Lebendige Erinnerung

7. Februar 2016

Roger Willemsen

(* 15. August 1955 in Bonn; † 7. Februar 2016 in Wentorf bei Hamburg) war weit mehr als „ein deutscher Publizist und Fernsehmoderator“, wie Wikipedia sachlich feststellt.

Sigmar Gabriel schreibt völlig zu Recht und zutreffend über ihn: „Mit Roger Willemsen verlieren wir einen brillanten Intellektuellen und eine bedeutende Stimme unseres Kulturlebens.“
Wer diesen Intellektuellen und diese bedeutende Stimme unseres Kulturlebens kennt (und sei es nur von einer Lesung, einer Talkshow), fügt hinzu: Dr. phil. Roger Willemsen war ein kritischer und streitbarer, doch charmanter und liebenswerter Mitmensch.
Andere nur halb so Gebildete und Intelligente sind nicht halb so bescheiden wie er es immer war und trotz seines großen Erfolges geblieben ist.

Auf YouTube finden sich hierfür zahlreiche Beispiele und Belege – z.B. dieses Interview mit Alfred Schier von 2010:

Tatsächlich „legendär“ (nicht nur der Filmszene von 1968 wegen und trotz Markworts einem Chefredakteur auch nur vielleicht zustehender Fehleinschätzung des SPIEGEL als im Vergleich zum FOCUS „altmodischem“ Medium) war und ist die ebenfalls abrufbare Aufzeichnung ‚Willemsen interviewt Markwort‘ von 1995 – ein Gespräch mit einem politisch gebildeten, meinungsstarken Journalisten, dessen Texte (und oft auch dessen Ansichten) ich ebenfalls sehr schätze:

Wir sehen hier, dass Roger Willemsen immer wieder gelingt, was nicht viele können: präsent sein und dennoch in den Hintergrund treten, weil es ja schließlich um den Interviewten geht.

Hier ein treffendes Beispiel für Roger Willemsens reflektierte Toleranz:

wo er in einer Talkshow von Johannes B. Kerner zunächst sein Verständnis für M. Reich-Ranickis berühmte Preisverweigerung beim ‚ZDF-Fernsehpreis‘ von 2008 artikuliert und sodann hörens-, bedenkenswert mit dem damals noch weniger bekannten, gleichfalls kompetenten und sympathischen Markus Lanz über die unterschiedliche Wertigkeit von Fernsehformaten diskutiert.
Zugleich dürfen wir gerade nach dem Genuss dieser Szene angesichts der Teilnehmer dieser besonderen Gesprächsrunde bedingt aufatmen: Es wird auch weiterhin kluge Diskussionen im Fernsehen, in der Öffentlichkeit, bei einiger Anstrengung im privaten Kreis geben – wenn auch wohl kaum in diesem geschliffenen, besonders schönen Deutsch.

Der geneigte Leser kann noch zahlreiche weitere Ausschnitte finden. Er sollte sich freilich auch einmal eines der originellen, stets bildenden Bücher Roger Willemsens vornehmen, z.B. seine auch dank der Illustrationen Volker Kriegels bzw. Michael Sowas für mehrere Generationen (sogar für Kinder und Urgroßeltern) geeignete Reimversionen von „Karneval der Tiere“ (aus dem Jahr 2003) und der Winnetou-Geschichten „Ein Schuss, ein Schrei – das Meiste von Karl May“ (2005) oder die anspruchsvolle Politschilderung „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ (2014), lange auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Roger Willemsens Bücher sind Bildung auf Abruf – und natürlich unbestechliche Indizien für seine Unsterblichkeit.

Und doch: Sein irdischer Tod hat uns – meine Frau oder und mich, unseren Sohn in der Schweiz, einige Freunde – schwer getroffen. Klar, der Mensch ist prinzipiell sterblich. Dennoch trauern wir um ihn – mehr oder weniger.

