Lebendige Erinnerung

 

28. Juni 2010

Nicolas G. Hayek

Nicolas G. Hayek, (* am 19. Februar 1928; † am 28. Juni 2010)war ein Schweizer Mathematiker, Physiker und kreativer Unternehmer libanesisch-amerikanischer Herkunft. Für die jüngere Wirtschaftsgeschichte des Landes gelten die Verdienste des Erneuerers der Schweizer Uhrenindustrie als epochal.

Der Tod traf den 82-Jährigen, der zu seinen Lebzeiten nie Gelegenheit gefunden hätte, Memoiren zu schreiben, bei der Arbeit. Der Montag, der zum Todestag eines Schwerarbeiters werden sollte, war der 298. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau, dem bedeutendsten Schweizer Philosophen, geboren in Genf zu einer Zeit, als es in dieser Stadt noch 4000 Uhrmacher und 40 Buchhandlungen gab. Genf ist die Stadt, in welcher sich nach dem deutschen Soziologen Max Weber das Ethos des Kapitalismus im Geiste Calvins entwickelt haben soll: Dies bedeutet: Der Mensch ist nicht zum Lebensgenuss, sondern für eine Leistung in die Welt geschickt worden. Arbeit als Lebensinhalt in Verbindung mit Weltoffenheit: der Unternehmer hat eine soziale Verantwortung. Angeberei, Verschwendung und Protzerei sind des Teufels. War auch Nicolas Hayek kraft der Taufe Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche und in seiner Jugend Zögling eines Jesuitengymnasiums, so hat er dieses sogenannte protestantische Ethos des Kapitalismus wie wenige Industrieschaffende unserer Zeit in täglicher Arbeit und mit einer imponierenden Lebensleistung unter Beweis gestellt. Dabei hat er gesamtwirtschaftliche und mehr indirekt auch politische Verantwortung übernommen. Im Zusammenhang mit Exportfragen und dem Frankenkurs scheint es ihm dann und wann sogar gelungen zu sein, Einfluss auf die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank zu gewinnen. Zusammen mit dem in der breiten Öffentlichkeit bekannteren, jedoch umstrittenen Unternehmer Christoph Blocher und dem Schweizer Sozialistenführer Christian Levrat entwickelte er noch im September 2009 Ideen zur Lösung der Bankenkrise. Es ging darum, das Problem des „too big to fail“ in den Griff zu bekommen, also die faktische Unmöglichkeit der Politik, eine international vernetzte Grossbank (zum Beispiel die United Bank of Switzerland, UBS) fallenzulassen.

Wie wenige verkörperte Nicolas G. Hayek die Einheit von genialem Erfinder, Entwickler, Verkäufer, Diplomaten und sozial gesinntem Patron. Hayek erwarb sich in den achtziger Jahren den Ruf des Retters der Schweizer Uhrenindustrie. Insofern galt er als der bedeutendste Industrielle seiner Generation. Damit verbunden ist der Name „Swatch“: ein genial lanciertes Produkt auf dem Uhrenmarkt, mit dem es Hayek gelang, der Billigkonkurrenz aus dem Fernen Osten die Stirn zu bieten, ohne den jahrhundertealten Ruf schweizerischer Qualitätsarbeit aufs Spiel zu setzen. Zu den kreativen Ideen Hayeks gehört auch der neuartige Autotypus „Smart“, der im Grunde genommen ausschliesslich als Hybrid-Auto auf den Markt hätte kommen dürfen. Es zeigte sich jedoch, dass für ein derart kühnes Projekt in der Schweiz die nötige Basis nicht vorhanden war. Die in ihrer Umsetzung leider nicht mehr sehr visionäre „Smart“-Idee wurde 1998 an die Firma Daimler-Benz abgetreten.

Nicolas George Hayek wurde am 19. Februar 1928, im Zeichen der Fische, in Beirut geboren. Sein Vater George Nicolas Hayek war Zahnchirurg und libanesisch-amerikanischer Doppelbürger. Die Familie schickte ihren begabten Sohn an die französische Jesuitenschule von Beirut, das damals bestmögliche Gymnasium im Nahen Osten. 1949 zogen die Hayeks aus der „Schweiz des Orients“, wie der Libanon vor Jahrzehnten genannt wurde, in die europäische Original-Schweiz um. In Frankreich studierte der junge Mann Mathematik, Physik und Chemie. Nach dem Abschluss des Studiums trat er in eine Rückversicherungsgesellschaft ein, wo er in der Mathematikabteilung arbeitete. 1951 heiratete er die Industriellentochter Marianne Mezger, welche einst als Au-pair-Mädchen bei der Familie Hayek gedient hatte. Für seinen erkrankten Schwiegervater übernahm er vorübergehend das Management der Eisengiesserei Mezger AG im bernischen Kallnach. Hier bewährte er sich bereits in den fünfziger Jahren als Krisenmanager. Dies wurde auch in Deutschland nicht übersehen: „Als Giessereifachmann wurde er zu einem gesuchten Berater für die deutsche Schwerindustrie, die ihn in den Jahren des Wirtschaftswunders mit Aufträgen überschüttete“ (Neue Zürcher Zeitung, 29. 6. 2010).

1957 gründete Hayek mit einem Kredit von lediglich 4000 Schweizerfranken eine Unternehmensberatung in Zürich. 1963 liess er sein Unternehmen „Hayek-Engineering“ ins Schweizer Handelsregister eintragen. Zum epochalen Unternehmer wurde Hayek indes 1980, als die Gläubiger-Banken der Firma SSIH, einem Zusammenschluss wichtigster Schweizer Uhrenfabriken, ihm den Auftrag überreichten, die Unternehmergruppe (Omega, Tissot, Lanco usw.) grundlegend zu restrukturieren. Als strategischer Berater legte er die Richtlinien zu einer Fusion der SSIH mit der ASUAG, der Allgemeinen Schweizer Uhren AG, fest, welche als „Superholding“ die Rohwerksproduktion der schweizerischen Uhrenindustrie kontrollierte. ASUAG war epochal gewesen für technische Neuerungen. Die Firma hatte noch 1979 mit einer Uhr von der Bauhöhe von nur 1,98 mm die flachste Uhr der Welt auf den Markt gebracht. Mit anderen Worten: Zu Beginn der achtziger Jahre war die Schweizer Uhrenindustrie technisch noch immer Weltspitze, ökonomisch aber stand sie am Abgrund. Es war das Verdienst Hayeks, den über Jahrhunderte bedeutendsten Industriezweig der Schweiz mit der oben genannten Fusion wieder auf Trab gebracht zu haben. Fusionen ohne kreative Einfälle sind jedoch vielfach nur Verlängerung des Sterbens und leere Megalomanie. Hayek verband Spitzentechnologie mit ökonomischer „Schlitzohrigkeit“, ein Maximum an Ideenreichtum. Er war in einem gewissen Sinn Carl Benz und Henry Ford in einer Person.

Indem er die Uhrenkonzerne SSIH und ASUAG zur Swatchgruppe vereinigte, gelangte Nikolas G. Hayek in den Rang eines Unternehmers, wie es einen solchen seit den Pionierzeiten von Escher, Bürle, Oeri und den Konzerngründern Brown und Boveri (heute ASEA) in der Schweiz nicht mehr gegeben hatte. Dabei hatte sich aber Hayek im Gegensatz zu Alfred Escher (1819 -1882) und Christoph Blocher (* 1940) nie direkt in die schweizerische Machtpolitik eingemischt und sich dadurch auch nicht entsprechend verhasst gemacht. Er bevorzugte, wenn schon, eine rein „technokratische“ Beteiligung an politischen Entscheidungen, so die Beratung des Verteidigungsministers Adolf Ogi bei der Beschaffung der „Leopard“-Panzer“ oder die konstruktive Rolle, die Hayek 1985 bei der Reorganisation der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und deren frankophoner Schwesterschule EPFL in Lausanne gespielt hatte. Im Adversory Board der Westschweizer Technischen Hochschule war er jahrelang einer der Vordenker. In Sachen Hochschulen setzte er sich dafür ein, den leider unvermeidlichen Einfluss der Politik auf ein der Effizienz, Internationalität und Kreativität der Forschung bekömmliches Minimum zu beschränken. Eine Grundidee dieser Art hatte der Schweizer Staatsphilosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780 - 1866) aus Beromünster noch mehr oder weniger vergeblich vertreten.

