Theo Angelopoulos
Mit Theo Angelopoulos ist wenige Monate nach dem Ableben von Meisterregisseur Michael Cacoyannis (1922 – 2011) nunmehr auch der andere griechische Filmemacher von Weltrang aus der irdischen Szene ausgeblendet worden. Nach einem Drehtag für sein Vermächtniswerk “Das andere Meer” in Piräus wurde er am Dienstagabend, den 24. Januar 2012 kurz nach 19 Uhr beim Überqueren der Strasse von einem Motorrad erfasst und in einen vier Meter tiefen Schacht geschleudert. Der schwer Verletzte erlag noch am selben Abend seinen Verwundungen.
Theodoros Angelopoulos wurde am 17. April 1935 in Athen geboren, nach anderen Angaben jedoch am 27. April 1936 oder 1937. Prägend für seine Kindheit wurde der frühe Tod seiner ältesten Schwester und die Verhaftung seines Vaters durch die griechische Volksbefreiungsarmee ELAS im Jahre 1944. Wer will schon einen angeblichen Verräter als Vater haben? In seiner Jugend betrachtete Angelopoulos, wie er in einer autobiographischen Äusserung bekannte, das Kino als Ausweg aus der Misere. Wie wichtig und bewusstseinsbildend diese damals neue Kulturform für die Generation von Angelopoulos nicht nur in Griechenland, auch in Italien, Frankreich, Spanien und mutmasslich auch in Deutschland (“Wir Wunderkinder”) in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geworden ist, kann sich die junge Generation von heute kaum mehr vorstellen
Wie der nachmalige Meisterregisseur Cacoyannis studierte Angelopoulos in Athen zunächst Jura, fand jedoch in der Perspektive eines griechischen Beamtenlebens aus Gründen, die man heute sehr gut versteht, keine Befriedigung. In Paris wandte er sich bei Claude Lévi-Strauss der Philosophie zu, doch wurde er hauptsächlich durch die Begegnung und die das Genre revolutionierenden Filme des genialischen französisch-schweizerischen Cinéasten Jean-Luc Godard (*1930) geprägt, weswegen er später gelegentlich der “griechische Godard” genannt wurde. Dies nicht nur wegen eines im Vergleich zu Hollywood oder auch Cacoyannis mehr intellektuellen und philosophischen Ansatzes, auch wegen der Neigung zu Tabubrüchen. Diese führten so weit, dass Angelopoulos wegen seiner “Trilogie des Schweigens”, worunter “Der Bienenzüchter” am bekanntesten geworden ist, aus der orthodoxen Kirche exkommuniziert wurde. Man kann das als kleinkariert interpretieren. Andererseits scheint es ein Indiz dafür, wie unerhört wichtig und bedingungslos ernst zu nehmen das Filmschaffen für die griechische Gegenwartskultur bis zum heutigen Tag geblieben ist.
Von den wichtigsten Streifen von Angelopoulos gelangte “Die Reise nach Kythera” in der Schweiz in die Studiokinos, aber auch “Landschaft im Nebel” und “Die Reise des Odysseus” wurden von Filmliebhabern geschätzt. Wie staats-, gesellschafts- und religionskritisch sich Angelopoulos immer geben mochte, fast jedes seiner Werke wurde ein Bekenntnis zur griechischen Gegenwartskultur einschliesslich der dreitausendjährigen unverlierbaren Wurzeln derselben. Zusammen mit den Dichtern Jorgios Seferis (1900 – 1971), dessen Beisetzung in der Endphase der Diktatur zu einer grossen Demonstration gegen das Regime geriet, und Odysseas Elytis (1911 – 1996), dem Nobelpreisträger und wohl letzten Nachfolger Homers, und auch zusammen mit dem einmaligen Komponisten Mikis Theodorakis (*1925) und der unvergesslichen Schauspielerin Melina Mercouri (1920 – 1994) repräsentierte Theo Angelopoulos eine Hochblüte neueren griechischen Kulturschaffens, dessen Impulse aus dem Geist und auch den Verwundungen der Nachkriegszeit zu verstehen sind.
Zu all den Sorgen, die Griechenland heute plagen wie selten in seiner oft tragischen Geschichte, gesellt sich nun noch der Hinschied eines der bedeutendsten Kulturschaffenden des Landes. Nicht alle Mitbürger und Mitbürgerinnen werden in gleicher Weise um den eigenwilligen Filmemacher trauern. Die Popularität und generell den breiten Erfolg in der Art von Hollywood hat er kaum gesucht, wiewohl ihm mit gutem Grund eine wunderbar poetische Bildsprache nachgesagt wird. Als seine grösste Anerkennung darf die Goldene Palme von Cannes (1998) gewürdigt werden für den Film “Ewigkeit und ein Tag” mit Isabelle Renaud und dem Schweizer Weltstar Bruno Ganz in den Hauptrollen.
Als philosophischer Kopf aus der existenzialistischen Pariser Schule der vierziger und fünfziger Jahre hat Theo Angelopoulos auf hervorragende Weise, wie wenige Meister neben ihm, in Worten auf den Punkt bringen können, was der Film, die Literatur, die Malerei und die Bildende Kunst und wohl auch – im Geiste von Mikis Theodorakis – die Musik gemeinsam haben: “Ich erwarte nicht von dir, dass du das verstehst, was ich mit meinen Filmen meine. Ich erwarte von dir, dass du du dir das vergegenwärtigst, was deine Seele aus diesen Filmen versteht. Es ist eine Art Dichtung.”
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
6215 Beromünster
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