Lebendige Erinnerung

 

14. April 2010

Erika Burkart

Erika Burkart (* 8. Februar 1922 ; † 14. April 2010) Nach jahrzehntelanger Kränklichkeit ist im aargauischen Muri mit Erika Burkart (bürgerlich Erika Halter-Burkart) eine Autorin verschieden, die in ihrer Heimat wie auch in Deutschland mit den bedeutendsten öffentlichen Anerkennungen ausgezeichnet wurde. Sie war gewiss nicht die meistgelesene, wohl aber die weithin anerkannteste Dichterin der Deutschschweizer Gegenwartsliteratur.

Als „Muse aus dem Aargau“, vor allem aber dank ihrem enormen Verständnis für Menschen und Texte hatte sie beträchlichen Einfluss auf Autoren wie Hermann Burger, Klaus Merz, Markus Hediger und selbstverständlich auch auf ihren Mann, den Schriftsteller und Lektor Ernst Halter, dessen Hauptwerk „Jahrhundertschnee“ 2009 erschienen ist. Auch mit Schriftstellerinnen von höchstem Rang war sie befreundet, so mit Hilde Domin (1909 -2006).

Ein ergreifender, weil ergriffener Mensch. Eine leise, unüberhörbare Stimme. Eine scheinbar zerbrechliche Frau, die aber nichtsdestotrotz zahlreiche Freunde, die sich um ihre Gesundheit Sorgen machten, im Einzelfall um Jahrzehnte zu überleben vermochte. Die oft gestellte Frage “Weshalb schreiben Sie?”, pflegte sie mit der Gegenfrage zu beantworten: “Warum atmen Sie?” – So bekennt sie in ihrer markantesten autobiographischen Studie: “Der Weg zu den Schafen” (1979). Hier finden wir auch beachtliche Sätze zum Thema Krieg, den die Autorin wie die meisten ihrer Landsleute fast nur durch die Nachrichten des einst berühmten Schweizer Landessenders Beromünster (abgestellt 2008) kennengelernt hat:

“Krieg. Kein Platz mehr für die Elfen. Aufgestört an den Orten, die sie lieben, ziehn sie aus, fliehn, frieren und hungern. Gehn die Menschen unter, sterben auch die Elfen. Leben sie doch davon, dass wir sie fühlen… Zu jeder Mahlzeit, wo immer du sie einnimmst, wird Blut kredenzt, werden Leichen aufgetischt. 12 Uhr 30. Die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur. Ausnahmsweise erfolgten die Auslandnachrichten vor den Inlandmeldungen. Im vollaufgedrehten Radio gibt eine sachliche Stimme die Zahl der Toten bekannt. Schwarze Zahlen. Sie schwirren um Köpfe, die sich zu dampfenden Tellern neigen. (…) Eine Gabel bleibt in einem Mund stecken, ein Messer in der Luft. Eroberung Norwegens durch die Deutschen, Kapitulation der Niederlande, Teilung Frankreichs, Luftschlacht um England. A. bombardiert. B. bombardiert. – Das Messer in der erschlafften Hand sägt die Wurst, die man dir aufgetischt hat, nachdem die entsprechenden Coupons (Lebensmittelrationierung, P.M.) vorgelegt und abgeliefert worden sind.”

“Ich wurde geboren im Jahr
neunzehnhundertzweiundzwanzig.
Knochengrau war die Erde gefroren.
Die Bise blies, und es schneite
in kargen, trockenen Flocken.”
(“Familienballade)

