Lebendige Erinnerung

6. Juni 2015

Pierre Brice

Winnetou darf nicht sterben – doch Winnetou ist tot!

Pierre Louis Baron Le Bris, uns bekannt als Pierre Brice (* 6. Februar 1929 in Brest; † 6. Juni 2015 bei Paris) war ein französischer Schauspieler, seit 1992 Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes I. Klasse auch für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft, seit 2007 Ritter der Ehrenlegion; er war und bleibt vor allem durch seine geniale Darstellung der Winnetou-Figur in den Karl-May-Verfilmungen der 1960er-Jahre und Folgezeit bekannt.
Nicht etwa filmisch ‚standesgemäß‘, an den Folgen einer tödlichen Kugel starb er (wie in ‚Winnetou III‘ von 1965, also genau vor 50 Jahren), sondern heute Morgen lapidar und profan in einem Pariser Krankenhaus altersbedingt an einer Lungenentzündung.
Wir trauern trotz seines hohen Alters: Pierre Brice wird uns fehlen.

Folgerichtig überschlagen sich die Medien mit Lobeshymnen, Nachrufen, Fantasien über die ‚ewigen Jagdgründe‘, in denen der soeben hochbetagt Verstorbene auf Lex Barker treffe, den bereits 1973 allzu früh an einem Herzinfarkt verstorbenen Darsteller des Old Shatterhand (und zuvor als Nachfolger Johnny Weissmüllers des Tarzan).
Begegnungen mit dem 1912 verstorbenen Karl May selbst, mit dessen 2013 verstorbenem langjährigem Verleger Lothar Schmid (zugleich ein sympathischer und auch als WM-Schiedsrichter hochkompetenter Schach-Großmeister, der ebenfalls einen Nachruf verdient hätte) sind sodann ebenfalls denkbar – und es gibt keinen Grund, sie sich nicht gerührt auszumalen.

Diese Medienberichte (SPIEGEL, FOCUS etc.) brauche ich hier nicht zu referieren, sondern möchte lieber meine persönliche Beziehung zu Pierre Brice und seinen Rollen schildern.
Natürlich bin ich ihm nie persönlich begegnet. ‚Erlebt‘ habe ich ihn in den 60er Jahren zunächst anhand zweier wunderbarer Bildbände samt zahlreicher Szenenfotos vorwiegend in Schwarzweiß und einer jeweils lesenswerten Nacherzählung der Filmhandlung, die meine Fantasie anregte („Winnetou“ I und II), erst später (und bis heute) in mehreren auch im Fernsehen ausgestrahlten Kinofilmen (auch „Unter Geiern“, „Old Shurehand“ mit dem freilich weniger sympathischen Stewart Granger in der Titelrolle), sodann indirekt bei der stundenlangen Lektüre zahlreicher Karl May-Romane auf einer Luftmatratze im häuslichen Wohnzimmer – und erst wieder 1984 (rund zwei Jahrzehnte später) überraschend in einer frühen Folge der Serie „Traumschiff“.
In einer Filmkritik schrieb ich hierüber im Januar 2009:
„Wir brauchen moderne Märchen, auch für Erwachsene – um dem rauen Alltag zu trotzen und ihn für Stunden auch einmal zu vergessen.
Das Märchen muss allerdings in sich glaubhaft sein; diese Mindestanforderung unterscheidet die damaligen Episoden von den heutigen, wo Fiktion in Banalität abgleitet und unfreiwillig komisch wird.
Die ‚Traumschiff‘-Episoden, die dem Komödiantischen näher standen als dem Tragischen, boten uns damals statt der gähnenden Langeweile heute … bleibende Eindrücke und Erkenntnisse in der Nähe einer Lehrstunde fürs Leben…“
Dass die ersten Folgen der frühen 80er noch sehenswert waren, lag auch an den Charakterdarstellern (Josef Meinrad, Brigitte Horney, Ivan Desny, Klausjürgen Wussow – allesamt längst tot), während heute auch z.B. Moderatoren wie Harald Schmidt und Inga Bause ohne jede einschlägige Ausbildung Schauspieler mimen dürfen; mehr noch lag es an den liebevollen Drehbüchern echter und begabter Autoren (z.B. Herbert Reinecker und Barbara Noack, die fast 91jährig noch lebt); schließlich an der Beschränkung auf eine einzige Stunde statt der heutigen Spielfilmlänge, der die dünne Handlung nicht gewachsen ist.
Die Episode ‚Kilimandscharo‘ (1984) erzählt uns eine berührende Handlung, für die der frühere, über den heutigen Todestag überlebende Lieblingsindianer der West-, seit 1990 der Gesamtdeutschen in seiner charmanten Melancholie und unsynchronisiert, mit betörendem Akzent die Idealbesetzung ist: „Robert (Pierre Brice) hat vor kurzer Zeit seine Frau verloren. Er glaubt, den Verlust nicht überwinden zu können. In Renate Solf (Susanne Uhlen) lernt er ein junges blindes Mädchen kennen, das mit seinem Lebensmut, seiner Tapferkeit und Erlebnisfähigkeit für ihn zum Beispiel wird und ihm seine Depressionen überwinden hilft…“ (Prisma)
Dies ist meine einschlägige Lieblingsgeschichte; hier zeigt sich der noble Baron als großer Schauspieler.
Bekannt ist auch, dass Pierre Brice in seiner Lebensrolle als indianische Heldenfigur bei den Karl-May-Festspielen sowohl in Elspe als auch in Bad Segeberg über Jahrzehnte auftrat, in mehreren Fernsehserien bis 1997 (also mit knapp 70 Jahren) als gereifter, gealterter Winnetou zurückkehrte.
Pierre Brice machte aus seiner konservativen politischen Einstellung keinen Hehl, war mit CDU/CSU-Politikern wie Christian Schwarz-Schilling und Theo Waigel befreundet, setzte sich zudem immer wieder als UNICEF-Botschafter für humanitäre Aktionen ein.
Unvergessen 1995 sein Hilfskonvoi nach Bosnien durch umkämpftes Gebiet und unter eigener Lebensgefahr!
Es kommt selten vor, dass ein Schauspieler sich derart mit seiner Rolle identifiziert hat.

Als Kind und Jugendlicher konnte ich hier noch nicht differenzieren: Pierre Brice war für mich ein Vorbild, identisch mit Winnetou. So war ich z.B. richtig empört, dass sein Freund (Lex Barker) ihn in einer Filmszene sichtbar um einen halben Kopf überragte – nichtsahnend, dass ich es selbst lediglich auf 170 cm bringen sollte, freilich (Winnetou lässt grüßen)n jederzeit bereit, den ‚Großkopfeten‘ Paroli zu bieten…
In Wirklichkeit war er ein fehlbares Vorbild und leidenschaftlicher Reiter, der sich im wahren Leben auch mal vergaloppierte – was ihn umso menschlicher machte: als er in einem Interview ohne Not mit seinen Affären (vor seiner Ehe seit 1981) angab und als er 2001 in ‚Wetten dass…‘ in Verkennung der eigentlichen Intention der Satire (als wie der Neid ‚aufrichtigste Form der Anerkennung‘) dem Regisseur und Hauptdarsteller Bully Herbig vorwarf, er mache sich über die Romane Karl Mays und die Verfilmungen lustig:
„Damals haben Kinder vermittelt bekommen, dass die Blutsbrüder für Werte wie Frieden, Freiheit und Respekt vor den Rassen kämpfen. Dieser Traum wird vom Bully-Film restlos zerstört. Die Indianer sind plötzlich dumme Menschen, über die man sich lustig macht. Alle Witze sind unter der Gürtellinie. Das hat Karl May einfach nicht verdient.“
Man kann diese unbedachte Entgleisung angesichts einer liebevollen Parodie auch so sehen: Da empört sich ein Franzose über den vermeintlich falschen Umgang mit einem vor allem moralisch umstrittenen deutschen Schriftsteller…

Gesungen hat Pierre Brice in fünf Jahrzehnten auch, zwischen 1965 und 2007: Sein tragisches Liebeslied „Ribanna“ (1965) habe ich noch im Ohr – er durfte sie nicht lieben, musste in ‚Winnetou II‘ seine von der Tochter des Apachenhäuptlings erwiderten Gefühle der ‚Staatsraison‘, dem Frieden zwischen Rot und Weiß opfern.
In seinem Geburtsland Frankreich war Brice kaum bekannt; seine letzte Ruhe wird er folgerichtig in Deutschland finden, wohin seine Fans künftig wohl pilgern werden. Vor allem aber kann seine Ehefrau ihn dort jederzeit besuchen.
Ich selbst begebe ich lieber so wie soeben auf gelegentliche Zeitreisen – und gedenke am Laptop eines großen Darstellers und Menschen.
Als unser Held Winnetou ist und bleibt Pierre Brice unsterblich.

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Wenn durch einen Menschen
ein wenig mehr Liebe und Güte,
ein wenig mehr Licht und Wahrheit
in der Welt war, dann hat sein Leben
einen Sinn gehabt. Alfred Delp

So ein Mensch war Pierre Brice, ich hatte das Glück, ihm mehrmals zu begegnen und habe ihn als wunderbaren, liebenswürdigen, bescheidenen Menschen, mit herrlichem Humor erlebt. Er hat von den Werten, die ihm wichtig waren nicht nur gesprochen, er hat danach gehandelt, dadurch war er so authentisch und ist uns zum Idol geworden!

Er wird ewig in unseren Herzen weiterleben und es ist jetzt an uns, sein wertvolles Vermächtnis, an die nächsten Generationen weiterzugeben!

Eintrag by Andrea Buchebner am 14.Juni 2015


Pierre war ein wunderbarer Mensch, das Idol meiner Kindheit. Ich hatte das Glück, ihn mehrmals in Bad Segeberg zu treffen. In meinem Herzen ist und bleibt er unsterblich!!!! werde mir sogar ein Tattoo mit seinem Namen stechen lassen.

Eintrag by Conny Deby am 15.Juni 2015


https://www.youtube.com/watch?v=BTJD5a5ZOdE die unvergessene Winnetou – Melodie, von Martin Böttcher. Danke, Pierre, für eine schöne Zeit in der Jugend, als von 1962 bis 1968 mit Dir 11 Filme unter Mitwirkung von Lex Barker und Stewart Granger gedreht wurden. RIP

Eintrag by Sven Urban am 16.Juli 2015


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Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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