Diesmal war mir fast, als hätte ich einen Freund verloren.
Klar, wir kennen ihn seit Jahrzehnten wie die meisten halbwegs kulturell Ansprechbaren – aus dem Fernsehen und aus seinen lesenswerten Büchern.
Vor knapp einem Jahr hatten wir jedoch das unverschämte Glück, ihn zufällig persönlich kennenzulernen.

„Meine Frau und ich arbeiten ja neuerdings erfreulicherweise in unmittelbarer Nachbarschaft, vielleicht 2 km auseinander und auf demselben Weg. So holt sie mich manchmal nach meinem Unterricht ab und wir gehen zusammen essen.
Vorgestern leisteten wir uns zum Wochenendauftakt das ‚Lamm‘ in Unterkochen (http://www.das-goldene-lamm.de/pages/index), das zwar erheblich teurer ist als die Normallokale, dafür aber auch vom Ambiente her exquisit. Euch würde es da auch gut gefallen und ihr kämt rasch mit dem Wirt ins Gespräch (der mehrere Lokale führt).
Diesmal erlebten wir darüber hinaus eine besondere Überraschung: Mitten im Restaurant saß nämlich … Roger Willemsen, ‚Deutschlands gefühlter Chef-Intellektueller‘ (so einst der SPIEGEL), der mit zwei Kollegen einen (vergnüglichen) Vortrag gehalten und hier übernachtet hatte.
Wir hätten es mit einer angedeuteten, stilisierten Verbeugung belassen (wie bei anderen Nichtprominenten auch); er aber bemerkte unsere Überraschtheit, strahlte uns an, als ob er glücklich sei, erkannt zu werden und es kam zu einem ersten freundlichen Wortwechsel.
Später verabschiedete er sich tatsächlich von uns und ich bat ihn schon aus Höflichkeit um ein Autogramm. Er hatte keine bei sich, holte aber eine aus dem Auto, beschriftete sie mit einem persönlichen Gruß, kam wieder rauf, reichte uns beiden die Hand.
Später kam uns: Er hat auch uns beide (was meine Frau betrifft zu Recht) als attraktives Paar empfunden, natürlich ohne von uns zu wissen. Vielleicht hat es ihn auch gerührt, dass wir… noch immer liebevoll miteinander umgehen…“ (so teilte ich erst vor wenigen Monaten, im Sommer 2015, einem Freund diese besondere Begegnung mit)

Wir, Roger Willemsen und ich, schrieben uns noch einige Male – doch bald erfuhren wir aus den Medien von seiner plötzlichen, aus heiterem Himmel diagnostizierten Krebserkrankung.
Spontan sandte ich ihm, dem begabten Lyriker, ein selbstverfasstes Ermutigungsgedicht – tatsächlich in der vielleicht naiven Hoffnung, es könne dem großen Journalisten und Gelehrten gegen diese heimtückische Krankheit helfen.
Dabei hätte ich ja schon aus einem frühen Gedicht von 1983 dessen Grenzen ahnen müssen:
„Mit einem Lied kannst du dich gegen Missstände wehren,
Freunde vermehren und Gegner bekehren;
Nur eines merkten wir damals schon bald –
Nicht einmal ein Gedicht gibt unserem Leben einen Halt…“
Er bedankte sich, schrieb, er wolle sich melden, sobald es ihm besser ginge.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen…

Ist mein Gedicht deshalb Makulatur? Nicht mehr das Papier wert, auf das es gedruckt ist?
‚Tand‘ (also wertloser Schrott), wie Fontane alles von Menschen Her- und Hingestellte nennt?
Wirken die Verse hilflos, gar zynisch?
Natürlich nicht.
Sowenig der Tod unser Leben widerlegen kann und so sicher es uns früher oder später auch ist, so sehr lohnen Hoffnung und Glauben auf ein Leben nach dem Tode – zumindest in der Erinnerung der Überlebenden, womöglich aber darüber hinaus auch in einem unerahnbaren, unvorstellbaren überirdischen Universum.
In welcher Runde, auf welcher Wolke dürfen wir uns Dr. phil. Roger Willemsen denken?
Als erster fällt mir der erst vor Monaten verstorbene, unvergessene weil großartige Altbundespräsident Richard v. Weizsäcker ein

