Roger Sablonier
Roger Sablonier (*16. 4. 1941; † 8. Juni 2010) war ein moderner Schweizer Historiker mit dem Spezialgebiet „Mittelalter“. Sein Vermächtniswerk „Gründungszeit ohne Eidgenossen – Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300“ (Baden 2008) erreichte mehrere Auflagen und löste abermals eine breite Diskussion um Schweizer Geschichtsmythen aus. Der Verstorbene war in methodischer Hinsicht Historikern seiner Generation wie auch der „alten Schule“ um etliche Schritte voraus.
Roger Sablonier war wie das prominente Tsunami-Opfer Otto Marchi (1942 – 2004) ein Schüler des für seine denkmalstürmende Eigenwilligkeit bekannten Zürcher Geschichtsprofessors und Kulturpolitikers Marcel Beck (1908 – 1986). Dieser war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Epoche der sogenannten Geistigen Landesverteidigung der wohl profilierteste Kritiker schweizerischer Geschichtsmythen, gemäss welchen die Schweizer Geschichte von 1291 über Wilhelm Tell und Winkelried bis in die Gegenwart ein mannhafter Freiheitskampf und eine permanente Abgrenzung gegenüber Österreich und dem Deutschen Reich, auch gegen den Nationalsozialismus, gewesen sein soll. Marcel Beck war an der Universität Zürich der Nachfolger des legendären Professors Karl Meyer, welcher in der Zwischenkriegszeit aus kulturpolitischen Gründen noch ein patriotisches Geschichtsbild vertrat, wie es seit Aegidius Tschudi (1505 – 1572) und Johannes von Müller (1752 – 1809) für das schweizerische Staats- und Selbstbewusstsein typisch geworden war.
Insofern sich der geniale Dramatiker Friedrich Schiller (1759 – 1805) für sein Drama „Wilhelm Tell“ auf dieses Geschichtsbild berief, haben es kritische Historiker bis heute kaum je geschafft, einen real nachhaltigen Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein des Volkes zu gewinnen. Dies gelang weder Joseph Eutych Kopp (1793 – 1865) mit seiner fünfbändigen „Geschichte der Eidgenössischen Bünde“, noch Robert Durrer (1869 – 1934), dem gründlichsten Universalhistoriker der Innerschweiz. In den siebziger Jahren versuchte der oben genannte Otto Marchi mit „Schweizer Geschichte für Ketzer“ (1971) im Geist von Marcel Beck mit überlieferten Geschichtsmären aufzuräumen, desgleichen Jahrhundertautor Max Frisch mit seinem dilettantisch recherchierten Nebenwerk „Wilhelm Tell für die Schule“ (1971). Marchi, ein vorzüglicher Historiker und zusammen mit Sablonier wohl der beste Schüler Becks, hat sich dann leider auf die Produktion mässig erfolgreicher Belletristik („Soviel ihr wollt“ 1994) zurückgezogen, so dass Sablonier – Inhaber des einstigen Lehrstuhls von Meyer bzw. Beck -für die folgenden Jahrzehnte als kritischer Mediävist beinahe allein auf weiter Flur dastand, mindestens aus Zürcher Sicht. Als bedeutende Mittelalter-Historiker aus der Generation Sabloniers bleiben im Schweizer Umfeld Peter Blickle, Ludwig Schmugge und Hansjakob Achermann (Nidwaldner Staatsarchivar) mit Respekt zu nennen.
Sabloniers Buch „Gründungszeit ohne Eidgenossen – Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300“ ist im Hinblick auf einen längst fälligen historischen Perspektivenwechsel die bedeutendste Neuerscheinung seit Otto Marchi und im Vergleich zur journalistisch brillanten Arbeit dieses Vorgängers ein auch methodisch vorbildliches Standardwerk. Der Perspektivenwechsel betrifft vor allem das Eigengewicht der mittelalterlichen Vorgänge, welche nicht primär bzw. überhaupt nicht mehr als „Gründungsgeschichte“ verstanden werden. Dank seiner hervorragenden Kenntnisse der Thematik und der Verschriftlichungsprozesse war Sablonier in der Lage, die Forschung nicht nur in Interpretationsfragen wesentlich weiterzubringen. Zum Beispiel in Sachen Datierung der vorliegenden Fassung des Bundesbriefes von anfangs August 1291. Darüber hinaus galt das Interesse des Zürcher Historikers, wie Andreas Fischer, der Rektor der Universität Zürich, in der Todesanzeige vermerkt, „der Auseinandersetzung mit den Geschichtsbildern der schweizerischen Nation, die im Lauf der Jahrhunderte konstruiert und in der Schule, der Politik, den Medien und besonders auch in den Museen dargestellt wurden oder werden.“ In letzterer Angelegenheit hatte sich Sablonier noch kurz vor seinem Tode mit dem Direktor des Schweizerischen Landesmuseums angelegt. Diesem warf er vor, mit der gegenwärtigen Dauerausstellung zu wenig auf den Paradigmenwechsel, wie ihn die neuere historische Forschung geleistet habe, einzugehen. Sablonier musste sich seinerseits vorwerfen lassen, einer rechthaberischen, lies kritischen Historikergeneration anzugehören. „Um seinen hohen Ansprüchen genügen zu können, verkürzte er eine Wissenschaft aufs Negieren.“ (A. Spillmann in der Neuen Zürcher Zeitung v. 31. 12. 2009) Dieser Vorwurf kann aus dem Geist von Nietzsches Essay „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ auch als Ehrerbietung ausgelegt werden.
