Lebendige Erinnerung

21. Mai 2015

Gonsalv Konrad Mainberger

Gonsalv Konrad Mainberger (**27. März 1924 in St. Gallen ; †21. Mai in Zürich)

Geboren wurde Konrad Mainberger, so sein bürgerlicher Name, als Sohn einer deutschstämmigen katholischen Lehrerfamilie am 27. März 1924 in St. Gallen. Die Frage von Georges Bernanos, ob man als innerlich hin und hergerissener Christenmensch anders als katholisch sterben könne, beantwortete der am 21. Mai in Zürich verstorbene Denker mit der letztwilligen Verfügung einer reformierten Abdankung in der Zürcher Predigerkirche. Das war die einstige Kirche der Dominikaner in der Zwinglistadt. Vergleichbar denkwürdige Entscheidungen hatten im 16. Jahrhundert die Beromünsterer Chorherren, Grammatiker und humanistischen Theologen Rudolf Ambühl, genannt Collinus, und Johannes Zimmermann, genannt Xylotectus, getroffen. Ihr Engagement um den Originaltext der Bibel wurde in Luzern und Beromünster als Gritzi-Grätzi (Spottname für das Altgriechische) verhöhnt. Als frühe Leser des von Erasmus von Rotterdam und Johannes Frobenius herausgegebenen Textes des Neuen Testamentes sagten sie dem katholischen System Adieu, heirateten nach dem Vorbild Zwinglis je eine fromme Zürcherin und betätigten sich wissenschaftlich, so Collinus als massgeblicher Pionier der griechischen Sprache in Zürich und als verdienter Mitarbeiter von Heinrich Bullinger, dem intellektuell fruchtbarsten Reformator der Schweiz. Zu den nachreformatorischen Errungenschaften des Theologen Mainbergers gehörte seine differenzierte Darstellung der Beichte bei gleichzeitiger vernichtender Kritik an der seelsorgerlichen Praxis, zumal mit Kindern. „Der Pfarrer, der die 30 bis 40 Kinder wie ein Polizist bewachen muss, damit Ruhe herrscht, damit sie in den Beichtstuhl gehen können und nach zwei Minuten wieder herauskommen… Geht das so weiter? Ist das die Form der Gottesbegegnung für unsere jungen Menschen?“ Dieses einstige Sakrament, für Klaus von Flüe noch die wichtigste Praxis religiöser Innerlichkeit, ist in der katholischen Kirche der Schweiz mittlerweile fast bankrottgegangen. Der Beichtstuhl eignet sich in nicht wenigen katholischen Kirchen gerade noch für das Aufbewahren von Putzmaterial. Vergleichsweise radikalreformatorisch, unweit der Haltung der Täufer, äusserte sich Mainberger noch als Dominikanermönch als Kritiker der „schweizerischen Kirchenkonstrukteure“ seiner Generation: „Verbauen wir uns nicht mit den Kirchen aus Stein die eigentlichen Aufgaben unserer Zukunft?“ (Mainberger: Das unterscheidend Christliche, Luzern 1968)

Gonsalv Mainberger, ehemaliger Dominikanerpater (er hielt an seinem Ordens-Vornamen fest), war ein Schweizer Philosoph, der diese Berufsbezeichnung wie wenige verdiente. Sein Gelehrtendasein mit ungewöhnlihchen Kehren und Wendungen wie sein Weg vom existenzialistisch angehauchten Prediger zum nüchtern-mustergültigen Lehrer bis hin zum skeptischen Zeitkritiker als sprachgewaltiger Analytiker des „Designs“ unserer Kultur erinnert mit dramatischen Ortswechseln: Freiburg – Kongo – Belgien – Zürich – Jena einschliesslich biographischer Pirouetten eher an einen Humanisten der Renaissance als an einen qualitätszertifizierten Bildungsprofi der Gegenwart. Sein einem modernen Begriff von Latinität entsprungener Leistungsausweis als Autor lässt sich mit herkömmlichen Produkten zum Wissenschafts- und Schulbetrieb kaum vergleichen.

Semiotiker aus scholastischer Tradition
Begleitet wurde Mainbergers von einer zahlreichen Trauergemeinde besuchte Abdankung am Nachmittag des 29. Mai von Tonfolgen des grandiosen Perkussionisten Pierre Favre. In Sachen Musik, Kunst und Architektur (wobei er Altersheime für notwendiger einschätzte als Kirchenbauten) hatte sich der Verstorbene für die Moderne entschieden. Der Gottesdienst wurde von Pfarrer Dr. theol. Herbert Kohler geleitet, Dekan des Pfarrkapitels rechts der Limmat und Mitübersetzer der neuen Zürcher Bibel. Die biographische Würdigung in der einstigen Kirche des Predigerordens, wo im Mittelalter Mainbergers frühe Mitbrüder Meister Eckhart und Heinrich Seuse auf der Kanzel gestanden waren, erfolgte durch den ehemaligen katholischen Seelsorger und erfahrenen Fernsehmitarbeiter Dr. theol. Erwin Koller, Vorsitzender der Luzerner Herbert-Haag-Stiftung. Mainberger, Doktor der Philosophie und Lizentiat der Theologie, zählte zu den Anregern und Mitdenkern der SRF-Sendung Sternstunde Philosophie. Selber trat er selten vor die Kamera, liess sich bei exzellenter rhetorischer Begabung nicht zum Star aufbauen. Vom geistigen Format, der Schärfe der Argumentation und der 3000jährigen, an Originaltexten orientierten Belesenheit einschliesslich einer fast besessenen Modernität war der St. Galler Ex-Priester mit Afrika-Erfahrung unter den Schweizer Intellektuellen so etwas wie ein verspäteter Reformator, allerdings ohne Anspruch auf Gefolgschaft. Zu seinen Erfahrungen in Afrika gehörte, nebst Forschungen zu dortigen Mythen und Ernüchterung über die christlichen Missionen, die Erfahrung, dass geistliche Gewänder von den Gläubigen als Herrschaftszeichen realisiert werden. Diese Erfahrung hätte er indes im St. Gallen seiner Jugend auch machen können, nur war der Befund für ihn damals wohl noch allzu selbstverständlich, als dass es ihm bewusst aufgefallen wäre.

Ein exemplarischer, nicht selten Missverständnissen ausgesetzter Gelehrter. Mit seiner Frau, Elisabeth Mainberger-Ruh, Schwester des Ethik-Professors Hans Ruh, hatte der spätberufene Ehemann keine Kinder. Er ermöglichte aber der einstigen Sekretärin der Zürcher Volkshochschule einen fruchtbaren intellektuellen Weg als von der NZZ gelobte Übersetzerin von René Girard, dem Mainberger in vielem geistesverwandten französischen Semiotiker und Religionsphilosophen, Vater der Mimesis-Theorie, der es in den Club der Unsterblichen der Académie Française geschafft hatte, also im Gegensatz zu Mainberger zu höchstem gesellschaftlichem Ansehen mit Ruhm und Ehre. Demgegenüber schien der Ex-Dominikaner trotz bedeutsamer Distanz zur katholischen Kirche vom Stigma: Catholica non leguntur betroffen: „Katholisches“ wird nicht gelesen; im Zweifelsfall oder generell nicht ernst genommen. Wer sich allerdings nie mit der Scholastik auseinandergesetzt hat, bleibt methodisch häufig ein zweit- oder drittklassiger Philosophiedozent. Auch insofern konnte man von Mainberger, Marx-Gläubige aber zum Beispiel von den Mittelalter-Kennern Ernst Bloch und Konrad Farner, einiges lernen. Für die spätere Orientierung Mainbergers als Kritiker zumal der christlichen Opfertheologie sind Girards Hauptwerke „Das Ende der Gewalt“ (1984), „Hiob. Ein Weg aus der Gewalt“ (1988) sowie „Das Heilige und die Gewalt“ (1992), letztere Werke von Elisabeth Mainbergers ins Deutsche übertragen, informativ. Der Kulturanthropologe René Girard, drei Monate älter als Mainberger, hat seinen vielleicht bedeutendsten Mitdenker im deutschen Sprachraum überlebt.

Kanon: Von Johannes Eriugena bis Roland Barthes
Wie seinen frommen Namen (nach einem portugiesischen Brückenheiligen) behielt Mainberger als Autor wissenschaftlicher Prosa für den Rest seines Lebens den Ruf eines schreibenden Asketen, freilich von unumstritten progressivem Ruf. Sein Lieblingsmönch aus dem Mittelalter war Johannes Scottus Eriugena (810 – 880), Grammatiker am Hof Karls des Kahlen, dessen Hauptwerk „De divisione naturae“ nach Mainbergers Postulat zum Kanon des einem Philosophen unbedingt Bekannten gehören sollte, analog zu den „Essais“ von Michel de Montaigne, Immanuel Kants drei Kritiken und Roland Barthes‘ „Mythen des Alltags“. In diesem Sinn repräsentierte Gonsalv Mainberger als wohl letzter Intellektueller Zürichs an seiner Wohnadresse Augustinergasse 30 im Kreis 1 so etwas wie karolingische Geistigkeit. Diese Orientierung im Vorvorgestern schloss bei ihm die Orientierung nach vorne nie aus, im Gegenteil.

Dass der gleichzeitig mit Klaus von Flüe (1671) von der Römischen Kirche zum Seligen erklärte dominikanische Namenspatron Gonsalv von Amarante (einem von mir vor 40 Jahren besuchten schmucken Städtchen im Norden Portugals) als Zeitgenosse von Franz von Assisi statt für die verstockten Mitbürger von der Stadtbrücke herab zu den Fischen gepredigt haben soll, wurde ein bisschen auch zum Schicksal des Philosophen, Theologen und Medientheoretikers Gonsalv Mainberger. In späten Jahren orientierte er sich nicht mehr nach seinem erwählten Namensheiligen, eher schon nach dem in einem Essay gewürdigten portugiesischen „Hilfsbuchhalter“ Fernando Pessoa und von den christlichen Philosophen als wohl letzter epochaler Grösse vor Kierkegaard nach Blaise Pascal, dem Logiker und Mathematiker von Port-Royal. Die Pascalsche Theologie gipfelt im Satz: Nous ne nous connaissons nous-mêmes que par Jésus Christ. (Das mit philosophischen Aperçus gespickte Werk von Pessoa wurde wesentlich vom Zürcher Ammann-Verlag dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht.)

„Jesus starb umsonst“
Die Suche nach Erkenntnis im Medium wiederholter Spiegelungen via literarische Zeichensysteme wurde für Mainberger zur Direktive einer in der Schweiz auf diese Weise vielleicht noch nie gelebten geistigen Existenz. Dieser innere Diskurs fiel dem leidenschaftlichen Leser leichter als irgendetwas zu glauben, was in den letzten 2000 Jahren als christlich-jüdische Glaubenssubstanz verkauft wurde. Im Gegensatz zu Hans Küng schien es den von Nekrologsprecher Erwin Koller als Melancholiker geschilderten Mainberger schon lange nicht mehr zu interessieren, ob die katholische oder irgendeine Kirche oder ein sonstiges Herrschaftssystem noch zu retten wären. Die von progressiven Theologen nach dem II. Vatikanischen Konzil gestellte Frage, „welche Sätze wir noch glauben können“ (Buch-Untertitel von Mainberger), erwies sich als allzu zeitgeistig, wie der Philosoph angesichts der ethnologischen Erweiterung seines religionswissenschaftlichen Horizontes realisieren sollte. Dabei hatte der schön anzuschauende Kanzelredner noch in den Sechzigerjahren mit der existenzphilosophischen Predigt-These „Jesus starb umsonst“ (ein weiterer Buchtitel des Theologen Mainberger) in der Luzerner Maihofpfarrei in Zusammenarbeit mit dem charismatischen Seelsorger Anton Stadelmann die Kirche gefüllt, dabei aber eine ärgerliche Distanzierung durch Bischof Anton Hänggi provoziert.

Dass „das Umsonst“, das Nutzlose, nicht mit dem Sinnlosen zu verwechseln sei, wusste der Kenner französischer Literatur mit Henry de Montherlant („Nutzloses Dienen“ 1939), Mitglied der Académie Française, besser als seine Kritiker. Aber wie der Dominikaner Meister Eckhart von Hochheim riskierte Mainberger Formulierungen, die nach der nicht grundlosen Befürchtung der kirchlichen Oberen bei den Gläubigen Verwirrung stiften konnten. Dabei erschienen diverse seiner Publikationen bis etwa 1970 „mit kirchlicher Druckerlaubnis“ oder wenigstens mit schuldigem Dank an die Ordensoberen, welches Ritual dann später durch den in säkularisierten Herrschaftsverhältnissen geläufigeren zivilen Dank an die Ehepartnerin ersetzt wurde. Diese nannte ihn in der am 27. Juni 2015 in der Neuen Zürcher Zeitung publizierten Danksagung mit seinem Taufnamen Konrad, wohingegen er für seine Schüler und philosophischen Freunde stets „der Gonsalv“ war, nach amerikanisch globalisierter Schreibweise jedoch in seinen neueren Publikationen Gonsalv K. Mainberger.

Richtungsweisender Philosophie-Didaktiker
Noch interessant ist, dass sich in den Sechzigerjahren über die gemeinsame Bekanntschaft mit Anton Stadelmann der Lebenskreis von Pater Gonsalv mit einem schriftstellerisch und philosophisch hochbegabten katholischen Innerschweizer Intellektuellen für einen Augenblick überschneiden sollte: dem Luzerner Altphilologen und Vermittler von Teilhard de Chardin, Dr. theol. und Dr. phil. Josef Vital Kopp (1906 – 1966) aus Beromünster, Onkel des ihm kongenialen, ebenfalls manchmal zu Sarkasmus neigenden Nidwaldner Gelehrten Peter von Matt. Nach dem Zeugnis Mainbergers im Buch „Widerspruch und Zuversicht“ (1967) ging es damals um Seelsorger-Weiterbildung. Kopp hatte damals seine Vorstellungen von entbürgerlichtem Christentum in dem für die Epoche des II. Vaticanums repräsentativen Roman „Die Tochter Sions“ (1966) niedergelegt. Dem gnostisch angerührten Jesuiten und christlichen Evolutionstheoretiker und Paläontologen Teilhard gegenüber blieb Mainberger reserviert, doch teilte er mit Kopp eine optimistische Haltung zu Technik und Naturwissenschaft. Aber wie Kopps Neffe Peter von Matt hielt es Mainberger stärker mit der Literatur. Brachte es von Matt in der Literaturvermittlung zu fast unübertroffener Meisterschaft – u.a. mit dem Frankfurter Goethe-Preis schon zu Lebzeiten zum Denkmal erhoben – war der im Alter zunehmend medienscheue Mainberger wohl einer der eindrucksvollsten Philosophie-Didaktiker, die es in der Schweiz je gegeben hat. Es wäre indes für ihn undenkbar gewesen, in der Art von Peter Sloterdijk einer Boulevard-Zeitung das Aussehen bzw. das Image von Schlagersternchen Helen Fischer (Blick, 26. Juni 2015) im Hinblick auf den Befund der „durchschnittlichen Schönheit“ zu analysieren. Wie Philosophie-Star Sloterdijk hat es aber Mainberger zu mindestens einem, auf langfristige Wirksamkeit angelegten philosophischen Hauptwerk gebracht.

Im Vergleich zu den „süffig“ geschriebenen Publikationen von Matts und Sloterdijks bleibt jedoch das Standardwerk von Mainberger, die zweibändige Rhetorica, eine trotz glasklarem Konzept anspruchsvolle bis schwierige Lektüre. Nach der öffentlichen Abschiedsfeier zu Ehren des Verfassers bekannte mir ein seinerseits versierter Rhetoriker, Altständerat und Autor Andreas Iten, Verfasser einer kritischen Rede-Analyse am Beispiel des Politikers Christoph Blocher, ein angemessenes Studium dieses gewaltigen, vom Kanton Zug mitunterstützten Werkes bislang nicht geschafft zu haben. Dabei hat Mainberger im Passagen-Verlag, wo nebst anderen Perlen der Gegenwartsphilosophie ein Hauptwerk des Schweizer Philosophen und Physikers Eduard Kaeser erschienen ist, mit „Rhetorische Vernunft – Das Design in der Philosophie“ gleichsam eine Art erweiterte und modernisierte Kurzfassung seines Magnum Opus veröffentlicht. Im Milieu der Geisteswissenschaften scheint es heute bequemer, selber bis zum Gehtnichtmehr zu publizieren als die das Fach weiterbringenden Werke zu studieren oder wenigstens zu beachten. Diese im Publikationsrummel leicht übersehenen Bücher der stillen Gelehrten entstehen heute fast immer ausserhalb der Hochschulen. In Sachen stärker populärer Veröffentlichungen hat Mainberger – zur Blütezeit jenes Mediums – einige brillante Artikel im Tages-Anzeiger-Magazin veröffentlicht.

Furgler v/o „Müüli“ holte noch bessere Noten
Unter seinen gleichaltrigen einstigen St. Galler Mitschülern war der seinerseits hochbegabte und dazu sportbegeisterte Kurt Furgler seinem späteren Farbenbruder Konrad Mainberger notenstrategisch überlegen, brachte es zu einer beruflichen Laufbahn mit ungleich höherer öffentlicher Resonanz und zeigte sich als Rhetoriker der Spitzenklasse in der Lage, in einer Fernseh-Debatte den jenseits der elektronischen Vermittlung vielleicht doch noch bedeutenderen Max Frisch alt aussehen zu lassen. Im Schweizerischen Studentenverein, dem die beiden St. Galler angehörten, titulierte man Mainberger mit dem Biernamen Stramm, während der politisch effizientere Redner Furgler vulgo Müüli schon bald in den Genuss höchster nationaler Prominenz kam im Ruf eines der wenigen Staatsmänner der modernen Schweiz. Wie bei Mainberger und im britischen Unterhaus zur Zeit von Edmund Burke, William Pitt und Charles Fox gehörten bei Furgler (und Mainberger) Cicero (auch bei Bundesrat Hans Hürlimann) zu den massgeblich zitierbaren Autoren.

Wer zu früh kommt…
Als Furgler ohne Gegenkandidat auf dem historischen Kulminationspunkt seiner Partei, der CVP, triumphal in den Bundesrat gewählt wurde, suchte Gonsalv Mainberger – an der Bruchstelle seines Ordenslebens – gerade über Manpower eine Stelle als Französischlehrer. In Sachen Karriere galt für ihn, dass die Philosophie nicht nur gelehrt, sondern, zugunsten der Glaubwürdigkeit des philosophierenden Rhetors, gelebt werden müsse. Lebensentscheidungen waren, ohne Rücksicht auf Verluste, einem weiterentwickelten Denken anzupassen. In einem gewissen Sinn waren Mainberger wie auch sein Studienkollege Stephanus Pfürtner (Ex-Dominikaner und Kritiker der kirchlichen Sexualmoral) so etwas wie ein umgekehrter Jean de Saint Gilles: der Scholastiker, Professor an der Universität Paris, der 1231 mitten in einer Vorlesung über die Armut im Konvent Saint Jacques (wo sich ab 1789 die Jakobiner versammelten) das Ordensgewand anzog, um die Konsequenz von Leben und Lehre zu demonstrieren. Mainberger und Pfürtner, dessen Dissertation über Thomas von Aquin in der selben Freiburger Reihe als Folgeband erschien, haben auf ihre Weise, aber ebenfalls aus Überzeugung, das Ordensgewand wieder ausgezogen, um auf eigene Faust weiterzuphilosophieren.

Den auch im Vergleich zu Stephan Pfürtner oder Guido Vergauwen (nach mittelmässiger Dissertation über Schelling später Rektor der Universität Freiburg i. Ue.) in der philosophischen Autorschaft weit überdurchschnittlichen Mainberger hatte man – wohl aus Misstrauen – innerhalb seines Ordens als für eine Habilitation nicht geeignet eingeschätzt. Dies hing nicht mit einem reservierten Verhältnis zu Thomas von Aquin zusammen, den Mainberger in seiner Doktorarbeit und noch später qualifiziert zu zitieren wusste, so beispielsweise bei einem unerhört tiefsinnigen, im Südwestfunk gesprochenen Vortrag über die Hoffnung. Dass da allerdings auch noch mit Sigmund Freud, Alexander Mitscherlich und Hans Jonas weitergedacht wurde, war vor einem halben Jahrhundert für einen Dominikaner angeblich unkonventionell. Unterdessen haben sich die Zitiergewohnheiten geändert. Geblieben ist, dass man je nach akademischen Milieu dazu neigt, in einem zunehmend langweiligen Betrieb die stets je gleichen Autoren ins Feld zu führen wie auch die Immergleichen systematisch totzuschweigen. Für Mainberger bewahrheitete sich damals: Auch wer zu früh kommt, wird vom Leben bestraft.

Hohe Schule der Freiburger Dominikaner
Der bei Mainberger dann und wann als „kein Schwachkopf“ zitierte katholische französische Philosoph Jacques Maritain formulierte im Zusammenhang mit zeitgeistigen Moden das für die Medien- und Bildungsgesellschaft platzgreifende „Erhaltungsgesetz der Dummheit“. Die Dummheit folgt dem Genossen Trend, dem jeweiligen Mainstream. Dagegen wehrte man sich vielfach mit formaler Bildung, wie sie Pascal, Diderot und Voltaire bei den ihnen in vielem verhassten Jesuiten mitbekommen hatten. Mainberger verdankte sein imposantes Format jenseits von fortschrittlich oder konservativ, links oder rechts, bürgerlich oder sozialistisch Freiburger dominikanischen Meistern wie Pater Josef Maria Bochenski, einem der kundigsten Logiker Europas; seinem Doktorvater Pater Paul Wyser (einzigartiger Johannes-Tauler-Kenner) und wohl auch Pater Alexander Horvath, der mit seiner grundlegenden Studie über die Kategorie der Relation das Verständnis von Aristoteles auf eine neue Basis stellte.

Von solchen Voraussetzungen, auch selbstverständlichen Kenntnissen der alten Sprachen einschliesslich Hebräisch und warum nicht Koran-Arabisch kann man heute in geisteswissenschaftlichen Seminarien selten mehr ausgehen. Die Sparmassnahmen an Schulen und Universitäten müssen – zugunsten von Infrastrukturkosten – im Kernbereich bluten. Privatdozenten an Universitäten mit Spezialwissen oder selbst der Unterricht in alten Sprachen an einem Gymnasium können als Budgetposten in Sachen Notwendigkeit mit dem Ausbau der Mensa oder rein ideologischen Bedürfnissen wie „Gender“ nicht mithalten. Bildung, die nun mal abhandengekommen ist, lässt sich weder durch Verzehnfachung der Studierendenzahl noch mit einer Verhundertfachung der öffentlichen Kosten kompensieren. Für systematisch aus dem Schuldiskurs ausgeschlossene Philosophen einer höheren Liga, etwa Ignaz Paul Vital Troxler aus dem 19. Jahrhundert, den kaum je ernst genommenen Demokraten unter den deutschen Idealisten, oder die schon genannte philosophische Saftwurzel Bochenski aus Polen kam es wie Mainberger einzig und allein auf die geistige Courage an, eine nie versiegliche Neugier, das Bemühen um methodische Perfektion sowie das selbstverständliche tägliche Studium des Besten aus drei Jahrtausenden. Dies lässt sich weder durch „Googeln“ noch durch die Ersetzung der akademischen Lebensform durch Qualitätsbürokratie ersetzen.

