Lebendige Erinnerung

31. Oktober 2011

Ivo Meyer

Ivo Meyer, Bürger von Hitzkirch und Littau/Luzern, geboren am 7. Juli 1938, gestorben am 31. Oktober 2011 in Adligenswil bei Luzern, war ein Schweizer Theologe mit Schwerpunkt Altes Testament sowie Hebräische Sprache und zwischen 1988 bis 1990 Rektor der Hochschule Luzern, heute Universität Luzern. Nebst Bibelkommentaren, vor allem aus dem Umfeld der alttestamentlichen Texte zu Jeremia und Baruch, Artikeln in Handbüchern sowie Bibelarbeit zur Gottesdienstvorbereitung schrieb Ivo Meyer bemerkenswerte Libretti, zum Beispiel zu den Zehn Geboten und zum Thema “König David”, letzteres als Neubearbeitung zum einzigartigen Oratorium von Arthur Honegger. Theologie, Lehre und Forschung, Predigttätigkeit, Medienarbeit als kritischer Fernseh-Theologe und die Liebe zu Musik und Gesang waren für diesen Theologen keine Gegensätze. Unvergessen sind seine sprachgewaltigen Fastenvorträge zu Themen wie Martin Luther King, Mose, den Heiligen Krieg wie auch zu “Angst vor dem Ende”. Im Hinblick auf seine künstlerischen Fähigkeiten sei auf seine Bearbeitungen eines Spieles des Schwaben Pamphilius Gengenbach aus dem 16. Jahrhundert hingewiesen, welches aus der Epoche der Reformation stammt. Diesem Stück, das die zehn Gebote zum Thema hat, gab er den Titel “Die Laster der zehn Lebensalter”. Die Kritik an den Sündern dieser Welt war bei Ivo Meyer in der Regel durch Humor gedämpft. Bedeutend wurde in diesem Sinn auch seine theologische Rektoratsrede, welche im Anschluss an den Propheten Hosea forderte: “Barmherzigkeit will ich – nicht Opfer.” Hosea war, zu Zeiten von Ivo Meyers Theologiestudium, der Lieblingsprophet von 68-er-Held Rudi Dutschke.

Aufgewachsen ist Ivo Meyer im Kreise einer ansehnlichen Familie in Reussbühl bei Luzern, wo sein Vater als gestrenger, nicht sehr beliebter, aber überaus tüchtiger Lehrer tätig war. Gross waren seine Verdienste als Organist, was dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf den musisch orientierten Sohn geblieben sein dürfte. Die Karriere von Ivo Meyer als Theologe begann in siebziger Jahren in der damals neu gegründeten Universität Regensburg, an der damals Josef Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., als Professor lehrte. Hier doktorierte Meyer über das Thema “Jeremia und die falschen Propheten”. Auch aufgrund seiner Auseinandersetzungen mit Jeremia entwickelte sich Meyer nach und nach zum Kirchen- und vor allem zum Papstkritiker. Ähnlich wie die Theologen des Reformationszeitalters hatte der geweihte Priester mit dem Zölibatsgesetz theoretisch und praktisch eine liebe Mühe. Seine erste Lehrberufung führte ihn nach Paderborn, welches ihm jedoch allzu “erzkatholisch” vorkam, so dass er es vorzog, ab dem 1. Oktober 1978 an der Theologischen Hochschule im heimatlichen Luzern Altes Testament zu lehren. Hier ging es ihm nicht wie seinem Kollegen Eugen Drewermann, der bekanntlich in Paderborn seines Lehrauftrages entsetzt wurde. Vielmehr errang sich Ivo Meyer bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2002 in der schweizerischen theologischen Szene eine starke und dominierende Stellung, mit Ausstrahlung weit über die Hochschule und auch die Konfessionsgrenzen hinaus. Im Monat seiner Berufung nach Luzern wurde der polnische Bischof Karol Woityla zum Papst gewählt, Johannes Paul II. Gemäss der Laudatio von Dekan Edmund Arens zur Abschiedsvorlesung von Ivo Meyer ist charakteristisch: “Den einen hat es seither an alle Enden der Erde getrieben, der andere ist zumeist im Lande geblieben.” Das kritische Attribut des “Bleiapostels”, welches Paracelsus für festangestellte Pfarrer und Theologen verwendete, hätte indes Ivo Meyer wohl kaum auf sich sitzen lassen.

