Lebendige Erinnerung

4. Juli 2015

Walter Hess

Walter Hess (1937 – 2015) – Publizist mit Geist, Mut und Herz

Nicht bloss ein Dampfer, auch eine Arche benötigt einen Kapitän. Unter den Blogs im deutschen Sprachraum ist das Textatelier von Walter Hess von Biberstein, wie sich der Gründer und Inhaber das Unternehmen zu nennen beliebte, für ein knappes Dutzend Autorenfreunde seit 2002 so etwas wie eine elektronische Arche geworden. Unter den Schreibenden sah sich der Kapitän als der Zwölfte im Bunde. In Wirklichkeit aber, in unermüdlicher Präsenz und unverdrossener Selbstausbeutung, war er stets der Erste.

Nicht weil man im Rest der Welt verkannt worden wäre und sonst nirgendwo Publikationsmöglichkeiten angeboten bekommen hätte, schrieb man für Walter. Wo gab es denn ein Medium, in dem das Wort so frei und garantiert ungekürzt dahersprudeln durfte wie eben bei www.texatelier.com ? Jenseits von Unverbindlichkeit und beliebiger Geschwätzigkeit. Die Rückmeldungen des geistig hochpräsenten Chefredakteurs, sowie die wiederholten Spiegelungen in der Weite des Netzes waren häufig und vielfach spannend. Auch über Facebook, dem ich und andere Autoren „alter Schule“ sich nicht anschliessen wollten, kamen Echos zurück, die dann Walter prompt, manchmal mit Kommentar, an die Fossilien der Mediengesellschaft weiterzuleiten pflegte.

Walter Hess, herkunftsmässig nicht aus der Zunft der Philologen, zeigte sich als Verantwortlicher für Texte je länger desto mehr sprachbewusst. Die gemeinste aller Zeitformen ist das Imperfekt. Im heutigen Grammatikunterricht wird es meist mit dem Präteritum gleichgesetzt. Es gibt nichts Schlimmeres als schreiben zu müssen: „Die Rückmeldungen des geistig hochpräsenten Chefredakteurs w a r e n häufig und vielfach spannend.“ Das Präteritum bedeutet hier, der Leser, die Leserin müssen zur Kenntnis nehmen: Die Rückmeldungen im Präsens sind alle. Der Austausch, manchmal mit langer Unterbrechung, w i r d nicht mehr gelebt. Der Gatte und Vater, auch der Vater des Textateliers, auf Höhenflügen wie am Boden ein treuer Freund, antwortet nicht mehr.

Walter Hess, geboren am 18. Juni 1937 im Spital von Wattwil (SG), einem Donnerstag, aufgewachsen in St. Peterzell (SG) im Toggenburg, verstarb am Samstagvormittag dem 4. Juli 2015, am Freiheitstag der Vereinigten Staaten von Amerika, in Spitalpflege. Nach kurzer schwerer Krankheit. Schon bald nach der Einlieferung ins Kantonsspital Aarau und einer ersten Operation wurde klar, dass nur noch palliative Massnahmen seine Lage erleichtern konnten. Irgendwas musste ihm, im wörtlichsten Sinn, innerhalb der Bauchdecke über die Leber gekrochen sein. Seine Gattin Eva, die Töchter Edith und Anita, und auch der um 10 Jahre jüngere Bruder Rolf, aus den Philippinen angereist, standen ihm in den letzten Wochen, Tagen und Stunden zur Seite. Für die getreue Weiterführung der Textatelier-Seiten war Walters Hess‘ Schwiegersohn Urs Walter aus Zürich besorgt. Von seinen sterblichen Überresten haben seine Angehörigen am 10. Juli in aller Stille Abschied genommen. Für die Mitarbeiter des Textateliers, die meistenteils der Abdankung nur geistig beiwohnten, vermittelte Emil Baschnonga per Mail einen letzten Gruss an die Trauerfamilie

„Ich teile Euer Leid, dass Walter uns verlassen hat. Ich hatte das grosse Glueck, dass ich an seinem Lebensweg und Schaffen während 16 Jahren teilnehmen durfte, in Freundschaft eng mit ihm verbunden. Walter lebt weiter im Herzen von Menschen, die ihm begegnet sind und seine Menschlichkeit würdigen und von seinen Erfahrungen zehren konnten. Er bleibt unauslöschlich mein Vorbild und meine Inspiration als Meister der geschriebenen Worte in Klarschrift.“

In seiner Ausbildung war Walter Hess naturwissenschaftlich orientiert. Der junge Mann absolvierte gegen Mitte der Fünfzigerjahre zunächst eine Lehre als Laborant bei Hoffmann-La Roche in Basel. Die Chemie setzte aber, wie er bald spüren sollte, seiner Gesundheit zu. Darum sattelte er früh in den Bereich eines Sprach- und Publizistikstudiums um. Zur weiteren Orientierung begab er sich nach Deutschland, das sich damals im Aufbruch zum Wirtschaftswunder befand. Damals gab es in der Deutschschweiz nirgends eine Journalistenschule.

