Lebendige Erinnerung

14. Februar 2017

Kurt Marti

Kurt Marti, geboren am 31. Januar 1921 in Bern, verstorben dortselbst am 11. Februar 2017 in der „Altersresidenz“ Elfenau, war einer der bedeutendsten theologisch orientierten deutschsprachigen Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Bekannt ist sein auch vom Tübinger Theologen und Germanisten Karl-Josef Kuschel zitiertes Diktum „Vielleicht hält sich Gott einige Dichter“.

Mit Kurt Marti, 1950 bis 1960 Pfarrer in Niederlenz, danach an der Nydeggkirche in Bern, verliert die protestantische und allgemein die christliche Schweiz einen späten sprachmächtigen Reformator. Dies im Gedenkjahr der Reformation. Kurt Marti war auch der letzte überlebende bedeutende Schweizer Dichter aus der Generation von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, dessen Jahrgänger er war. Mit letzterem besuchte er das Freie Gymnasium Bern, das vor ihm auch Weltchronist J.R. von Salis absolviert hatte, der erste Träger des Aargauer Literaturpreises. Als einer der bedeutendsten Lyriker des Landes war Marti gerade ein Jahr älter als die Aargauerin Erika Burkart (1922 – 2010), mit der er die aphoristische Tiefe und ein postmodernes Naturverständnis gemeinsam hatte. Von enormer Bedeutung bleibt Marti überdies als Erneuerer der Schweizer Mundartlyrik. Über das Schmucke der Muttersprache hinaus versuchte er den poetischen Gehalt der „Umgangssprooch“ zu erwecken. In dieser Hinsicht wurde er ein Pionier der Gegenwartsdichtung bis hin zu Mani Matter, Ernst Eggimann und Pedro Lenz.

Die eigentliche Bedeutung Martis liegt in der sprachgewaltigen Verbindung moderner Zeitkritik mit theologischem Hintergrund, ein Gesichtspunkt, den er mit Friedrich Dürrenmatt gemeinsam hat. Als wohl auch einflussreichster überlebender Schweizer Schüler des grossen protestantischen Theologen Karl Barth (1886 – 1968) pflegte er ein politisch erschüttertes Christentum, ohne in den fundamentalistischen Irrtum einer „christlichen Politik“ abzugleiten. Das Evangelium kann nicht in eine politische Meinung verkürzt werden, sondern muss als Aufruf an das Gewissen zu mehr Mut verstanden werden. So äusserte sich Kurt Marti 1987 in der Alten Kirche Boswil in einem Gespräch mit Max Frisch, der damals nicht zu mehr Mut, sondern zu „mehr Wut“ aufrief.

Jenseits politischer Umstrittenheit wurde der im Berner Obstbergquartier lebende Marti u.a. mit seinem „Tagebuch mit Bäumen“ auch ein Erneuerer der Naturphilosophie. Er scheute sich nicht, im Zusammenhang mit dem Kult heiliger Bäume und entsprechender Marienheiligtümer von „Weibheiligkeit“ zu sprechen, ganz im Gegensatz zur liberalen und sog. Aufgeklärten Theologie des 19. Jahrhunderts. Als Sprachkritiker war Marti insofern ein neuer Luther, wenngleich ohne dessen gewaltigen Einfluss. Als moderner Theologe räumte Marti mit Phrasen in Predigten und bei Abdankungen auf, was sich in seinem Gedichtband „Leichenreden“ manifestiert.