Erika Burkart war einerseits Lyrikerin, andererseits Enzyklopädistin mit dem Schwerpunkt auf Notizen, wie sie ihr poetischer “Vorgänger” Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis (1772 – 1801) in den genialischen “Blütenstaubfragmenten” festgehalten hat. Erika Burkart war nicht die Nymphe vom Haus Kapf im Murimoos, welches sie die meiste Zeit ihres Lebens bewohnte, sondern eine Beobachterin und Analystin von seltener Tiefenschärfe. In der Tradition der Jenaer Romantik der Schelling, Schlegel, Baader und Novalis suchte sie das zerrissene Band zwischen Mensch und Natur mittels Wortmagie einer Wiedervereinigung zuzuführen. Ihr Dichten ist keine epigonale Wortmusik um “blau”, “Blume”, “Stern” und “Schatten”. Ich sehe darin einen späten Versuch, sozusagen in der letzten Stunde, in einer Welt von Leiden, Brutalität, Gewalt und Zerstörung die Signaturen der Naturdinge in ehrfürchtiger Haltung zu lesen, zu verinnerlichen und ohne Belehrungsanspruch in das Medium dichterischer Mitteilung zu überführen.

Wie ehedem Novalis unter dem Einfluss von Baader fand sie in den Schriften des Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 – 1541) die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung angedeutet. Im Prosaband “Moräne” (1970) lesen wir.

“Vielem bin ich nachgegangen, habe dies und jenes zu Lehen genommen und mir zu eigen gemacht. Durch ein Wort des Paracelsus angeregt, begann ich mich für Himmelskunde zu interessieren. ‘Der nun den Puls des Menschen recht erfühlen will, der muss in der Astronomey erfahren sein’: Ein weiter Bogen! Die kleine und die grosse Dimension. Das Geschöpf, das auf die Schöpfung verweist. Beide pulsieren. Paracelsus sieht die Firmamente sich entsprechen und wagt es, von einem aufs andere zu schliessen.”

Perspektiven dieser Art sind für die Realität der Schweiz wie für die übrige “globalisierte” Welt um die Jahrtausendwende nur bedingt repräsentativ. “Von Novalis zu Novartis” (Basler Chemiekonzern) titelte kürzlich E.Y. Meyer, der letzte radikale Poet des Landes, neben der verstummten Erika Burkart die nunmehr leiseste gerade noch vernehmbare Männerstimme aus der Schweiz. Der grosse Verkannte zelebriert seine Zivilisationskritik in der bedrohten Abgeschiedenheit des Berner Brünnengutes, so wie das Kapfhaus von Erika Burkart in den letzten Jahren das wohl abgeschiedenste Haus der Schweizer Literatur war.

Ein verkanntes Genie war Erika Burkart zu Lebzeiten keineswegs. Sie erhielt als erste Laureatin überhaupt den nur Autorinnen vorbehaltenen Meersburger Drostepreis. Desgleichen als erste Frau den Aargauer Literaturpreis und als bisher einzige Frau den Grossen Schillerpreis, das Schweizer Pendant zum Büchnerpreis, also die angesehenste literarische Auszeichnung des Landes, welche sonst zum Beispiel Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Meinrad Inglin und Peter Bichsel vorbehalten blieb. Auch der Hebelpreis und der sehr hochdotierte Breitbachpreis wurden ihr zugesprochen. Zu den Sponsoren von Erika Burkart zählte der umstrittene Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer (1894 – 1993), der 1942 dem Schweizer Bauernschriftsteller Alfred Huggenberger (1867 – 1960) im Konstanzer Konzilsgebäude den Erwin-Steinbach-Preis überreicht hatte, für dessen Annahme Huggenberger Jahrzehnte nach seinem Tode gleichsam vom Olymp der Schweizer Dichtkunst verstossen wurde. Dass Erika Burkart (wie Hugo Loetscher und Thomas Hürlimann) Toepfers Mozartpreis der Goethestiftung Basel angenommen hat, wird ihrem Nachruhm kaum abträglich sein.

