Lebendige Erinnerung

13. Oktober 2016

Dario Fo

Dario Fo, Komiker, Nobelpreistäger für Literatur 1997. *24. März 1926, verstorben am 13. Okt. 2016 in Mailand

Ironie der Geschichte: Am Vorabend der Bekanntgabe des Nobelpreises für Dario Fo im Oktober 1997 stellte die schwedische Zeitung Dagens Nyheter die Frage, ob man nicht einmal einem Pop-Poeten wie Bob Dylan den Nobelpreis verleihen könne. Am 13. Oktober 2016 wurde der Nobelpreis für Bob Dylan bekanntgegeben. Es war zugleich der Todestag von Dario Fo, dessen Erwählung als Schauspieler und „Hanswurst“ 19 Jahre zuvor höchst umstritten gewesen war, sogar dem Betroffenen fast peinlich. „Ich bin bestürzt!“, soll er ausgerufen haben, was natürlich als Äusserung eines Humoristen zu nehmen ist. Weniger humoristisch nahm es Italiens Jahrhundertautor Umberto Eco (1932 – 2016), der dem weniger auf Unsterblichkeit ausgerichteten Dario Fo um 8 Monate im Tode vorausgegangen ist. Eco nannte die Auszeichnung an den Nicht-Kollegen Fo schlicht „eine Ohrfeige für die akademische Kultur“, womit er direkt und indirekt natürlich die eigene Nichtberücksichtigung ansprach. Schon damals war Philip Roth einer der meistgenannten Anwärter, der nun abermals übergangen wurde, diesmal zugunsten seines Landsmannes Bob Dylan.

Dario Fo widmete den Nobelpreis seiner Gattin Franca Rame (1929 – 2013), die zu den faszinierendsten Schauspielerinnen Italiens gehörte und mit der er in unzähligen satirischen und dramatischen Duetten auftrat, sozusagen eine literarische Variante von „Ginger & Fred“, ein Motiv notabene, das von Frederico Fellini zu einem grossartigen, auch literarisch anspruchsvollen Film gestaltet worden ist. Wenn je einer – nebst Ingmar Bergman – für Filmdrehbücher den Literaturnobelpreis verdient hätte, so wäre es wohl Fellini gewesen. Mit Dario Fo wurde nun aber 1997 bewusst ein Schauspieler und Komiker ausgezeichnet, so wie im 17. Jahrhundert in Paris Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière (1622 – 1679) , ein Schauspieler und Autor gewesen war. Im Vergleich zu Dario Fo jedoch jederzeit in der Lage, Stücke zu schreiben, die unabhängig von seiner Darstellungskunst als Mime über Jahrhunderte weiterbestehen konnten. Letzteren Anspruch werden die Werke von Dario Fo wohl kaum erheben können, wiewohl sie durchaus international inszeniert wurden. Dario Fos höchst politischer und blasphemischer Humor war auf die italienischen Verhältnisse seiner Zeit ausgerichtet, was letztlich zu den Erfolgsgeheimnissen des Kabaretts gehört. Auch mit Comedia dell‘ arte hat Fos Theaterkunst, wie er selber eingestand, nur wenig zu tun. Eher schon mit der mittelalterlichen italienischen Tradition der „Giullare“ oder „Joculatores“, wie er es in seinem kirchenkritischen Stück „Mistero Buffo“ verwendete. Nach den Begründungen des Nobelpreiskomitees war Fo eine Art „mittelalterlicher Gaukler, der die Macht geisselt und die Würde der Schwachen und gedemütigten wieder aufrichtet.“ Seine Sprache war gelegentlich ein Mischmasch aus selbstentworfenen archaisierenden Dialekten, womit das aus unzähligen Dialekten kombinierte Kauderwelsch mittelalterlicher herumziehender Gaukler imitiert werden soll. Zur Anwendung kommt dieses Sprachprinzip in einem antikirchlichen Stück „Mistero Buffo“. Dazu das Nobelpreiskomitee von 1997: Fo sei der „mittelalterliche Gaukler, der die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder aufrichtet“. Allerdings ändert Fo seine „mittelalterlichen“ Stücke so lange, bis sie in sein politisches Weltbild passen.