Anlässlich des Papstbesuches in der Schweiz im Sommer 1984 verfasste Ivo Meyer in der damals noch katholischen Luzerner Zeitung einen Artikel mit ätzender und provozierender Kritik am Pontifex, was dann und wann auch in seinen Beiträgen am Schweizer Fernsehen DRS zum Ausdruck kam. Luzern wurde unter dem kritischen Alttestamentler und anderen Theologen einigermassen konsequent zur Hochburg der Romkritiker; eine Tradition, welche in dieser Stadt bis in die Aufklärung zurückgeführt werden kann. 1734 wurde im sogenannten Udligenswiler Handel der Nuntius aus Luzern vertrieben; nach 1800 dominierte am Vierwaldstättersee eine Zeitlang die liberale Wessenbergschule, welche zum Entsetzen des Dorfheiligen Niklaus Wolf von Rippertschwand (1756 – 1832) die Existenz des Teufels in Frage stellte und gegen den Widerstand des Volkes die heiligen Bäume fällen liess. Auch die Forderung nach Aufhebung der Klöster wurde katholischerseits in der Schweiz erstmals in Luzern vertreten. Da man im Zölibatsgesetz sowie in vielen Elementen herkömmlicher Volksfrömmigkeit kaum mehr einen Sinn sah, wurden in Luzern zur Zeit der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nur noch in sehr geringer Zahl Priester ausgebildet. Dafür verbreiterte sich die Theologische Fakultät vor allem in die Richtung christlich-jüdischer Oekumene und entsprechender Forschungen, welche noch heute zum wesentlichen Profil dieser Fakultät beitragen. In mancher Hinsicht mit Ivo Meyer geistesverwandt war der berühmte Tübinger Alttestamentler schweizerischer Herkunft, Herbert Haag (1915 – 2002), dessen von Hans Küng geleitete Stiftung “Freiheit in der Kirche” aber Ivo Meyer dann doch nicht mit dem entsprechenden Preis, den er gewiss verdient hätte, auszeichnen wollte.

Die Todesanzeige für “Ivo Meyer, Theologe” in der Neuen Luzerner Zeitung von Allerseelen 2011 (2. November), beginnt mit den Worten: “Mit dem heutigen Tag hat mein irdischer Weg sein Ziel erreicht, wahrhaftig Grund, den Hinterbliebenen, allen, die Licht, Farbe, Klang, Würze und Widerstandskraft in mein Leben gebracht haben, Danke zu sagen.” Ein weltlich klingender Abschied, aber verbunden mit der Einladung zu einer “schlichten, frohen Kommunionfeier mit anschliessender Agape.”

Die Theologie des zeitlebens festangestellten Kirchenkritikers Ivo Meyer kann nicht simplifizierend als liberaler Mainstream abgetan werden. Dazu war dieser Theologe viel zu stark von Jeremia, der Klage über die Falschheit der Welt und über die falschen Propheten, geprägt. Ivo Meyer lebte im Spannungsfeld barock-luzernischer-bürgerlicher Lebensfreude und einer Kirche, von deren ihm vermorscht erscheinenden Dogmatik der Verstorbene ähnlich wie Herbert Haag (“Abschied vom Teufel”) längst auf Distanz gegangen war. Ivo Meyer hinterlässt gemäss Todesanzeige eine Lebenspartnerin, mehrere Geschwister und darüber hinaus eine bewegte Hörerschaft, die ihn als anregenden geistvollen Lehrer und Redner im Gedächtnis behält. Der im Alter von 73 Jahren Dahingegangene hat sich zu keinem Zeitpunkt in den elfenbeinernen Turm seiner biblischen Uralt-Themen zurückgezogen. Als Vizepräsident der Akademie 91 wie auch als engagiertes Mitglied des schweizerischen Wissenschaftsrates hat er massgeblich zum Übergang der für sich allein längst nicht mehr lebensfähigen Luzerner Theologischen Hochschule zu einer jetzt blühenden und nunmehr im Vollausbau befindlichen Universität, die diesen Namen auch verdient, beigetragen.

Dr. phil. Pirmin Meier
Gymnasiallehrer und Schriftsteller
Beromünster

Einträge:

Ich habe Ivo Meyer viel zu verdanken.
Als ich in den 80er Jahren in Luzern Theologie studiert hatte wollte man mich aufgrund eines satirischen Artikels massregeln, Ivo hat hinter den Kulissen dafür gesorgt, dass es bei einem Verweis blieb.
Darüber hinaus hat er mich dem Schweizer Fernsehen empfohlen, das in der Redaktion “Gesellschaft und Religion” gerade eine Volontariatsstelle zu besetzen hatte.
Einer meiner ersten Fernseh-Beiträge war dann über Ivo, der als “Wort zum Sonntag”-Sprecher derart angefeindet wurde, dass man ihm aufblasbare Gummipuppen und anderes mehr ins Haus lieferte.
Ich werde Ivo Meyer zeitlebens in guter Erinnerung behalten.

Eintrag by Willi Bühler am 3.November 2011


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