Lebendige Erinnerung

16. September 2016

Edward Franklin Albee

Edward Franklin Albee, geboren am 12. März 1928 in Amerikas Haupstadt Washington, verstorben am 16. September 2016 in Montauk auf Long Island, bekannt geworden durch eine Beziehungsprosa von Max Frisch, war ein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Dramatiker eines einzigen grossen Stückes. Es wird seinen bleibenden Rang in der Weltliteratur mutmasslich behalten: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Wie kein zweiter Schriftsteller der Moderne, auch nicht Ibsen, Strindberg, Fitzgerald und der in „Montauk“ erstaunlich schwache Max Frisch (galt nicht für Homo faber), zeigt Albee die Konflikt-Dynamik zwischen Mann und Frau auf unter Bedingungen einer emanzipierten Gesellschaft. Als Pointe wird deutlich, dass man auch in der emanzipierten Gesellschaft, allenfalls speziell in derselben, sogar als Akademiker-Ehepaar in ganz archaische urtümliche primitive und unaufgeklärte Verhaltensweisen zurückfallen kann. Dabei fällt auf, dass die Frau, wenn es um das Elementare geht, keineswegs als das „schwache Geschlecht“ dasteht. Im Kampf aller gegen alle weiss sie sich zu helfen, während der Mann, im Gegensatz zur Tragödie, nicht als Leiche auf der Bühne zurückbleibt, eher schon als lächerlicher Trottel. Das Stück, das mit Recht weltberühmt wurde, gilt als ein Meisterwerk des dramatischen Stils im Sinn der Theorie von Emil Staiger, dem bedeutenden Lehrer von Peter von Matt und anderen führenden Literaten der Gegenwart. Dabei ist der im Titel genannte Name der bekannten Schriftstellerin Virginia Woolf (1882 – 1941) nur ein verbales Versatzstück. Eigentlich geht es um die elementare Angst vor dem „bösen Wolf“, dem Werwolf, dem Wolf im Menschen, den ausser den Brüdern Grimm der Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588 – 1679) beschrieben hat mit seiner These: Homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Laut „Wikipedia“ gehört Hobbes nicht zur Aufklärung, weil er – wie später Kleist und Dürrenmatt – nicht an die Humanität glaubte. Er war wohl auch über die Aufklärung aufgeklärt.

Die Ausgangssituation des Dramas, das auch alle Elemente eines analytischen Enthüllungsdramas in sich enthält wie „König Ödipus“ von Sophokles und „Hamlet“ von Shakespeare, ist eine von der Situation herkömmliche, sich eher zufällig ergebene Party zweier Ehepaare, von denen das eine das andere zu sich nach Hause eingeladen hat und wobei Alkohol eine das Gespräch beflügelnde Rolle spielt. Gerade darauf kommt es an. Schritt für Schritt werden die Personen demontiert. Einerseits besorgen sie es selber, andererseits tun sie alles, den andern zu entlarven und zu demütigen. Was hilft aber ein Ehekrach, wenn man nur unter sich bleibt? Für den Genuss der Demütigung braucht es aussenstehende Zeugen, an die man sogar noch zugunsten der eigenen Sicht appellieren kann. Auch die Vaterschaft beziehungsweise die Mutterschaft wird als Bestandteil des eigenen Versagens mit ins Spiel gebracht. Zur Dramatik gehört die Steigerung. Im Sinn von Kleist und Dürrenmatt muss sie so weit gehen, bis die grösste mögliche Fallhöhe und der schlimmste Absturz erreicht wird. In der herkömmlichen Tragödie mit Toten. In einem modernen Stück ist man und ist frau zum Weiterleben verurteilt. Stärker und exemplarischer wurde diese Situation nie dargestellt. Kein Wunder, wurd das Stück ein Welterfolg. Auch in der Filmfassung mit Liz Taylor und Richard Burton in zwei der Hauptrollen. Die Weltstars, zweimal miteinander verheiratet und dem Alkohol ausreichend zugetan, mussten sozusagen nur sich selber spielen.

Edward Albee hat weitere Werke verfasst, die eher zur amerikanischen Literatur gehören als zur Weltliteratur. Einfluss erlangte er auf den süddeutschen Erfolgsautor Martin Walser, dessen Roman „Ein fliehendes Pferd“ etwas an Albee erinnert. In der Regel schreibt aber Walser deutlich langweiliger. Seine Tochter Alissa Walser betätigte sich als Übersetzerin von Edward Albee. Kennzeichnend ist, dass dieser Meister der Darstellung eines elementaren menschlichen Beziehungskonfliktes homosexuell war, was ihm sozusagen den Status des neutralen Beobachters ermöglichte. Albees Lebenspartner Jonathan Thomas starb 2005 nicht an Aids, sondern an Blasenkrebs. Albee selber entdeckte seine Homosexualität schon als Zwölfjähriger, im Jahre 1940, als dies in den USA noch ganz fatal war. Er verarbeitete es in seinem frühen Text „Aliqueen“, der jedoch einen Vergleich mit André Gides Meistererzählung „Die Ringeltaube“ nicht aushält. Zum Schicksal vieler auch sehr bedeutender Schriftsteller und Schriftstellerinnen scheint es zu gehören, dass das unvergleichliche Meisterwerk nur einmal gelingt.

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

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