Georg Kreisler
Georg Kreisler, im Licht der Welt aufgetaucht am 18. Juli 1922 in Wien, verstarb im Beisein seiner vierten Frau Barbara Peters am 22. November 2011 in einer Klinik in Salzburg, der durch den “Salzburger Stier” bekannten städtischen Hochburg des deutschsprachigen Kabaretts. Kreisler war zumal als Lyriker im Geiste von Erich Kästner ein begnadeter Schriftsteller, ein hervorragender Kommentator des geistigen Judentums, ein scharfzüngiger Kritiker an den Dummheiten des Zeitalters, ein Musiker, Komponist und schauspielerisch begabter Satiriker und im besten Sinne ein Selbstdarsteller. Österreichischer Herkunft, jedoch mit amerikanischem Pass, vermochte er sich in späten Jahren wohl kaum noch mit einem bestimmten Land zu identifizieren, auch nicht mit Israel und der von ihm durchaus geschätzten Schweiz.
Georg Franz Kreisler wurde als Sohn des jüdischen Rechtsanwaltes Siegfried Kreisler und dessen Frau Hilda im Wiener Hera-Sanatorium geboren. Das Gymnasium besuchte er an der Kandlgasse in Wien-Neubau. Ein Hochschulstudium wurde für ihn indes nicht möglich. Kreisler musste nämlich schon im Alter von 16 Jahren mit seinen Eltern Österreich verlassen, um den drohenden Repressalien nach den Rassegesetzen des Nationalsozialismus zu entgehen. In Amerika kam er früh mit der damaligen Filmszene in Kontakt, zumal diese von jüdischen Emigranten nachhaltig “durchsetzt” war, wie unfreundliche beziehungsweise antisemitische Kommentatoren zu sagen pflegten. Durch seinen Vetter, den Drehbuchautor Walter Reisch, finanziell unterstützt, kam Kreisler früh aktiv ins Filmgeschäft. Im Alter von neunzehn Jahren heiratete er Philine Hollaender, die Tochter des Kabarettisten und Komponisten Friedrich Hollaender, trennte sich jedoch bald wieder von ihr. Hingegen blieb er zeitlebens dem musikalischen Kabarett verbunden. Schon während der Kriegszeit, als er für US-Soldaten allerhand Nummern produzierte, verstand er sich als Unterhaltungskünstler. Dieses “Image” blieb ihm nach seiner in den fünfziger Jahren erfolgenden Rückkehr aus dem Exil erhalten. Was immer er als Künstler unternahm, es stand im Zeichen einer leichten Muse, und deshalb wurde er notorisch unterschätzt. Dies gilt noch für etliche seiner Nachrufe, die ihn gemäss einem vielleicht bekanntesten Song auf den “Taubenvergifter” reduzieren.
Mit Georg Kreisler haben wir mutmasslich den letzten Klassiker des deutsch-jüdischen Witzes verloren. Er war ein Kabarettist und Satiriker in der Grössenordnung eines Karl Valentin und eines Kurt Tucholsky, dazu ein gnadenloser Polemiker, Sprachkritiker und Selbstkritiker des Judentums in der Art von Karl Kraus. Dabei blieb er immer ein Meister der Form. Mit dem grossen österreichischen Dramatiker Franz Grillparzer könnte man über ihn sagen:
“Es gibt nun bald kein Schwerstes mehr, das jeder nicht erreichte.
Und auf der Welt ist nichts mehr schwer, als eines nur: das Leichte.”
Kreisler hat es als einer der wenigen “im Leichten” zur absoluten Meisterschaft gebracht. Im Georg-Kreisler-Forum, zu erreichen unter www.georgkreisler.de, steht zu lesen:
“Wer noch daran zweifelt, welch ein grossartiger und vielschichtiger Künstler mit Georg Kreisler gegangen ist, der zeige uns:
unter den Komponisten einen bissigeren Satiriker,
unter den Satirikern einen versierteren Pianisten,
unter den Pianisten einen schärferen Dichter,
unter den Dichtern einen grösseren Komponisten
als ihn.”