Erika Burkart war jahrzehntelang, bis zur Promotion ihres Werkes durch den renommierten Zürcher Ammann-Verlag, fast nur in der Schweiz bekannt. Dies war nach Meinung des Publizisten und Chefredakteurs Erwin Jaeckle (1909 – 1997) eine Folge literarischer Cliquenbildung zur Zeit der berühmt-berüchtigten „Gruppe 47“. Im Zusammenhang mit Erika Burkart schrieb er 1965:

“Verleger, Rundfunk- und Presseeinkäufer bilden mit literarischen Cliquen, die sich gegenseitig hochloben, eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft. Märkte werden erobert, beherrscht, Autoren gemacht. Die Auflage wird zur Funktion der eingesetzten Mittel. Da wird Hand in Hand gearbeitet. Der Beifall ist bezahlt und einfältig. Meister leben auch unter den Unbenannten, Unbekannten. Und hat denn die deutsche Kritik unsere grosse Dichterin Erika Burkart je gesehn, gefördert, und kennt sie auch nur ihren Namen?”

Zwischenzeitlich darf diese Frage mit einem Ja beantwortet werden. Trotzdem ist es um Erika Burkart in den letzten Jahren, trotz fortlaufender dichterischer Produktion, merklich ruhiger geworden. Im Vergleich zu Novalis hatte sie immerhin 60 Jahre mehr Produktionszeit. Dies ist dem Stern der Dichtkunst nur bedingt bekömmlich. Nach Paracelsus machen die inneren Planeten bei jeder künstlerischen und auch bei jeder sonstigen menschlichen Existenz eine volle Drehung durch, geschehe dies nur in ganz wenigen Jahren wie bei Novalis oder über ein Jahrhundertwerk wie bei Goethe und Ernst Jünger. Erika Burkart gehörte weder zu dem einen noch zum anderen Typus. Weder war sie ein romantischer Genius noch hätte sie Anspruch auf Goethesche Grösse erhoben. Ganz fern war ihr, bei Bewunderung für diesen Autor, die Jüngersche Kälte. Sehr viel bedeutete ihr Adalbert Stifter, was dann 2003 im Hause Kapf auch bei der Begegnung mit Büchnerpreisträger Arnold Stadler schön zum Ausdruck kam, dem Verfasser von “Mein Stifter” (2005). Dass ihre Gedichte in hohen Auflagen verkauft worden wären, wie in Nachrufen zu lesen steht, ist eine fromme Lüge in der Tradition der Annette von Droste-Hülshoff, welche das “Fürstenhäusle” zu Meersburg angeblich mit dem Ertrag ihres ersten Gedichtbandes ersteigert haben soll.

Erika Burkarts beste Gedichte machen den Eindruck einer kunstvollen Übung im Verstummen:

“Für die Zeit nachher
etwas retten wozu?
Weiss ich doch nicht mehr,
bist du noch du.

Ich sehe ein Blatt
das sein Teil hat
am erbarmenden Licht noch im
Sinken.

Frühlicht trinken.
In der Scheu, zu benennen
wiedererkennen
das eigne Gesicht.”

Zum Tag des öffentlichen Abschieds von Erika Burkart wurde der 23. April bestimmt. Die zarte, zärtliche, aber doch auch ganz entschiedene Stimme der Dichterin ist verstummt. Da sie sich dem Markt der Talkshows lebenslang völlig entzogen hat, passte sie nie in die gegenwärtige Literaturszene. Die Nachrufe, zumal in den Schweizer Zeitungen, atmeten einen Hauch von Verlegenheit. Wer Erika Burkart kennenlernen durfte, ihren Rat, ihre Kritik, ihre Mahnungen, ihre Deutungen vernehmen, denkt sich in bleibender Dankbarkeit zu ihr hinüber. Der Mensch bleibt geheiligt im Geheimnis. Die Schranke ist unübersteigbar.

Erika Burkart musste zu Lebzeiten ohne das Lob von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicky auskommen. Aber Karl Kloter (1911 – 2002), der letzte Schweizer Arbeiterschriftsteller, hat ihr Blumen vorbeigebracht. Das Haus Kapf, einst ein Gästehaus des Fürstabtes von Muri, wird, solange es steht, von der Dichterin zu erzählen wissen.

Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Schriftsteller, Beromünster

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