Paulus – Abaelard – Paracelsus
Dass dazu jeweils auch die Bibel gehört, nicht zuletzt das Studium des jüdisch-christlichen Intellektuellen schlechthin, nämlich Paulus, hat Mainberger in seinem 2008 veröffentlichten Quasi-Abschiedsbrief an die Christgläubigen, seinem meisterhaften Essay „Philosophie und Atheismus – Die Schmuggler entwischen den Zöllnern“ (2008) dargetan. Das geistig Bewegende an diesem Text liegt darin, dass die Kernaussagen des jüdischen Intellektuellen Shaul/Paulus jenseits von historisch-kritischem Geschwätz ernst genommen und aus diesem Grunde –statt blosser Relativierung – partiell zurückgewiesen wurden. Dabei dürfte sich Mainberger zu Lebzeiten wohl keine Illusionen darüber gemacht haben, dass ein „partieller Atheismus“ –für die scholastische Logik ein Un-Begriff, eine Contradictio in adjectio – nicht lebbar ist. Meister Eckhart, dem Mainberger – soweit mir bekannt – bei wichtigen Diskursen aus dem Weg gegangen zu sein scheint sowie die kleine Nonne Thérèse von Lisieux, deren religiöser Existenz er Respekt zollte, deuten einen abenteuerlichen Ausweg an, der sich für ihn und andere Repräsentanten der Moderne aber nicht mehr als gangbar erwies.

Ein Jahrzehnt zuvor beeindruckte Mainberger mit der Studie „Sic et non“ (1995), einer tiefsinnigen Vor-Auslegung des Prologs des Johannes-Evangeliums nach dem Vorbild einer Abhandlung des Nominalisten Pierre Abélard (1079 – 1142), der als epochaler Dialektiker nicht bloss auf seinen dank Jean-Jacques Rousseau unvergesslich gemachten Briefwechsel mit der Nonne Héloïse reduziert werden darf. Als Stilform soll, gemäss Hanspeter Uster, Mainbergers ehemaligem Schüler und Nachfolger als Vorsitzender der Gesellschaft für Ethische Fragen, bei diesem Philosophen der literarische Brief, generell der Brief, zu einer ihm in hohem Grade gemässen Manifestation des philosophischen Ausdrucks geworden sein. Diesen Eindruck vermittelt der briefartige Essay „Sic et non“. Mainberger hat bei jener Gelegenheit das Lebensmotto von Theophrastus Paracelsus zitiert: Alterius non sit qui suus esse potest: Es gehöre keinem anderen, wer in sich selber bestehen kann. Der Philosoph scheint sich letztlich für die Freiheit und gegen den bedingungslosen Glauben entschieden zu haben, nach Kierkegaard übrigens eine potentiell freie Entscheidung, eine Äusserung des Vertrauens im Sinne des lateinischen Begriffs „fides“ als einer sogenannten übernatürlichen Tugend bzw. Gnade.

Dem faktischen Gründer der christlichen Religion, Paulus, unterstellte der linguistisch geschulte Theologe Mainberger in einem dialektisch geschickten Schachzug intellektuelle Ironie, weil Paulus – in vorauseilender Abwehr – den Glauben an Kreuz und Auferstehung gegen dessen Infragestellung als philosophischen Unsinn raffiniert als theoretische und praktische Torheit „vor der Welt“ hingestellt habe. Mainbergers „partieller Atheismus“, eigentlich ein hölzernes Eisen, meint mutmasslich nach Verabschiedung aller herkömmlichen Dogmatiken und Glaubensvorstellungen die Beibehaltung einer Leerstelle im Denken für die Frage nach Gott. Dabei hatte noch der junge Marx, für Mainberger nebst Freud und Nietzsche lange Zeit ein massgeblicher ideologischer Wegweiser, nach dem Vorbild der gnostischen Besserwisser empfohlen: „Gib diese Frage auf.“ (Vgl. Eric Vögelin: Wissenschaft, Politik und Gnosis, München 1959)

Weder bei Wikipedia noch bei „Swiss Roman Catholics“
Dem Frageverbot des von ihm zwischen 1968 und später gelegentlich überbeanspruchten Marx hat Mainberger in letzter Instanz nicht stattgegeben. Die unkonventionelle Abdankungsfeier des „partiellen Atheisten“ war vom Eindruck her zumindest ein „halber“ Gottesdienst mit dem Gebet Jesu (Vaterunser) als Kernsubstanz. Mainberger blieb somit über den Tod hinaus ein christlich geprägter Denker, für den es keine Frageverbote geben konnte. Eine eher leise Stimme und sonst nichts.

Wiewohl er sich von seiner geistigen Leistung her vor keinem Theologen gleich welcher Konfession und zumal vor keinem Schweizer Intellektuellen hätte verstecken müssen, gibt es über ihn – trotz bedeutender Publikationen – nicht einmal einen Wikipedia-Artikel. (Dies gilt noch für andere in der Schweiz geistig Tätige, etwa die international mehrfach ausgezeichnete Entomologin und Pionierin des tropischen Agrarwesens Silvia Dorn-Mühlebach, als erste Frau Departementsvorsteherin an der ETH Zürich oder die einzigartige Mystikkennerin Louise Gnädinger– dafür haben sogar mehr als ein Dutzend Spielerinnen der Damenabteilung des FC Zürich und des FC Luzern sinnvollerweise einen je separaten Eintrag. Sie werden nämlich früher vergessen sein als eine grosse Wissenschaftlerin oder ein Denker mit Substanz. Mainberger schaffte es im Gegensatz zum Kirchenkritiker Hans Küng und sogar auch zu Roger Federer und dem Schreibenden dieser Würdigung auch nicht mal auf die Liste der im Netz erwähnenswerten Swiss Roman Catholics.)

Wie sehr sich der katholisch-reformierte Philosoph zwischen Stühle und Bänke gesetzt hatte, wird auch dadurch verdeutlicht, dass er als Träger des Herbert-Haag-Preises anscheinend nicht in Betracht fiel, vielleicht auch, weil er in der Skepsis weiter ging als Haag und Küng und zur katholischen Kirche wie generell zum christlichen Glauben einschliesslich der sogenannten christlichen Weltanschauung am Ende bleibende Distanz behielt. Das hat sich bei ihm nicht immer so verhalten. Nicht nur als Seelsorger, auch als Ideologe hat er sich dann und wann auf Experimente eingelassen.

Bekenntnis eines ehemaligen Schülers
Gonsalv Mainberger hatte als philosophischer Mittler insofern Erfolg, als er an der Kantonsschule Zug von 1971 bis 1989 als Gymnasiallehrer wirken durfte, dank charismatischer rhetorischer, didaktischer und pädagogischer Urbegabung mit einer dankbaren und teilweise nachhaltig bewegten Schülerschaft, darunter der spätere Zuger Regierungsrat Hanspeter Uster. Die Gnade der späten Geburt (1957) liess diesen bildungsbeflissenen wie auch kritischen Kantonsschüler die Berliner, Frankfurter, Pariser und Zürcher Walpurgisnächte der 68-er Herumträger von Diktatorenikonen und Verhinderer von Vorlesungen nicht mehr selber erleben. Uster wurde in Zürich auch nie, so wenig wie sein Lehrer Mainberger, von einer schwangeren Studentin mit Begleitung am Besuch einer regulären Vorlesung über französische Literatur gehindert (was man sich 1969 als nicht gleichschaltungswilliger Student gefallen lassen musste), dafür viel später – am 27. September 2001 im Zuger Parlament – von einem Wahnwitzigen nicht ohne schwere Folgen angeschossen. Umso schlimmer. So bleibt jeder von seinen spezifischen Erfahrungen geprägt. Offensichtlich empfand Mainberger seinen Übergang vom gemassregelten Professor an einer Ordenshochschule (La Sarte/B) und Autor „mit kirchlicher Druckerlaubnis“ zum Lehrer an einer Schule mit mehr oder weniger liberaler Atmosphäre als Befreiung. Dies zu einer Zeit, da Studenten, Studentinnen und zunehmend auch Professoren das sogenannt Emanzipatorische der Wissenschaft auf die Fahnen hefteten.