Die Sprache ist ein Mischmasch aus selbstentworfenen archaisierenden Dialekten, die das sprachgeographische Kauderwelsch mittelalterlicher herumziehender Gaukler imitieren soll. Angefangen hatte Fos theatralische Karriere im Piccolo Teatro di Milano. Eigentlich wollte er den Sprung zum Film machen, was ihm zur Hauptsache aber nicht gelungen ist. Im Prinzip lebte er von seiner Umstrittenheit, was für die geistige Freiheit in Italien von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart spricht. Zwischen 1963 und 1979 hatte er indes Fernseh-Verbot, zu einer Zeit, da so etwas noch praktikabel war. Umso bekannter wurde er dann ab den Achtzigerjahren. Dass er sich in linksextremer Art und Weise dann auch noch über die Entführung von Aldo Moro lustig machte und sich mit Baader und Meinhof von der RAF solidarisierte, von deren Ermordung er überzeugt war, zeigt indes, dass er in Stockholm wie nicht wenige andere Preisträger vor und nach ihm vom Kommunistenbonus profitieren konnte. Es war aber wohl auch ein Stück Wiedergutmachung dafür, dass Dario Fo noch 1980 in den USA ein Einreiseverbot hatte, welches dann jedoch Ronald Reagan, der Fo als Schauspielerkollegen die Ehre erweisen wollte, aufgehoben hat.

Was die Sprache betrifft, hat Dario Fo eine Art Micky-Mausisierung ins Italienische eingeführt, was dann in deutschen Übersetzungen so tönt: „Platsch, flutsch, boing!“ „Zäsch!… Zack! Zack!… Tack, zisch, boing, iiiing!…“ (Hohn der Angst, 1981) „Usch, usch… Krack… Patsch!… Tschum tschum tschum… Klatsch, Platsch, Flutsch… Plotsch, Plotsch, Plotsch… Blimm, blumm, blomm…“ (Geschichte einer Tigerin, 1980) oder „Flutsch, Fladutsch!… Flutsch!… Flopp!… Schrumm, schrumm… Ratatatat!“ (Obszöne Fabeln, 1982). Auch so etwas musste mal mit einem Nobelpreis ausgezeichnet sein. Was seine Theatertheorie betrifft, so wurde er vom Nobelpreiskomitee wohl zu Unrecht in die Nähe von Maiakowski und Brecht gerückt, von welch letzterem er sich ausdrücklich distanzierte, weil er lieber mit herkömmlichen Gags arbeitete, verbunden mit Wortwitz, als mit sogenannten Verfremdungseffekten. Ursprünglich war aber seine ästhetische Theorie, so weit von einer solchen die Rede sein kann, noch stark mit dem Kommunismus verbunden. „Der politische Kampf muß sein Äquivalent auf kultureller Ebene finden, der Intellektuelle muss… sich konkret in die Praxis einfügen, … in der er auch als Intellektueller seine besondere Stellung im Klassenkampf findet.“ Also frei nach Antonio Gramsci: Sein Theater soll die kulturelle Hegemonie der bürgerlichen Kultur überwinden und an ihre Stelle eine neue proletarische Kultur setzen. Trotzdem blieb Dario Fo ein selbständiger Kulturunternehmer, wodurch er sich von den hochsubventionierten Theatern der schweizerischen und deutschen Gegenwart deutlich absetzte.

Lesenswert ist das Porträt von Dario Fo, das in der Oktober-Nummer 2016 der weitgespannten intellektuellen Zeitschrift „Schweizer Monat“ erschienen ist. Präsentiert wird ein wunderbar menschlicher Künstler, bei dem sich der einstige blasphemische Zorn zu einem gemilderten Altershumor gewandelt hat. Zu den bleibenden Errungenschaften seiner Existenz gehörte, was bei einem Humoristen und Satiriker nicht selbstverständlich ist, wohl auch nicht bei einem katholischen Atheisten, die Liebesfähigkeit. Ob er seine vorverstorbene grossartige Franca im Jenseits wiedersehen wird, steht in den Sternen und war letztlich nicht der Sinn seines Lebens. Dario Fo, der Hanswurst unter den Nobelpreisträgern, war ein Mann, der in den wichtigsten Phasen seines Lebens es verstanden hat, den Augenblick zu ergreifen.

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

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