Lebendige Erinnerung

26. Februar 2012

Abt Georg Holzherr

Der Alt-Abt von Einsiedeln war allgemein bekannt als Abt Georg Holzherr; Karl Maria war sein schon 1948 abgelegter bürgerlicher Vorname: er wird hier gewürdigt
als Georg Karl Maria Holzherr.

Karl Maria Holzherr, Ehrenbürger der Stadt Zürich, als Benediktiner mit dem Namen Abt Dr. iur. can. Georg Holzherr in die Annalen des Ordens eingegangen, amtierte zwischen 1969 bis 2001 als der insgesamt 57. Vorsteher der weltberühmten Benediktinerabtei Maria Einsiedeln in der Schweiz.

Geboren am 22. Januar 1927 in Langendorf im Kanton Solothurn, verstarb er im Alter von 85 Jahren am Sonntagabend, den 26. Februar in seiner letzten Eigenschaft als geistlicher Betreuer (Spiritual) der Benediktinerinnen im Kloster St. Lazarus bei Seedorf im Kanton Uri, einer vormaligen Spitalgemeinschaft aus dem 12. Jahrhundert, dem ältesten noch in Betrieb stehenden Ordenshaus entlang des nördlichen Gotthardweges. Am 4. Februar 2002, wenige Wochen nachdem das Amt des Einsiedler Abtes von ihm zu Martin Werlen wechselte, zog Alt-Abt Georg Holzherr im Benediktinerinnenkloster St. Lazarus in Seedorf ein. Als Spiritual aus dem Kloster Einsiedeln setzt er somit eine gut 300-jährige Tradition fort.

Er war zuständig für die geistliche Betreuung der zuletzt noch 14 Schwestern. Die tägliche Feier der Eucharistie gehörte ebenso dazu wie Vorträge halten oder die Beichte hören. «Aber mich in Kloster-Interna einmischen», wehrte Abt Georg in einem Gespräch zu seinem 80. Geburtstag entschieden ab, «das käme nicht gut.» Nicht der Spiritual stehe der Gemeinschaft vor, sondern die Äbtissin Veronika Bernet.

Ihm persönlich gehe es gut, besser als in seiner Amtszeit als Abt, wo er ständig unter Stress gestanden sei, bekannte der Alt-Abt. Mit 77 Jahren habe er noch den Gitschen bestiegen, einen furchteinflössenden steilen Brocken, 2540 Meter hoch und direkt vor der hübschen und gepflegten Barockanlage der Schwestern zu St. Lazarus thronend. «Seedorf», sinnierte Abt Georg, «diese Ruhe liegt mir.» Als Spiritual sei ihm ein «wohlwollendes Tagesprogramm» gegönnt gewesen, in dem auch eine Radtour oder eine Siesta hätten Platz finden können. So wurde das Tal Uri sein letztes Zuhause.

“Dass in allem Gott verherrlicht werde”, vermerkt das 57. Kapitel der Ordensregel des heiligen Benedikt, für deren Neuübersetzung und Neuherausgabe sich der Verstorbene hohe Verdienste erworben hat. Am 6. März 2012 hat die Ordensgemeinschaft der vierzehn Benediktinerinnen von Seedorf von ihrem Spiritual Abschied genommen. Wie die meisten seiner Vorgänger fand jedoch jedoch der Alt-Abt die letzte Ruhestätte in der Krypta von Einsiedeln. Als Tag der Beisetzung wird der 1. März 2012 vermerkt.