Der Einstieg in den Beruf des Journalisten erfolgte in der Regel, indem man sich von einer Zeitung – gleichsam nach dem Drucker-Brauch des Gautschens – ins kalte Wasser werfen liess. Dies erfolgte bei Walter Hess bereits am 2. März 1961, kurz vor Redaktionsschluss der Freitagsausgabe, als ihm in Menziken AG von der Druckerei Manfred Baumann die Alleinredaktion des rund hundert Jahre alten „Wynentaler Blatts“ übertragen wurde. Angesagt war lesernaher Allround-Journalismus im Bleisatz, als „learning by doing“ wohl durch nichts zu übertreffen. Dank Fusion mit einem Konkurrenzblatt war ein Ausbau der noch heute blühenden Lokalzeitung möglich. Der initiative junge Mann galt damals als der jüngste Zeitungsmacher in der Schweiz. Diese wurde sogar ausserhalb des Wynentals zur Kenntnis genommen. Unter der Führung von Walter Hess präsentierte sich, gemäss „Geschichte der Presse im Bezirk Kulm“ von Andreas Müller das „Wynentaler Blatt als die grösste Lokalzeitung des Kantons“, wie eine Analyse der Aargauer Presse in den frühen 60-er Jahren ergab. „Mit einer Steigerung der Auflage von 11% kam das in Menziken gedruckte Blatt auf 6069 Exemplare. Es wurde nur vom ‚Badener Tagblatt‘ übertroffen. Aufgrund dieser dynamischen Entwicklung schloss sich dazumal das „Echo von Homberg“ dem „Wynentaler Blatt“ an, zu welchem Erfolg Walter Hess mit Sicherheit das Seine beigetragen hat. Die Nachfolge von Manfred Baumann übernahm später, als Walter Hess längst nach Aarau gewechselt hatte, Hans Baumann. Die Zeitung gehört auch heute noch zu den bestgepflegten Lokalblättern des Kantons.

