Christa Wolf
Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe (heute Gorzow Wielkopolski, Polen) als Christa Ihlenfeld; † 1. Dezember 2011 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin und vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten der deutschen Teilung die wohl im In- und Ausland massgebliche Repräsentantin des DDR-Schrifttums. Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011, “nach schwerer Krankheit”, wie ihr Verlag, Suhrkamp, mitteilen liess. Ihr Hinschied erfolgte wenige Tage nach dem 200. Todestag von Heinrich von Kleist, einem Autor, dem sie sich in ihrem Buch “Kein Ort.Nirgends”(1979) auf eine Weise angenommen hat, wie es in den wenigsten Beiträgen zum Kleist-Gedenktag zum Ausdruck gekommen ist.
Als einzige Autorin wurde sie sowohl mit dem Nationalpreis der DDR, den sie als damalige Kandidatin für das Zentralkomitee der SED aus den Händen von Walter Ulbricht erhielt, als auch mit dem bedeutendsten westdeutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis (1980) ausgezeichnet. Christa Wolf wurde als Tochter des Kaufmanns Otto Ihlenfeld geboren- Der Vater trat schon 1932, also noch vor Hitlers Machtergreifung, der NSDAP bei. Diese Jugend wurde von der Autorin im Roman “Kindheitsmuster” (1976) verarbeitet. Nach der Flucht vor den anrückenden sowjetischen Truppen fand die Familie 1945 vorerst in Mecklenburg eine neue Heimat. Wolf arbeitete als Schreibhilfe beim Bürgermeister des Dorfes Gammelin bei Schwerin. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und trat im selben Jahr in die SED ein, deren Mitglied sie bis zu ihrem Austritt im Juni 1989 blieb. 1951 heiratete sie den Schriftsteller Gerhard Wolf, wurde bald darauf zweifache Mutter. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig, so beim bedeutenden marxistischen Germanisten Hans Mayer, der zeitlebens für sie wegleitend blieb. Christa Wolf arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband und als Lektorin verschiedener Verlage sowie als Redakteurin bei der Zeitschrift “Neue Deutsche Literatur”. Als Literaturkritikerin betätigte sie sich in dieser Eigenschaft streng linientreu. Von 1955 bis 1977 war sie Mitglied im Vorstand des Schriftstellerverbands der DDR.
1961 debütierte Wolf mit ihrer “Moskauer Novelle” über die Liebesbeziehung einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher. Seit 1962 ist Christa Wolf freie Schriftstellerin. Sie lebte von 1962 bis 1976 in Kleinmachnow bei Berlin, ab 1976 war Berlin ihr Wohnort. Ab 1974 war sie Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Als Mitglied der Nomenklatura konnte sie 1972 eine Reise nach Paris unternehmen, wurde 1984 sogar Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Paris. Zwei Jahre später trat sie der Freien Akademie der Künste in Hamburg bei. 1976 wurde sie aufgrund der Mitunterzeichnung des „offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns“ aus dem Vorstand der Berliner Sektion des Schriftstellerverbandes der DDR ausgeschlossen und erhielt in einem SED-Parteiverfahren eine strenge Rüge. Wolf unternahm viele Lesereisen, unter anderem nach Schweden, Finnland, Frankreich und in die USA, wo sie das Ehrendoktorat der Ohio State University erhielt. Ihr Werk wurde in viele Sprachen übersetzt. Wegen ihrer Haltung im Fall Biermann, aber auch, weil sie in der Bundesrepublik Deutschland durchaus als Dissidentin wahrgenommen wurde (was für sie immer nur partiell zutraf), wurde ihr 50. Geburtstag (1979) in der DDR offiziell kaum registriert. Umso wichtiger wurde es für sie, dass mit Anna Seghers die wohl anerkannteste DDR-Schriftstellerin es sich nicht nehmen liess, ihr öffentlich zu gratulieren. Was Anna Seghers, Teilnehmerin der Delegation deutscher Kulturschaffender in Leningrad 1948, für die ersten drei Jahrzehnte der DDR geworden war, das wurde Christa Wolf für die 20 Jahre des Abgesangs des Mauerstaates, dem sie in “kritischer Solidarität”, wie es von ihren Freunden formuliert wurde, verbunden blieb.
Bei der Demonstration gegen die Politik in der DDR am 4. November 1989 hielt Christa Wolf auf dem Berliner Alexanderplatz die Rede „Sprache der Wende“. An die Auflösung oder Zerstörung des Staates DDR glaubte Christa Wolf im November/Dezember 1989, wie auch viele ihrer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen, nicht. Am 26. November 1989 traten sie im Aufruf “Für unser Land” für die DDR und gegen den „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ ein. Christa Wolf ließ in dieser Zeit keinen Zweifel daran, dass die Veränderungen in der DDR nicht der Stabilisierung des Staatswesens gelten dürften, sondern der „Fortentwicklung des Sozialismus“. Deshalb lehnte sie die Bezeichnung Wende, die Egon Krenz zum Amtsantritt eingebracht hatte, entschieden ab; diese könne zu Missverständnissen im Sinne einer Kehrtwende führen, einer Restauration oder einer Wendung zum Westen hin. Christa Wolf sprach vielmehr von einer „Epochenwende“.
