Lebendige Erinnerung

12. Oktober 2015

Dr. Jürgen Ubl

Dr. Jürgen Ubl (04.05.1956 in Mannheim – 12.10.2015, ebenda), Diplomchemiker und Menschenfreund.
Er war seiner über Jahrzehnte behutsam gewachsenen und ehrbaren Familie, die ihm „in Liebe und Dankbarkeit“ verbunden bleibt (so die Traueranzeige), fürwahr ein wunderbarer „Ehemann, Vater, Sohn, Schwiegervater und Opa“.

Vorgestern erfuhr ich durch die Mail unseres (schon damals hochgeschätzten) gemeinsamen Französischlehrers (der heute ein sehr guter Freund ist) vom frühen Tode (der mir ansonsten glatt entgangen wäre) eines unserer größten Mitschüler: Jürgen Ubl.
Das Superlativprädikat ist keine (hier deplatzierte) Anspielung auf seine beachtliche Länge (gut 1 m 90); ich meine mehr noch seine Klugheit, Hilfsbereitschaft, seinen Humor, seinen Charme.

Vor Jahren verabredeten wir uns vage und auf irgendwann einmal in unserer Heimatstadt Mannheim. Das wird nun nicht mehr gehen…
‚Es ist immer zu spät‘, ist mir (den Tränen nahe) spontan das Lied eines großen Liedermachers eingefallen, mit dem wir damals groß geworden sind. Damals, das sind die 60er und 70er Jahre der vergangenen Jahrhunderts – in einer Schulklasse an unserem Mannheimer Gymnasium, die zunächst 40 Buben umfasste und am Ende nur noch 24 junge Männer, von denen 22 die Abiturprüfung bestanden, darunter auch Jürgen und ich.
Nun erkenne ich schmerzlich, „…es gibt kein nächstes Mal…“ und weiß, ich war, wir waren „so nah dran…“, nun wartet er nicht mehr, ist und bleibt „das Zimmer leer…“

Ein paar Stationen fallen mir ein: 1966 nahm ich ihn zum ersten Mal wahr, einen bereits damals großgewachsenen, schlanken 10jährigen Jungen mit klugem Gesicht und dicken Brillengläsern.
1970 / 71 waren wir Sitznachbarn, das einzige Schuljahr, in dem ich, der einseitig Begabte, wohl auch dank ihm einen Preis bekam (Dostojewskis ‚Gesammelte Erzählungen‘, ein dicker Band mit ganz kleinen Buchstaben auf vergilbtem Umweltpapier, den ich nie gelesen habe, auch weil sie jahrzehntelang im Bücherschrank meiner Mutter in Mannheim standen).
Jahrelang bis zur Abiprüfung lernten wir zu dritt (unter Anleitung des gemeinsamen und mathe-begabten Freundes Franz und immer bei ihm zuhause) erst zwei Stunden Mathematik, spielten sodann weitere zwei Stunden mit großem Spaß das doofste Kartenspiel der Welt (‚Mau Mau‘); die freundliche, um unser Leibeswohl besorgte Mutter von Franz brachte Schmalzbrote, die wir zu einem Kasten Bier restlos auffutterten, woraufhin Jürgen und ich mitten in der Nacht fröhlich nachhause torkelten.
„Ich denk‘ oft dran wie‘s war / Mit Illusionen hatten wir den Tisch gedeckt / Das Bier dreigeteilt und das Brot, das wir aßen / … hat wunderbar geschmeckt…“ – das ist aus einem anderen, thematisch entfernt verwandten Lied des gleichen Liedermachers.
Waren diese besonderen Nachhilfestunden für uns erfolgreich?: Nun, Franz ist heute (bzw. seit 1982) Diplommathematiker; Jürgen hat für sein ebenfalls anspruchsvolles Studium mathematische Grundkenntnisse gebraucht – und ich schaffte (überraschend) in der schriftlichen Mathe-Prüfung eine fast beachtliche 3-4…

Jürgen, der später Chemie studierte (so selbstverständlich wie Franz Mathe oder ich Musik und Deutsch) und in diesem Beruf sehr erfolgreich sein sollte, verhalf mir 1973 auch zu einer angesichts meiner mangelnden Begabung in sämtlichen Naturwissenschaften sensationellen Note in ‚seinem‘ Fach. Samstagvormittag, zwei Tage vor dem ‚fairen Test‘ unseres Lehrers (eines längst verstorbenen Diplomchemikers) besuchte ich ihn noch völlig ahnungslos, als ‚Fachidiot‘ im eigentlichen Sinne; wir lernten gemeinsam, d.h. er erklärte mir alles (sicher geduldig und nachsichtig) und nachmittags begann ich das Auswendiglernen, das ich den ganzen Sonntag fortsetzte.
Ich lernte prinzipiell auch ‚ferne‘ Fächer über die sprachliche Schiene (neben der musikalischen meine einzige) – und schaffte (wie Jürgen auch, aber bei ihm war das selbstverständlich) die glatte 1 (beim Test am Folgetag, sodann im Abschlusszeugnis, denn ich wählte Chemie baldmöglichst ab, ehe ich auf die 3-4 hätte abrutschen können).
Somit verdanke ich ihm, Jürgen Ubl, auch einen erträglichen Abischnitt.

Wir blieben auch nach unserer Schulzeit Freunde, auch wenn er (wie unser gemeinsamer Freund Franz) an der gelehrten Heidelberger Universität studierte (und ich an der ‚Pädagogischen Hochschule‘), trafen uns hin und wieder.
„Die Zeit hat uns getrennt, verstreut an allen Enden“. Wir arbeiteten in unterschiedlichen Städten, gründeten Familien (seine erste große Liebe hielt sein ganzes Leben), wurden Ehemann und Vater, verloren uns aus den Augen.
Vor Jahren noch einmal E-Mails und Telefonate, die Verabredung (in Mannheim), die nie zustande kam…
Jürgen muss lange krank gewesen sein, wovon ich auch erst soeben erfahren habe.
Insofern war sein Tod mit (nur) 59 Jahren vielleicht auch eine Erlösung.
Wo er jetzt ist, gibt es womöglich auch eine phosphoreszierende, stetig tran¬s¬zen¬die¬rende Wolke, auf der die berühmten Chemiker der Vergangenheit ihre himmlischen Versuche machen – in der Nähe der Zauberei. Da steht er nun neben Alfred Nobel, Louis Pasteur, Marie Curie, Otto Hahn und tüftelt noch immer auf der Suche nach der endgültigen Weltformel der Chemie, welche ‚die Welt im Innersten zusammenhält‘ (um standesgemäß auch mal Goethe zu zitieren, den wir damals in Deutsch lesen mussten). Sofern er und seine Kollegen nicht Mau Mau spielen, zu Schmalzbrot und Bier.
Wir werden Jürgen Ubl, den liebenswürdigen Menschenfreund, nicht vergessen, sondern in unserer Erinnerung bewahren. Er hat unsere Welt bereichert mit seiner Klugheit, seiner Hilfsbereitschaft, seinem Humor, seinem Charme.

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

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