Wie eine Reihe von Persönlichkeiten aus der Schweiz, welche ihr Leben der Religion und der Philosophie gewidmet haben, ist Abt Georg Holzherr ein ehemaliger Schüler des seit 1229 historisch nachgewiesenen Gymnasiums von Beromünster, so auch sein Ordensbruder und Nachfolger als Lehrer für Philosophie und Ethik an der Stiftsschule Einsiedeln, Pater Lorenz Moser *1942, ein herausragender Kenner des britischen Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead. Da es in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts jedoch noch nicht möglich war, in Beromünster das Reifezeugnis zu erwerben, bestand der junge Karl Maria Holzherr 1948 die Matura in der Stiftsschule Einsiedeln. So hatte es 22 Jahre vor ihm schon der markante Beromünsterer Gelehrte, Philosoph und Altphilologe Josef Vital Kopp (1906 – 1966) gehalten, jener katholische Schriftsteller der Schweiz, der wie kein zweiter die Krise und den Aufbruch seiner Kirche in den fünfziger und sechziger Jahren zu beschreiben vermochte. Im Gegensatz zum vergleichsweise unsteten Kopp fühlte sich Holzherr vom benediktinischen Ideal der Beschauung und der “stabilitas loci” angezogen, also der Treue zu dem einmal gewählten Ort und Standort. Seine prägenden Bildungserlebnisse als junger Mönch waren Rom, wo er in Kirchenrecht doktorierte, die Mutterabtei Monte Cassino, wo er sich am 24. Juni 1953 zum Priester weihen liess und München, wo er sich nebst der Moraltheologie einem weiten Spektrum der Humanwissenschaften öffnete. Nach Abschluss seiner Studien wurde er in der Abtei Einsiedeln zum Lehrer der hauseigenen theologischen Schule berufen. Zusätzlich unterrichtete er Philosophie und Ethik an der Stiftsschule, eine Aufgabe, die sich auch sein Nachfolger im Amt des Abtes, der Walliser Martin Werlen, bis heute nicht nehmen liess. Als Gründer der Stiftsschule Einsiedeln gilt der heilige Wolfgang von Regensburg (924 – 994), der nebst anderen Tätigkeiten den heiligen Gotthard zum Priester geweiht hat, den nachmaligen Namensgeber des bedeutendsten Schweizerpasses. (Auch nach St. Wolfgang ist bekanntlich ein Schweizer Pass benannt.)

Der Schriftsteller Thomas Hürlimann teilte mir zum Hinschied seines Lehrers eine bemerkenswerte Anekdote mit:

“Erst durch Dich erfuhr ich vom Tod von Abt Georg. Wir verstanden uns gut, schon zu Stiftsschulzeiten. Vor der Matura lud er mich zu einem Spaziergang ein und fragte mich, ob ich nicht ins Kloster eintreten wolle, er könne sich das vorstellen.

Ich: Aber, gnädiger Herr, ich bin doch
Atheist.
Er: Das sind oft die Frömmsten.
Dann haben wir beide gelacht.”

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Zeit also, da der nachmalige bekannte Schweizer Schriftsteller und Welttheaterautor Thomas Hürlimann die Stiftsschule mit einem “Club der Atheisten” zu unterwandern versuchte, hätte es für den damaligen Philosophie- und Ethiklehrer genügt, sich der Herausforderung einer aufmüpfigen Jugend zu stellen. Die von Josef Vital Kopp beschriebene Krise der Kirche hatte aber unterdessen längst die innerste Zone des Heiligtums ergriffen. An einem offensichtlich trüben Herbstmorgen des Jahres 1969 hatte der ehemalige Sekretär des benediktinischen Abtprimas und Kardinals Benno Gut (1897 – 1970) und hochgelehrte Abt von Einsiedeln Raymund Tschudi (1914 – 2011) unter Hinterlassung des Klosterschlüssels ohne weitere Abmeldung das Weite gesucht. Notabene einer der Prälaten, der als voll stimmberechtigter Würdenträger alle Sessionen des Zweiten Vatikanischen Konzils mitgemacht und teilweise mitgestaltet hatte. So gross war der Schock über diesen in der tausendjährigen Geschichte des Klosters einmaligen Vorgang, dass Abt Tschudi nach seiner Resignation dann gebeten haben soll, seinen Namen auf einer in der Stiftskirche angebrachten Liste der Äbte von Einsiedeln nicht zu nennen.

Nach dieser Katastrophe in der Führung des wohl ehrwürdigsten Klosters im Alpenraum wurde die Wahl einer stabilen und stabilisierenden Persönlichkeit zu einer unabdingbaren Notwendigkeit. So sah sich Pater Georg, bis anhin nebst seiner Lehrtätigkeit Seelsorger in der Viertelpfarrrei Gross, Mitglied eines Ehegerichts mit Zuständigkeit für die Annullierung von Eheschliessungen und Sekretär der schweizerischen Benediktinerkongregation, am 10. Oktober 1969 unversehens zum Abt von Einsiedeln erhoben. Am 22. November desselben Jahres erhielt Pater Georg Holzherr, nach der päpstlichen Bestätigung, im Beisein bischöflicher Amtsbrüder die Abtsweihe.

