Lebendige Erinnerung

13. August 2013

Lothar Bisky

Lothar Bisky, ein gebürtiger Hinterpommer aus Zollbrück, Landkreis Rummelburg, wurde am 17. August 1941 geboren und starb in Leipzig kurz vor seinem 73. Geburtstag, dem 52. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin am 13. August 2013, im Ruf eines angesehenen deutschen Politikers.

Als Vertreter und zeitweiliger Parteiführer der Partei PDS/Die Linke erreichte der überzeugte Kommunist parteiintern und in der Öffentlichkeitswirkung, auch als Mitglied des Europäischen Parlaments, eine erstaunliche Glaubwürdigkeit. Der ehemalige Rektor der einst gleichgeschalteten Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam, der am 4. November 1990 noch gerade rechtzeitig, mit seinem Weggefährten Gregor Gysi, auf die Linie des sogenannten Reformkommunismus umgeschwenkt war, galt für seine grundsätzlich umstrittenen biographischen Verhältnisse als ein umgänglicher und vor allem kultivierter Politiker mit DDR-Vergangenheit. Von einer typischen DDR-Biographie konnte insofern nicht die Rede sein, weil Bisky zu dem Promille der Westflüchtlinge in die DDR gehörte, unter denen es zwar einige Prominente und später wieder Enttäuschte gab, so etwa den oppositionellen Liedermacher Wolf Biermann. Für eine vergleichbare Laufbahn verlief jedoch die Karriere von Bisky allzu erfolgreich. Ebenso gilt die unrühmliche Ausspionierung des Schriftstellers Erich Loest durch seine Gattin Almuth nicht gerade als ein Beispiel für das gute Gewissen des sogenannten Reformkommunismus. Diese Faktoren dürften dazu beigetragen haben, dass es Bisky trotz mehrmaliger Versuche zur Wahl zum Bundestagsvizepräsidenten nicht reichte.

Bei diesen Hintergründen erwies sich jedoch Bisky als geschickter Politiker, der zusammen mit Gregor Gysi und Oskar Lafontaine wesentlich dazu beitrug, dass entgegen den Hoffnungen vieler aus dem linken und dem rechten Lager Deutschlands die Linkspartei bzw. die Linke mehr blieb als eine politische Eintagsfliege. Publizistisch betätigte sich Bisky noch während zweier Jahre als Herausgeber der Zeitung „Neues Deutschland“, welche sich trotz ihrer unrühmlichen Vergangenheit als stalinistisches Parteiblatt eine zum Beispiel im Bereich der Kultur durchaus beachtliche Stellung im deutschen Blätterwald zu behaupten vermochte.

Typisch für Bisky scheint auch, dass er nicht nur mit Liberalen wie Westerwelle zu einem konstruktiven Gespräch fand, sondern sogar mit dem bekannten Totalitarismus-Kritiker und radikalliberal-eigensinnigen deutschjüdischen Intellektuellen Henrik M. Broder. Bisky ist ein Beispiel dafür, dass es der radikalen Linken in Deutschland gelungen ist, sich in die neue Bundesrepublik der Zeit nach 1989 weitgehend, nicht zuletzt unter dem Motto des sogenannten Antifaschismus, zu integrieren.

Weit aus dem Fenster lehnte sich Lothar Bisky mit der Leugnung des DDR-Schiessbefehls an der Mauer, welche er jedoch nicht als Leugnung von Unrecht an der innerdeutschen Grenze verwechselt haben wollte. Diese und andere Stellungnahmen werden sein Bild in der deutschen Zeitgeschichte bis auf weiteres umstritten machen, wiewohl es keineswegs angebracht scheint, ihn mit Stalinisten und Nazis zu vergleichen. Wie nicht wenigen aus dem Umfeld der beiden totalitären politischen Gruppierungen ist es ihm nämlich gelungen, sowohl unter Bedingungen der Diktatur wie auch unter denjenigen der Demokratie den Kopf ziemlich weit oben zu behalten und für sich selber wie für nicht wenige Gleichgesinnte sich den Umständen entsprechend erfolgreich zu etablieren. Dazu bedurfte Bisky nicht nur der Eigenschaften des gewieften Opportunisten mit dem eben so gerühmten wie geschmähten sogenannten Augenmass. Dann und wann in seinem Leben scheint er auch Mut gezeigt zu haben, und seine politischen und sonstigen Irrtümer sind weithin das Werk eines Überzeugungstäters. In der Würdigung und Kritik der Nachwelt muss sich der Mann, der im nordsächsischen Schildau lebte, über alles gesehen den Vorwurf, ein Schildbürger gewesen zu sein, wohl nicht nachsagen lassen.

