Lebendige Erinnerung

12. Oktober 2011

Heinz Bennent

Heinz Bennent, eigentlich Heinrich August Bennent (* 18. Juli 1921 in Atsch, Deutschland; † 12. Oktober 2011 in Lausanne, Schweiz), war ein deutscher Schauspieler.

Bennent trat in hundertzehn Filmen auf; am bekanntesten wurde er mit seiner Rolle als jüdischer Theaterdirektor im besetzten Paris in François Truffauts Spielfilm Die letzte Metro, der vom Keller aus das Geschehen auf der Bühne leitet. Das Theater spielte auch in Bennents Leben eine bestimmende Rolle; von der Fachwelt wurde er als einer der letzten großen, international tätigen Charakterdarsteller des Theaters geschätzt. In der vielschichtigen Darstellung von Einzelgängern, Außenseitern und Narren entfaltete er seine größte Meisterschaft. Vom Kulturbetrieb hielt er sich zeitlebens abseits.

Heinz Bennent wurde als sechstes Kind eines Buchhalters geboren. Er besuchte das Gymnasium bis zur Obersekunda und wurde wegen „mangelnden Gehorsams“ aus der Hitlerjugend ausgeschlossen. Bereits als Kind begeisterte sich Bennent nach eigenen Angaben für den Schauspielberuf, absolvierte aber auf Anraten seiner Eltern von 1938 bis 1939 eine Schlosserlehre, die er nicht beendete. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er in einer Munitionsfabrik. Aus Naivität meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst und wurde wegen seiner Schlosserlehre lediglich zum Bodenpersonal der Luftwaffe eingezogen. Er diente auf einem Fliegerhorst an der Ostsee und spielte dort in der Freizeit mit Kameraden Theater.

Noch vor Kriegsende legte Bennent eine Eignungsprüfung als Schauspieler ab. Sein erstes Engagement erhielt er 1947. Seine eigentliche Schauspielausbildung begann Bennent nach dem Krieg bei Felix Emmel und Karl Meixner in Göttingen. Seine weiteren Engagements führten ihn an die Theater in Karlsruhe, an das Schauspielhaus Bochum, nach Basel, Bonn, Hannover und Hamburg. In der deutschen Theaterlandschaft nahm Bennent eine solitäre Stellung ein. Nach seinen Anfängen gehörte er keinem Theaterensemble mehr an. Seine Schauspielkunst galt als so einzigartig, dass er in der Lage war, damit regelmäßig die Bühne zu dominieren. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier umschrieb dies als seine Fähigkeit, vom Wesentlichen zum Oberflächlichen aufsteigen zu können, das ungeschönte Innere schließlich mit Eleganz und Witz zu bedecken.

Neben seinen Theaterarbeiten in Frankreich und der Schweiz war er häufig an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Seine virtuose Persiflage gleich mehrerer Charakterdarsteller wie Will Quadflieg, Fritz Kortner, Gustaf Gründgens und Bernhard Minetti im Stück Besucher von Botho Strauß unter der Regie von Dieter Dorn begeisterte 1988 Besucher und Kritiker: „Er parodierte Kollegen von Quadflieg bis Kortner mit so viel Bosheit und Ehrfurcht, mit so viel Witz, Verve und Tücke, daß Chargieren und Schmieren zur höchsten Kunst wurde. Der Held als Clown. Selten hat jemand so sparsam übertrieben und zugleich so schamlos untertrieben. Gesten eilten ihren Worten davon, machten sich selbständig.“ Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er mit einer eigenen Zusammenstellung zweier früher Tschechow-Texte zu dem Solostück Ich bin der Mann meiner Frau.

Die Theaterarbeit schätzte er wesentlich mehr als die Dreharbeiten: „Film kann jeder, im Film muss man sein – man selbst sein. […] Auf der Bühne habe ich alles in der Hand. Dort bestimme ich den Rhythmus.“ Den Rhythmus seiner Texte übte er öffentlich im Gehen ein, vor der Kamera und auf der Bühne variierte und improvisierte er dann jedes Mal auf’s Neue seine Gestik und Aussprache, welche er immer sehr präzise artikulierte. Bennent vermittelte auf der Bühne immer einen reflektierten, sachlichen und hochkonzentrierten Eindruck jenseits aller Theatralik.Gleichwohl gab sich Bennent nie ganz zufrieden mit seiner Arbeit, unablässig suchte er nach einem besseren, stimmigeren Ausdruck. Seine Wahrheitssuche umschrieb er einmal damit, dass er kein „Talent zur Selbstzufriedenheit“ habe. Die Regisseurin Ute Wieland erlebte dagegen diese Suche positiv, für sie war er als „Schauspieler wie ein neugieriges Kind, mit Spielfreude und Neugier auf meine Vision.“

Parallel zu seiner Theaterarbeit begann Bennent, ab 1954 regelmäßig im deutschen Fernsehen in Erscheinung zu treten. Er beschränkte sich zunächst auf Theater- und Literaturverfilmungen.Später folgten auch Fernsehserien. 1977 war er unter der Regie von Ingmar Bergman in Das Schlangenei zu sehen, mit dem ihm auch die Theaterarbeit an Per Olov Enquists Aus dem Leben der Regenwürmer verband. Bergman ermutigte ihn, seine Gestik noch mehr auszuarbeiten. Nach einer Nebenrolle in Costa-Gavras’ Die Liebe einer Frau (1979) mit Romy Schneider und Yves Montand erhielt er durch seine Sprachkenntnisse auch Angebote im französischen Film. Eine César-Nominierung brachte ihm 1981 François Truffauts Die letzte Metro (1980) ein, in dem er neben Catherine Deneuve und Gérard Depardieu einen jüdischen Theaterleiter spielt, der sich im Paris des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis versteckt halten muss. Weitere Rollen unter Andrzej ?u?awski (Possession, 1981), Claude Goretta (Der Tod des Mario Ricci, 1983) oder Régis Wargnier (Eine französische Frau, 1995) folgten, wodurch er in Frankreich mitunter populärer war als in Deutschland. Den Bundesfilmpreis gewann Bennent 1989 für Ute Wielands Im Jahr der Schildkröte, in dem er als ein 60-jähriger, verwitweter und arbeitsloser Buchhalter eine quirlige Studentin kennenlernt. Bennent blieb während der Dreharbeiten auch privat in der Figur als depressiver Frührentner. In seiner (als auch Dietmar Schönherrs) letzten Filmrolle war er 2004 als Sigmund Freud zu sehen, der seine Freundin und spätere Psychoanalytikerin Marie Bonaparte (Catherine Deneuve) analysierte, eine Urenkelin des Bruders von Napoléon Bonaparte.

1954 heiratete Heinz Bennent die französische Tänzerin Paulette Renou (Künstlername Diane Mansart), die an der Pariser Oper auftrat. Seine Frau zog sich nach der Geburt der gemeinsamen Kinder Anne (* 1963) und David (* 1966) vom Berufsleben zurück und unterstützte ihre Familie. Die Familie lebte gern abgeschieden und spartanisch in einer Fischerhütte auf Mykonos, in einem Bauernhof eines 2000 m hoch gelegenen Schweizer Bergdorfs und in einer Stadtwohnung in Lausanne von Diane Bennents Mutter. Tochter und Sohn traten ebenfalls frühzeitig als Schauspieler in Erscheinung. Häufig standen sie auch gemeinsam auf der Bühne oder traten zusammen in Filmen auf. In Geißendörfers Drama Die Eltern (1973) agierte die gesamte Familie Bennent vor der Kamera und spielte dort das Gegenbild zu einer heilen Familie. Der bekannteste gemeinsame Auftritt war in Volker Schlöndorffs Verfilmung des Bestsellers Die Blechtrommel von Günter Grass. Heinz Bennent stellte einen Gemüsehändler dar, Sohn David hatte die Hauptrolle als kleinwüchsiger Trommler Oskar Matzerath. Anne Bennent tritt seit 1989 auch als Chanson-Sängerin mit dem Liederzyklus Pour Maman in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich auf. Bis zum Tode ihrer Mutter Ende 2010 war auch sie während der Darbietung ihrer Tochter auf der Bühne präsent.

Eine herausragende Theaterproduktion war Samuel Becketts Endspiel, mit dem Heinz und David Bennent seit 1995 auf Tournee in ganz Europa zu sehen waren. Heinz Bennent bezeichnete dieses Drama als „das Stück meines Lebens.“ Von 1997 an bis 2010 war er gemeinsam mit seinem Sohn David auf einer Tournee unterwegs: nachdem David Bennent Heiner Müllers Bildbeschreibung vorgetragen hatte, rezitierte er Hölderlins Briefroman Hyperion. Seine Begeisterung für Hölderlin äußerte er oft: „An Hölderlin kann man ein Leben lang arbeiten, bis man das Wesentliche trifft. Für mich sind große Texte und große Autoren eine Beglückung.“ „Für mich gibt es keinen Tag ohne Hölderlin. […] Er ist und bleibt mein Brevier, mein tägliches Brot.“

Bennent zog Anfang der 1970er-Jahre in die Schweiz, wo er zwischen seinen Engagements und Tourneen bis zu seinem Tode lebte. Die Sommermonate verbrachte die Familie seit Bennents Hochzeit 1954 auf Mykonos, da ihnen die Einwohner dort ein Haus gebaut und geschenkt hatten. Heinz Bennent starb am 12. Oktober 2011 im Kreise seiner Familie in Lausanne. Wenige Monate zuvor war seine Frau Diane Bennent am 10. Dezember 2010 mit 82 Jahren gestorben. Er lebte zuletzt in Pully, Schweiz.


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