Lebendige Erinnerung

7. September 2016

Prof. Dr. Brigitte Höft

Prof. Dr. Brigitte Höft (* 9. November 1934 in Pforzheim, † 7. September 2016 in Heidelberg) war über mehrere Jahrzehnte eine der bedeutenden Dozentinnen für Literatur und deutsche Sprache an der ‚Pädagogischen Hochschule‘ Heidelberg (die sich heute ein wenig hochtrabend anglisierend ‚University of Education‘ nennt).

So werden wir sie in Erinnerung behalten: Frau Prof. Dr. Brigitte Höft…

„Sie war eine äußerst tapfere Frau!“
(ihr befreundeter Kollege Prof. Dr. habil. Ekkehard Blattmann bei der Trauerfeier im September 2016)

„Media vita in morte sumus“: ‚Mitten im Leben sind wir im Tod‘.
Dieser berühmte Aphorismus aus einem gregorianischen Choral (aber wahrscheinlich schon um das Jahr 750 in Frankreich entstanden) wurde mir soeben angesichts des Todes einer meiner großen DozentInnen wieder einmal schmerzlich bewusst.

Erinnerungen aus drei Jahrzehnten.
1976 war für mich damals 20jährigen zum einen das Jahr der Ernüchterung (angesichts der unaufhaltsamen Auflösung meiner ersten großen Liebe bis hin zum traurigen Ende im Folgejahr – die damals 19jährige heiratete Jahre später einen Studienrat, immerhin); zugleich war es das Jahr der Befreiung von den ihrerseits auf Dauer psychisch bedrängenden, wenn nicht zerstörerischen Zwängen der Bundeswehr … hin zu dem subjektiv freien, herrlichen Leben als Student der Fächer Musik, Deutsch und Pädagogik an der ‚Pädagogischen Hochschule‘ Heidelberg.
Die dortigen Dozenten und Dozentinnen unterschieden sich (und zwar vom sangesbegeisterten Gesangslehrer bis zu den hochgebildeten und promovierten ProfessorInnen) fundamental von den vorigen Vorgesetzten, den Unteroffizieren mit ihrem Kasernenhofton und ihren apodiktischen Anweisungen, die nie in Frage gestellt werden durften.
1976 war die Studentenrevolution an uns vorübergegangen und bereits weitgehend abgeebbt. Studierende und Lehrende konnten rasch ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das ihnen jeweils Handlungssicherheit garantierte und Freude an der gemeinsamen Arbeit ermöglichte.
Natürlich gab es wie immer und überall dennoch Unterschiede: Die einen Dozenten und deren Unterrichtsthemen lagen uns (individuell, nicht generell), die anderen weniger.
Ich empfand meine Jahre an ‚meiner‘ PH nahezu als studium generale, so vielseitig und umfassend war es allein schon durch die beiden Schul- und nunmehr Studienfächer:

Von Johann S. Bach

bis zu den Beatles

wissenschaftlich, aber auch fachpraktisch in der Musik;

vom Minnesang des Mittelalters (Walther von der Vogelweides „Unter den Linden“)

bis zu moderner Liebeslyrik, z.B.
Erich Frieds: „Was es ist“

https://www.deutschelyrik.de/index.php/was-es-ist.html

Immerhin habe ich zu einigen wenigen meiner damaligen DozentInnen noch Kontakt. Die meisten jedoch sind längst verstorben; wenn ich immer wieder von diesen unvermeidlichen Schlusspunkten erfahre, zieht sich mir das Herz zusammen, verharre ich in unauslöschlichen Erinnerungen, in denen die Verstorbenen lebendig bleiben.

Eine Sonderstellung nahm von Beginn an Frau Prof. Dr. Höft ein: ihres Charme und ihrer menschlichen Wärme wegen, ebenso aufgrund Ihrer wissenschaftlichen und Lehrkompetenz.
Der ihr über drei Jahrzehnte freundschaftlich verbundene Germanist und Kollege Prof. Dr. habil. Blattmann erzählt in seinem lesenswerten Nachruf

https://www.ph-heidelberg.de/fileadmin/ms-presse-oeffentlichkeit/presse/Bilder/news_on_2016b/2016_11_nachruf_hoeft_langfassung.pdf

in seiner unerreichten feinen Ironie einige anschauliche und bezeichnende Anekdoten.
„Es war in jenen 68er Zeiten nicht ungewöhnlich, ja fast Usus, dass während der Vorlesung die Tür aufgerissen wurde und die Revoluzzer hereinströmten, mal mit der Gitarre, mal mit blankem Geschrei, mal schüttelte man die siegreichen Fäuste.
Und so geschah es auch in einer Vorlesung bei Frau Höft. Man strömte herein, besetzte das Pult, verlangte eine sofortige Diskussion über die kommunistischen Segnungen. Frau Höft setzte sich, hörte sich die Forderungen an und schlug dann freundlich vor: ‚Einverstanden. Wir diskutieren also zuerst über Das Kapital von Karl Marx, und zwar daraus über das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und die Verwandlung des Surplus in die Grundrente.‘ Rasch kehrte Ruhe ein, die Revolution zog ab. Diese kleine Anekdote besagt: Sie war eine äußerst tapfere Frau…“ und schlagfertig dazu, gewaltlos, ja sanft, aber in dieser Gewaltlosigkeit und Sanftheit gewaltig.

Kämpferisch war sie sicher auch in den (in meinen) ruhigeren Jahren danach, wenn sie sich z.B. nach einer durchwachsenen Prüfung für einen Studierenden und gegen dessen Scheitern einsetzte.
Eine zweite Anekdote korrespondiert mit meiner letzten, eher zufälligen Begegnung mit Frau Prof. Dr. Höft fast zwei Jahrzehnte später, 1994 – im Heidelberger Hallenbad direkt am Bismarckplatz.
Ich war damals wieder dank eines Stipendiums der damaligen noch lebenden Prorektorin Student an unserer Heidelberger PH, als nebenberuflicher Diplomand, allerdings mit dem Schulfach Musik (und doch lernte ich bei weiteren ‚studium generale‘-Ausflügen meinen späteren ‚Doktorvater‘ kennen, der jünger ist als ich und mich überleben wird).
Unsere Deutschprofessorin von einst hatte sich überhaupt nicht verändert: Schön wie eine griechische Göttin, schlank wie eine Elfe und anmutig wie ein Schwan zog sie ihre Bahnen – einige davon neben mir, der kaum mitkam.
„Recht unbeschwerte Jahren waren ihr … nach ihrer Emeritierung vergönnt. Das Schwimmen im hiesigen Mineralbad wurde ihr zur Leidenschaft, zumal sie sich dort … mit älteren preußischen Generalswitwen im Wettschwimmen siegreich messen konnte…“
Gut, dass ich keine dieser Witwen war.

Als vor 19 Jahren als einer der ersten und erst 71jährig mein väterlicher Freund Prof. Walter Riethmüller für immer von uns ging, lief ich weinend aus meiner damals noch kleinen Wohnung bei Heidelberg, mit diesem Lied auf dem Walkman:

‚Schade, Frau Prof. Höft, dass Sie gehen mussten‘, das denken wir Studierenden des Faches Deutsch sicher auch. Bei ihr, der großen Dame der Literatur- und Sprachdidaktik, ist (in Anlehnung an die erwähnte Trauerfeier, nahe bei „Mozart und nicht weit von den Engeln entfernt“) zum einen die Musik Mozarts noch angemessener – „Lacrimosa“ und „Dies Irae“ aus seinem Requiem, dessen Unvollendetheit eine Metapher für unser aller Leben ist:

und zum anderen (auch Frau Prof. Dr. Höfts Nähe zur frankophilen Kultur wegen) das ebenfalls überirdisch schöne, als Ewigkeitsbeweis dienende „In paradiso“ von Fauré aus dessen Requiem:

Schließlich erscheint mir für einen literarischen Anspruch ein Gedicht passend, das ich bereits an das Ende des Nachrufs auf dessen berühmten Autor gestellt habe (wenn auch die Urheberschaft wohl für immer nicht ganz geklärt ist):

Annäherung an einen Unbekannten (‚Todessonett‘) William Shakespeare (?)