Lothar Bisky hinterlässt zwei überlebende Söhne, die sich auf kulturellem Gebiet, nämlich als Maler (Norbert Bisky) und Schriftsteller, erfolgreich durchgesetzt haben, so Jens Bisky als Verfasser einer exzellenten Biographie von Heinrich von Kleist, einem Lesebuch zum Thema „Friedrich der Grosse“ sowie einem schon 2004 erschienenen denkwürdigen Buch mit dem Titel „Geboren am 13. August 1961 – Der Sozialismus und ich“. Der letztere Buchtitel ist durch das Todesdatum des Vaters zu einer erneuten beinahe fatalen Aktualität gelangt.

Dr. phil. Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

Einträge:

Ein Mensch ist gestorben, ein Mensch, den ich sehr mochte, ein Mensch, der mir in den kurzen Augenblicken, die wir uns begegneten, viel gegeben hat! Danke Lothar! Mein Mitgefühl ist jetzt bei seiner Familie!

»Wir dürfen nichts auf die Umstände schieben, wir müssen die Demokratie ernst nehmen« Lothar Bisky

Voller Ehrfurcht verneige ich mich vor diesem Mann, den ich persönlich kannte! Er war ein herzensguter Mensch, sehr feinsinnig, sehr ausgleichend, hatte einen tiefsinnigen Humor – er bevorzugte die leisen Töne – eine Vaterfigur – ein Freund – er hat zugehört, wirklich zugehört und sich Zeit genommen- immer! Und er ist an seiner Partei fast verzweifelt die letzten Jahre!

»Gut, dass Du immer noch Dein Ding machst, dass Du kämpfst für Soziale Chancengerechtigkeit« hat er immer gesagt.

Ich raff es einfach nicht! Ach Lothar – ich bin so traurig! Was bleibt sind Erinnerungen, Fotos und für immer ein Platz in meinem Herzen!

Eintrag by Heidelinde Penndorf am 17.August 2013


Der Satz „Wir dürfen nichts auf die Umstände schieben, wir müssen die Demokratie ernst nehmen“ ist hochgradig zitierbar und zeigt schon für sich allein, dass Bisky ein überdurchschnittlicher Politiker gewesen sein muss. Das Echo von Heidelinde Penndorf auf meinen mit gebotener Kritik formulierten Nachruf betont, dass das Menschliche letztlich noch wichtiger ist als das Politische (was ein knallharter Marxist zwar leider nicht sagen würde) und ist über alles gesehen ein vielleicht noch wertvolleres Zeugnis als alles, was man so über einen Politiker in der Zeitung oder auch in einem offiziellen Nachruf schreibt. Ich spreche Frau Penndorf dafür meine Hochachtung aus.

Eintrag by Meier Pirmin am 19.August 2013


Sehr geehrter Herr Dr. phil. Pirmin Meier,

Danke, sie haben meinen Schmerz gespürt – der nicht weniger geworden ist.

Man sagt immer jeder Mensch ist ersetzbar – nein – so ist es eben nicht.
Lothar Bisky kann nicht ersetzt werden, weder als Politiker noch als Mensch.
Die Lücke wird sich nie schließen

Ich danke Ihnen für Ihre Achtungsbezeigung und spreche auch Ihnen meine Hochachtung aus.

Heidelinde Penndorf

Eintrag by Heidelinde Penndorf am 27.Oktober 2013


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