Ein Herzensanliegen war Abt Georg im Kloster und in der Schweizer Bischofskonferenz, der er von 1969 bis 2001 als eines der massgeblich einflussreichen Mitglieder angehörte, die Erneuerung der Liturgie im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wo indes Unruhe Platz greift, so war es Abt Georg ein Anliegen, auf überzeitlich gültige Werte zu verweisen. Diese sah er primär im Ideal des Masses, wie dieses in der Regel des heiligen Benedikt wie in kaum einem zweiten Text des christlichen Abendlandes artikuliert ist. Der Gedanke von Adalbert Stifter, “Untergehende Völker verlieren zuerst das Mass”, schien für ihn wegleitend zu sein. Abt Georg war indes nicht einfach nur ein frommer Mann. Stärker als andere Prälaten seiner und noch jüngerer Generationen war er ein hochgebildeter Kulturkatholik. Dies artikulierte sich nicht nur in der Bau- und Restaurationstätigkeit des Klosters (u.a. Stiftsbibliothek) während seiner Amtszeit. Abt Georg war sich nicht zu schade, einen Kunstführer für Kloster und Stiftskirche zu verfassen, der 2006 neu aufgelegt wurde. Auch als Gastgeber strahlte er Freundlichkeit, Leutseligkeit und Würde aus, wie der Verfasser dieser Zeilen es aus Anlass von vier Paracelsus-Abenden im Kloster Einsiedeln erleben durfte. Gewagte Texte von und über Paracelsus wurden damals im Kloster als Tischlesung vorgetragen. Eine von Abt Georg Holzherr hochgeschätzte Schriftstellerin war eine Nonne aus dem Kloster Fahr, einer Tochtergründung von Einsiedeln, Silja Walter (1919 – 2011), von welcher in der Amtszeit von Abt Georg einige bedeutende Texte vom Einsiedler Mönch Pater Theo Flury vertont und auch aufgeführt wurden. Als höchster Vorgesetzter der Benediktinerinnen von Au bei Einsiedeln, jenem bedeutenden Frauenkloster, aus dem die Handschrift “Das fliessende Licht der Gottheit” von Mechthild von Magdeburg stammt, konnte er dem Vernehmen nach auch Strenge praktizieren. So scheint er den regelmässigen Besuchen von Bischof Wolfgang Haas, der sich bei seinem gesegneten Appetit gerne von den Benediktinerinnen von Au verwöhnen liess, unversehens ein Ende gemacht zu haben. Wie auch immer: in der schweizerischen Bischofskonferenz haben sich nicht nur geistliche Freunde und Brüder getroffen, sondern dann und wann auch hartnäckige kirchenpolitische Kontrahenten.

Ein Höhepunkt in der insgesamt 32-jährigen Residenzzeit von Abt Georg war zweifellos der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Kloster Einsiedeln am 15. Juni 1984. Das kulturell möglicherweise bedeutendste Ereignis gegen Ende seiner Amtszeit war indes die Erneuerung, gleichsam Neuschaffung von Calderons Welttheater durch den ehemaligen Stiftszögling Thomas Hürlimann und dessen Regisseur Volker Hesse. Um so etwas zu wagen oder wenigstens zuzulassen, musste der Abt wohl in mehrfacher Hinsicht über den eigenen Schatten springen, eine Eigenschaft, welche einem der bedeutendsten ehemaligen Schüler der einstigen Stiftschule Beromünster wohl ansteht. Seine Auffassung über das Welttheater hat Abt Georg einmal Karl Hensler, dem mehrfachen Darsteller des “Landmanns”, wie folgt dargetan: “Was Sie im Welttheater darstellen, ist eine Sorte Verkündigung, wie sie wohl über die Kanzel so anschaulich und plastisch beim Volk nie ankommen würde.”

Der Tod raffte den Alt-Abt zu einem Zeitpunkt dahin, da sich dessen Nachfolger Martin Werlen von einem schweren gesundheitlichen Rückfall erholen musste. Das Lebensmotto des neuen Abtes, “Höre und du wirst ankommen”, gewinnt für die Abtei Maria Einsiedeln eine Bedeutung wie nie zuvor. Es war insgesamt wohl auch für Abt Georg Karl Maria Holzherr, einen weisen Christenmenschen und konservativen Erneuerer, auf seine Weise prägend.

Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster/Schweiz

Einträge:

Eine für mich sehr amüsante aber auch denkwürdige Begegnung mit dem unvergessenen Abt Georg Holzherr fand für mich in der Abtei Maria Laach im Jahre 1971 statt.In einer Pause der gerade stattfindenden Jahresexerzitien in Maria Laach fand ich den Abt in der Lektüre des damals noch existierenden “Nebelspalters” vertieft. Wir haben uns damals sehr angeregt über einen Artikel dieser ausgezeichneten satirischen Zeitshriftunterhalten. Wir fanden es großartig, dass sowohl die Abtei Maria Laach die Zeitschrift abonniert hatte, aber auch den Umstand, dass sich der Abt an der Lektüre außerordentlich erfreute.

Gruß Placidus Sturmberg OSB

Eintrag by Placidus Sturmberg OSB am 22.Januar 2013


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