Lebendige Erinnerung

9. März 2013

Gervasio Marcosignori

Gervasio Marcosignori (Castelfidardo, 03.12.1927 – Cesena, 09.03.2013), Gründungsvater des künstlerischen Akkordeonspiels

Vor ein paar Tagen erfuhr ich erschrocken und unerwartet beim Internet-Surfen:
Ein musikalischer Held meiner Jugend ist tot – seit zweieinhalb Jahren.
Er starb am Tag nach meinem 57. Geburtstag. Zwar wurde er gut 85 Jahre alt; bei den Leuchttürmen unseres Lebens denken wir nur immer (völlig irrational), sie seien unsterblich.
Angesichts der zahlreichen YouTube-Veröffentlichungen und unserer Erinnerungen ist und bleibt
Gervasio Marcosignori das auch.

1959, bei dem „Oscar Mondiale della Fisarmonica“ (dem späteren ‚Coupe Mondial‘, wie die Solo-Akkordeon-Weltmeisterschaft noch heute heißt) war Gervasio Marcosignori Akkordeonweltmeister geworden.
Und woher kenne ich ihn? Wieso macht sein Tod mich betroffen?
Sechs bzw. sieben Jahre später, 1965 und 1966, trat er zweimal in Mannheim auf (im sogenannten ‚Rosengarten‘) – für mich als Neun- bzw. Zehnjährigem eine klangliche und charismatische Sensation, die mich in den Folgejahrzehnten prägen sollte.
Lange zuvor hatte er (1934) mit erst sieben Jahren dem italienischen ‚Duce‘ Mussoloni vorgespielt, später u.a. der englischen Königin Elisabeth und dem Papst Johannes Paul II. – und Mitte der 60er Jahre uns staunenden Mannheimer Harmonikakindern.
Dort spielte er Stücke, an denen wir bald schon ehrgeizigen Nachwuchsakkordeonisten uns später selbst versuchen sollten – allerdings meisterte er sie im Gegensatz zu uns fehlerfrei und virtuos.

Erinnern kann ich mich noch an
die Ouvertüre zur „Diebischen Elster“

den Hummelflug

das Preludio von Volpi

das Divertimento von Kramer

Gervasio Marcosignori wurde von der gesamten Akkordeonwelt gefeiert. Selbst blieb der ‚Dichter des Akkordeons‘ (so ein Kompliment des italienischen Komponisten und Landmanns Adam Volpi, s.o.) freilich immer liebenswürdig, bescheiden.
Damals hinterließ er unserem Verein, dem Harmonika-Club „Rheingold Mannheim-Käfertal“
http://www.hc-rheingold.de/matinee2015.html#matinee
gratis einige Stücke als Kopie – und Jahre später durften wir Heranwachsenden sie üben, spielen und bei Konzerten aufführen.
Mich selbst hat insbesondere das äußerst anspruchsvolle „Divertimento“ von Kramer nicht mehr losgelassen; erst vor Jahren habe ich es in einem Seniorenheim noch einmal aufgeführt – natürlich im Gegensatz zum Weltmeister keineswegs mühelos und fehlerfrei.

In der Presse ist zu lesen, dass Gervasio Marcosignori keines natürlichen Todes gestorben sei; er habe sich in seinem Garten angezündet und sei den Folgen seiner schweren Verbrennungen erlegen.
Ich selbst glaube, es war ganz anders. Er spielte ein allerletztes Mal so leidenschaftlich, brillant und in atemberaubendem Tempo, dass die Akkordeonluft um ihn Feuer fing. Er wurde sofort ohnmächtig – ein gnädiger Tod kurz nach dem seiner geliebten Frau…

Ein für heute letztes Ständchen. Auch wer bislang noch nicht vom Akkordeon und von seiner musikalischen Vielseitigkeit überzeugt oder gar (wie ich noch immer, nach 50 Jahren) begeistert war, wird an dieser Interpretation eines Gershwin-Medleys (einschließlich der Rhapsodie in Blue) Gefallen finden – einer Aufnahme auf Gervasio Marcosignoris elektronischem Akkordeon von 2010):

Was erwartet uns Musikanten nach unserem Tode? Nach dem Energieerhaltungssatz sind das Talent, die Fingerfertigkeit, die Virtuosität der Begabten unter uns ja keineswegs verloren oder auf uns minderbegabte Hinterbliebenen übergegangen.
Nehmen wir einmal uns zum Trost an, Gervasio Marcosignori sitzt auf einer himmlischen Spezialwolke in strahlendem Dur – mit einer Akkordeonsonderanfertigung (denn sein irdisches Instrument steht in irgendeinem Museum in Mailand oder Turin), umgeben von genussvoll lauschenden anderen Größen des Instruments:
Rudolf Würthner, der bedeutendste deutsche Akkordeonkomponist, berühmter Dirigent und seinerseits 1949 Vize-Weltmeister
http://www.portal-der-erinnerung.de/1974/12/03/rudolf-wuerthner/

Fritz Breunig, leitender Angestellter einer Weltfirma und geprüfter Harmonikalehrer
http://www.portal-der-erinnerung.de/1979/07/25/fritz-breunig/

der Virtuose und jahrzehntelange Leiter des Trossinger Harmonikaorchesters Hermann Schittenhelm, die deutschen Meister Hans Rauch und Karl Perenthaler…
Da kommt ein Riesenorchester zusammen, das dem lieben Gott vielstimmig zwar nicht mit Engels-, aber mit Stimmzungen huldigt.

Ich selbst werde nachher schon mal üben. Das angemessen anspruchsvolle Üb-Repertoire steht schon mal fest:
die Ouvertüre zur „Diebischen Elster“ von Rossini, der „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow, das „Preludio“ von Volpi und Gorni Kramers technisch verflixt schwieriges „Divertimento“.

 

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Einträge:

Die Internet-Quellen sind sicher für die Veranschaulichung und Verlebendigung unserer Verstorbenen eine Bereicherung, manchmal aber auch ein Fluch – nämlich dann, wenn die Quelle plötzlich versiegt.
Weil doch viele Akkordeonisten das Preludio von Volpi hören wollen, hier eine neue, noch zugängliche Quelle.
Ich selbst übe das Stück regelmäßig und werde es am 2. Weihnachtsfeiertag in kleinem familiären Kreis aufführen – in Erinnerung an mein akkordeonistisches Vorbild der 60er Jahre Gervasio Marcosignori, den ‚Dichter des Akkordeons‘:

https://www.youtube.com/watch?v=Wb-1wWy04Uo

Eintrag by Dipl.-Päd. RL Fred Maurer am 19.Dezember 2015


Gervasio Marcosignori ist tot, das Akkordeon soll leben. Von grösster Bedeutung ist das Akkordeon auch in einigen Filmen von Federico Fellini, etwa „Amarcord“, wo ein Blinder das Instrument spielt. Insgesamt sind die „lateinischen“ Akkordeonisten für die Kultur des Instruments von oft aussergewöhnlicher Ausstrahlung. Zu den Höhepunkten des Regionalen Akkordeonorchesters von Peter Frey gehörten jeweils die Reisen nach Südamerika, nicht zuletzt Argentinien und Brasilien.

Pirmin Meier, ehemaliger Lehrer für Allgemeinbildung im Musikstudio Frey Reinach/AG Schweiz

Eintrag by Meier Pirmin am 9.März 2016


Gedanken und Erinnerungen an Gervasio Marcosignori hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

© 2016 Portal der Erinnerung ist ein Projekt von hassheider koeln
Wp | Anmelden |