Lebendige Erinnerung

11. November 2016

Ilse Aichinger

Ilse Aichinger (* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda) war eine österreichische Schriftstellerin und bedeutende Repräsentantin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.
Sie erreichte das ‚biblische‘ Alter von 95 Jahren; ihre Familie, ihre Freunde und wir trauern um eine bedeutende Persönlichkeit und ahnen die Lücke, die sie menschlich wie literarisch hinterlässt.

Als Halbjüdin emigrierte ihrer Mutter zuliebe nicht und rettete ihr so das Leben, während die Großeltern mütterlicherseits von den Nazis ermordet wurden; ein Studium wurde ihr verweigert.
So begann sie zu schreiben.
1953 heiratete sie den bedeutenden Schriftstellerkollegen Günter Eich (* 1907, † 1972), dessen Hörspiel „Die gekaufte Prüfung“ um Bestechung und ihre Spätfolgen sowie das prosaische Gedicht „Inventur“ um die armselige Habe eines Weltkriegssoldaten allein schon Anlass für einen separaten Nachruf wären.
1972 starb ihr Mann; 1998 verunglückte ihr gemeinsamer Sohn tödlich – Schicksalsschläge, die ihr Schreiben zeitweise stocken, aber nie gänzlich versiegen ließen.
Das Feature von Matthias Kußmann „Eine Liebe – Ilse Aichinger und Günter Eich“ von 2007 (SWR 2) können / sollten wir uns auf YouTube anhören bzw. (anhand von Fotos) ansehen:

Ilse Aichinger wird vor allem zweier Kurzgeschichten wegen unsterblich bleiben, die vor nun bald sieben Jahrzehnten entstanden sind und sich seither im Kanon der Deutschunterrichts gehalten haben, heute noch gelesen werden:
erstens „Die geöffnete Order“, eine Anti-Kriegsgeschichte mit überraschender Schlusspointe, über die wir (in der Sekundärliteratur) erfahren:
„Keine deutschsprachige Erzählung einer Frau aus der Generation Ilse Aichingers ist an
der Front situiert. Nicht an der – Frauen traditionell zugeteilten … ‚Heimatfront‘, sondern an der militärischen. Überdies wird in… Die geöffnete Order aus der Soldatenperspektive erzählt…“ – was der Autorin glaubwürdig gelang;
zweitens (noch bekannter) „Das Fenster-Theater“ von bereits 1949 um Einsamkeit und gestörte Kommunikation, noch immer in aktuellen Deutschbüchern und Kurzgeschichtenanthologien.
Diesen Text haben wir 1980 bei dem unvergessenen Herrn Prof. Riethmüller im Seminar für Realschul-Referendare an der ‚Pädagogischen Hochschule‘ Heidelberg behandelt.

Prof. Walter Riethmüller

Ilse Aichingers Tod ist ein wenn auch trauriger Anlass, diese Texte noch einmal intensiv und mit Gewinn zu lesen.
Und solange wir dies tun, ist Ilse Aichinger noch mitten unter uns.

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

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