In Reinach heiratete der 26-Jährige 1963 seine liebe Frau Eva Pfosi, eine gebürtige Bündnerin. Er blieb mit ihr über die goldene Hochzeit hinaus bis zum Tode verbunden. Die beiden Töchter kamen 1966 und 1967 zur Welt.
Zu seinem weiteren Lebenslauf liess sich Walter Hess, der sich hier in der dritten Person vorstellt, wie folgt vernehmen:
Nach Chemie-, Sprach- und Publizistikstudien in der Schweiz und Deutschland wurde ihm am 2. März 1961 die Alleinredaktion des Wynentaler Blatts in Menziken AG übertragen. Ende Oktober 1963 wurde er in die Redaktion des damaligen Aargauer Tagblatts berufen, wo ihm die Leitung der Lokalredaktion Aarau (des Erscheinungsortes), anschliessend der Aargau-Redaktion und schliesslich des Ressorts Wissenschaft und Technik (inkl. Energie, Ökologie und Gesundheitsfragen) übertragen wurden. Während 15 Jahren (1969–1984) war er im Nebenamt Aargau-Korrespondent der Schweizerischen Depeschenagentur (Reuters). Zwischen 1969 und 1976 gehörte Hess dem Vorstand des Nordwestschweizer Pressevereins an. Auf den 1. Januar 1984 übernahm er die Chefredaktion der Zeitschrift Natürlich, eine Funktion, die er bis zu seiner Pensionierung Mitte 2002 wahrnahm. Während seiner Leitung verachtzehnfachte sich die Auflage (von knapp 5’000 auf über 90’000 Exemplare). 1988 erschien von Hess das inzwischen vergriffene Buch „Natürlich leben“ (AT Verlag, Aarau), 2005 das Werk „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ (Eigenverlag), ein visionäres Buch, das von der Wirklichkeit zunehmend bestätigt wurde. Zahlreiche weitere Bücher folgten; in diesem Zusammenhang sei auf das Werkverzeichnis hingewiesen. 2004 gründete er den Verlag Textatelier.com GmbH, in dem inzwischen 4 Werke erschienen sind (Bucherscheinungen Verlag Textatelier.com). Der Verlag wurde im Interesse einer Konzentration auf das Schreiben Ende 2012 wieder aufgelöst.
Die Sprachen und das Geschriebene – das Lesen und das Schreiben – gehören ebenso zu Hess‘ Steckenpferden wie auch alle Aspekte einer verantwortungs- und genussvollen Lebensgestaltung. Das Verlangen nach Erkenntnisgewinn und Horizonterweiterung stillte er auf zahlreichen Studienreisen. Sie führten ihn in Wüsten, Urwälder, in maritime Gebiete, auch nach Brasilien (inkl. Amazonien), Burma (Myanmar), China, Deutschland (u. a Nordsee), Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Hongkong, Indonesien, Irland, Island, Italien, Kanada, Kenya, Kuba sowie andere karibische Länder, Malaysia (Borneo), Marokko, Namibia, Osteuropa, auf die Philippinen, Russland mit Sibirien, Skandinavien, Spanien, Thailand, Tunesien, USA, Zimbabwe, (Nord-)Zypern und andere. Die Sicht auf die westliche Denk- und Lebensweise von aussen, aus der Perspektive fremder Kulturen und ihrer andersartigen Weltanschauungen, erzogen ihn zu Toleranz und zum kritischen Hinterfragen des eigenen Verhaltens sowie all dessen, was im Rahmen von Zivilisation und Globalisierung abläuft, gedankenlos wie ein Naturereignis hingenommen wird und die Lebensbedingungen oft unvorteilhaft verändert.
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Der Lebensstil von Walter Hess blieb nach der Pensionierung 2002 nur bedingt auf Musse ausgerichtet. Dies beweist die Tatsache, dass der früheste Beitrag des „Textateliers“, das auch für Textberatung und Textgestaltung für Kunden offen blieb, gemäss Aussage seines Bruders Rolf schon am ersten Tag nach seiner Pensionierung erschienen sein. Dabei erfolgte die technische Erstschaltung von www.textatelier.com am 25. März 2002 um 00.39 Uhr, nach Walter Hess zu Ehren des 39. Geburtstages des technischen Realisators Urs Walter und weil Walter Hess bis dann insgesamt 39 Jahre lang in Aarau als Publizist tätig gewesen war und auch noch gleich auf den 39. Jahrestag seiner Verheiratung mit Evi zurückblickte. Der für die Gründung bedeutsamste Artikel wurde am 25. April 2002 geschaltet unter dem Titel „Die Zeitung am Bildschimr lesen.“

Der erste heute noch in ununterbrochener Reihenfolge zurückschaltbare Blogbeitrag von Walter Hess datiert von Weihnachten 2004. Das Textatelier wurde zur beeindruckenden Coda innerhalb eines in sich geschlossenen, glaubwürdigen Lebenswerks.

Walters Hess‘ späteste Kolumne im Textatelier war am 17. Juni 2015 erschienen, unter dem Titel Die unendliche Geschichte der Sondermülldeponie Kölliken. Notabene ein Thema, das er als Redaktor des „Aargauer Tagblatts“ von Anfang an wie wenige kritisch begleitet hatte und mit dem er sich als „Umwelt“-Journalist, wenn es das gibt, nachhaltig einen Namen schaffen sollte, wie mir Walters langjähriger Kollege und einstiger redaktioneller „Vorgesetzter“ Hans-Peter Widmer, der letzte „Mohikaner“ des traditionsreichen Blatts von der Aarauer Bahnhofstrasse, als Echo auf die Todesnachricht bestätigte. Der Schluss- Satz, also das letzte verbindliche Wort des Textatelier-Gründers als Publizist könnte von einem Philosophen wie Günter Anders oder einem Schriftsteller wie Aldous Huxley oder von einem biblischen Propheten stammen:
„Falls ich mit meinen Prophetien Unrecht haben sollte, würde mich das unendlich viel mehr freuen als das Recht-Bekommen.“

Als Walter Hess seinen letzten Blog-Beitrag schrieb, konnte er noch kaum ahnen, dass es dies nun halt mal gewesen sein sollte. Für den wahren Journalisten, der nicht, wie Otto von Bismarck behauptete, „von Berufs wegen seinen Beruf verfehlt hat“, ist jeweils der neueste Artikel das je letzte Wort, mit dem man sich vor dem Jüngsten Gericht zu verantworten hat. Darum schrieb Frank A. Meyer, im oberen Publizistikbereich einer der letzten mit unverkennbar eigener Handschrift: „Ich habe in meinem ganzen Leben keinen meiner Artikel ? und ihre Zahl geht in die Tausende – mit Hoffnungslosigkeit enden lassen. Oft hätte mir ein resignativer Schluss eine Pointe ermöglicht, aber ich funktioniere nicht so. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man etwas tun muss.“ Dieser Satz, am 22. September 2014 im Textatelier zitiert, trifft für Walter Hess ebenfalls zu 100 Prozent zu.

