Josef Maria Odermatt
Josef Maria Odermatt, geboren am 1. April 1934, verstorben am 6. November 2011, war einer der angesehensten Schweizer Eisenplastiker. Geboren als Mitglied einer Familie mit zehn Kindern, wurde ihm die Künstlerlaufbahn nicht in die Wiege gelegt. Wie es in seinem heimatlichen Umfeld üblich war, machte er eine Lehre. Als gelernter Schlosser lernte er auch das Schmiedehandwerk kennen und lieben. Bald wurde ihm jedoch bewusst , dass er sich für einen herkömmlichen Handwerksunternehmer mit Büro nicht eignete.
Ein Aufenthalt in Paris scheint seinem Lebensgang eine entscheidende Wende gegeben zu haben. Nach der Rückkehr in die Schweiz arbeitete er mit dem Basler Bildhauer Hans Christen zusammen.
Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bezog Josef Maria Odermatt im Ortsteil Oberdorf von Stans (Nidwalden) ein eigenes Haus mit Atelier. Als sein Markenzeichen gelten oftmals dunkle, manchmal blockartige, dann wieder komplexe, beinahe insektenförmige Stahlplastiken, die er bis in die handwerkliche Vollendung im Detail selber verfertigte. Odermatt hat in seiner mehr als vierzigjährigen künstlerischen Tätigkeit – die erste Einzelausstellung erfolgte 1971 – stets an seinem Material, dem Eisen, festgehalten. Er verstand “Schmieden als Faszination, als eine Seuche, eine Art Droge mit Entzugserscheinungen”, wie sich seine Gattin und nunmehrige Witwe Regula Odermatt-Bürgi einmal zitieren liess. Die umfassendste Ausstellung des Gesamtwerks erfolgte 2007 in der vom genialischen Allroundkünstler Adrian Hossli zu einer Kunsthalle umfunktionierten “Turbine Giswil” (Obwalden). “Hier konnten seine Stahlplastiken Kraft und Energie entfalten, hier liessen sich Entwicklungen ablesen und Kontinuitäten, hier standen neben neuen die ältesten Arbeiten, die ihre Herkunft aus dem Handwerker-Alltag verrieten, eine Nähe zu Werkzeug und Maschine. Im Blick auf sein Lebenswerk zeigte sich der gross gewachsene, kräftige Mann mit seinem schlohweissen Haar erstaunt darüber, was er da alles bewerkstelligt habe, welche Anstrengungen das gekostet haben musste. In den späten Jahren schmiedete er seine Skulpturen nicht mehr, (…) immer konzentrierter wurde die Formensprache, rundgebogene Kuben wurden zu Merkpunkten, die einen Raum mit seinen Energien und Fluchten bündelten”, schrieb der Kulturpublizist Urs Bugmann am 8. November 2011 in seiner Würdigung des Künstlers in der “Neuen Luzerner Zeitung”.
Mit Josef Maria Odermatt verliert die Schweiz nach Bernhard Luginbühl, gestorben am 19. Februar 2011, abermals einen das öffentliche Leben mit markanten Werken mitgestaltenden Eisenplastiker. Mit zu den Weggefährten Odermatts gehörte der Aargauer Erwin Rehmann, welcher sich wie der Verstorbene nach mehr traditionellen und handwerklichen Anfängen zu den bedeutendsten Repräsentanten moderner Kunst in der Schweiz gewandelt hat. Zu den letzten Wünschen des Verstorbenen gehörte es, in seinem Atelier aufgebahrt zu werden. Das Sterbegebet wurde gemäss Todesanzeige in das Obere Beinhaus Stans, mit dem Gedenken an die Gefallenen von 1798 eine der eindrücklichsten Räumlichkeiten der Innerschweiz, angesagt; die Abdankung in die Pfarrkirche Stans, welche atmosphärisch durch das Andenken an die Kantons- und Landesheiligen Konrad Scheuber und Niklaus von Flüe geprägt ist. Josef Maria Odermatt hinterlässt nebst seiner Witwe drei Kinder, darunter die bekannte Filmemacherin Thaïs Odermatt. Nebst weiteren Auszeichnungen wurde dem Eisenmeister 2004 der Kulturpreis der Innerschweiz verliehen. So wie der Kirchenmaler Melchior Paul von Deschwanden für das 19. Jahrhundert, so war Josef Maria Odermatt in seiner Heimat Nidwalden für das 20. Jahrhundert und das nunmehr angebrochene 21. Jahrhundert ein für die Epoche repräsentativer, über die Horizonte der Innerschweizer Bergwelt ausstrahlender Künstler. Dass seine Werke im Vergleich zum Vorgänger gewöhnlich in Museen und auf öffentlichen Plätzen stehen statt in Kirchen, ist Ausdruck eines Kulturwandels, der als Säkularisierung zu verstehen ist. Unbeschadet von diesem Befund wird dem Verstorbenen nebst einem bescheidenen Charakter, der nie grosses Aufhebens um sich selber machte, ein barockes, in manchem totentänzerisches Profil nachgesagt. Damit findet dieses Lebenswerk auf seine Weise heim in den Anbeginn.
Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster