Lebendige Erinnerung

21. März 2015

Hans Erni

Hans Erni, in der Schweiz als Jahrhundertkünstler wie wenige hochgeschätzt, wurde am 21. Februar 1909 als Sohn eines Dampfschiffmaschinisten und einer Bauerntochter in Luzern geboren. Verstorben ist er in der dortigen Klinik St. Anna am 21. März 2015, dem Todestag des Landesheiligen Klaus von Flüe. Wie seine zwei Jahre zuvor verstorbene Schwester Marie erreichte er eine Ausnahmelebenszeit von 106 Jahren. 1941 hatte der lebenslang von begeisternden Visionen geprägte Künstler die Mutter des in Basel tätig gewesenen Arztes Paracelsus gezeichnet. 1973 hat er den revolutionären Doktor aus Einsiedeln porträtiert, wie er sich über den Makrokosmos Natur und den Mikrokosmos Mensch Gedanken machte. Dazu gehörte die Theorie „de vita longa“, über das lange Leben. Hans Erni hat dieser Philosophie wohl wie kein zweiter Schweizer bis ins 107. Lebensjahr nachgelebt.

Gemäss dem von Erni gezeichneten Paracelsus könnte der Mensch, wäre er nur endlich mit der Natur versöhnt, sogar bis 146 Jahre alt werden. Das war eine Utopie, so wie der junge Hans Erni für gesellschaftliche Utopien schwärmte. Bei vielen Künstlern seiner Generation verkörperte der Kommunismus das utopische Denken schlechthin. Vom Stalinismus hat sich Erni vor 60 Jahren – aus Anlass des Ungarn-Aufstandes – losgesagt. Mit zur marxistischen Utopie gehörte, mit Schnittmengen zum Schweizer Liberalismus, der Glaube an die Technik und ein optimistisches Weltbild. Davon liess sich Erni nicht abbringen. In diesem Sinn verstand sich der Luzerner Kunsthandwerker zeitlebens als sozialer Humanist. In diesem Sinn hatte ihn 1943 der Kunsthistoriker Konrad Farner in einer Monografie dargestellt. Farner war jener Schweizer Kommunist, der sich noch in den sechziger Jahren für die Rezeption von Jeremias Gotthelf in der DDR stark machte. Es ging um ein Verständnis des Humanismus, bei welchem neben technischen Visionen je nachdem christliche, ja sogar konservative Vorstellungen von gelingendem Leben ihren Platz finden konnten.

Hans Erni war, unbeschadet seiner Kontakte mit der Moderne, von Picasso bis Chagall (die ihrerseits zu den Lebensbejahenden unter den Modernen gehörten) ein Künstler, der die Menschen liebte. Er griff die grossen Themen seiner Zeit auf: die Schweiz als einstige Insel des Friedens, „das Ferienland der Völker“ (Landesausstellung 1939), die AHV und das Frauenstimmrecht als Hoffnung und nicht als Endstation herkömmlicher Vorstellungen von Gesellschaft. Ab den siebziger Jahren folgten Warnungen betreffend Umweltzerstörungen, einschliesslich des Waldsterbens, welches Erni, der Unverwüstliche, zu seinem eigenen Erstaunen zu überleben wusste. Das Hans-Erni-Museum, eröffnet 1979, im Schweizer Verkehrshaus verdankte der Künstler der freundschaftlichen Beziehung mit dessen Gründerpionier Alfred Waldis sowie der Erni-Begeisterung von Bundesrat und Kulturminister Hans Hürlimann.

Hans Erni, seit 70 Jahren auch in den USA und in Japan geschätzt, war zeitlebens einer der anerkanntesten und umstrittensten Kulturschaffenden der Schweiz. Mit Neidern und ressentimentgeladener Kritik war der Träger des „Livetime Awards“ des Schweizer Fernsehens genügend eingedeckt. Die Meldung von seinem Tod war noch kaum in die Öffentlichkeit gegangen, da wurde der Verstorbene schon von einem der bekanntesten Kunstkritiker des Landes (Fritz Billeter) als Produzent von „Bilderbuchkitsch und „verwässertem Modernismus“ abgekanzelt, als stehen gebliebener Künstler mit veraltetem Weltbild in die Pfanne gehauen. Entsetzlicherweise soll sich Erni sogar unkritisch über die ersten Herztransplantationen begeistert haben.

Der Vorwurf an Erni, einem erarbeiteten eigenständigen Stil treu bleiben zu wollen, könnte für Dutzende, um nicht zu sagen Hunderte grosser Meister aus allen Zeiten erhoben werden. Dass Hans Erni noch mit über 100 Jahren eine der vielleicht eindrücklichsten Kirchenmalereien des neueren Schweizer Protestantismus, die Glasmalereien im reformierten „Temple“ von Martigny, geschaffen hat, lässt manchen kunsthistorischen Schrott, zum Beispiel bei der Expo 2001, vielleicht noch für Generationen hinter sich.
Für das Verständnis von Hans Erni wären nicht bloss seine ambivalente Prägung durch die Moderne wie sein Abstand vom intellektuellen Kunstdiskurs zu reflektieren. Noch stärker fallen sein durch Begeisterung und Meditation geprägter Charakter und seine sozusagen „biologische“ Unverwüstlichkeit ins Gewicht. In der neueren schweizerischen Kunst- und Kulturgeschichte war Erni ein auf kunstvolle Art gepfropfter Birnbaum. Im Kommen und Gehen der Modeströmungen hat er Jahr für Jahr erstaunliche und für viele geniessbare Früchte gezeitigt. Das Kostbarste, was ein Birnbaum hervorbringen kann, bleiben Birnen. Von ihm zu verlangen, Zylinderkapseln, wenn möglich aus Asbest, zu produzieren, wäre wohl zu viel verlangt und letztlich keine sinnvolle Kritik. Analog gilt für Hans Erni: Fast jedes seiner Werke gleicht nun mal seiner Urvision von Kunst und Natur so sehr wie eine Birne der Urvision eines Birnbaums ähnlich ist. Über künstlerisches und politisches Ideologisieren ist Hans Erni im Verlauf seines Schaffens hinaus gelangt. Er ist dabei trotzdem und erst recht sich selber treu geblieben.

Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

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