Wahrscheinlich gab es noch einen grösseren Dichter und Komponisten als Georg Kreisler, nämlich Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776 – 1822), den wohl genialsten Vertreter der romantischen Ironie überhaupt, den Dichter von “Ritter Gluck” und der “Kreisleriana”, auch ein Klassiker der Karikatur, welche Kunstsorte Georg Kreisler nicht zeichnerisch, sondern musikalisch, pantomimisch und als Texter von Satiren perfekt beherrschte, wohl so perfekt, dass man sagen kann: Er spielte seit mindestens dreissig Jahren in seiner Sparte in einer eigenen Liga, und was er zu vermitteln hatte, wäre vielleicht nobelpreiswürdig gewesen, hätte er sich nicht, zumal in seiner Heimat Österreich, durch scharfe, sich keineswegs um die sogenannte politische Korrektheit und sich auch nicht um den politischen Mainstream (sei er links oder rechts) kümmernde Politsatire immer wieder mal anscheinend “unmöglich” gemacht. Kreisler hat sich ähnlich wie William S. Schlamm (1904 – 1980) in dessen Buch “Wer ist Jude?” differenziert und kritisch mit dem eigenen und dem fremden Judentum auseinandergesetzt, so im Essay “Jude sein, leicht gemacht”. Mit messerscharfer Analyse wird hier über einen herkömmlichen kompensatorischen Philosemitismus hergezogen. Der Text gehört zu den bemerkenswertesten Entlarvungen des neueren Kulturbetriebs im deutschen Sprachraum. Diese Art von kritischer Stimme hat man seit dem Selbstmord von Karl Kraus, dem zu Hitler buchstäblich “nichts einfiel”, wohl ausserhalb Israels nicht mehr gehört. Dabei gehörte Kreisler wie H.M. Broder zu den schärfsten Kritikern des neueren Antisemitismus und auch des österreichischen Rechtspatriotismus in der Art von Jörg Haider. Vor Kreisler war buchstäblich keine Person, kein Klischee und keine Institution sicher, nicht einmal die in Deutschland unter Denkmalschutz gestellte Europäische Union, deren Phrasenhaftigkeit und antidemokratische Unehrlichkeit beim kritischen Österreicher mit US-Staatsbürgerschaft auf keinerlei mildernde Umstände hoffen durfte. Mit ein Grund für Kreisler, warum es ihm als notorisch heimatlosen amerikanischen Staatsbürger in der Schweiz – er lebte lange in Basel – überdurchschnittlich wohl war. Aber Vorsicht! Kreislers “Kapitalistenlied” hört sich nicht gerade als ein Lob auf die Schweiz an. “Ich empfinde kein Land als Heimat”, hat Kreisler mal in einem Interview gesagt. Man würde ihn missverstehen, wollte man ihn für irgendetwas anderes beanspruchen als für den Kampf gegen die jeweils herrschende Dummheit. Nach dem vom Philosophen Jacques Maritain formulierten “Erhaltungssatz der Dummheit” versteht es die Dummheit, sich in jedes Lager einzuschleichen, sogar auch zu den Braven und Korrekten; erst recht hält sie es natürlich mit den Arroganten.
“Was für ein Ticker ist ein Politiker?” lautet der Text eines weiteren berühmten Songs, wohl noch übertroffen durch den unvergleichlichen “Musikkritiker”, die Entlarvung des Ressentiments und der Schadenfreude, welche Eigenschaften nebst vielleicht anderen geistvolleren in jedem radikalen Kritiker enthalten sind. “Wenn die Mädchen nackt sind” wirkt als ein psychologisch schwer übertreffbares Porträt des Lustmolchs im Striptease-Lokal. Menschliche Schwächen hat Georg Kreisler auf eine Art und Weise einem erbarmungslosen Spott unterworfen, welcher in deutscher Sprache kaum von Erich Kästner, am ehesten noch durch Friedrich Dürrenmatt mit adäquaten Texten erreicht wird. Um Kreisler Humor zu verstehen, braucht man wohl nicht die berühmte Abhandlung “Le rire” von Nobelpreisträger Henri Bergson zu lesen; es sei denn, man wollte über die beste Kabarettkunst, die es in deutscher Sprache gibt, allenfalls eine Doktorarbeit schreiben.
Nach dem grossen Zeichner und Sprachkünstler Loriot ist der virtuoseste Meister sprachlich-musikalischer “Unterhaltung”, wohl der letzte Nachfolger des Wilhelm Buschschen Pessimismus, ins Grab gesunken. Jetzt, da er tot ist, dürfen alle sagen, dass er gut war; dass er vielleicht, als der letzte Heros der Epoche des literarischen Exils, mindestens so sehr wie die anderen deutschsprachigen Preisträger der letzten dreissig Jahre (an formaler Brillanz und Virtuosität übertraf er sie alle), den Nobelpreis für Literatur verdient hätte. Georg Kreisler war weit mehr nur als der Zyniker und Taubenvergifter, als den man ihn oft einseitig wahrnahm. Er war ein hochpolitischer Diagnostiker des Menschen, ein Pessimist aus dem Geist von Arthur Schopenhauer und Friedrich Dürrenmatt. Eine historische Figur von höchstem Unterhaltungswert, und darüber hinaus einer der wesentlichen Künstler unserer Zeit. Ich werde den einen und anderen Abend im Kurtheater Baden, da ich ihn hören und sehen durfte (mit seiner damaligen Bühnenpartnerin und späteren Frau Barbara Peters) nie vergessen. Was E.T.A. Hoffmann für die Ära der Romantik, Georg Kreisler ist es für unsere Epoche geworden.
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster