Peter Zinsli
Peter Zinsli, geboren am 15. Juni 1934 in Chur, gestorben am 3. Dezember 2011 im Walserdorf Tschiertschen (Graubünden) an den Folgen eines Lungenemphysems, einer Entzündung der Lungenbläschen, war als Gründer der Churer “Ländlerfründa” wie auch als “Ländlerkönig” einer der beliebtesten Schweizer Volksmusikanten des 20. Jahrhunderts. Sein bevorzugtes Instrument war das “Schwyzerörgeli”, eine kleinhäusige Variante des diatonischen Akkordeons, welches zum Beispiel im Emmental, im Aargau und bei den Walsern wie auch bei den Jenischen (Fahrenden) in Graubünden für die Schweizer Volksmusik repräsentativ geworden ist. Vorläufer des Schwyzerörgeli waren die sogenannten Langnauerli, die im 19. Jahrhundert im emmentalischen Langnau hergestellt wurden.
Der ehemalige Kettenraucher Peter Zinsli benötigte während den letzten sechs Jahren seines Lebens zum Atmen ein Sauerstoffgerät, mit welchem er über einen ungefähr 20 Meter langen Schlauch verbunden war. Ohne dieses Gerät konnte er längstens sechs Stunden leben, bekannte er 2008 der Schweizer Boulevardzeitung “Blick”. Der vormals starke Raucher erreichte ein Lebensalter von 77 Jahren, womit das sogenannte biblische Alter um immerhin zehn Jahre übertroffen wurde.
Die repräsentative Bedeutung von Peter Zinsli für die Geschichte der Schweizer Volksmusik wie überhaupt die Musikgeschichte des Landes liegt im Prinzip des Dilettierens, was nicht zu verwechseln ist mit “Dilettantismus” in der abwertenden Bedeutung des Wortes. Dillettieren bedeutet im Sinn von Goethe, Musik, Kunst, Literatur als Liebhaberei betreiben, was hohe künstlerische Vollendung nicht ausschliesst. Volksmusik bedeutet, nicht nur bei den Walsern, welche zum Beispiel den Durchgang zur Gotthardpasshöhe erschlossen haben, dass sie im Prinzip nicht um des Geldes willen, sondern neben “schwerer Dienste täglicher Bewahrung” (Goethe) noch betrieben wird. Zinsli war indes im Gegensatz zu seinen Walser Vorfahren weder Bergbauer noch Holzfäller noch Schmied oder Herrgottschnitzer, sondern gemäss einer gut protestantischen Schweizer Tradition gelernter Bankkaufmann. In dieser Eigenschaft führte er vier Stunden täglich die Dorfbank in seinem heimatlichen Tschiertschen. Den Rest seines Lebens widmete er nichtsdestotrotz den Musen.
Musik war und ist in diesem Sinn im schweizerischen Verfassungssystem keine Staats- oder gar Bundesaufgabe, sondern eine Blüte der gesellschaftlichen Kultur. Auch ist deswegen eine Ersetzung der Radio- und Fernsehgebühren durch eine für alle verbindliche Staatssteuer höchst umstritten, zumal sich der halbstaatliche Schweizer Rundfunk in seinen Hauptprogrammen musikalisch kaum mehr vom elektronisch dominierten Normalschrott der heutigen Massenkultur abgrenzt. Der Ländlerkönig Peter Zinsli, Angehöriger eines alten Walser Geschlechtes, durch sein Leben, seine hohe Beliebtheit und sein landesweites Ansehen traditionelle schweizerische Volkskultur bezeugt.
Erstaunlich und doch typisch für das Prinzip des Dilletierens bleibt, dass Zinsli das Schwyzerörgelispiel erst im Alter von 23 Jahren im Selbststudium erlernt hat. Dabei wurde er massgeblich beeinflusst und gefördert von Josias Jenny. Daneben spielte er auch Klarinette und Bassgeige. 1959 gründete er seine Stammformation, die “Churer Ländlerfründa”. Im Kanton Graubünden wurde er bekannt als Organisator von diversen Musikantentreffs. Auch in der übrigen Schweiz machten Radio und Fernsehen ihn bekannt.
Angesichts der zahlreichen Auftritte ausserhalb des Kantons Graubünden bildete Peter Zinsli auch eine Musikgruppe mit Musikanten aus dem Unterland (Ueli Mooser und
andere) – unter der Bezeichnung “Peter Zinsli und sini Ländlerfründa”. Eine weitere Formation von ihm trug den Namen “Churer Schwyzerörgelfründa”. Die Churer Ländlerfründa, auch Kapelle Peter Zinsli genannt, waren eine Bündner Ländlerkapelle mit Klarinetten, Schwyzerörgeli und Bassgeige. Sie war seinerzeit die wohl bedeutendste Vertreterin der Bündner Folklore und pflegte vorwiegend den traditionellen Stil. Sie bestand bis 1996. Dann zog sich der vormalige Kapellmeister, der an einer Lungenkrankheit litt, weitgehend vom öffentlichen Musizieren zurück.
Zum Hinschied von Peter Zinsli äusserte sich dessen langjähriger Freund, einer der bekanntesten Vermittler schweizerischer Volksmusiker, der frühere TV-Mann und heutige Gastwirt in Schwyz, Sepp Trütsch, wie folgt: “Mit ihm verlieren wir einen der profiliertesten Musiker und Komponisten der Schweiz. Mit seinem traditionellen Stil hat er unsere Ländlermusik geprägt wie kaum ein anderer. Fast 40 Jahre, bis 1996, war er mit verschiedenen Formationen aktiv, komponierte, moderierte am Radio und beherrschte neben dem Schwyzerörgeli auch Klarinette und Bassgeige. Peter war eine Stimmungskanone, ein Allrounder. Er war einer der Besten. Immer zuverlässig, top vorbereitet und motiviert. In unzähligen Auftritten und Reisen sind wir gemeinsam auf der Bühne gestanden. Ich bin sicher, er wird im Musikerhimmel sofort ein Zinsli-Konzert geben. Peter, wir danken Dir aufrichtigst für Deine Musik. Sie und Du werden für immer in unseren Herzen bleiben!”
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster