Lebendige Erinnerung

30. Juni 2015

Alexander Wagner

Alexander Wagner (geb. 04.03.84 – gestorben 30.06.2015)

das erste gemeinsame Bild (ein wertvolles Gemälde) Alexander um 1990

 

Furchtbar wenn ein Vater dies erleben, erleiden muss und doch geschieht es immer wieder: Mein ältester, freilich noch junger Sohn Alexander Wagner ist tot. Er wurde nur 31 Jahre alt.
Noch liegen die Todesumstände im Dunkeln. Heute Mittag erreichte uns eine Kondolenzkarte, die wohl mehr verbergen, verschweigen sollte als sie offenbarte.

 

Alexander um 2002

 

Und trennten nur 60 km (von Aalen nach Ulm), doch lebten wir in verschiedenen Welten. Kontakt bestand zuletzt nur noch sporadisch. Im Nachhinein muss ich mir also schon den Vorwurf machen, das Miteinander nicht öfter gesucht und eingefordert zu haben – selbst wenn diese Bemühungen zu nichts geführt hätten.
Was bleibt, sind Betroffenheit, Traurigkeit, ohnmächtige Wut – aber auch Erinnerungen an einen liebenswerten jungen Mann.
Lange war er bildhübsch: ein lebensfrohes Kind, ein vielversprechender Jugendlicher.
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“, lernen wir von Jean Paul.
Und ich erinnere mich gerne: Damals habe ich begeistert mit ihm gespielt (Fußball), gelacht, gesungen („Wir sind schon auf dem Brenner!“, anlässlich der Fußball-WM 1990). Später war es immer ein Erlebnis, mit ihm gemeinsam essen zu gehen (im Ulmer Zunfthaus, im ‚Barfüßer‘) oder auch einen Radler im Aalener ‚Biergarten‘ zu trinken.
Unvergessen, unwiederbringlich das gemeinsame Rutschen, Schwimmen und Tischtennisspiel in unserem schönen Freibad.
Erst in den letzten Jahren legte sich allmählich ein Schatten über sein Leben, das ihm entglitt, breitete sich unaufhaltsam aus bis zum bitteren Ende – und wir, seine Angehörigen, sahen untätig zu. Möge er uns das verzeihen!

Schon vor vier Jahren fragte ich in einem ihm gewidmeten Gedicht:
„… Wie viel Zeit uns wohl noch bleibt / bei jeweils angeschlagener Gesundheit?…“
Mit Diabetes, einer Krankheit, die er familiär (nicht nur von mir, auch schon u.a. von meiner Oma) ererbt hat, kann man freilich bei entsprechendem Lebenswandel uralt werden.
Auch wenn er hier eher nachlässig, sorglos war – damit ist sein Tod kaum ausreichend erklärt.
Ob ich die traurige Wahrheit noch erfahre, nachdem ich von der gestrigen Beerdigung zu spät erfahren habe, bei ihr unerwünscht war?…
Immerhin hat er seinen in New York lebenden Bruder Andreas Gabriel noch kennenlernen dürfen – typischerweise beim Münchner Oktoberfest (2013), bei zwei Maß Bier mit viel Schaum.
Ob er bereits vom Tod seines älteren Bruders weiß…?

Unsere besondere Vater-Sohn-Beziehung schildert am ehesten in einer seiner zwischen 1930 und 1956 (dem eigenen Todesjahr) geschriebenen ‚Kalendergeschichten‘ um Herrn Keuner der große Dichter Bert Brecht: „Von der Liebe zu Söhnen“.
Er hätte sie wohl meinem toten Sohn widmen können – was ich jetzt stellvertretend übernehme.

Die Antwort auf die Frage, ob es ein Leben nach dem Tode gibt, kann dieser sicher lesens-, nachdenkenswerte Text freilich nicht geben.
Träumen ist freilich erlaubt: Ich sehe ihn, wie er roten Kopfes erschöpft auf seiner Wolke niedersackt und mir mit seinem Bierkrug lächelnd zuprostet.
Möge es ihm wohlergehen – besser als zuletzt auf Erden…

 

das letzte gemeinsame Bild (2011)

das letzte gemeinsame Bild (2011)

 

Von der Liebe zu Söhnen Bert Brecht

Herr Keuner befragte drei Freunde nach ihrer Liebe zu ihren Söhnen.
„Nun“, begann der erste, ein Fabrikbesitzer, der in seiner Firma einst als Laufbursche begonnen hatte, zog seine Krawatte straff und schob wichtig die Unterlippe vor, „mein Sohn gibt Anlass zu den kühnsten Hoffnungen. Er hat soeben sein Studium abgeschlossen – mit Auszeichnung versteht sich – und bekommt von mir einen der drei Direktorenposten. Er schlägt nach mir“, er lacht ein bisschen zu laut, „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich liebe ihn, das ist ganz klar!“
„Mein Sohn“, fuhr der zweite Freund fort, „hat nicht studiert, sondern nach der Schule eine Lehre absolviert. Als Bankkaufmann. Er trägt einen schicken Anzug und sitzt den ganzen Tag in einem eigenen Büro. Seit einem Jahr hat er einen Sportwagen und eine Freundin für den Beifahrersitz. Wir sind sehr stolz auf ihn.“
Seufzend ergänzte er auf Keuners fragenden Blick hin: „Ich denke schon, dass ich ihn liebe.“
Der dritte schaute betreten zu Boden und sagte erstmal nichts.
„Unser Sohn hat uns immer viel Kummer gemacht, meiner Frau und mir. In der Schule lernte er nicht, blieb sitzen, verließ sie mit fünfzehn ohne Abschluss. Einen Beruf hat er nicht. Mal schlägt er sich auf dem Bau durch, mal arbeitet er im Steinbruch. Vom vielen Säcke- und Steineschleppen ist sein Rücken ganz krumm und schief geworden.
Er sagt uns nie, wann er kommt, spricht nicht viel mit uns. Fast gar nichts. Er setzt sich an den Tisch und isst, was seine Mutter ihm bringt; danach legt er sich auf das alte abgewetzte Küchensofa und schläft. Manchmal riecht er nach Schnaps und Zigaretten. Dann hustet er und hört nicht mehr auf. Ist er krank? Mir sagt er ja nichts. Ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn liebe…“ – „Sprich nicht weiter“, unterbrach ihn Herr Keuner. „Ich sehe, du liebst ihn. Mehr kann kein Vater seinen Sohn lieben als du ihn.“

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Sehr geehrter Herr Maurer,

mein herzliches Beileid!

Ich bin sehr betroffen und mir fehlen die Worte.

Ein Kind zu verlieren ist das Schlimmste, was uns
Eltern widerfahren kann. Das weiß ich seitdem ich
meine eigenen drei habe.

Ihnen wünsche ich die Kraft mit diesem Verlust u
umzugehen.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Barth

Eintrag by biggi am 15.Juli 2015


Wohltuendes Mitgefühl

Liebe Frau Barth,
Ihr spontaner Trost hat mir gut getan – und gleicht die ungerechten Vorwürfe der verständlicherweise ebenso verzweifelten Mutter Alexanders mehr als aus, die seinen letzten, unumkehrbaren Schritt auch nicht hat verhindern können.

Einmal mehr erweist sich der hohe menschliche Wert dieses besonderen Portals.
Vielleicht können auch andere (in glücklicher familiärer Lage wie erfreulcherweise Sie und seit nunmehr 17 Jahren auch ich) aus diesem tragischen Fall lernen.
Herzlich, Ihr Fred Maurer

Eintrag by Dipl.-Päd. RL Fred Maurer am 17.Juli 2015


Immer wieder werde ich gefragt, wie mein ältester Sohn zu Tode gekommen ist. Die Frage fällt den eher Anteilnehmenden als Neugierigen ebenso schwer wie sie mir peinlich ist – gilt sie doch auch der jeweiligen Schuld an dem so sinnlosen Ende eines jungen Mannes.
Hätte ich als leiblicher Vater etwas daran ändern können? Hatte ich eine Chance? Meine Frau, meine Freunde sagen Nein.
Die näheren Todesumstände zu schildern, verbieten die Pietät und die Bestimmung dieses Portals.
Andeuten kann sie ein bekanntes Lied der Rockband PUR, deren Ballade „Der Mann am Fenster“ im Frühjahr 1994 ein Soziologie-Referat über „Das Altern als Chance der Persönlichkeitsentwicklung“ musikalisch umrahmte (was bei meinen Kommilitonen ziemlich gut ankam).
Erschrocken bin ich freilich, als ich diese Stelle las: „…bist losgeflogen / ganz ohne Flügel aus dem 13. Stock“.
13. Stock? Das gibt’s doch nicht!
Ist so viel Zufall (Im Sinne von Zusammenfall, Koinzidenz) möglich? Oder bestehen zwischen scheinbar inkohärenten Ereignissen mysteriöse Zusammenhänge, deren unsichtbare Schleier sich nur flüchtig heben und die wir niemals ganz zerreißen können?
Diesen Song können (sollten) wir zunächst einmal lesen:

Noch ein Leben PUR (1993, auf ‚Seiltänzertraum‘)

Ein kalter Schauer jagt
mir durch die Haut
aus dem Gedächtnis nie gelöscht.
Warum in jener Nacht
was hast du nur gedacht
was hat die Zweifel weggewischt?
Die tiefe Traurigkeit in dir
dafür fehlte das Gespür
hab ich ganz anders als dein Lächeln
im Trubel überseh‘n.
‚Drachen sollen fliegen‘ war dein Lieblingslied
und in jener Nacht hast du es wahr gemacht
und bist losgeflogen
ganz ohne Flügel aus dem 13. Stock.

