Lebendige Erinnerung

29. September 2015

Hellmuth Karasek

Prof. Dr. Helmut Karasek
(* 4. Januar 1934 in Brünn, Tschechoslowakei; † 29. September 2015 in Hamburg)
deutscher Journalist, Buch- und Theaterautor, Film- und Literaturkritiker, Professor für Theaterwissenschaft, brillanter Witzerzähler; dem Fernsehpublikum wird er als kompetenter Teilnehmer der im ZDF ausgestrahlten Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ in Erinnerung bleiben…

Ich sah ihn gern und noch lieber las ich ihn. Er konnte wirklich so schreiben, dass wir faszinierten Leser nicht aufhören möchten. Seine Bücher werden bleiben als ein Stück Unsterblichkeit.
Sein ‚Doppel’name, besser: sein literarisches Pseudonym war bezeichnenderweise, wenn auch nur mäßig originell ‚Daniel Doppler‘, der auch Protagonist seines satirischen Schlüsselromans „Das Magazin“ von 1998 ist. (Das Buch erschließt uns Karaseks Sichtweise des Magazins SPIEGEL, für das er 22 Jahre lang, von 1974 bis 1996, als Chef des Kulturressorts gearbeitet hat).
Die wichtigeren, besseren (weil Sach-)Bücher schrieb er mit offenem Visier:
„Das sogenannte ‚schmückende‘ Beiwort. Beiträge zu einer neuhochdeutschen Poetik“, Tübingen 1958 – die Dissertation eines ‚klugen‘ Intellektuellen (um gleich mal ein ‚schmückendes‘, hier sogar redundantes Beiwort exemplarisch zu nennen), bei der er mit Sicherheit nicht geklaut und vorbildlich zitiert hat;
„Mein Kino. Die 100 schönsten Filme“, Hamburg 1994 – danach verstehen auch Sie mehr vom Genre ‚Film‘ (und schreiben vielleicht ja bald für Zelluloid Ihre erste Filmkritik);
„Karambolagen. Begegnungen mit Zeitgenossen“, Berlin 2002;
„Vom Küssen der Kröten und andere Zwischenfälle“, Hamburg 2008;
„Soll das ein Witz sein? Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, Berlin 2011 – kein Witzbuch, sondern eine bildende Kulturgeschichte der literarischen Subgenres des ‚Witzes‘.

Karaseks Leben war geprägt von vielen Höhen und manchen Tiefen.
In der „Süddeutschen Zeitung“ erfahren wir am 30.09. anlässlich seines Todes:
„Aufgrund seiner vielfältigen Nebentätigkeiten … kam es 1991 zum Streit mit dem Spiegel und 1996 zum Bruch, nachdem Karaseks Artikel über Dreharbeiten des Helmut-Dietl-Films ‚Rossini‘ abgelehnt wurde mit der Begründung, der Text bleibe weit unter seinem Niveau…“
Wer lässt sich schon nachsagen, ‚unter seinem Niveau‘ geblieben zu sein?
Aber bereits vier Jahre später erschien von ihm als Beweis seiner Unverzichtbarkeit eine grandiose Titelgeschichte, wegen der ich die damalige Ausgabe gekauft habe – über Marlene Dietrich („Der ungeliebte Engel“, frei nach ihrem ersten Spielfilm „Der blaue Engel“ nach Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“):
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16694734.html

Die Sendereihe, die ihn berühmt gemacht hat, habe ich so gut wie nicht gesehen: Im „Literarischen Quartett“ besprachen sicher jeweils ehrenwerte Experten Bücher, die vielleicht ja sie selbst zuvor gelesen hatte (na ja, wohl doch nicht immer), von denen ich jedoch keine Ahnung hatte (weil ich vor allem schreiben will, vorwiegend zu Recherchezwecken lese).
„Wozu können eigentlich solche Gespräche dienlich sein? Literatur ist zum … Lesen da“, stellte Joachim Kaiser, primär Musik-, sekundär Literaturwissenschaftler, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 28.3.1988 anlässlich dieser ungewöhnlichen Fernsehpremiere so missbilligend wie zutreffend fest.
Zitiert werden Sätze oder gar Passagen höchst selten; die Kritiker wollen vor allem beweisen, dass sie selbst druckreif formulieren können.
Die Romane wurden inhaltlich zusammengefasst und sodann oft zerrissen, seltener gelobt.
Gekauft wurden sie trotzdem bereits ab dem Folgetag: Auch ein Verriss kann sich lohnen!

Das Ende dieser elitären Sendung wurde freilich von einem Schreckensszenario eingeläutet, das intellektueller Bildungsbürger nicht würdig ist und selbst die Fans dieses Buch- und Selbstdarstellungsformats befremdet haben müsste: Der sogenannte (und selbsternannte) Literaturpapst Reich-Ranicki, Helmut Karasak mutmaßlich in schwieriger Freundschaft verbunden, beleidigt seine Kritikerkollegin Löffler schwer als verklemmte Gegnerin erotischer und Liebesliteratur – tatsächlich (so das Opfer dieser Attacke) „das reinste Lehrstück in Frauenfeindlichkeit“.
Ich hätte von Karasek erwartet, dass er seiner bedrängten Kollegin beisteht, sie in Schutz nimmt gegen die verbalen Exzesse – auch um die Sendereihe zu retten. Hier hat der Honorarprofessor mich (ein einziges Mal) schwer enttäuscht – als (so das Mobbing-Opfer Löffler) „Nachtreter aus der zweiten Reihe“. Tatsächlich gab er (in Ergebenheit gegenüber seinem ‚Meister‘?) „eine ziemlich klägliche Figur“ ab.
Wir können uns diesen Streit auf YouTube anschauen; auch Karasek kommt ausführlich zu Wort:

Kein Heiliger, sondern „ein Mensch in seinem Widerspruch“ – der berühmte Aphorismus trifft wohl auch auf Helmut Karasek zu.
Wenn es jenseits des Sphärischen einen Himmel gibt, dann hat der auch eine große Bibliothek, in der auf den angesichts der veränderten Situation noch etwas verdutzt dreinschauenden Helmut Karasek bereits sein alter Lehrmeister wartet, womöglich sein Lebensvorbild: Marcel Reich-Ranitzki, vor wenigen Jahren hochbetagt von uns gegangen und doch noch (in seinen Büchern, Artikel, abrufbaren Fernsehauftritten) allgegenwärtig.
Da wird wohl auch schon eine Flasche Wein stehen – oder sogar Champagner…

Wohl Karaseks letzte, gutplatzierte Pointe: Gerade noch vor der ersten Sendung der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ hat er uns für immer verlassen.
Vergessen sollten wir ihn freilich nicht: seine Formulierungskunst, seine Klugheit, seinen Humor.
Helmut Karasek wird uns fehlen.

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Ich war geschockt als ich von seinem Tod gehört habe und musste ganz spontan weinen…
Wieder einmal ist ein sehr intelligenter witziger Mensch von uns gegangen und das Leben geht einfach weiter für uns!!!

Eintrag by Mike am 8.Oktober 2015


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