Anfang der 1990er Jahre wurde bekannt, dass Wolf von 1959 bis 1962 als „IM Margarete“ beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR geführt worden war. Sie hatte drei Berichte verfasst, die allerdings ein ausschließlich positives Bild der betroffenen Personen zeichneten. Entsprechend beklagte die Stasi in internen Aufzeichnungen (1962) Wolfs „Zurückhaltung“ in der Zusammenarbeit. Man begann nunmehr, die Autorin selbst umfangreich zu überwachen – ein Zustand, der bis zum Ende der DDR anhielt und mit einer Menge von Akten, welche diejenigen von “IM Margarete” um vielleicht das Hundertfache übersteigt. Auf die Frage, wem ihre eigene Spitzeltätigkeit letztlich geschadet habe, antwortete sie nicht ohne Schlagfertigkeit: “Mir selbst.” Indessen wirkt die immer wieder gestellte Frage, warum sie denn die DDR nie verlassen habe, im Hinblick auf die tatsächlichen Wirkungsmöglichkeiten eines Autors oder einer Autorin auf eine Diktatur inkompetent und daneben. Schon Reinhold Schneider, der grossen Einfluss auf den innerdeutschen Widerstand in der Nazizeit hatte, hielt fest: “Eine Wirkung auf eine Diktatur ist für einen Autor von aussen kaum möglich.”Dennoch leitete das Bekanntwerden einiger Fakten betr. Stasi über Wolf, zusammen mit der Kritik an ihrer Erzählung “Was bleibt”, den sogenannten Literaturstreit ein. Aus Widerwillen gegen mancherlei Unterstellungen zog sie sich für längere Aufenthalte in den USA zurück. 1993 veröffentlichte Wolf zur Widerlegung der Medienvorwürfe unter dem Titel “Akteneinsicht Christa Wolf” selber ihre vollständige IM-Akte. Mit ihrem USA-Aufenthalt 1992/93 befasste sich Wolf in dem 2010 erschienenen Werk “Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud”. Sie reflektierte ihr Erleben der Nachwendezeit, ihre prinzipielle Treue zur sozialistischen Utopie und ihr Erschrecken vor Auswirkungen des Kapitalismus wie dem Elend der Schwarzen und dem Ersten Irakkrieg. Dieses ihr letztes Buch wurde indes vom Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt als “stossend in seiner DDR-Verherrlichung” zurückgewiesen. “Wenn jemand behauptet, an der DDR-Grenze seien keine Menschen erschossen worden, ist das skandalös.” (Peter von Matt im Tages-Anzeiger v. 2. Dezember 2011)
Die politische Umstrittenheit von Christa Wolf sollte nicht davon ablenken, dass man es bei ihr mit einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der letzten 50 Jahre zu tun hat, wiewohl sie von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki rechthaberisch als “massiv überschätzt” qualifiziert wurde. Mit dem “Geteilten Himmel” verfasste nämlich Christa Wolf einen unbeschadet ihrer politischen Haltung repräsentativen Roman über die deutsche Teilung, eine beliebte Schullektüre. Mit “Kein Ort. Nirgends” gab sie am Beispiel der deutschen Romantik, mit den Lebensgeschichten von Caroline von Günderode (1780 – 1806) und Heinrich von Kleist (1777 – 1811) einzigartig geschriebene Erzählungen von Existenzen am Rande des Lebensmöglichen in einem Umfeld restaurativer Unfreiheit. In Sachen Radikalität und Sensibilität, aber auch als Miniatur-Porträt der Romantik, wird dieser Text von den wenigsten Büchern von deutschsprachigen Nobelpreisträgerinnen übertroffen. Dieses Buch spielt, von der sprachlichen Qualität her, auch in einer ganz anderen Liga als zum Beispiel die “Neuen Leiden des jungen Werther” von Ulrich Plenzdorf, dessen vergleichsweise hilflos konventionelle Sprache um Welten hinter Goethes Revolution der Empfindsamkeit zurückbleibt.
Christa Wolf scheint indes mit “Kein Ort. Nirgends” die Umverwandlung der Literatursprache der Romantik in eine moderne, gegenwartsnahe Sprache so gut gelungen zu sein wie nur wenigen Autoren unserer Zeit. Auch” Kassandra” (1983) ist als Auseinandersetzung mit griechischer Mythologie mit einigen Anspielungen an die Verhältnisse in der DDR ein Buch, mit dem man sich wohl auch in Zukunft noch auseinandersetzen wird. Weniger überzeugen freilich ihre Vorlesungen zu diesem Thema mit tagebuchartigen Reminiszenzen an eine Griechenlandreise. Eine Frau aus der DDR-Nomenklatura in Griechenland hätte wenigstens mit einem Nebensatz andeuten dürfen, warum ausser ihr und ihrem Mann sich keine Mitbürger in dieser levantinischen Welt aufhalten dürfen. Damit sind wir wieder bei der politischen Umstrittenheit von Christa Wolf.
Mit Christa Wolf verliert die deutschsprachige Literaturszene der Gegenwart eines ihrer wenigen über die Kurzlebigkeit des heutigen Betriebs hinausreichenden als Chronistin ihrer Epoche repräsentativen Schwergewichte. Die Trauer um sie sollte nicht den Verlautbarungen von Sprecherinnen und Sprechern der Linkspartei überlassen werden. Sie war über alles gesehen keine Partei-Autorin. Nicht als Moralistin, was man ihr nicht abnehmen muss, auch nicht als Feministin, auf welchen Zug sie eine Zeitlang aufgesprungen zu sein scheint, war sie eine bedeutende Frau, sondern als hochbegabte Repräsentantin ihrer Generation mit einer einmalig denkwürdigen DDR-Biographie. In den drei letzten Jahrzehnten ihres Lebens ist sie, jenseits der deutschen Teilung, eine für Deutschland, den deutschen Sprachraum wie auch für die europäische Literatur substanzielle Erscheinung geworden. Dass sie beispielsweise mit “Störfall”, ihrem Buch zur Tschernobyl-Katastrophe (1988), ihre Zweifel an der Vollkommenheit des Homo Faber, des technischen Menschen, geäussert hat, könnte auch von heutigen Autoren als wegweisend empfunden werden.
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster/Schweiz