Du hast dein Ende selbst gewählt
hast dich mit Leben so gequält
doch war das fair? War das nicht feige?
Du gibst keinem mehr ‘ne Chance.
Erst wenn dein letzter Vorhang fällt
erst dann verliert die Welt
den Mut für dich, ich wünsch dir trotzdem
alles Gute, da, wo du jetzt bist.
Du warst für jeden Pfeil
schutzloses Ziel
für diese Welt zu viel Gefühl.
Was war der letzte Tritt
zum allerletzten Schritt
hat dich der Todesrausch verführt?
Dass du die Antwort schuldig bleibst
und so die Trauer nie vertreibst
ist rücksichtslos und tut genau den Falschen,
die dich brauchten, weh.
Zu spät, um dir zu zeigen, was du hier versäumst
wie man hofft und träumt, kannst du dir denn verzeihn?
Ich wollte keine Drachen fallen, sondern steigen sehn.

Ich wünsch dir
noch ein Leben
mit einer fairen Chance!
Ich wünsch dir
noch ein Leben
doch du hast nur eine Chance…

Sodann können wir uns diese beiden Lieder auf YouTube anhören:
https://www.youtube.com/watch?v=6PTbB9OtR6k
„Drachen sollen fliegen“, sodann Erklärung des Frontsängers Hartmut Engler, schließlich
„Noch ein Leben“ – wenn auch gekürzt.
Aber das Leben Alexanders war ja auch viel zu kurz.

Eintrag by Dipl.-Päd. RL Fred Maurer am 1.Dezember 2015


30.06.2016 – der erste Todestag.
Die Wunden sind nicht verheilt.

Da trösten auch die eigene glückliche Ehe, der berufliche Erfolg des Sohnes meiner Frau und dessen harmonische ‚wilde Ehe‘ mit seiner Traumfrau in der Schweiz wenig.

Der leibliche Sohn ist tot und ein Sinn darin nicht im Ansatz zu entdecken.
Ob der unaufhaltsame Strom der Zeit Linderung bringt?
Gut, dass es dieses Portal der Erinnerung gibt…

Eintrag by Fred Maurer am 1.Juli 2016


Hallo lieber Vater von Alexander
Mein herzlichstest Beleid-
Ich vermisse ihn und ihre Worte haben mich zu tiefst gerührt. Ich wäre ihnen sehr dankbar wenn sie sich mit mir in Verbindung setzen könnten.
Er war ein so guter Mann

„Immer wenn der Wind pfeift und durch die Äste weht, wissen wir du warst da und solltest nur nach dem rechten sehen- hoffentlich geht es dir gut da wo du jetzt bist.“

Annika

Eintrag by Annika am 12.August 2016


Liebe Annika,
Ihr Mitgefühl hat mich sehr getröstet; offenbar kennen Sie meinen toten Sohn recht gut, sind womöglich eine (seine?) Freundin gewesen.

Dieses (mir schon immer wichtige) Forum bietet mit einigem Grund keine Möglichkeit der direkten Kontaktaufnahme von Trauernden.
Sie erreichen mich jedoch unter dieser Nebenadresse in Zusammnenhang mit meiner Filmkritik über eine ganz andere Vater-Sohn-Beziehung der 50er Jahre (und den wunderbaren Film „Das Wunder von Bern“):

http://www.zelluloid.de/filme/kritik.php3?tid=1766

Wenn Sie meine Vater-Sohn-Geschichte kennenlernen möchte (wie ich gerne die Ihre was Alexander betrifft), lesen Sie bitte diese Reportage:

https://kuckucksvater.wordpress.com/2012/03/23/ich-bekenne-mich-meiner-schuldig-tragikomodie-um-eine-doppelte-kuckucksvaterschaft-teil-1-von-jens-ladenburger/

Vielleicht können wir ja auch einmal gemeinsam sein Grab besuchen.
Ihnen eine gute Woche und Gottes Segen!
Herzlich Fred Maurer

Eintrag by Fred Maurer am 15.August 2016


Gedanken und Erinnerungen an Alexander Wagner hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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