Walter Roderer
Walter Roderer, geb . am 3. Juli 1920 in St. Gallen, verstorben am 8. Mai 2012 in Illnau, Kanton Zürich, war einer der beliebtesten und erfolgreichsten Schweizer Volksschauspieler. Nach dem humanistischen Gymnasium mit Latein und Griechisch in St. Gallen begann Roderer ein Germanistikkstudium in Zürich. Zugleich verdingte sich in Nebenrollen am Schauspielhaus und kam früh zu Engagements im damals berühmten “Cabaret Fédéral”.
Hohe Bekanntheit erreichte seine Stimme in der als Strassenfeger bekannten Hörspielfassung des späteren Films “Oberstadtgass”, wo Roderer einen Vertreter namens “Muggli” mimte. Diese Rolle lag ihm umso mehr, als er schon als Student dann und wann als Vertreter für Bohnerwachs gearbeitet hatte.
Bereits hier scheint er seine Standardrolle gefunden zu haben, nämlich die Darstellung des leicht verklemmten Schweizer Durchschnittsbürgers, jedoch mit wesentlichen Unterschieden zu dem mehr offen-unverfroren-naiven Auftreten des späteren Bühnen- und Filmstars Emil Steinberger.
Roderers Rollen wurden auch, im Sinne einer bekannten Karikatur in der Satirezeitschrift “Nebelspalter”, als die eines “Herrn Schüüch” charakterisiert. Der Unternehmertypus Roderer hat sich nicht besonders gut in bestehende Ensembles integriert. Schon ab Ende der fünfziger Jahre zog er es vor, mit einem eigenen Theaterunternehmen unterwegs zu sein. Am erfolgreichsten, nämlich mit weit über 1 200 Aufführungen, spielte er den “Mustergatten”, ebenfalls sehr beliebt wurde, mit um die 800 Aufführungen, der “Buchhalter Nötzli”, womit er in einer hochdeutschen Version auch in Deutschland zahlreiche Säle füllte.
In den neunziger Jahren trat Walter Roderer auch als einer der bekanntesten Repräsentanten der Schweizer Gegner eines Beitritts in den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und der Europäischen Union (EU) auf mit Anzeigen, bei denen er sich bei einem Teil des damaligen Establishments ins Abseits setzte. Umso grösser wurde dadurch jedoch seine Beliebtheit beim kleinbürgerlichen Durchschnittspublikum, dessen Geschmack und Stil er sich nicht nur anpasste, sondern den er auf eine durchaus glaubwürdige Weise repräsentierte. Dabei neigte man regelmässig dazu, diesen Schauspieler und aufrechten Bürger zu unterschätzen. Der Charaktertypus, den Roderer repräsentiert, wurde vom Dichter Robert Walser einmal als “heimlifeiss” charakterisiert. Damit sind Unterschätzte gemeint, die es nichtsdestotrotz dick hinter den Ohren haben.
Walter Roderer war dreimal verheiratet, wobei er sowohl seine erste Gattin Lenke wie auch seine zweite Ehefrau Ruth Jecklin, eine seiner wichtigsten Bühnenmitarbeiterinnen, durch den Tod verloren hatte. Zuletzt war er, was im Schweizer Boulevard einiges Aufsehen erregte, mit seiner Grossnichte Annina Stancu verheiratet, wie es hiess, in einer sog. “Josefsehe”, bei der es Roderer nebst Verbundenheit und Sympathie wohl auch um die Regelung von Erbschaftsfragen gegangen zu sein schien. Roderer hat im Alter von 87 Jahren dann reichlich spät aber nichtsestoweniger verdient den bekannten Schweizer Unterhalter-Preis “Walo” für sein Lebenswerk erhalten, desgleichen 2010 einen Fernsehpreis ebenfalls für sein Lebenswerk. Wie wenige Kulturschaffende seines Landes war Walter Roderer während seiner ganzen langen Karriere im unpolitischen und politischen Sinn des Wortes ein Mann des Volkes.
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
6215 Beromünster