Wie auch immer, der einst begeisternde Prediger des konziliären katholischen Aufbruchs in der Maihofpfarrei liess sich zwar von der Kirche enttäuschen, behielt aber nach seiner Lebenswende im Hinblick auf gesellschaftliche und geistige Veränderungen eine optimistische Haltung. Für einen Lehrer mit Ausstrahlung war dies keine ungünstige Voraussetzung. Es genügt indes nicht, ein begnadeter Lehrer zu sein. Der Blitz des Genies muss beim einen oder anderen Schüler, vielleicht auch bei einer Schülerin, so einschlagen, dass der Triumph des Augenblicks – so Ortega y Gasset – mit dem Glanz der Dauer verbunden bleibt. In diesem Sinn deute ich das Zeugnis von Hanspeter Uster über seinen Lehrer:

„Ich habe Gonsalv K. Mainberger als Lehrer an der Kantonsschule Zug kennengelernt und habe bei ihm 1975/1976 das Freifach Philosophie und im Maturaschuljahr 1976/1977 das Kernfach Philosophie besucht. Diese fünf Wochenstunden waren meine eigentliche Schulzeit, denn dort habe ich – mit 18 Jahren – Lesen und Schreiben gelernt. Alles vorher war Elementarschule, das Essentielle über Texte, aber auch die praktische Anwendung, die ars oder techné, wie zu lesen, wie zu schreiben sei, das habe ich bei Gonsalv gelernt. Und er, für den Rhetorica nicht nur Buchtitel, sondern Teil seiner philosophischen Praxis und Theorie war, lehrte uns auch, genau zu sprechen, nicht zu schwadronieren, genau zu sein und präzis und doch auch die Ambivalenz eines Gedankens in der Rede spüren zu lassen. Politiker bin dann später trotzdem geworden…“

Jesus, „unser Marx avant la lettre“?
Bei der Saat, die ein guter Lehrer bei Benützung seiner geistigen Freiheit ausstreut, ist zwischen kurzfristigen und langfristigen Erträgen zu unterscheiden. Für die kurzfristigen Wirkungen gilt manchmal, was Paracelsus und angeblich auch Hegel über ihre Hörer geklagt haben: Hütet euch vor meinen Schülern! Dass Uster wie auch sein Weggefährte, der spätere Nationalrat und mein heutiger Historiker-Kollege Josef Lang, vor der regierungs- und parlamentsfähigen Landung im grün-alternativen Hafen, sich dem potentiellen politischen Sektierertum einer „Revolutionären Marxistischen Liga“, später „Sozialistische Arbeiterpartei“, zuwenden sollten, braucht man nicht einem Lehrer in die Schuhe zu schieben. Eher dürfte es mit der Problematik einer zu erprobenden Radikalität als Inkubation innerer und äusserer Veränderung zusammenhängen. Diese Sorte Radikalität kannte Mainberger auf die je seine, nicht für die Schüler zu verantwortende Art von Radikalisierung aus eigener Erfahrung. Der Begriff „radikal“, in der Schweiz von Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) in den politischen Diskurs eingeführt, sollte als Charakterisierung ernst zu nehmender Zeitgenossen im Normalfall wertungsfrei verwendet werden.

Eigentlich wider besseres Wissen bezeichnete Mainberger sowohl in seinen Predigten wie auch in zweien seiner beim katholischen Herder-Verlag publizierten Büchern Jesus als „unser(en) Marx avant la lettre“. Die posthume Diskussion dieses Streitpunktes scheint mir an dieser Stelle umso eher zu rechtfertigen, als eine kritiklose Eloge wie seinerzeit diejenige von Bundesrat Moritz Leuenberger bei der Abdankung des wegweisenden Intellektuellen Hugo Loetscher (1929 – 2008) sich als unfruchtbare Spiegelfechterei erwiesen hat. Über eine bedeutende Persönlichkeit gibt es für den Laudator fast nichts Peinlicheres als zu sagen: „Er war immer schon meiner Meinung.“ Einen Intellektuellen ehrt man, indem man sich mit ihm auseinander-setzt. Der Respekt, welcher dem Geistigen gebührt, erfordert Distanz, nicht herabsetzende Vereinnahmung.

Primär scheint es Mainberger in der 68-er Zeit um den nach 1965 in Mode gekommenen „christlich-marxistischen Dialog“ gegangen zu sein, für den sich damals, mit dem Stalinisten und später als Holocaust-Leugner denunzierten und verurteilten Roger Garaudy (1913 – 2012) als Partner, die katholischen Star-Theologen Karl Rahner und Johann Baptist Metz ereiferten. Rahner liess ethisch engagierte Atheisten, selbst Kommunisten, die es nach Art der Grossinquisitoren mit ihren Opfern im Prinzip nur gut meinten, als „anonyme Christen“ durchgehen, die dann im Himmel jenseits von unchristlicher Diskriminierung ihrerseits mit den neun Chören der Engel in das allgemeine endzeitliche Halleluja einzustimmen hätten.

Derlei vereinnahmende sophistische Formulierungen liess Mainberger, intellektuell und methodisch den Vorbetern des Zeitgeistes nie untertan, nach dem Zeugnis seiner Kritik an Rahner nicht durchgehen. Vielleicht auch, weil er sich im Gegensatz zu anderen Priester-Theologen den Atheismus als vollständigen Nihilismus im Sinne von Friedrich Nietzsche nicht bloss theoretisch vorstellen konnte, sondern in der Kehre seiner Existenz als real wählbare eigene existentielle Option. Methodisch und philosophisch operierte der messerscharfe Philologe genauer, als es bei Theologen in der Regel zugelassen war und ist. Aber wie andere politisch-praktisch wenig ausgewiesene Philosophen von hoher geistiger Klasse war er vor philosophiepolitischen Irrtümern nicht gefeit. Dies betraf kaum die methodische und ontologische Seite des Fachs, aber wie bei anderen Philosophen (Sartre, Heidegger, Bloch, Lukacs) politische Verblendungen bis hin zu Wahnvorstellungen, welche nach der Überzeugung von Kardinal Henry Eduard Mannings (1808 – 1892) fast immer einen theologischen Hintergrund haben. So schwärmte Mainberger 1970/71 unbehelligt davon, dass er es eigentlich viel besser wusste, von Jesus, unser Marx avant la lettre. Er publizierte diesen von der Kanzel verkündeten Widersinn ausgerechnet in seiner Auslegung der Bergpredigt, (Gott lebt und stirbt für sich allein, Herder 1971, S. 57), womit er seine im selben Buch formulierte bedenkenswerte Kritik an jeglicher „Partei Gottes“ via Selbstwiderspruch in Frage gestellt hat.