Bekannt wurde Marti um 1968, als er sich vergleichsweise stark mit der damaligen Studentenbewegung identifizierte. Öffentlich erklärte er den Aargauer Jungjuristen Thomas Wartmann (1945 – 2013), später verheiratet mit der Zürcher Regierungsrätin Regine Aeppli, zu einem Hoffnungsträger seiner Generation. Mit dem religionskritischen Philosophen Robert Mächler führte er einen bedeutenden Briefwechsel („Der Mensch ist nicht für das Christentum da“), bei dem der kritische Theologe Marti nichtsdestotrotz die Rolle des Verteidigers des christlichen Glaubens zu übernehmen hatte. Wie weit Marti im herkömmlichen Sinn als gläubig einzuschätzen ist, blieb offen. Im Sinn von Karl Barth war er ethisch orientierter Jesuaner, wohl jenseits der Dogmatik der Dreifaltigkeit. Insofern Marti, nach Jeremias Gotthelf, Paul Haller und Josef Vital Kopp, der wohl letzte bedeutende Geistliche unter den hochbegabten Autoren der Schweizer Literatur war, ist mit ihm vielleicht der letzte Reformator der Schweiz verstorben. Dass und wie Theologie grosse Literatur wird, darüber hinaus ein Appell an die Gesellschaft und ein Beitrag zur Erneuerung der Dichtung, hat Kurt Marti als einer der bedeutendsten Schweizer des Jahrhunderts mit seinem Leben und Schaffen bezeugt. Der Verfasser dieses Nachrufs, mit Marti via Robert Mächler und den Berner Nonkonformisten Franz Keller auch persönlich verbunden, möchte hier bekennen: Es reicht nicht aus, Marti auf einen „linken“ Theologen und Autor zu reduzieren. Dazu war sein Horizont, man denke da durchaus an seinen Klassenkameraden Dürrenmatt, schlicht zu weit. Als Gesprächs- und Briefpartner kannte Marti im besten Sinne keine Scheuklappen. Seine Gattin Hanni Marti-Morgenthaler, die sich auch für Volksreligiosität interessierte, ist ihm 2007 im Tode vorausgegangen.

In seinem bedeutendsten Roman „Im Trubschachen“ (1973) hat der in Pratteln (Baselland) geborene Berner Autor E. Y. Meyer Kurt Marti als auch Friedrich Dürrenmatt eine bemerkenswerte Reverenz erwiesen.

(Von Portal-Mitarbeiter Pirmin Meier ist (zusammen mit Josef Lang) soeben das Buch „Kulturkampf 1841 – 2016“ beim Verlag hier+jetzt, Baden/Schweiz, erschienen. Eine grosse Rolle spielt dabei die im Nachruf auf Kurt Marti ebenfalls erwähnte liberale Theologie.)

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

Einträge:

Kurt Marti war bereits in den 70er Jahren auch im bundesdeutschen Literaturunterricht eine feste Größe – einer einzigen vielschichtigen und großartigen Kurzgeschichte in der Nähe einer satirischen Parabel wegen, die allerdings vielfach missverstanden und folglich fehlinterpretiert wurde: „Neapel sehen“.

Text:
http://www.deutschunddeutlich.de/contentLD/GD/GT83mNeapel.pdf

Interpretation:
https://de.wikipedia.org/wiki/Neapel_sehen

Im Rahmen unserer Leistungsgesellschaft und in der Folge des ‚Wirtschaftswunders‘ haben wir Schüler in den 70er Jahren gelernt bzw. haben die Lehrkräfte (auch jahrelang ich selbst) gelehrt, dass ‚Arbeit‘ der zentrale Wert unseres Lebens darstellt, ohne die es nicht vollwertig, würdig ist.
Schließlich stirbt der Arbeiter erst, nachdem ihm der Blick auf seine ihm verhasste Fabrik wieder möglich ist.
Vor dem Hintergrund der „theologischen Orientierung“ Martis sollten wir unser Textverständnis neu justieren: Der Mensch, davon ist der große Schweizer Dichter und Pfarrer überzeugt, braucht über einen ihn erfüllenden Beruf hinaus (selbständiges Arbeiten ohne Marxsche Entfremdung, Kollegialität statt Rivalität, angemessene Bezahlung ohne ständigen krankmachenden Leistungsdruck) weitere Werte und Lebensinhalte: eine glückliche eheliche bzw. partnerschaftliche Beziehung (Liebe statt „Hass“), beständige Freundschaften auf Augenhöhe, Zeit für menschliche Begegnungen statt sich ständig neu beweisen, vermeintlich wirksam profilieren zu müssen…
Kurt Marti ist in seinem fast biblisch langen Leben diesen Zielen und Prämissen gerecht geworden, gibt uns über seinen Tod hinaus Orientierung für unser womöglich auch von fragwürdigen Werten fehlgeleiteten Leben: Wir danken Kurt Marti für seine kluge anthroposophische Weltsicht und sein beachtliches Lebenswerk über die Literatur hinaus!

Eintrag by Fred Maurer am 15.Februar 2017


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