erhebt sich der Erstverstorbene besonders wichtig,
Unterdrückt im falschen Leben geben.
Der Neuankömmling besänftigt, das sei sicher richtig;

Doch wichtiger sei: Alles Misslingen habe zwar seine Gründe,
Man das Geheimnis des Gelingens jedoch nie ergründe.
Der Chefkritiker betont: Aufrichtigkeit sei dem Kritiker die allererste Pflicht…
Zufällig kommt Petrus vorbei: Streitet euch doch nicht!

So rasch sind alle eure Schriften keineswegs vergessen.
Erinnern wird man sich an eure klugen Sprüche,
Vielleicht auch sogar an eure schlimmsten Flüche.
Drum seid auf euren Nachruhm nicht allzu sehr versessen!

Die drei seh‘n sich lange an, ertappt und erstaunt,
Bis der Klügste dieser Runde leise, fast unhörbar raunt:
Ob eitler Kaiser, Bücherpapst, ob unbequemer Denker –
Wir waren alle keine Weltenlenker.

Die Menschheit wird unser dennoch lange noch gedenken,
Wir können uns unsre eitle Hybris also schenken.
Drum bitt‘ ich euch, macht bescheiden einfach beide mit:
Wir gründen einen Freundeskreis zu dritt!

Nun sitzen sie fröhlich auf ihrer Wolkenbank
Bei Wein, Tabak und ohne Nöte:
Manchmal kommen Bach vorbei, Kant und Goethe.
So denken wir ihrer in Trauer und stummem Dank,

Erheben randvoll das Glas aus Dankbarkeit;
Sie werden von uns Lesern respektvoll weiterhin verehrt,
Wie es Kulturträgern nur selten widerfährt.
Wir denken ihrer drei für alle Zeit!

 

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Gedanken und Erinnerungen an Joachim Kaiser hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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