Lebendige Erinnerung

 

13. November 2011

Markus Kündig

Markus Kündig, geboren am 12. Oktober 1931, verstorben am Sonntag, den 13. November 2011, also einen Monat nach seinem 80. Geburtstag, war als Unternehmer und Ständerat des Kantons Zug (eines der wohlhabendsten Staatswesen in Europa), einer der massgeblich einflussreichen Politiker der Schweiz im vergangenen Vierteljahrhundert. Kündig gab für seine Generation ein Lehrbuchbeispiel, wie von den wirklich mächtigen Männern in Wirtschaft und Politik in der Schweiz wenig die Rede sein braucht, weil es nicht zu ihrem Lebensstil passt, Aufhebens zu machen, weder im Fernsehen, in Illustrierten und in der Boulevardpresse noch im Gehabe ihres öffentlichen Auftretens. Das einzige repräsentative Amt, das er in seinem Leben je ausübte, war das Präsidium des Ständerates, das er 1984/85 innehielt. Die Kammer der Kantone, die diskrete Alternative zur Volksvertretung (Nationalrat), war damals als “chambre de réflexion” die wohl am wenigsten spektakulär auftretende Spielart des Parlamentarismus im demokratischen Europa. Noch heute wird das Abstimmungsverhalten der Ständeherren und Ständedamen jeweils nicht offiziell bekanntgegeben.
Im Vergleich zu herkömmlichen Exekutivpolitikern im Bundesrat oder in den Regierungen der Innerschweizer Kantone erlangte Markus Kündig auch deswegen zusätzlichen Einfluss, weil er als Druckereiunternehmer wegweisend die Fusion der drei meinungsbildenden Traditionsblätter “Vaterland” bzw. “Luzerner Zeitung” (konservativ), “Luzerner Tagblatt” (liberal) und “Luzerner Neueste Nachrichten – LNN” (überparteilich) zu einer modernen und erst noch rentierenden Forums-Zeitung bewerkstelligte, notabene in Verbindung mit der “Neuen Zürcher Zeitung”. Damit hat er die Presselandschaft und das öffentliche Leben seiner Region nachhaltig geprägt. Als Ständerat des Kantons Zug zwischen 1974 und 1994 trat er sein Amt kurz nach der Wahl seines Kollegen Hans Hürlimann (Vater des Schriftstellers Thomas Hürlimann) in den Bundesrat an. In diesen und noch späteren Jahren gehörte er auf unspektakuläre Weise stets in die erste Reihe der Schweizer Politiker. Als grundlegend gilt seine Rolle bei der Rentenreform des BVG, der beruflichen Vorsorge, welche wohl zu den diesbezüglich vorzüglichsten Institutionen in Europa gezählt wird.
Geboren als Sohn eines Buchdruckers im Kanton Zug, musste Markus Kündig im Alter von 25 Jahren seine Ausbildung in England und Deutschland abbrechen, um das väterliche Unternehmen, die Kündig Druck AG, zu übernehmen. Diese führte er zu einem der blühendsten mittelständischen Betriebe in der Innerschweiz empor. Mit sicherem Instinkt installierte er sich als Medienunternehmer mit Gespür für die aktuellen Entwicklungstendenzen; ausserdem war er langjähriges Mitglied und zeitweise Präsident der Wasserwerke Zug, Metro Zug, Metallwarenholding Zug wie auch der Traditionsfirma Verzinkerei Zug. “Seine analytischen Fähigkeiten, sein menschlicher Umgang, seine Führungsqualitäten waren in unzähligen Unternehmen, Institutionen und Organisationen gefragt”, schrieb der Verwaltungsratspräsident der Innerschweizer LZ-Medien, Erwin Bachmann, in seinem engagierten Nachruf in der in der Neuen Luzerner Zeitung vom 15. November 2011. Markus Kündig wirkte zum Beispiel im Verwaltungsrat der Schweizerischen Unfall-Versicherungsanstalt (Suva). der Zürich-Versicherung, des Industrie-Unternehmens Landis und Gyr, der Pelikan Holding und, als ein Kulminationspunkt von Macht und Einfluss, über Jahre als Vizepräsident der United Bank of Switzerland (UBS), der neben der Crédit Swiss global agierenden bedeutendsten Schweizer Bank. 1984 bis 1998 präsidierte er den Verband der Schweizer Werbewirtschaft. Dass Kündig zwischen 1982 und 1991 Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes war, der damals mächtigsten wirtschaftlichen Lobby-Organisation der Schweiz, zeigte in aller wünschenswerten Deutlichkeit, dass die wirklich mächtigen Politiker der Schweiz nicht unbedingt Mitglieder der Regierung sein müssen. Auch als Präsident der Zuger Staatswirtschaftskommission war Markus Kündig ein dynamischer Organisator des schweizerischen Wohlstandes auf der Basis von Steuerwettbewerb, Bankgeheimnis und der Förderung selbständiger Existenzen. Es ist insofern kein Wunder, dass prominente Deutsche wie Johannes Mario Simmel, Boris Becker und viele andere das einst abschätzig beurteilte, nur gerade wegen seiner Kirschprodukte gerühmte “Zugerländchen” zu ihrer Wohnstätte wählten. Der eidgenössische Stand Zug war noch vor weniger als zweihundert Jahren sozusagen das Armenhaus der Schweiz gewesen.
Typisch für Markus Kündig wurde, dass er fruchtbringende und breit wirksame wirtschaftliche Interessenpolitik mit christdemokratischen Überzeugungen in Kongruenz zu bringen trachtete; nicht unähnlich jenen deutschen Politikern aus der Blütezeit der Unionsparteien, die dann zum Beispiel vom katholischen sozialkritischen Schriftsteller Heinrich Böll herbe Kritik einstecken mussten. Indes war das Lebenswerk von Markus Kündig sowohl als Unternehmer wie auch als Politiker durchwegs der Förderung eines breiten Mittelstandes und der Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU) gewidmet, wiewohl man ihm im schweizerischen Schicksalsjahr 1992 wegen seiner starken Stellung in der Grossbank UBS vorwarf, den Globalisierungstendenzen den Vorrang vor herkömmlicher gewerblicher Mittelstandspolitik einzuräumen. Dies anlässlich der heftigen Auseinandersetzungen um den in der Volksabstimmung knapp gescheiterten Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), nach Meinung der damaligen Bundesregierung ein “Trainingslager” zum EU-Beitritt. Diese Meinungsverschiedenheiten, wie sie damals zum Beispiel der FDP-Politiker Prof. Hans Letsch formulierte, spalten das bürgerliche politische Lager in der Schweiz noch bis zum heutigen Tag.
Die politischen und wirtschaftlichen Aktivitäten von Markus Kündig waren indes durchwegs von Erfolg geprägt. Dies in einer Phase des ungebrochenen Ansehens der Schweiz auf der Höhe ihrer Blüte als relativ kleines, gerne mal unterschätztes “heimliches Imperium” (Lorenz Stucki) im globalen Wirtschaftsleben. Kündigs Politik für die Schweizer Wirtschaft, für seinen Kanton wie auch für den Schweizer Bund, namentlich auch die grossangelegte Pressefusion in der Innerschweiz, war wohl deswegen meistenteils vom Glück begünstigt gewesen, weil er mit langfristiger Umsicht und Spürnase, auf verantwortungsfähige Weise die Politik durchzusetzen versuchte, die sich vom gegebenen Trend her als die richtige anbot und die deshalb, auch weil sie auf Konsens und Kompromiss beruhte, als “Politik der Mitte” bezeichnet wurde. Insofern praktizierte der Zuger Unternehmer, wie der Schweizer Schriftsteller und Bundesratssohn Thomas Hürlimann es in seinem Roman “Der grosse Kater” im Anschluss an Robert Musil formulierte, die Politik, welche geschieht. Das blieb über Jahre und Jahrzehnte das Erfolgsrezept der Christdemokraten in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Für eine solche Politik brauchte es den sicheren Instinkt für den “Kairos”, den richtigen Augenblick. Darüber verfügte Markus Kündig zeitlebens wie nur wenige der Landsleute seiner Generation.
Markus Kündig hat sich für seine Heimatrepublik, den Kanton Zug; für die Zentralschweiz als taktisch geschickt agierender Medienunternehmer, womit der Raum Innerschweiz als publizistischer Raum erhalten blieb, und für die Schweizerische Eidgenossenschaft und ihre Wirtschaft und Gesellschaft in hohem Ausmass verdient gemacht. Er hat den Wandel in Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur konstatiert, sondern ihn auf dynamische Weise mitgestaltet. Im Gegensatz zu katholisch-konservativen Christdemokraten der älteren Generation, wie sie in Hürlimanns Romanen beschrieben werden, konnte er sich ohne negative Auswirkungen auf seine Karriere sogar eine Scheidung leisten. In erster Ehe, aus der mehrere Kinder hervorgingen, war er verbunden mit Daisy Imhof, Tochter eines Fabrikdirektors; in zweiter Ehe verheiratet mit Maria Kündig-Vanek, seiner nunmehrigen Witwe. Markus Kündig, ein Mann von Grundsätzen, repräsentierte einen Typus von Politiker und Unternehmer aus einer Epoche, da die Schweiz noch als ein Land des guten Gewissens, des Wohlstands und der stetig wachstumsorientierten Wohlfahrt galt. Noch heute profitiert die Alpenrepublik von diesen fetten Jahren. Über den Verstorbenen liess sich der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister, eine der verbliebenen Leaderfiguren unter den Schweizer Christdemokraten der Gegenwart, wie folgt verlauten: “Kündig konnte komplizierte Sachen sehr einfach erklären und hatte die Gabe, die Leute mit verschiedenen Meinungen an einen Tisch zu bringen, um dort mit ihnen eine Lösung zu erarbeiten. Er war in Bern ein absolutes Schwergewicht, und ihm haben wir Schweizer das Bundesgesetz für die Berufliche Vorsorge zu verdanken.”

Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster

Einträge:

Ein letztes Dankeschön für alles.

Eintrag by Kurzmeier am 17.November 2011


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