Als Zeitzeuge von 1968 (hielt mich zur Zeit des Dutschke-Attentates in Berlin auf) erlaube ich mir, die von Mainberger damals fast schwärmerisch begrüsste Jugendbewegung mit ihrer angeblichen Wiederentdeckung von Karl Marx, was einige Verworrenheit auslöste, andeutungsweise in ihre Proportionen zurückzuverweisen. Wiewohl ich damals, wie meine linken Kommilitonen – von Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film (gewidmet Papst Johannes XXIII.) begeistert war, orientierte ich mich in Zürich bei Ernst Kux („Karl Marx, die revolutionäre Konfession“ 1957), Karl Poppers Marx-Kritik im 2. Band von „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde* sowie bei den in der Regel trotz reaktionären Rufs seriös recherchierten Veröffentlichungen des Schweizer Ostinstituts von Peter Sager über Marxens Befürwortung des Massenterrors, seine Abqualifizierung der Gewaltentrennung als Ausdruck der Klassengesellschaft, den jüdischen Selbsthass, das mörderische Klassenhassdenken und die nicht von der Bergpredigt vorgegebene Verächtlichmachung der Homosexuellen, von welcher Marx-Engelsschen Beschimpfung der Jurist und Altphilologe Karl Heinrich Ulrichs betroffen war. Als Philosoph der Emanzipation wurde er verhöhnt, weil er sich ebenfalls für einen Menschheitsbefreier hielt. Der gelegentlich lateinisch schreibende Ulrichs meinte es mit der gesellschaftlichen Emanzipation via die sexuellen Herrschaftsverhältnisse genauso ernst wie die beiden bärtigen Menschheitsbeglücker; mit dem Unterschied, dass er ohne Massenterror und Diktatur ans Ziel kommen wollte. Als bedingungsloser Anhänger von Meinungsfreiheit und Geistesfreiheit hätte Ulrichs sich wohl auch den Straftatbestand der „Homophobie“ nicht vorstellen können. Den Anforderungen an einen Humanisten hohen und höchsten Ranges wurde er vielleicht eher gerecht als die meisten Theoretiker der Revolution. Dass er in der heute schrillten Homosexuellenszene wenig bekannt ist, verweist nur auf einen Mangel an geistiger Orientierung, was freilich bei Parlamentariern, die sich mit diesem Thema befassen, in noch höherem Ausmass der Fall ist. Ulrichs, auch ein leidenschaftlicher Anwalt der Latinität und Kämpfer für eine kultivierte Sprache zur Differenzierung sexueller Sonderformen, wird im Zusammenhang mit Mainberger hauptsächlich deswegen erwähnt, weil Ethik für ihn auch mit der „Grammatik des Begriffs“ (Mainberger) zu tun hatte und zumal, weil er mit zu den stillen grossen Humanisten zu zählen war.

Mainberger bekam ich vor Jahrzehnten ein einziges Mal anlässlich einer Philosophielehrer-Weiterbildung zu Gesicht. Man realisierte zu wenig, dass er eigentlich in einer ganz anderen Liga spielte als wir alle. Der Links-Rechts-Gegensatz war bei Philosophielehrern damals wenig virulent. Unter den Linken war nicht der zurückgezogene, in Zürich lebende Mainberger, sondern der hochkultivierte Debatter Hans Widmer, während einiger Legislaturperioden Luzerner SP-Nationalrat, in der Innerschweizer Kollegenszene präsent und dank seiner Ruhe des Argumentierens und der inneren Sicherheit einer geistigen Persönlichkeit hoch angesehen. Doch wurde die von Mainberger einst in Luzern angerissene Debatte über Christentum und Marxismus nie richtig geführt. Die ideologischen Fragen in dieser Richtung gewidmete Zeitschrift Neue Wege blieb im Nachgang zu ihrer Pionierzeit (Leonhard Ragaz) ein Blättchen für rotgrünfromme Gleichgesinnte. Von Mainbergers Bereitschaft zur Skepsis hätten sich wohl nicht nur die Linksfrommen zu einem höheren Reflexionsniveau anregen lassen können. Von den lebenden Schweizer Linksintellektuellen der Gegenwart scheint der Autor und Publizist Stefan Howald, u.a. Kenner des Aufklärers Karl Victor von Bonstetten und Forscher über Georg Büchner und George Orwell sowie seiner kulturhistorisch meisterhaften architekturgeschichtlichen Studie über Walter Jonas vom geistigen Profil als Humanist unserer Zeit noch am ehesten etwas an den grossen Aussenseiter Mainberger zu erinnern.

Exkurs über Baader – gegen Mainbergers „Jesus- Marx-These“
1972 und 1975 veröffentlichte ich Aufsätze über Franz von Baader (u.a. im Organ des Schweizerischen Studentenvereins Civitas) mit dem Nachweis, dass das Problem des Proletariates längst vor Marx durch diesen bayrischen Philosophen und Oberstbergrat zukunftsweisender analysiert worden war, nämlich mit dem Vorschlag der Integration der „Proletairs“ anstelle der Revolution. Der „christlichsoziale“ Baader war einer der wichtigsten Neuentdecker von Meister Eckhart und der zu seiner Zeit bedeutendste religionsphilosophische Vermittler zwischen Katholizismus und Orthodoxie, dazu ein Kritiker des drohenden Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Er durchschaute den totalitären Charakter der Volkssouveränität als „fausse idée claire“ und übte vernichtende Kritik am Nationalismus als Wahn des kollektiven Egoismus. Wer Baader kannte, der freilich von den Thomisten totgeschwiegen wurde, auch für seine „Sätze zur erotischen Philosophie“, war gegenüber Offenbarungen von Marx und Engels schlicht verblüffungsfest, zumal Baader die sozialen Verhältnisse in den englischen Bergwerken schon vor 1835 mit frappierender Objektivität analysiert hatte. Und wer wie Baader von Meister Eckhart, Tauler, Paracelsus und Boehme ein mystisches und ethisches Religionsverständnis erarbeitet hat, wie kann denn der noch das Heinrich-Heine-Plagiat von Religion als Opium des Volkes mit Aufklärung verwechseln? Mit anderen Worten: Mainbergers Formel von Jesus, unser Karl Marx avant la lettre war nicht intelligenter, eher noch unbedachter als wenn Gott Vater als Vorgänger von Georg Friedrich Wilhelm Hegel und der Heilige Geist als ein Hans Urs von Balthasar avant la lettre angesprochen worden wären.

Räber, Meienberg, Mainberger: eine aussterbende Gattung
Der Theologe Balthasar war zur Zeit des jungen Mainberger so etwas wie ein katholisch-theologischer Stefan George mit homoerotischer Ausstrahlung auf den genialen Luzerner Dichter Kuno Räber (1922 – 1991) aus der Generation Mainbergers. Räber war zur Zeit, als Mainberger Dominikanernovize war, in den Jesuitenorden eingetreten, ergriff jedoch noch vor den Gelübden die Flucht. Entsprechend heiratete er noch früh genug, um mit seiner Frau zwei Kinder zeugen zu können. Nach einer abermaligen Lebenswende wurde der zuletzt beim Ammann-Verlag publizierende Räber praktizierender Homosexueller bis kurz vor seinem Tod infolge der bekannten Immunschwäche-Krankheit. Im Rahmen eines Mainberger-Porträts scheint dieser Hinweis deswegen angebracht, weil im Schweizer Katholizismus seiner Generation nicht wenige originelle, zum Teil genial-schräge Persönlichkeiten auftraten. Die letzten Exemplare dieses Typus bereiten sich auf das Aussterben vor.

Als angeblicher katholischer Marxist mit St. Galler Hintergrund verschaffte sich Niklaus Meienberg (1940 – 1992) im Vergleich zu Mainberger auf weit spektakulärere Weise Gehör. Spekulative Formeln wie Jesus, unser Karl Marx avant la lettre hätten aber zu einem monomanisch recherchierenden Publizisten wenig gepasst. Über alle Unterschiede hinaus war Mainberger im Gegensatz zu Räber und Meienberg noch die Vollendung eines ausgereiften Werkes vergönnt.