Walter Hess musste als Journalistenkollege in den letzten zwei Jahren wiederholt Nachrufe schreiben, so auf die ehemaligen Redaktoren des „Aargauer Tagblatts“, Gaudenz Baumann und Ulrich Weber, letzterer ein bekannter Satiriker und „Erfinder“ der ersten, noch fiktiven Schweizer Bundesrätin, fünf Jahre vor der Wahl von Elisabeth Kopp. Am Beispiel von Baumann vermochte Hess fast exemplarisch zu illustrieren, wie in einer Redaktion bei unterschiedlichen Meinungen – nicht bloss in Nebensachen – trotz allem ein fairer Umgang miteinander möglich ist. Dabei muss deutlich gesagt werden, dass Walter Hess in wichtigen Fragen, etwa aussenpolitische Orientierung im Kalten Krieg bzw. sogenannte freisinnige Grundüberzeugungen, keineswegs die Mehrheitsmeinung des damals „rechtbürgerlichen Blatts“ vertrat. Umgekehrt war er, wie in gewissen Fragen Chefredaktor Samuel Siegrist (1937 – 1987), radikaler als es für eine bürgerliche Forum-Zeitung angebracht war. Legendär wurden Walters umfangreiche, oft mehr als ganzseitigen kleingedruckten Zusammenfassungen der Verhandlungen des Aargauer Grossen Rates und des in den siebziger Jahren tagenden Verfassungsrates. Bei dieser Tätigkeit – die Notizen wurden vom Ratssaal fortwährend in den Satz gegeben – fiel ihm im Februar 1975 die damals eher theoretische Debatte über die Trennung von Kirche und Staat auf. Erst recht wehrten sich der Aargauer katholische Kirchensekretär und selbst reformierte Pfarrherren, die fast alle der Sozialdemokratischen Partei angehörten, beinahe mit Händen und Füssen für das bewährte Kirchensystem. Selber konnte ich es mir als parteiloses Ratsmitglied deswegen leisten, es in Frage zu stellen, weil es für Chefredaktor und FDP-Fraktionspräsident Samuel Siegrist inopportun schien, sich in dieser Sache aus dem Fenster zu lehnen. In dieser Situation benützte ich als eines der jüngsten Mitglieder des Verfassungsrates die vermeintliche Narrenfreiheit des Noch-Studenten. Ein katholischer Politiker empfahl mir kurz darauf im „Aargauer Volksblatt“ Moskau einfach.

Als aus der Kirche ausgetretener Katholik und – wie Robert Mächler – Leser von Karlheinz Deschner vermutete Walter Hess in mir plötzlich einen unerwarteten Weggefährten. Dazu kam, für den späteren Chefredaktor der Zeitschrift Natürlich willkommen, bei mir ein Interesse für Ornithologie und eine uns verbindende gemeinsam Neugier für naturphilosophische Fragen. Im Vergleich zu Walter hatte ich mich jedoch nur vom Kirchensystem getrennt, nicht jedoch von der freien Nutzung des katholischen geistigen Erbes einschliesslich einiger Errungenschaften der Reformation. Auf dieser Basis konnte man nicht nur mit dem gemeinsamen Bekannten Robert Mächler im Rahmen des Textateliers mit Walter Hess respektvolle und anregende, auch „weltanschauliche“ Diskussionen führen. Hans Peter Widmer bestätigte mir seinerseits, wie vornehm sich die Haltung des Verstorbenen jeweils in Sachen Diskussionskultur gezeigt habe. Walter Hess war weder politisch noch religiös noch weltanschaulich ein Angsthase. Im Gegenteil, sein Gerechtigkeitsgefühl machte ihn regelmässig zum Sympathisanten von Aussenseiterpositionen. Deswegen stellte er sich vor etwa 15 Jahren der Luzerner Gruppe Chance 21, einer EU-kritischen und radikal die schweizerische Neutralität und Kleinstaatlichkeit verteidigende Oeko-Gruppe, gegründet von den ehemaligen POCH-Grossräten Dr. Peter Mattmann (homöopathischer Arzt) und Klaus Fischer (Drucker) als Referent zur Verfügung. Da ich ähnlich gesinnt war, kreuzten sich nach Jahren unsere Wege wieder. Parteianschlüsse aber kamen für ihn weiterhin nicht in Frage. Walter Hess blieb in dieser und anderer Hinsicht stets ein Homo pro se, ein Mensch für sich. Die Unabhängigkeit war zumal www.textatelier.com ein wichtiges Anliegen.

