Lebendige Erinnerung

 

19. November 2011

Viktor Kuhn

Viktor Kuhn, geboren am 20. Juli 1930 in Wohlen (Kanton Aargau), verstorben am 19. November 2011 im Spital Sursee, war ein Schweizer Textilhandelsunternehmer und als eidgenössischer Delegierter seiner Partei ein einzigartiger, nicht auf Ämter und Ehren erpichter Basispolitiker. Als Viktor Kuhn im aargauischen Wohlen, der grössten Gemeinde der sogenannten Freien Ämter, das Licht der Welt erblickte, nannte man seine Heimatgemeinde wegen der seit Generationen dort etablierten Hut- und Textilfabrikation noch “Klein Paris”. Politisch war im Freiamt damals die katholisch-konservative Partei, heute Christdemokratische Partei der Schweiz (CVP), wegleitend, dergestalt, dass man die Gegend damals den “Schwarzen Erdteil” nannte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren die Katholisch-Konservativen, später ergänzt durch die Christlichsozialen, politisch und gesellschaftlich das Mass aller Dinge. Die Partei verfügte hier, in einem typischen Stammland, während Generationen über die absolute Mehrheit, so wie die katholische Kirche und das entsprechende Brauchtum samt den vielen Feiertagen dem Landstrich ebenso Farbe zu verleihen vermochte wie die Fasnacht und die adventlichen Lichter.

Das katholische Milieu, in dem Viktor Kuhn als Mitglied einer grossen mittelständischen Bäckerfamilie aufwuchs, u.a. mit seinem legendären älteren Bruder, dem Aargauer Politiker Karl Albert Kuhn, genannt KAK, wurde mittlerweile vom führenden Schweizer Historiker Urs Altermatt in mehreren Standardwerken wissenschaftlich erforscht und dargestellt. Was bei Altermatt Geschichte ist, Viktor Kuhn hat es gelebt. Ohne je ein höheres Amt in Parlament oder Regierung ausgeübt zu haben, hat er es zu einer mit wenigen vergleichbaren historischen Figur gebracht. Er war, mit einer 54 Jahre währenden eifrigsten Aktivität für die Partei als Eidgenössischer und Kantonaler Delegierter, dann jahrelanger Beauftragter für die Gründung neuer Orts- und Kantonalsektionen, der mutmasslich treueste, zuverlässigste und amtsälteste Parteisoldat in der Geschichte der schweizerischen Demokratie. Diese Arbeit hat er, im Geist von Gottfried Kellers “Fähnlein der sieben Aufrechten” (1855) immer ehrenamtlich ausgeübt; beziehungsweise hat er stets noch selber Geld in diese Aktivitäten gepumpt bzw. gesammelt. Damit er sich dazu in die Lage versetzen konnte, begründete er eine während 33 Jahren blühende geschäftliche mittelständische Existenz als KMU-Unternehmer (Kleine und Mittlere Unternehmen), was neben seinen christlichen Grundsätzen und der Soziallehre der Katholischen Kirche die Basis seines politischen Engagements bildete. Mit zu seiner Prägung gehörte die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges aus schweizerischer Sicht. An seinem 14. Geburtstag, dem 20. Juli 1944, wäre es christlich-konservativen deutschen Offizieren um ein Haar gelungen, der Hitler-Tyrannei ein Ende zu setzen. Dies ist bekanntlich mit dem Stauffenberg-Attentat nicht gelungen. Aber das Ereignis machte Viktor Kuhn, einem Demokraten von hoher Menschlichkeit, wie generell das politische Geschehen in den Nachbarländern, zeitlebens Eindruck.

1965 gründete er mit seiner Frau Frasquita, geborene Benati die Firma Corsa Nova AG/SA, ein Unternehmen, welches gemäss der Wohler Tradition schönen Textilien gewidmet war, andererseits der Begeisterungsfähigkeit und dem Schönheitsdurst des vielseitig interessierten Mannes entsprach. Standort der Firma wurde Eich am Sempachersee im Kanton Luzern, eine Dorfgemeinde mit einer schönen Kirche, einem freundlichen Gasthaus und vielen kinderreichen Bauernhöfen, welche in grosser Zahl nicht nur Frauen und Mütter, sondern auch wie kaum eine Gegend in der Schweiz katholische Nonnen hervorbrachten. Bademode, schöne Damenunterwäsche, später Body-Wear genannt, zumal aber Umstandsmode und Mode für Mütter wären für Viktor Kuhn und seine Frau hinreichender Lebensinhalt gewesen, hätte es nicht seine Leidenschaft für Politik gegeben. Diese wurde geprägt von grossen Vorbildern: Zum Beispiel Giuseppe Motta, der schweizerische Bundesrat, der bedeutendste Aussenpolitiker in der Geschichte des Landes, später auch Philipp Etter, der Patriarch aus dem Kanton Zug, oder weitere christdemokratische Bundesräte (Regierungsmitglieder) seit 1957, die Viktor Kuhn alle persönlich gekannt und als eidgenössischer Delegierter seiner Partei mit Nachdruck unterstützt hatte. Darüber hinaus waren die deutschen Politiker Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Franz Josef Strauss und Helmut Kohl seine Vorbilder, so wie in Italien Alcide de Gasperi und in Belgien Paul Henri Spaak. Auf der Grundlage dieser grossen Europäer mit christlichem Weltbild verfolgte Viktor Kuhn eine der Öffnung der Schweiz nach der Europäischen Union aufgeschlossene Politik. In dem Ausmass allerdings, wie sich das moderne Europa von den christlichen Grundlagen abwandte, gebärdete sich die traditionelle Wählerschaft in den schweizerischen CVP-Stammlanden zunehmend euroskeptisch. Soweit die Partei dem nicht genügend Rechnung tragen konnte oder wollte, wanderten viele einstige Stammwähler zur rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) ab, eine Entwicklung, welcher Viktor Kuhn mit einem persönlichen Einsatz, wie sie kaum ein zweites Parteimitglied in Stadt und Land aufbrachte, Gegensteuer zu geben versuchte.

Seit den achtziger Jahren machte er mit regelmässigen Briefen und unbequemen, jedoch gut dokumentierten internen Appellen auf den Wählerschwund der Partei aufmerksam, welcher von einem Rekordwähleranteil der Christdemokraten um 1963 von gegen 24 Prozent auf die heutigen 12,1 Prozent niedersank, wiewohl doch Viktor Kuhn als Beauftragter für die Gründung neuer Orts- und Kantonalparteien fast in der ganzen Schweiz aktiv war, zuletzt noch 2010 in Seuzach bei Winterthur, einer ehemaligen Wirkungsstätte des Alemannenmissionars St. Pirmin.

Im grossen protestantischen Flächenkanton Bern, so in der Gemeinde Langenthal, trachtete Kuhn mit der CVP Fuss zu fassen, und er schreckte auch vor Aktivitäten im Kanton Neuenburg nicht zurück, der ehemaligen preussischen Provinz, wo katholisch-konservative Politik während Generationen, nämlich länger als 150 Jahre, nichts zu bestellen hatte. Während rhetorisch brillante Generalsekretäre der Partei wie Iwan Rickenbacher und andere vor allem ihre eigene Karriere organisierten, leistete Viktor Kuhn Jahr für Jahr mit unermüdlichem Bienenfleiss und nie zu brechender Loyalität Knochenarbeit an der Basis. Als Obmann der Luzerner Delegierten tat er alles, um an den eidgenössischen Parteitagen jeweils einen glaubwürdigen und wenn möglich geschlossenen Auftritt zustandezubringen, welcher dem Gewicht der am meisten dynamischen Kantonalpartei entsprach. Dies während insgesamt 54 Jahren selbstlosen und treuen Dienstes an der Sache, bei dem persönliche Interessen zurückzustehen hatten. So repräsentierte Viktor Kuhn als aufrechter Demokrat mit breiter und tiefer politischer Bildung ein Beispiel für Basisdemokratie, wie es in der Geschichte der Politik nicht häufig gefunden wird.

Viktor und Frasquita Kuhn-Benati hatten zwei Kinder und bisher einen Enkel. Die Firma Corsa Nova wurde am 31. Dezember 1998 als solides Unternehmen in andere Hände weitergegeben. Der Name der Firma ist in Verbindung mit dem Wäschelabel “Anita” erhalten. Im Jahre 2007 wurde Viktor Kuhn vom schweizerischen Parteipräsidenten Christophe Darbellay für seine nicht weniger als fünfzig Jahre währende dienstbare Treue zugunsten der Partei geehrt. Bei den Wahlen 2011 zeigten sich die Christdemokraten in der kleinen Kammer des schweizerischen Parlaments, dem Ständerat, weiterhin dominierend. Der Gesamtwähleranteil jedoch schrumpfte auf mickrige 12,1 Prozent, eine historisch beispiellose Wahlniederlage. In Kuhns Heimatkanton Aargau gibt es derzeit statt fünf Bundesparlamentarier wie noch vor 30 Jahren nur noch gerade eine Nationalrätin. Für diesen Niedergang, vielleicht auch eine Folge der von der Kantonalpartei nicht mehr als wichtig erachteten Sonntagsheiligung, trägt Viktor Kuhn am allerwenigsten die Verantwortung.

Der wohl treueste Parteisoldat, den die Christdemokraten in der Schweiz je hatten, musste schon vor 12 Jahren sein Unternehmen mit einem stärkeren Partner fusionieren. In Sachen Damenwäsche ist der Name Corsa Nova, Kuhns Lebenswerk, auf dem Markt noch auffindbar. Hingegen steht nach Meinung einiger einflussreicher Politiker das “C” der Schweizer Christdemokraten als Markenname zur Disposition. Eine Preisgabe des Christlichen bei der CVP als Name und Substanz wäre aber wohl kaum das, wofür der liebenswerte christliche Damenwäscheunternehmer als Politiker während 54 Jahren gekämpft hat. Viktor Kuhn verstarb in einem Krankenzimmer des Regionalspitals Sursee, der Heimat des Theologen Hans Küng, während sein letzter noch verbliebener Bruder, der zu Besuch weilte, sich gerade eine Kaffeepause gönnte. Für alle, die einmal, wie der Schreibende, eidgenössische Delegierte der CVP gewesen sind, war Viktor Kuhn je nachdem ein Vater, Freund und Bruder.

Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer u. Schriftsteller
Ehem. Eidgenössischer Delegierter der CVP

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