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Fritz Teufel

Posted By Klaus On 6. Juli 2010 @ 10:38 pm In öfftl. Person | No Comments

Fritz Teufel (* 17. Juni 1943 in Ludwigsburg; † 6. Juli 2010 in Berlin) wurde als West-Berliner Kommunarde, politischer Aktivist, Autor und aktiver Teilnehmer der Studentenbewegung ab 1967 der breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Fritz Teufel wurde während des Krieges 1943 in Ludwigsburg als Letztes von sechs Kindern geboren. Er kam 1963 nach West-Berlin und begann ein Studium der Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Mit Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans war er einer der Mitbegründer der Kommune I, die vor allem durch ihre bewusst provokanten und gegen die herrschenden Gesellschaftsbedingungen gerichteten Aktionen weltweite Aufmerksamkeit erregte.

Teufel und andere wurden Anfang 1967 festgenommen, als sie beim Werfen von Tüten beobachtet wurden. Die Polizei und die Presse bezeichneten dies als Attentat auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Die weltweite Blamage war groß, als sich die Wurfgeschosse als Pudding- und Mehlbomben entpuppten („Pudding-Attentat“). Am Tag nach dem Besuch Humphreys wurden die vermeintlichen Attentäter wieder freigelassen.

Am 2. Juni 1967 wurde Fritz Teufel wegen eines angeblichen Steinwurfs während der Demonstration gegen den Schah Reza Pahlavi verhaftet und saß bis zum Verhandlungsbeginn im November in Untersuchungshaft. Während der Verhandlungen fiel Fritz Teufel vor allem durch – aus Sicht der Staatsanwaltschaft – respektloses Verhalten auf. Als er eine längere Stellungnahme abgeben wollte, wurde er vom Richter ermahnt, er möge nur Tatsachen vorbringen, die der Wahrheitsfindung dienen. Etwas später kam er dann der Aufforderung des Richters, sich zu erheben, nach mit der Bemerkung: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient.“ Dieser Satz wurde zu einem geflügelten Wort. – Am 22. Dezember 1967 wurde Teufel freigesprochen.

Mit der Zeit bewegte sich Fritz Teufel immer mehr in Richtung des bewaffneten Kampfes und der Stadtguerilla. Zwei Jahre Gefängnis brachte ihm das Herstellen von Brandsätzen ein, die in einem Münchner Gericht gefunden worden waren. Die Presse sprach von einem Fehlurteil, da keine Beweise für eine Beteiligung Teufels vorlagen.

1975 wurde Teufel erneut festgenommen und angeklagt, als führendes Mitglied der Bewegung 2. Juni an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz mitgewirkt zu haben. Nach 5 Jahren Untersuchungshaft fand 1980 die Gerichtsverhandlung statt. Erst nach den Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft, die 15 Jahre Haft gefordert hatte, legte Teufel ein Alibi vor, mit dem er nachweisen konnte, dass er zur Tatzeit in einer Essener Fabrik (Pagette) unter falschem Namen gearbeitet hatte. Die späte Präsentation des Alibis begründete er damit, so könne er „zeigen, wie ein Angeklagter für definitiv nicht begangene Taten vorverurteilt wurde und wie das ganze System funktionierte“. Außerdem ging er davon aus, dass er wegen unerlaubten Waffenbesitzes bei seiner Verhaftung und wegen Unterstützung der Bewegung 2. Juni ohnehin zu 5 Jahren Haft verurteilt worden wäre. Er wurde zwar umgehend aus der Haft entlassen, jedoch eröffnete das Gericht eine neue Anklage wegen einiger in Berlin begangener Banküberfälle, bei denen die Räuber an Personal und Kunden der ausgeraubten Banken Schokoküsse verteilt hatten. Teufel gab dazu in einem „B-Libi“an, im Tatzeitraum in Köln untergetaucht gewesen zu sein, wollte aber mögliche Entlastungszeugen nicht nennen, um sie nicht ebenfalls der Gefahr einer Strafverfolgung auszusetzen.

Teufel hat laut einem SPIEGEL-Interview vom 3. November 1980 den Begriff der „Spaßgerilja“ geprägt und propagiert: „‚Spaßgerilja‘ ist für mich die aktuelle Form des Klassenkampfes“ und: „Seit ich mich bemühe, den Begriff ‚Spaßgerilja‘ in Umlauf zu bringen, Wortschöpfungen sind mein Hobby …“Am 19. Februar 1982 erregte er in der Fernsehsendung 3 nach 9 Aufsehen, in der er unter anderen mit dem damaligen Bundesminister für Finanzen Hans Matthöfer (SPD) über gutes Benehmen diskutierte. Im Gespräch mit dem Moderator zog er eine Wasserpistole und spritzte den Minister mit Zaubertinte nass. Matthöfer reagierte, indem er Teufel ein Glas Wein übergoss. Anlässlich seines Todes ist Teufel in führenden Medien als „Spaßrevoluzzer“ bezeichnet worden.

Nach Beendigung der Gerichtsprozesse arbeitete Teufel als freier Mitarbeiter bei der taz und als Fahrradkurier in Berlin. Weil er an Parkinson erkrankt war, musste er diese Tätigkeit aber aufgeben.Zuletzt lebte er zurückgezogen mit seiner Lebensgefährtin Helene Lollo und Freunden in Berlin-Wedding.

2001 wurde ihm der Wolfgang-Neuss-Preis für Zivilcourage verliehen. Fritz Teufel in seiner Danksagung: „Dank gilt meinen ungeborenen, ungezeugten Kindern, die mir ein Leben in Luxus und Freude ermöglichen.“

Die Trauerfeier fand am 15. Juli 2010 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte statt. Ulrich Enzensberger und Hans-Christian Ströbele würdigten Teufel in Nekrologen.



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