Dass sich Sablonier auch nach seiner Emeritierung keine Ruhe gab, spricht für ihn. Er war, als entschiedener Gegner alles Missionarischen, von einem wissenschaftlichen Ethos erfüllt und gehörte keineswegs zu den Ideologen der neueren Schweizergeschichte. Dabei liegt die Neue Luzerner Zeitung schief, wenn sie in die Lebensleistung dieses bedeutenden Mannes in der Meldung über dessen Todesfall darauf reduziert, er habe angeblich das Publikum mit der Bestreitung der Existenz von Tell und Winkelried schockieren wollen. Zu dieser Sache hat schon der Luzerner Historiker Joseph Eutych Kopp vor bald 170 Jahren das Wesentliche gesagt, weshalb seine kritischen Thesen in Altdorf vom Henker verbrannt wurden. Doch haben weder Kopp noch Sablonier die Wiese so gemäht, dass da kein Gras mehr wachsen würde. Die hervorragenden Handschriftenkenner Kopp und Sablonier waren beispielsweise nicht gerade Spezialisten für Mystik. Auch hat Sablonier meines Wissens nichts über das Kloster Engelberg publiziert. Die Namen der dort belegten Schwestern Adelheid von Winkelried, Bertha von Winkelried und Elsbet von Winkelried aus dem 14. Jahrhundert bestätigen zwar nicht die Existenz des Helden von Sempach, Erni Winkelried, wohl aber die Möglichkeit von dessen Existenz.
Am Vorabend seines plötzlichen Hinschiedes war Roger Sablonier, der unlängst emeritierte Ordinarius für mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich, zur Verabschiedung seines an Bedeutung ebenbürtigen Kollegen Urs Altermatt (Geschichte der Neuzeit, massgeblicher Fachmann auf dem Gebiet der Zeitgeschichte) nach Fribourg gefahren. Die Aula Magna der dortigen Universität platzte nicht nur wegen Honoratioren aus der ganzen Schweiz fast aus den Nähten, auch Historiker, darunter einige der bedeutendsten des In- und Auslandes, waren in dreistelliger Zahl zugegen. Im Vergleich zum hochproduktiven Altermatt, dem in Fribourg die Gründung einer eigentlichen Schule geglückt war, beträgt die Zahl der Publikationen aus Sabloniers Werkstatt nur einen Bruchteil. Dies hat gewiss nicht mit einem Mangel an Fleiss zu tun. Hintergrund ist vielmehr die überaus kritische, auch selbstkritische Haltung des Beck-Schülers. Sablonier war in dieser Eigenschaft ein einflussreicher und hoffentlich auch nachhaltiger Historiker. Für einen grossen Historiographen stand er sich mit dieser Eigenschaft jedoch zum Teil selbst im Wege. Dass er indes ein pionierhaftes, mehrfach preisgekröntes elektronisches Lehrmittel zur Erschliessung der Archive entwickelt hat, zeigt: Sablonier war zwar weder Herodot noch Thukydides, weder Tschudi noch Johannes von Müller, weder Golo Mann noch Joachim Fest. Aber für die Schweiz einer der modernsten Mediävisten der Gegenwart!
Der zuletzt in Zug wohnhaft gewesene Historiker war dreimal verheiratet und mehrfacher Vater. Dass er als Wissenschaftler nicht im elfenbeinernen Turm lebte, zeigte sein grosses Engagement für die Aufarbeitung der Vergangenheit des sog. Hilfswerkes „Kinder der Landstrasse“. Hier ging es um Unrecht, welches aus der brutal wohlmeinenden Sicht des modernen Sozial- und Erziehungsstaates den Kindern des Fahrenden Volkes, Jenischen und „Zigeunern“, während Generationen angetan worden war. Dabei zeigt das Lebenswerk von Sablonier, dass Geschichte trotz der Unvermeidlichkeit auch solcher Perspektiven nie vom rein moralischen Standpunkt aus dargestellt werden kann. Die Schweiz des 21. Jahrhunderts hat einen ihrer bedeutendsten Historiker verloren. Das Grabmal von Joseph Eutych Kopp, dem Begründer der kritischen Geschichtsschreibung in der Schweiz, ist noch heute eine Zierde des Kreuzgangs der Stiftskirche Luzern. Wie wird man im Jahre 2150 Roger Sablonier in Erinnerung behalten?
Pirmin Meier,
historischer Schriftsteller, Beromünster