Zur journalistischen Ethik gehörte für Walter der Abstand zur Wichtigtuerei und zu jeder Art von publizistischem Snobismus. Nebst der Fähigkeit zur Kritik blieb ihm eine unablässige, bis in die letzten Tage seiner Schaffenszeit anhaltende Begeisterungsfähigkeit zu eigen. Eine Lebensphilosophie, in der für Fragen der Ernährung ebenso Platz offen war wie für die Deutung der Landschaften, unsentimentale und unpathetische Heimatliebe in Verbindung mit Weltläufigkeit, aber nie mit Illusionen betreffend die sogenannten Globalisierung verbunden. Nie vernachlässigte er eine sich im Alter noch steigernde Neugier, welche mit zu den Hauptmerkmalen einer geistigen Existenz gehört.

Unvergesslich bleibt mir, wie er bei unserer letzten Begegnung im Rahmen der Volkshochschule Aarau sich über das 64bändige Universallexikon aller Wissenschaften und Künste von Johann Heinrich Zedler aus der Zeit der Aufklärung begeistern konnte, auch weil man dort zu seiner Überraschung eher mehr über Biberstein vernehmen konnte als bei Wikipedia. Dass er mir bei Gelegenheit jenes Kursabends auch seine liebe Gattin Eva vorstellen konnte, trug mit bei zur Vertiefung einer Freundschaft, der leider über viele Jahrzehnte nur sehr wenige persönliche Begegnungen beschieden waren. Aus einer erhofften sommerlichen Begegnung in Biberstein, wo mal der ruhmreichste Aargauer Journalist Heinrich Daniel Heinrich Zschokke wirkte, ist nichts geworden. Zumal als Redaktor von Natürlich wie auch in zahlreichen Blogs haben Walter und einige seiner Autoren immer wieder, über das Erfreuen und Unterhalten hinaus, praktische Tipps für das Leben vermittelt und somit im vielleicht etwas altmodischen Sinne von Zschokke Erwachsenenbildung als Volksbildung betrieben.

Über die Letzten Dinge wollte sich Walter Hess, wie er mir freimütig bekannte, auch im Alter nicht aus dem Fundus der monotheistisch en Religionen bedienen. Nebst dem Christentum habe er auch dem Judentum und erst recht dem Islam nicht so vertrauen können, dass auf deren Trost zu bauen gewesen wäre. Gelegentliche Bibel-Zitate fehlten in seinen Blogs dennoch nicht. Trotzdem rufe ich ihm übers Grab lieber einen Satz des ungläubigen Lebensphilosophen und Tierfreundes Arthur Schopenhauer nach, bei dem es sich wiederum ein Zitat des von Christen und Juden oftmals verurteilten Baruch de Spinoza handelt, dem Verfasser einer „Algebraik des Regenbogens“. Nach Schopenhauer und auch Johann Wolfgang Goethe, dem „dezidierten Nichtchristen“, besteht das „mystische Minimum“ aus dem folgenden Satz von Spinoza:

„Die menschliche Seele kann mit dem Körper nicht völlig zerstört werden, sondern es bleibt von ihr etwas bestehen, das ewig ist.“

Der Gattin von Walter, seinen Töchtern Edith und Anita, seinem Bruder Rolf, seiner Cousine und Blog-Mitarbeiterin Rita Lorenzetti-Hess und andern ihm Nahestehenden entbiete ich hoffentlich im Namen aller, denen er ein lieber Weggefährte war, mein Beileid als Mittrauernder. Sein Dasein war ein Segen für uns. Dass der Mensch „zu den Leuten“ gehört, wie der Arzt Paracelsus anmahnte, hat dieser Mann von Charakter sein Leben lang praktiziert. Walter Hess war ein Publizist mit Geist, Mut und Herz.

 

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

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