Philosoph der Hoffnung
Was indes Ernst Bloch betrifft, aber auch den glänzend formulierenden thomistischen Schriftsteller Josef Pieper (1904 – 1997), Professor in Münster in Westfalen, machte Mainberger beiden Konkurrenz durch seine Abhandlung über die Hoffnung in der Herder-Studie „Gott lebt und stirbt mit den Menschen“ (1971). Blochs Buch über das „Prinzip Hoffnung“ wie Piepers Essay „Über die Hoffnung“ wird von Mainbergers Studie „Was erhofft der Glaubende?“ im Herderbuch „Gott lebt und stirbt mit den Menschen“ (1971) in Sachen Gleichzeitigkeit von Skepsis und Perspektive auf bedeutende Weise ergänzt. Dass es nach Aristoteles für die Betrunkenen wie auch für die Jugendlichen gelte, „sie seien voller guter Hoffnung“ versteigt sich bei Mainberger jedoch nicht zur Warnung von Günter Anders „Die Hofferei muss aufhören“, eher schon in die Perspektiven eines Gefangenen bei Alexander Solschenizyns „Erstem Kreis der Hölle“: Ein Merkmal des Hoffenden: „Die Überwindung der erhöhten Schwierigkeiten ist umso wertvoller, als an den Misserfolgen der Mensch, der die Aufgabe erfüllt, entsprechend den Schwierigkeiten, denen er begegnet, wächst.“ (Mainberger, S. 85)

Meister der philosophischen Rhetorik
Bei Mainbergers Hauptwerk über die Rhetorik würde man vielleicht erwarten, dass er Platon und Aristoteles die auf diesem Gebiet starken Sophisten entgegensetze, in der modernen Zeit die Klassiker der demokratischen Revolution (Mirabeau), des Kommunismus und der rechten Demagogie vorführe. Dies steht erstaunlicherweise nicht im Vordergrund. Als Impuls von bleibendem Wert wird das Rhetorik-Konzept von Aristoteles vorgeführt. Bei der aristotelischen Rhetorik handelte es sich gerade nicht um eine Technik zur Verführung der Menschen. Im Zentrum steht die Kunst des glaubwürdigen Vortrags auf dem Weg zur perspektivischen Wahrheit. Wir lernen den einstigen Kanzelredner in diesem wichtigsten Teil seines Werks nicht nur als hochbegabten Vermittler, sondern als Philosophen von Rang kennen. Seine Rhetorica I, Reden mit Vernunft (1987) gehen der Fertigkeit des Vortragens einschliesslich der Technik des Sachbuchs wie der für den intellektuellen Rhetoriker unentbehrlichen Kunst des Lesens auf den Grund. Wenn der rhetorische Diskurs des Sich-selbst-Vergewisserns in Verbindung des Überzeugens anderer je musterhaft als Denkvorgang beschrieben wurde, dann in den beiden Bänden von Gonsalv Mainberger. Band II trägt den Titel Rhetorica II – Spiegelungen des Geistes – Sprachfiguren bei Giambattista Vico und Lévi-Strauss. Es handelt sich um genau dasjenige Standardwerk, das man von dem in Tübingen lehrenden Professor für Rhetorik, Walter Jens (1921 – 2013), wie Mainberger ein brillanter Lateiner, vergeblich erwartet hat. Jens stand sich als Pseudo-Moralist mit der Attitüde eines geistigen Führers lebenslang selber im Wege. 1942 qualifizierte er den Exil-Schriftsteller Thomas Mann zeitgeistgemäss als „Asphalt-Literaten“ ab, 1959 war der ihm an schriftstellerischer Begabung überlegene Kuno Räber für ihn, auf Schloss Elmau damals Chefzensor der Gruppe 47, ein Produzent von „Päderastenprosa“. Für die folgenden Jahrzehnte gelang es Jens, Moral mit politischer Korrektheit so zu verbinden, wie es einem „Platzhirsch“ (Räber über Jens) des geistigen Lebens angemessen war. Da er ohnehin alles besser wusste, fehlte ihm mangels Recherchen in Jerusalem auch Grundwissen, um über das ihn auf vielversprechende Art bewegende Thema „Judas“ einen Text auf der Höhe des für einen Philologen Wissbaren zustandezubringen. Dieser kritische Einwurf, als Beispiel, scheint mir im Zusammenhang mit der Würdigung eines stillen Denkers ein Appell in die Richtung, dass es zu empfehlen bleibt, von Platzhirschen gleich welcher Orientierung Abstand zu halten. Dies gehört zu den Propädeutica einer philosophischen Rhetorik, insofern es nicht auf die Autorität des Redners und des Sachbuchautors, vielmehr auf die Qualität des Produktes ankommt.

Mainbergers bei Frommann-Holzboog erschienenes zweibändiges Standardwerk über philosophische Rhetorik kann zugleich als Theorie des Sachbuchs und der wissenschaftlichen Prosa gelesen werden.

Der Verfasser hat sich zumal im zweiten Band als einer der wenigen deutschsprachigen Meister der französischen Schule der Semiotik erwiesen, welche er – auch als Mittel der Religionskritik – beeindruckend stringent anzuwenden wusste. Seine thomistisch-scholastische Ausbildung, prädestinierte ihn zu einem polyvalenten Methodiker. In seiner kompakten und zugleich an Lesefrüchten reichen Dissertation über die Kriterien von „Mehr oder weniger“ bei Platon und Aristoteles konfrontierte er herkömmliche Ontologie und Metaphysik mit modernen Fragestellungen. Bei Platon stösst er in der linguistischen Analyse des Spätdialogs „Philebos“ nicht bloss auf die herkömmlichen scholastischen „Seinsstufen“. Es wird eine faszinierende Theorie vom Grossen und vom Kleinen verwiesen, auch auf die ältesten Grundlagen der Mathematisierung der Wissenschaft aufmerksam gemacht. Wenn heute in Sachen „Qualitäts“-Kriterien stets Zahlenwerte angegeben werden müssen, ist dies bei Platon schon grundgelegt.

Didaktisches Vermächtnis: Eine modernisierte Latinität
Mainberger verfügte über eine sichere Diktion in der griechischen philosophischen Sprache und gebot souverän über alte und neusprachliche Instrumentarien der Latinität. Diese bedeutete einerseits Orientierung nach Cicero und Augustinus, andererseits an der modernen französischen Linguistik und Semiotik, so Lévi-Strauss. Roland Barthes und Michel Foucault. Mit diesen setzte er sich schon ab den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auseinander, also lange, bevor diese Autoren zur philosophischen Mode verniedlicht wurden. Das letzte Buch, welches er noch vor seinem Tod abschloss, setzt u.a. seine frühen Forschungen über den Mythologie-Theoretiker Christian Gottlieb Heyne fort, dessen Hauptwerke durchwegs auf Lateinisch erschienen sind mit entsprechender Wirkung in Frankreich und anderen „lateinischen Ländern“. Einer der frühesten Semiotiker der Mythologie und des Mythischen war zum Beispiel Pierre-Alexis Girardet, Chorherr in Nozeroy unweit der Schweizergrenze, mit seinem 1788 in Dijon veröffentlichten Grundlagenwerk „Nouveau systéme sur la mythologie“. Zu dieser Thematik hatte Mainberger 1968 auf Einladung des Pioniers der Mythenforschung, Karl Kerény, einen epochalen Vortrag gehalten. Dieser enthielt einiges an religionskritischem Potential, dass es wohl schon damals wohl nur noch eine Frage der Zeit war, bis wann Mainberger das Mönchsgewand ablegen würde. Er war damals Professor an der Ordenshochschule von La Sarte (Belgien), wo man – gemäss Nekrolog von Erwin Koller – von einer Habilitation des Hochbegabten offenbar nichts wissen wollte. Dass jedoch bei den Dominikanern – gemäss Koller, der sich auf Notizen Mainbergers berief – fast nur Thomas von Aquin zitierbar gewesen sei, lässt sich für die Freiburger Hochschulprofessoren nicht bestätigen. Schon der erste Abschnitt von Mainbergers Dissertation „Die Seinsstufung als Methode und Metaphysik“, erschienen als Band 24 der „Studia Friburgensia“ straft diese Unterstellung Lügen. Die Arbeit wird eingebettet in Bochenskis für Generationen von Studierenden wegleitende Schau der „Europäischen Philosophie der Gegenwart“ (1. Auflage 1947), in welchem glänzend geschriebenen Lehrbuch der ontologische Ansatz bei Nicolai Hartmann, Alfred North Whitehead und bei der Existenzphilosophie ab Husserl, Heidegger, Sartre und noch anderen aufgezeigt wird. Dass Frankreich in Bochenskis Darstellungen eine grosse Rolle spielt, musste Gonsalv Mainberger entgegenkommen. Sein Bekenntnis zur Latinität war und ist bei genauerem Hinsehen eine nachhaltige Orientierung an der „clarté“ und formalen Transparenz der französischen philosophischen Tradition.

