Lebendige Erinnerung

 

1. November 2011

Heinz Ludwig Arnold

Heinz Ludwig Arnold, geboren am 29. März 1940 in Essen, verstorben an Allerheiligen (1. November) in Göttingen war der mutmasslich bedeutendste Vermittler deutschsprachiger Literatur in der Gegenwart. Mit der Zeitschrift “Text und Kritik”, die 1963 gleich mit dem späteren Nobelpreisträger Günter Grass begann und dem “Kritischen Lexikon zur deutschsprachlichen Gegenwartsliteratur”, welches ab 1983 im Loseblatt-Verfahren erschien, zuletzt mit der Neuausgabe des für die Übersichtsinformation massgeblichen Literaturlexikons von Kindler (2009) setzte er für die breite, zum Beispiel auch den Schulunterricht erfassenden Rezeption deutscher Literatur Massstäbe. Dabei stand er, in gewissem Gegensatz zu dem in der Öffentlichkeit noch bekannteren Marcel Reich-Ranicky (geb. 1920), nie im Ruf eines Literaturpapstes. Heinz Ludwig Arnold war und blieb bis zu seinem Tode Literaturvermittler, stand also zwischen den Schriftstellern und Dichtern einerseits und dem Publikum, dem er dienen wollte, andererseits. Die Mitte, die er verkörperte, hatte weder mit Vollkommenheit gemäss der Tugendmitte von Aristoteles zu tun noch handelte es sich um eine unverbindliche politische Mitte, sondern, wenn schon, um eine Plattform geistiger Freiheit.

Merkwürdig bleibt für einen Gelehrten dieses Formats, dass er weder seine Dissertation abgeschlossen hatte noch über eine reguläre Habilitation verfügte, wiewohl ihm an der Universität Göttingen 1995 durchaus zurecht der Titel “Honorarprofessor” verliehen wurde. Der Katheder war aber nicht das für Heinz Ludwig Arnold angemessene Medium. Der Vermittlungsstandort Göttingen erinnert an die “Göttinger Anzeigen von gelehrten Sachen”, welche im 18. Jahrhundert für die Vermittlung von Neuerscheinungen die wohl bedeutendste Literaturzeitschrift waren. Der Berner Arzt und Schriftsteller Albrecht von Haller (1708 – 1777) verfasste jahrelang beinahe täglich eine Literaturrezension für diese Göttinger Gelehrten Anzeigen, weswegen er gemäss einer anekdotischen Überlieferung beim Suppeschlürfen meist ununterbrochen am Lesen war. Mit beinahe vergleichbarem Fleiss hat Heinz Ludwig Arnold für die von ihm gegründete Zeitschrift “Text und Kritik” wie auch für das Kritische Lexikon der deutschen Gegenwartsliteratur gearbeitet, wiewohl er natürlich die meisten Rezensionen, wie es heute geboten ist, an Spezialisten delegierte.

Dass Heinz Ludwig Arnold das Literaturstudium nicht abgeschlossen hat, hängt damit zusammen, wie er zu einem faktisch noch lehrreicheren Kontakt zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Literatur kam, nämlich Ernst Jünger in Wilflingen, einer quasi alternativen Institution des literarischen Lebens in Deutschland, vom geistesgeschichtlichen Gewicht etwa dem Suhrkamp-Verlag oder dem schon genannten Reich-Ranicki vergleichbar, wenngleich “umstritten”, wie es bei der Erwähnung von Ernst Jünger zu den fast vorgeschriebenen Attributen gehört. Dem Thema Ernst Jünger wäre auch der letzte noch gebuchte Vortrag von Heinz Ludwig Arnold gewidmet gewesen, zum “Literarischen Herbst” am 8. Oktober im Stauffenberg-Schloss von Wilflingen. Diesen Anlass musste er jedoch aus gesundheitlichen Gründen an Albert von Schirnding delegieren. “Krieger, Waldgänger, Anarch” (Göttingen 1990) lautet der Titel eines Standardwerks von Arnold über Ernst Jünger.

Es traf indes bei weitem nicht zu, dass Heinz Ludwig Arnold sich auf ideologische Weise in den Sog des Jahrhundertschriftstellers Jünger hätte ziehen lassen. Noch mit anderen Autoren von bedeutendstem Rang pflegte Heinz Ludwig Arnold auf einzigartige Weise intensive Kontakte, so mit Friedrich Dürrenmatt, den er als Gesprächspartner in einem Werk von nicht weniger als vier Bänden würdigte. Heinz Ludwig Arnold gehört mit Buchpublikationen, die schon in den sechziger Jahren begannen, zu den wichtigsten Dürrenmatt-Publizisten und hat massgeblich zum unbestrittenem Rang dieses eigenwilligen und genialen Schweizers in der deutschen Literatur und in der Weltliteratur beigetragen. Auch über Max Frisch gab es einen repräsentativen Band, gleich mit der Frage aller Fragen bei jenem Autor, nämlich “Was bin ich?”. Weitere Gespräche veröffentlichte Heinz Ludwig Arnold u.a. mit Walter Jens, Peter Rühmkorf, Peter Handke, Günther Grass, Wolfgang Koeppen, Franz Xaver Kroetz, Günter Wallraff, Gerhard Zwerenz und anderen. Besonders Interesse galt der Arbeiterliteratur, in welchem Zusammenhang Arnold als Promotor von Max von der Grün gelten kann. Als Standardwerk zum Thema gilt das “Handbuch zur deutschen Arbeiterliteratur”, welches 1977 erschien. Auch über die Gruppe 47, die für die moderne deutsche Literatur der Nachkriegszeit wohl einflussreichste Interessengruppe, hat Heinz Ludwig Arnold eine Monographie verfasst. Politische Berührungsängste sowohl nach links wie nach rechts kannte er kaum, was zum Beispiel dem “Tagebuch einer Chinareise” zu entnehmen ist. Dieses ist 1978 im Verlag der Arche in Zürich erschienen. Es scheint kaum möglich, Arnold in eine herkömmliche schöngeistige kulturkonservative Ecke zu stellen. 2009 veröffentlichte er zusammen mit Andreas C. Knigge ein Sonderheft zu “Text und Kritik” unter dem Titel “Comics, Mangas, Graphik Novels”.

Sein letztes überaus eindrückliches Buch ist im Herbst seines Todes erschienen: “Ein abenteuerliches Herz. Ein Ernst-Jünger-Lesebuch” bei Klett-Cotta. Heinz Ludwig Arnold hat mit seiner geistigen Existenz ein lebendiges Beispiel dafür gegeben, dass die Vermittlung von Literatur heute nur noch bedingt über die Hochschulen geschieht. Jenseits herkömmlicher Diplome und studienrätlicher Beamtungen hat er eine Lebensleistung erbracht, die im Gelehrtenleben der Gegenwart ihresgleichen sucht.

Dr.phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster

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