Lebendige Erinnerung

8. August 2011

Max Tobler

Max Tobler, geboren am 23. März 1931 in Wolfhalden, Kanton Appenzell Ausserrhoden, gestorben am 8. August in Romanshorn, war ein Schweizer Pädagoge, Spracherzieher und Historiker. Seine Forschungen zur Geschichte des Bodenseeraums wie auch zur Bildungsgeschichte der Region sind beeindruckend und von grenzüberschreitendem Interesse. Überdies war Max Tobler Verfasser von Lehrmitteln, Museumspädagoge, Erwachsenenbildner, Volkshochschulaktivist und in den letzten Jahrzehnten seines Lebens Pionier im Bereich des Wohnbaus für das Alter. Dabei beschränkte er sich nicht auf technische Probleme, sondern startete eine Vielzahl von Aktivitäten, zum Beispiel die “Computeria”, womit die ältere Generation zur Lebensgestaltung auf der Höhe der Zeit angeregt werden sollte.

Max Tobler wuchs als Sohn einer Seidenweberfamilie im ländlichen Appenzellerland auf. Hier wurde ihm Fleiss im Sinne der protestantischen Arbeitsethik von Ulrich Zwingli wie auch eine überdurchschnittliche Portion Gemeinsinn gewissermassen in die Wiege gelegt. Von da oben reichte der Blick aber auch über den Bodensee hinüber. Die Bewohner des Appenzeller Oberlandes haben von ihrer Wohnlage her keinen engen Horizont. Beispielsweise gehörte die Bombardierung von Friedrichshafen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zu den nachhaltigsten Jugenderlebnissen von Max Tobler, wie er überhaupt durch die historischen Ereignisse dieser Zeit lebenslänglich geprägt blieb. Dies ist zum Beispiel repräsentativ und keineswegs nur lokalhistorisch dargestellt in seinem Buch “Wie Romanshorn den Zweiten Weltkrieg erlebte – Ein Grenzort im Bannkreis der Weltgeschichte”.

Wiewohl Vater Emil es vorgezogen hätte, dass sein Sohn einen handwerklichen Beruf erlerne, fühlte sich Max Tobler früh zum Lehrer berufen. Im Frühjahr 1948 trat er in das damals durch den bedeutenden Pädagogen Willi Schohaus geprägte Lehrerseminar Kreuzlingen ein. Von dieser Ausbildung, einer Lehrerbildung als Persönlichkeitsbildung in Verbindung mit kulturschaffendem Engagement an der Stätte seines Wirkens, blieb Tobler derart überzeugt, dass er unbeschadet reichhaltiger intellektueller Fähigkeiten und seinem enormen Interesse für Geschichte und Kulturgeschichte sein ganzes Arbeitsleben aus einer tiefen Berufung heraus als Volksschullehrer verbrachte. Mitte der fünfziger Jahre unterrichtete er in der Gemeinde Waldstatt, in welcher er dann auch gleich die Lesegesellschaft und eine Schulhausbaukommission präsidierte. Ab 1957 bis zu seiner Pensionierung lehrte mit grossem Engagement an der Mittelstufe (4. und 5. Primarklasse) in der grossen Bodenseegemeinde und nachmaligen Stadt Romanshorn. Aus der Praxis des Schulalltags verfasste er eine Reihe von Lehrmitteln für den Deutschunterricht, gab Lesebücher heraus und schrieb darüber hinaus noch ein wertvolles “Thurgauer Heimatbuch”. Ausserdem arbeitete er am Sprachwerk des Reformgermanisten Hans Glinz mit. Jeweils in den Sommerferien bildete er im damaligen “Schweizerischen Verein für Handarbeit und Schulreform” (heute “Schule Weiterbildung Schweiz” SWCH) Lehrerinnen und Lehrer in der Didaktik des muttersprachlichen Unterrichts weiter.

Zugleich gehörte es zu seiner Auffassung von Schule, dass der Lehrer sich für Namenkunde, Ortsgeschichte, Regionalgeschichte, sogenannte “Heimatkunde” interessiere. In allerdings nicht nur pädagogischer Absicht schrieb Max Tobler eine Reihe von historischen Werken, die für den Bodenseeraum von nachhaltigem Wert bleiben, so “1200 Jahre Romanshorn”, “Schulgeschichte von Romanshorn” und Monografien über das alte Schloss und die alte Kirche von Romanshorn. Auch über den Ostschweizer Künstler Ludwig Demarmels schrieb er eine Biographie. Bedeutend wurden Toblers Kenntnisse der Verkehrsgeschichte im Zusammenhang seiner Forschungen über den Eisenbahn- und Hafenpionier Johann Joachim Bachmann (1794 – 1878), einen engen Weggefährten des Thurgauer Bundesstaatspioniers und ersten Nationalratspräsidenten Johann Conrad Kern (1808 – 1888). Ohne Johann Joachim Bachmann wäre Romanshorn mutmasslich das Fischerdorf früherer Zeiten geblieben. Nun aber wurde es zu einer der wichtigsten Verkehrstationen der Schweiz mit sich intensivierenden Beziehungen auch auf die deutsche und österreichische Seeseite. Andererseits führt die Diagonale der Schweizerischen Bundesbahnen von Romanshorn (und nicht von Rorschach) nach Genf. Romanshorn wurde in diesem Sinn ähnlich wie Olten für Generationen zu einer sogenannten “Bähnler”-Gemeinde.

Max Tobler war nebst den historischen Perspektiven literarisch, musikalisch, politisch und nicht zuletzt volkskundlich interessiert. Die Sagen und Überlieferungen des thurgauischen Bodenseeraumes kannte er ebenso gut wie sein Lehrerkollege im benachbarten Amriswil, der Literaturförderer Dino Larese (1914 – 2001). So kannte Tobler die Wetterregeln vom Bodensee wie kaum ein zweiter. Im Zusammenhang mit der Beschreibung eines Regenbogens durch den berühmten Arzt und Alchemisten Theophrastus Paracelsus (1493 – 1541) aus dem Jahre 1531 war er in der Lage, dessen Auslegung des Regenbogens, wie er über die “Bodenseeischen Grenzen” sichtbar wurde, aus dem Volksmund der historischen Volksmeteorologie zu deuten:

“Rägeboge überem See – Am Morge rägnets niene meh (nirgends mehr)
Rägeboge hinderem Taal – Am Morge rägnets überaal.”

In der Dorf- und Stadtkultur, bei den Museums-Aktivitäten, bei allen Arten von Gedenkschriften, bei Pro Juventute, deren Geschäftsstelle Tobler zeitweilig führte, bei den Aktivitäten für die ältere Generation, immer war er als das menschgewordene Gedächtnis der südlichen Bodenseeregion zugegen. Dabei war er durchaus ein schlichter Mensch, der von seinem eindrucksvollen Wissen über den Bodenseeraum wenig Aufhebens machte. Ihm zur Seite stand seine Frau Lea, geb. Greminger, mit der er schon seit den Zeiten des Lehrerseminars in Kreuzlingen befreundet war. Die liebevoll geführte Ehe blieb kinderlos. An der Beisetzung des Pädagogen und Historikers in der reformierten Kirche Romanshorn erwiesen nebst Honoratioren aus der Stadt und der Umgebung nicht wenige dankbare ehemalige Schülerinnen und Schüler einer auf beeindruckende Weise väterlichen Gestalt die letzte Ehre.

Dr. phil. Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Schriftsteller, Beromünster/Schweiz

Gedanken und Erinnerungen an Max Tobler hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

© 2013 Portal der Erinnerung ist ein Projekt von hassheider koeln
Wp | Anmelden |