Sein didaktisches Vermächtnis hat Mainberger 1992 vor den Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena hinterlassen, wo er ein fruchtbares Gastsemester verbrachte. Lehren und Lernen war für ihn „Arbeit an der Pädagogik des Begriffs“, nicht zu verwechseln mit trockener Philologie. Die Anverwandlung des Lateinischen, des Französischen, Portugiesischen und Italienischen wurde für ihn zu einer Art des savoir-vivre, „sich ans Schöne verlieren, auf die Wahrheit aufmerksam machen, den geordneten Rückzug aus dem Reich der Ideale in die Welt der Begriffe antreten, aus den Trümmern einer ästhetischen Tradition heraus in die Welt möglicher neuer Empfindungen und Sensibilitäten finden. Latinität vermitteln heisst, das Fleisch und den Genuss umgängig, ja umständlich, also verzögernd und verlangsamend verteidigen zu können – gegen die zeitgenössischen Manichäismen.“ Unter „Fleisch“ verstand Mainberger das Sinnlich-Konkrete, bei anderer Gelegenheit sogar das, was der Metzger darunter versteht, also etwas Kulinarisches. Vielleicht ohne volkskundliche Vertiefung in die alten Mus-Tage und Fleischtage der katholischen Tradition (Montag, Mittwoch, Freitag u. Samstag bis 18 Uhr Mus-Tage; Dienstag, Donnerstag, Samstagabend und Sonntag Fleischtage) hatte Mainberger in den Sechzigerjahren als Seelsorger kritisiert, dass man sich in einem St. Galler katholischen Heim drei fleischlose Tage pro Woche einhielt, was nach seiner Meinung eine Schikane war. Wie Zwingli hätte er vielleicht aus Prinzip auch noch am Karfreitag Würste essen wollen, aber mutmasslich wohl doch nur theoretisch, als Bekenntnis gegen den Manichäismus. Diesen kulturrevolutionären Aspekt der Reformation sollte man nicht unbedingt als Fortschritt ansehen, so wenig wie die Zerschlagung der Orgeln in Zürich, Bern, Biel und anderswo. Fortschritt und Rückschritt halten sich bei den meisten Revolutionen die Waage. Aber Mainberger ging es offenbar um etwas Grundsätzliches: die Zurückweisung des leibfeindlichen Manichäismus. Diesen Begriff kannte mein Vater, Metzgermeister, nicht, als er aus ganz anderen Gründen die Lockerung der katholischen Fastenregeln durch die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. guthiess, unbeschadet des Verdachtes bei tiefer Blickenden, dass hier kulturell und ethisch Demontage der katholischen Hochreligion betrieben werden könnte. Man bedenke, was die Beseitigung der Speisegesetze für die Juden und Muslime bedeuten würde.

Im Sinne der Reformatoren hat Mainberger Religion und Ethik in hoher Ausschliesslichkeit auf das Wort abgestellt. Damit tat er auf seine Weise dem „Fleisch“, das im Altersheim täglich hätte serviert werden sollen, teilweise unrecht.

Einige kritische Einschränkungen ändern nichts daran, dass Mainbergers Pflege und Kult der Latinität als Vermächtnis eines Gebildeten im heutigen Hochschulbetrieb, ähnlich wie die Mahnungen der Naturwissenschaftler, ein Appell war, die Bildung auf ihre Kerngeschäfte zu fokussieren und sie nicht, wie es heute weitgehend der Fall ist, mit Ideologie gleich welcher Schattierung oder schlicht mit Bildungssozialpolitik zu verwechseln. Wenn man beispielsweise an einem Gymnasium Millionen für den Bau und Betrieb einer Mensa ausgibt, dafür aber den Unterricht im Griechischen und die von Josef Vital Kopp 1960 geforderte Verstärkung der Naturwissenschaften als der heute zukunftsweisenden Fächer einspart, liegt für die künftigen Mainbergers und Kopps und Sloterdijks oder wie sie alle heissen, eine klare Verschlechterung ihrer Bildungschancen vor. Dass Mainberger kurz nach der Wende in Jena, wo zur DDR-Zeit einiges an Bildungstradition demoliert wurde, eine flammende Vorlesung über die Latinität hielt, scheint heute aktueller als 1992.

Unbeschadet einiger Thesen, wo er vielleicht eine prinzipielle Radikalität trotz theoretischer Berechtigung hätte in die Zügel nehmen können, war und blieb Bildung für Mainberger Lebenskunst. An die Adresse der traditionellen Seelsorge, den guten Tod betreffend, schon für den Dominikaner Heinrich Seuse ein zentrales Anliegen kritisierte und relativierte er: Wer nicht zu leben gelernt habe, dem gegenüber sei es ungerecht, ihm das Sterben beizubringen. Eine solche Ideologie lehnte er als Manichäismus, Leibfeindlichkeit, ab, die übertriebene Beschwörung des Guten und des Reinen. In diesem Sinn galt für ihn, wie er in Jena bekannte: „Latinität ermächtigt dazu, sich der eigenen Besserwisserei und den Beschwörern des absolut Guten und Reinen zu widersetzen.“

Zum philosophischen und theologischen Schaffen von Gonsalv Mainberger:

Dr. phil., lic. theol., geboren 1924 in St.Gallen, verstorben in Zürich

Ausbildung in aristotelisch-scholastischer Philosophie und Theologie an der Universität Fribourg (1943-1945, 1948-1952).

Promotion 1957: „Seinsstufung als Methode und Metaphysik“. Studienaufenthalte in Tübingen, Marburg und Köln. Humboldt-Stipendiat

1967-1968 (K.-H. Volkmann-Schluck, Köln). Gastwissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung 1981-1982 (München).

Unterrichtete Philosophie im ehemaligen Belgisch-Kongo und in Belgien 1958-1967; später als Gastdozent an verschiedenen deutschen und schweizerischen Hochschulen und als Lehrer an der Kantonsschule Zug. Lehrbeauftragter am Philosophischen Institut der Schiller-Universität Jena 1991-1992. Lehrbeauftragter für rhetorische Textanalyse am theologisch-praktischen Kurs der Theol. Fakultät Bern mit Forschungsschwerpunkt Rhetorik..

Wichtige Veröffentlichungen:

Das Heilige in Licht und Zwielicht (mit Iso Baumer), Zürich 1966

Widerspruch und Zuversicht – Die Glaubenssituation im Lichte der Denkgeschichte und der Verkündigung, Olten und Freiburg 1967

La domaine du sacré, Paris 1967

Das unterscheidend Christliche. Luzernerpredigten. Luzern 1968

Weltgespräch (mit Karl Kerényi), Sprache und Wahrheit, Wien – Freiburg –Barcelona 1969

Jesus starb umsonst. Sätze, die wir noch glauben können, Freiburg i. B. 1970

Gott lebt und stirbt mit dem Menschen, Freiburg i. B., 1970

Rhetorica I: Reden mit Vernunft. Aristoteles. Cicero. Augustinus, frommann-holzboog Stuttgart 1987

Rhetorica II: Spiegelungen des Geistes. Sprachfiguren bei Vico und Lévi-Strauss. frommann-holzboog Stuttgart 1988

Sic et non. Jena 1992.

Rhetorische Vernunft. Oder: Das Design in der Philosophie. Passagen Wien1994

Wege und Umwege zur Wahrheit. Figurationen der Vernünftigkeit. Hrsg. v. Ingolf U. Dalferth u. Philipp Stoelger, Tübingen 2004

Elend ohne Rettung. Montaigne – Pascal – Pessoa. 2007.

Philosophie und Atheismus. Die Schmuggler entwischen den Zöllnern, Tabula rasa (Zeitschrift für Philosophie) Januar 2008

 

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

Gedanken und Erinnerungen an Gonsalv Konrad Mainberger hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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