Tod gnadenlosgrausamer Feind
Dich fürchten und hassen wir seit Jahrzehnten
Ehe wir uns je vor dir sicher wähnten
Ahnten wir dunkel wir waren doch gemeint

Gevatter Tod gleichgültiger Mäher
Du schleichst dich heimlich an von hinten
Dolchstoßbereit wirst du uns hilflos finden
Und wir dich unaufhaltsam immer näher

Bruder Tod freundlicher Gesell‘
Gönn‘ uns noch ein paar Jahre voller Freude
Pralle Lebenslust im Hier und Heute

Tod schwarzer Rabe Freund uns letztlich wohlgesonnen
In unsrer letzten Stunde sage uns noch schnell:
Haben im Jenseits wir verloren … oder gar gewonnen?

Frau Prof. Dr. Höfts kollegialer Freund Prof. Dr. Blattmann beantwortet die hier gestellte Frage so:
„Du wirst gewiss im Gedächtnis von hunderten, ja tausenden Studenten fortleben. Sie werden von Dir sagen: ‚Sie hat uns viel gelehrt. Und noch mehr als den literarischen Stoff haben wir bei ihr gelernt, was Menschsein bedeutet…
Gerechtigkeit war ihr höchstes Ziel.‘
Und so wirst Du auch Deinen Platz gefunden haben unter den Gerechten dort oben in den himmlischen Wohnungen…“

Tun wir einstweilen Überlebenden etwas dafür, dereinst zu diesen Gerechten zu zählen und sodann unsere große Dozentin wiederzusehen, bereit, gegebenenfalls mit ihr auch über die großteils obsoleten Thesen von Marx zu diskutieren, noch lieber freilich über die ewig jungen Dramen von Max Frisch und unverwüstlichen Kurzgeschichten von Siegfried Lenz.
„Der Leseteufel“ aus seiner bekannten Schwanksammlung „So zärtlich war Suleyken“ beschäftigte uns bei Frau Prof. Höft Studierende damals, 1978, so intensiv wie diese moderne Heldensage uns zugleich erheiterte und unaufdringlich belehrte: Lesen und Schreiben bildet, kann aber auch zur gewaltlos-gewaltigen Waffe werden – gegen Ungerechtigkeit, Willkür, Machtmissbrauch.
Es wäre ganz im Sinne von Frau Prof. Dr. Höft, wenn sich dieser besondere, hintersinnige Humor auch jetzt, fast 40 Jahre später, bei der Wiederbegegnung mit diesem Text noch einmal einstellte – auch im ihr verwandten Geiste von Heinrich Böll, der uns einst den Unterschied zwischen vordergründiger Komik und tiefsinnigem Humor lehrte:
„Unsere Augen sind weder trocken, noch nass, sondern ein wenig feucht – und das lateinische Wort für Feuchtigkeit ist … Humor.“
Ich jedenfalls sehe für immer das freundliche, zugleich hintergründige Lächeln Frau Prof. Dr. Brigitte Höfts vor meinem geistigen, auch „weder trockenen, noch nassen, sondern ein wenig feuchten“ Auge.

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/contentLD/DE/T67lLeseteufel.pdf

—————————————————————————

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Gedanken und Erinnerungen an Prof. Dr. Brigitte Höft hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

© 2017 Portal der Erinnerung ist ein Projekt von hassheider koeln
Wp | Anmelden |