Hayek arbeitete die letzten Jahrzehnte seines Lebens in der bernischen Uhrenmetropole Biel, lebte aber privat im Kanton Aargau, in Meisterschwanden am Hallwilersee. Hier hatte vor 150 Jahren jeweils der deutsche Bestsellerautor Joseph Victor von Scheffel (1826 – 1886) mehrmals Sommerfrischen verbracht. Die Wohngemeinde zollte Hayek Anerkennung mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes. Aus diesem Anlass gab es ein Volksfest mit über 4000 Teilnehmenden. Neben den Ehrenbürgerschaften von Meisterschwanden und Biel erhielt Hayek das Kreuz der französischen Ehrenlegion, das Grosse Silberne Ehrenzeichen mit Stern für Verdienste um die Republik Oesterreich, mehrmals den Titel „Schweizer des Jahres“ sowie ungezählte Unternehmerpreise, nicht zu vergessen Ehrendoktorhüte, zum Beispiel den Dr. h.c. der italienischen Traditionsuniversität Bologna (1998).

Die operative Leitung der Swatch-Group gab der Grandseigneur der Schweizer Uhrenindustrie 2003 an seinen Sohn Nick Hayek weiter, unter dessen Führung die 333-millionste Schweizer Swatch-Uhr produziert wurde. Der Alt-Patron blieb jedoch weiterhin innerhalb und ausserhalb seiner Betriebe aktiv. Mit privaten Mitteln gründete er die Belenos Clean Power AG, unter deren Dach er die fähigsten Fachleute aus Industrie, Wirtschaft und Hochschulen zu vereinigen versuchte.

Nicolas G. Hayek hatte durchaus Sinn für Glamour. Seinem Lebensstil gingen jedoch Grossspurigkeit und Protzigkeit grundlegend ab. Die wichtigen Dinge im Leben waren für ihn einfach. Er ging nur einmal aufs Standesamt, und auch Extrawürste für die Oberen Zehntausend hielten sich bei ihm in engem Rahmen. Zum Beispiel leistete er sich in Meisterschwanden einen privaten Swimming-Pool, obwohl das Hallwilseeschutzdekret einen solchen ursprünglich eigentlich nicht gestattet hätte. Die Behörden taten alles, um ihm diesen kleinen Wunsch legal zu erfüllen. Jean-Claude Biver, Gründer des Uhrenkonzerns HUBLOT (nach diesem wird bzw. wurde an der Fussball-WM in Südafrika die Zeit gemessen) erzählt zum Hinschied des bedeutendsten Schweizer Unternehmers der Gegenwart eine charakteristische Anekdote: Mit Hayek, der seinen Wagen natürlich selber gesteuert habe, sei er eines Tages geschäftlich nach München gefahren. Dabei hätte sich der Patron lediglich mit einem Schokoladen-Riegel ernährt, dem legendären „Kägi-Fret“ aus dem Toggenburg, mit welchem sich Schüler zum Betrag von einem Franken und 20 Rappen aus dem Automat zu bedienen pflegen. Auch für den grossen Philosophen Karl Popper (1902 – 1995) genügte zum Mittagessen oft ein Schokoladeriegel. Das Bauchweh hüben und drüben um das Millionen-Glück der Top-Banker und Top-Manager löst sich angesichts einer solchen Anekdote um einen der grossen Wirtschaftkapitäne unserer Zeit beinahe in Luft auf. Einige globale Unternehmer der letzten 50 Jahre haben vielleicht gleichviel geleistet wie Nicolas G. Hayek. Kaum einer hat mehr geleistet. Dabei ist der beliebte Patron ein einfacher Mitbürger geblieben, mithin aber auch noch zum väterlichen Freund seiner Mitarbeitenden geworden. Hayek hat sich zum Beispiel niemals für Entlassungen auf Vorrat hergegeben, so wie er in der Geschichte seiner Unternehmungen in kritischen Zeiten nie kollektive Entlassungen angeordnet hat. Es verwundert nicht, dass sich zu seinem Tode nebst der Bundespräsidentin der Schweizerischen Eidgenossenschaft auch Gewerkschaftsvertreter mit höchster Achtung geäussert haben.

Die Swatch-Group schrieb in der Todesanzeige: „Nicolas G. Hayek kommen riesige Verdienste bezüglich der strategischen Positionierung und der geschäftlichen Entwicklung unserer Unternehmung zu. Er gilt zu Recht als wegweisender Unternehmer dieses Landes. Dank seinen Visionen und seinem unermüdlichen Schaffen konnte die Gruppe in der Zeit der Uhrenkrise restrukturiert und später zum Marktleader ausgebaut werden.“

Als Lebensmotto des Verstorbenen wäre wohl eine Devise des Schweizer Alchemisten und Arztes Theophrastus Paracelsus überaus zutreffend: CONTINUUS LABOR – „Ununterbrochen an der Arbeit“.

Pirmin Meier
Historischer Schriftsteller, Beromünster

 

  

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