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Dante Andrea Franzetti

Dante Andrea Franzetti, geboren am Tag des Zweiflers Thomas 1959 in Zürich, also am 21. Dezember, verstorben am 4. November 2015 ebenda, war als Sohn einer Schweizer Mutter und eines italienischen Vaters einer der Autoren im modernen Helvetien, welche italienische Wurzeln repräsentierten. Eine Generation älter ist der in Biel lebende Sergio Giovannelli-Blocher. Vier Jahre jünger war der Franzetti um ein Jahr im Tod vorausgegangene Virgilio Masciadri. Oft genannt neben Franzetti werden Franco Supino und Francesco Micieli.

Von Dante Andrea Franzetti hörte ich erstmals im Redaktionsbüro einer Schweizer Tageszeitung: „Diesen Jungautor wollen wir fördern“, sagte Hermann Burger, Feuilletonchef des Aargauer Tagblatts, bei der Verteilung der Rezensionsexemplare. Burger, einer der grossen Schweizer Autoren der Siebziger und Achtziger Jahre, hatte sowohl beim Hölderlinpreis wie auch beim Bachmann-Preis jeweils die Hauptauszeichnung abgesahnt. Die Erzählung „Der Grossvater“ (1985) von Dante Andrea Franzetti erhielt je den Förderpreis zum Hölderlinpreis und zum Ingeborg-Bachmann-Preis. Geschichten um Franzettis Grossvater, auch Gastarbeiter in der Schweiz, eröffneten eine Literatur, die 2007 mit „Va pensiero“ von Sergio Giovannelli-Blocher ihren chronikalischen Höhepunkt erreicht hat. Lange vor Franzetti hatte der Schweizer Arbeiterschriftsteller Karl Kloter mit „Salvatrice“ (1969), zur Zeit der Überfremdungsinitiative des Politikers James Schwarzenbach, die Thematik der italienischen Gastarbeiter in der Schweiz aufgegriffen. Aber weder Kloter noch Giovannelli-Blocher stellten die stilistischen Ansprüche des Literaten Franzetti, der in Zürich Germanistik, Italienisch und Soziologie studiert hatte, später als Gymnasiallehrer und Journalist seinen Lebensunterhalt bestritt. Ab dem Erscheinen seines Erstlings bis in die frühen Neunzigerjahre hinein wurde Franzettik mit Literaturpreisen und Stipendien überschüttet. Nach seinem abermals gelungenen Zweitling, „Cosimo und Hamlet“, der Geschichte zweier Brüder, bekam Franzetti den Migrantenbonus allmählich satt.

Er betätigte sich als Italien-Korrespondent und mitprägender Autor beim Tages-Anzeiger-Magazin. Dass seine Köppel-Blocher-Satire aus dem Jahre 2012 fehlgeschlagen ist, hängt wohl damit zusammen, dass es schwierig wurde, einen zeitweilig fast zu nahe stehenden Kollegen kritisch darzustellen, besonders dann, wenn es mit dem Erfolg des einen aufwärts ging, mit dem eigenen aber eher in die entgegengesetzte Richtung. Die literarische Bewältigung einer politischen Thematik setzt voraus, dass man von sich selber wie vom Gegner souverän Distanz gewonnen hat. Roger Köppel zeigte sich über den Hinschied des einstigen Mitautors im Tages-Anzeiger-Magazin berührt: „Dante ist gestorben? Oje. Ich kannte ihn vom Tagi, dort war er Starautor. Mein Bruder kannte ihn noch als Sandkastengspänli (Spielkamerad) im Bramen/Kloten, gleich hinter Peter Guts Wohnung.“

Es gab Ansätze, dass der als Lyriker und Autor von mittelmässigen Beziehungsgeschichten gescheiterte Franzetti seiner Begabung gemäss wieder hätte Tritt fassen können. An seinen wohl dauerhaft lesenswerten Studien „Zurück nach Rom“ fasziniert das imaginäre Gespräch mit dem Dichter Vinzenzo Cardarelli. Ebenfalls im Lenos-Verlag erschien 2014 ein intellektueller Krimi. Für den Autor mehr als eine Textsorte der letzten Hoffnung. Der früh vollendete Franzetti erlag in Zürich den Folgen einer Herzoperation. Er lebte in den letzten Jahren seines Lebens aber hauptsächlich bei Genua. Von der Beachtung her blieb er, trotz einiger internationaler Literaturpreise, ein Schweizer Autor mit überdurchschnittlichen stilistischen Fähigkeiten und manchmal skurrilen Einfällen, zum Beispiel in den lesenswerten Texten „Curriculum eines Grabräubers“ (2000) und „Das Bein ohne Mann“ (2001). Was Gedichte betrifft, die teilweise unter ihrem Wert redigiert im Internet veröffentlicht sind (so wird mal der Vorname von Bertolt Brecht falsch geschrieben), konnte er mit dem diesbezüglich besten Italiener mit Schweizerpass, Virgilio Masciadri (1963 – 2014) nicht mithalten.

Die sogenannte Migrantenliteratur verteilte sich nach Franzettis Zeit auf Autoren und Autorinnen etwa aus Libyen, Rumänien, Albanien und dem ehemaligen Jugoslawien. Sie erfüllt zu einem Zeitpunkt, da die einheimische Literaturproduktion nach dem Abgang grosser Meister wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch und Hermann Burger etwas zu stagnieren schien, eine wichtige Funktion und machte es möglich, die für die Subventionierung literarischer Werke gesprochenen Gelder mit sinnvoller und auch politisch korrekter Begründung einzusetzen.

Der Tod von Dante Andrea Franzetti erfolgte zu einem Zeitpunkt, da man ihm die Bestätigung seiner besten Werke sowie noch einen bedeutenden Schritt nach vorn zugetraut hätte. Der Hinschied eines Autors, zumal dann, wenn er gerade das Alter Schillers erreicht hat, erfolgt selten oder nie gerade zum richtigen Zeitpunkt. Mit Recht sprach man allenthalben von einem zu frühen Verlust für die Schweizer Literatur. Der Todestag von Dante Andrea Franzetti erfolgte am Tag des heiligen Carlo Borromeo, also jenes Erzbischofs von Mailand, der mehr als jeder andere Italiener für die Bildung der katholischen Schweiz getan hat. Der einstige Lehrer und spätere Publizist Dante Andrea Franzetti bewährte sich in einigen seiner besten Werke, etwa den 2012 veröffentlichten Studien zur Stadt Rom, als ein „poeta doctus“, von dem die Landsleute beider Länder, Schweiz und Italien, einiges lernen können.

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz