Lebendige Erinnerung

 

15. Januar 2012

Carlo Fruttero

Carlo Fruttero (* 19. September 1926 in Turin; † 15. Januar 2012 in Castiglione della Pescaia) war ein italienischer Schriftsteller, Verlagslektor, Übersetzer und Publizist.

Zusammen mit dem sechs Jahre älteren Franco Lucentini verfasste er bis zu dessen Suizid 2002 als Autorenduo Fruttero & Lucentini hintergründige Gesellschafts- und Kriminalromane, die ein facettenreiches Bild der italienischen Gesellschaft der 70er bis 90er Jahre bieten, sowie zahlreiche Satiren, Glossen, Parodien und andere Texte.

Der Erstlingsroman „Die Sonntagsfrau“ (1974) spielt in Turin und schildert u.a., wie der zuständige Kriminalbeamte, welcher aus dem tiefsten Süden der Republik stammt, erhebliche Schwierigkeiten hat, sich im Norden des Landes zurechtzufinden. Der Roman zeichnet sich darüber hinaus durch eine Besonderheit aus, die im Jahr der Veröffentlichung noch ungewöhnlich war. Erst wenige Jahre zuvor, im Jahr 1966, hatte der amerikanische Autor George Baxt den ersten Roman der Kriminalliteratur mit einem schwulen Detektiv veröffentlicht, bevor dann Joseph Hansen mit seinen Dave-Brandstetter-Geschichten diese Unterart des Kriminalromans begründete. Im Roman ist eine der Hauptpersonen (sogar einer der Hauptverdächtigen) homosexuell und lebt mit seinem Freund zusammen, wobei die hauptsächliche Schwierigkeit der beiden ihre unterschiedliche Herkunft ist. Der eine stammt aus der Oberschicht, der andere nicht. Auffällig ist die ganz selbstverständliche Schilderung des Paares, ihres Lebens, ihrer gemeinsamen wie unterschiedlichen Ansichten.

In „Die Wahrheit über den Fall D.“ (1989) schildert das Autorenpaar einen internationalen Kongress in Rom, auf dem unvollendete Kunstwerke der Vollendung zugeführt werden sollen. Eines dieser Werke ist der letzte – unvollendete – Roman von Charles Dickens, Das Geheimnis des Edwin Drood, der 1870 in monatlichen Fortsetzungsfolgen veröffentlicht wurde. Doch als die ersten drei Folgen erschienen waren, starb Dickens überraschend an einem Gehirnschlag. In seinem Nachlass fanden sich noch weitere drei Folgen, aber sonst nichts mehr. Somit hing die gerade bis etwa zur Hälfte erzählte Geschichte in der Luft, und alle Welt rätselte, wie sie der Autor hatte beenden wollen. Zahlreiche Fortsetzungsversuche erschienen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – und diesen fügt sich nun der Roman von Fruttero & Lucentini als die vielleicht originellste Lösung an: Da es sich bei dem „Geheimnis des Edwin Drood“ um einen regelrechten Kriminalroman handelt, versammeln sich die besten Experten aller Länder und Zeiten (sic!) auf einem „internationalen Kongreß zur Vervollständigung unvollendeter Kunstwerke“ in Rom, um sich gemeinsam über Dickens’ Roman zu beugen. Diese Experten sind keine anderen als die großen Detektive der Kriminalliteratur: von Sherlock Holmes und Hercule Poirot bis Nero Wolfe und Archie Goodwin, Kommissar Maigret, Philip Marlowe und tutti quanti. Obwohl der Kongress von einem japanischen High-Tech-Konzern gesponsert wird, funktioniert zunächst nur die Simultanübersetzung ins Lateinische, aber schließlich gelingt es dem versammelten Sachverstand, nach gründlicher Analyse des erhaltenen Romanfragments (dessen Text in voller Länge wiedergegeben wird), den rätselhaften „Fall D.“ zu einer überraschenden Lösung zu führen.



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