Richard von Weizsäcker

sodann der Altbundeskanzler auf Augenhöhe Helmut Schmidt (jüngst verstorben, unvergessen, großartig)

Helmut Schmidt

und vielleicht noch zwei bedeutende deutsche Schriftsteller, zum einen der bereits seit über drei Jahrzehnten tote Nobelpreisträger Heinrich Böll

Heinrich Theodor Böll

zum anderen der vielfach preisgekrönte Siegfried Lenz

Siegfried Lenz

Da sitzen sie nun bei himmlischem Wein – philosophierend, diskutierend, gelegentlich auch in einvernehmlichem Schweigen.
Es muss herrlich sein da oben in den intellektuellen Sphären der Ewigkeit.

Ermutigung für Roger (Fred Maurer, 18.08.15)

Roger, du musst fighten, noch ist nichts verloren;
Roger, lass das Kämpfen nicht sein!
Du hast Familie, Freunde, du bist nicht allein:
Mit jedem Atemzug wird Hoffnung neu geboren.

Trotze dem Krebs, den gefährlichen Tumoren,
Mögen sie auch noch so böse in dir toben,
So werden sie den Tag nicht vor dem Abend loben:
Du musst kämpfen, noch ist nichts verloren!

Zwar hilft hier kein Klagen, Beten, Fluchen
Gegen Krebsgeschwür und Metastasen;
Doch werden wir die Zuversicht nicht sinken lassen:
Die medizinische Forschung wird zu heilen alles versuchen.

Eines Tages, Roger, wirst endlich du gesunden
Und kehrst zufrieden zu deinem Publikum zurück,
Genießt im Kreis der Freunde das hart erkämpfte Lebensglück,
Hast den schweren Gegner tapfer überwunden.

Du Intellektueller mit Herz gibst uns allen Mut und Zuversicht,
Die wir noch Gesunden mit dir bangen, hoffen:
Sind derzeit knifflige Fragen auch offen,
Zu ist der Lebensvorhang lange nicht!

Sodann wird ein Versprechen wahr:
Alles Roger? Alles klar!

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Auch mich bewegt der frühe Hinschied des Literaten Roger Willemsen. Was mich an ihm beeindruckte und noch beeindruckt ist die Tiefenschärfe, aus den Abgründen der Literaturgeschichte, zum Beispiel aus dem Barock. Selber schrieb ich dieser Tage, ohne an Willemsen zu denken, über eine Inschrift einer ehemaligen Kaplanei beim Stift Beromünster: Hora. Omnis vulnerat. Ultima Necat. Die Zeit, die Stunde. Jede fügt dir Verletzungen bei, die letzte tötet. Willemsen schrieb einmal, der Barock habe es mit dem „Hinauslehnen in den Tod“ zu tun. Dazu schrieb Matthias Matussek in der „Weltwoche“ an den Verstorbenen, wenn es denn möglich wäre, noch eine solche Mitteilung zu machen: Die letzten Monate müssen auch für dich dieses „Hinauslehnen gewesen sein“. Das Leben ist einfach zu kurz, es ist ein Wimpernschlag – aber du hast es kreativ ausgeschöpft, und ich weiss, du hast viele auf die allerschönste Weise berührt. Dafür ewigen Dank.

Der Dank bleibt zeitlich, als Literat ist Willemsen bei aller historischen Vertiefung nicht aus der Zeit geflohen, suchte ihr über die ihm angemessenen Medien geistige Substanz zu verleihen.

Pirmin Meier

Eintrag by Meier Pirmin am 11.Februar 2016


JEDE Seele hier auf Erden sucht sich DAS aus was erlernt u.erfahren werden muß…
Da es niemand gibt der zu frühe Ableben trotzdem versteht,vermag es nur ein wenig trösten… ER wird uns ALLE fehlen,die soo gern intellektuellen Gesprächen zugehört haben! Auf Wiedersehen… im Himmel dann… erst wieder !

Eintrag by Ute am 2.März 2016


Gedanken und Erinnerungen an Roger Willemsen hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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