Lebendige Erinnerung

12. März 2012

Timo Konietzka

Friedhelm, genannt “Timo” Konietzka war ein deutscher und schweizerischer Fussballspieler und Trainer, nebst anderem bekannt geworden als Schütze des allerersten Tores in der Geschichte der Bundesliga und als wohl populärster deutscher Spieler aller Zeiten in der obersten Schweizer Fussball-Liga. Geboren am 2. August 1938 in Lünen (Westfalen), machte er am 12. März 2012 in Brunnen (Kanton Schwyz) aufgrund eines Gallengangskarzinoms mit einem Todescocktail seinem Leben selbst ein Ende. Für seinen langjährigen Weggefährten Köbi Kuhn, späteren Schweizer Nationaltrainer, kam dieses Ende etwas “plötzlich”, womit wohl angedeutet wurde, dass ein solcher Hinschied, bei aller Respektierung der freien Entscheidung, für einen Kreis nahestehender Freunde durchaus ein Problem sein kann. “Ging das jetzt alles schnell”, vermerkte Kuhn zur Zeitung “Blick”: “Wir haben uns erst noch gesehen, da war Timo noch gut drauf.” Sterben muss jeder allein, aber man stirbt nicht für sich allein. “Der Mensch ist bei den Leuten”, formulierte es einmal der Arzt Paracelsus (1493 – 1541), der mit Konietzka und anderen wohl zu den prominentesten einstigen Bewohnern des Kantons Schwyz zu zählen ist.

Konietzka begann mit dem Fußballspielen beim VfB 08 Lünen. Der damalige Trainer Borussia Dortmunds, Max Merkel, entdeckte sein Talent und baute ihn in die Oberligamannschaft des BVB ein. Zusammen mit seinem Sturmpartner Jürgen „Charly“ Schütz bildete er den torgefährlichsten Innensturm der Oberliga West. Konietzka bestritt ab 1963 für Borussia Dortmund und von 1965 bis 1967 für den TSV 1860 München insgesamt 100 Bundesligaspiele und erzielte dabei 72 Tore. In den ersten drei Bundesligajahren wurde er jeweils zweiter in der Torschützenliste. In 9 Länderspielen für die deutsche Fußballnationalmannschaft erzielte er 3 Tore.

Im letzten Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft im Stuttgarter Neckarstadion wurde er 1963 mit Borussia Dortmund durch einen 3:1-Sieg gegen den favorisierten 1. FC Köln Deutscher Meister.
Timo Konietzka ging in die Fußballgeschichte ein, als er am 24. August 1963 beim Spiel zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund in der ersten Spielminute das erste Tor der neu gegründeten Bundesliga für Dortmund erzielte. 1965 gelang es ihm erneut, und damit als einzigem Spieler zum zweiten Male, das erste Tor einer Saison zu erzielen, als er – nunmehr für den TSV 1860 München spielend – wiederum bereits in der ersten Spielminute gegen den Lokalrivalen und seinerzeitigen Aufsteiger FC Bayern traf.

Seine größten Erfolge als Spieler waren mit Borussia Dortmund der Gewinn der deutschen Meisterschaft 1963, der letzten vor der Einführung der Bundesliga, und des DFB-Pokals 1965. Mit dem TSV 1860 München gewann er 1966 die deutsche Meisterschaft. Am 8. Spieltag der Saison 1966/67 wurde er im Spiel gegen Borussia Dortmund wegen einer Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter vom Platz gestellt und für 6 Monate gesperrt. Dies ist die längste Sperre in der Bundesligageschichte für einen Platzverweis.

Im Alter von 29 Jahren wechselte Konietzka 1967 überraschend von der Bundesliga in die Schweiz zum FC Winterthur, der damals in der Nationalliga B spielte, und verhalf dem Verein 1968 zum sofortigen Wiederaufstieg in die NLA und zum Einzug ins Pokalendspiel im gleichen Jahr. 1971 beendete er schließlich beim FC Winterthur seine Karriere als Spieler.

Als Trainer führte Konietzka späterhin den FC Zürich zu drei Meistertiteln, den Grasshopper-Club zuletzt (1982) zu einem Meistertitel. 1977 schaffte er es sogar mit dem FC Zürich gegen Liverpool in den Halbfinal des Meistercups (heute Champions League), was bis heute keine Schweizer Mannschaft mehr erreicht hat. Später hat Konietzka in verschiedenen Vereinen noch Juniorenarbeit geleistet, so wie er sich zeitlebens, nicht nur als Kolumnist der Tageszeitung “Blick”, mit Land und Leuten zutiefst verbunden zeigte. Seine Volksverbundenheit bestätigte er dann im Kanton Schwyz auch als Gastwirt, zuerst im Hotel “Drei Könige” in Schwyz, später im “Ochsen” in der Gemeinde Brunnen. Konietzkas Hähnchen, “Güggeli” genannt, wurden schweizweit bekannt. Die eigentliche Führung der Lokale, für deren Popularität er indes durch seine Präsenz wesentlich beitrug, unterstand seiner Gattin Claudia. Noch 2012 wurde Konietzka zum Bartlivater, also der höchsten Fasnachtsperson Ingenbohls erkoren. Dieses christliche Brauchtum, das einen Zusammenhang mit dem Totenkult hat, ist im Kanton Schwyz zutiefst verankert.

Schon im Februar 2011 hatte Timo Konietzka offen über den herannahenden Tod gesprochen: “Ich will nicht irgendwann drei bis fünf Jahre künstlich am Leben gehalten werden. Ich habe schriftlich hinterlegt, wie ich aus dem Leben scheiden möchte. Ich kann so meine Frau und meine ganze Familie entlasten. Ich halte es für ein grosses Problem in unserer Gesellschaft, dass man Leute, die sterben wollen, nicht gehen lässt. Wenn einer sterben will, dann möchte er nicht mehr leben. Das muss man akzeptieren.” In diesem Sinn verstand sich Konietzka als “Botschafter” der Sterbehilfeorganisation “Exit”, deren Dienste er dann auch in Anspruch genommen zu haben scheint.

Die grösste Bedeutung erlangt Timo Konietzka wohl mit seiner Bereitschaft, auf vorbildliche Weise nicht nur die Karriere eines Sportlers bestritten zu haben. Er hat auch in der Zeit “nachher” nicht einfach nur Geldanlagen getätigt, sondern ist im besten Sinne ein Mann des Volkes geworden. Was man etwa in Sachen Einbürgerung von Ausländern in der Schweiz als “gut integriert” versteht, hat Timo Konietzka wie wenige vorgelebt. Zusammen mit dem gegenwärtigen Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld war er mutmasslich der beliebteste Deutsche in der Schweiz. Damit bestätigt sich, wie es jeweils der Schweizer FIFA-Präsident Sepp Blatter auszudrücken pflegt, einmal mehr der verbindende und verbindliche Charakter der Weltsportart Fussball.

Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schrifsteller
CH-6215 Beromünster

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