Lebendige Erinnerung

 

12. März 2010

Hanna-Renate Laurien

Hanna-Renate Laurien (* 15. April 1928 in Danzig, † 12. März 2010 in Berlin) war eine deutsche Politikerin (CDU). Die Oberstudiendirektorin war von 1976 bis 1981 Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, von 1981 bis 1989 Schulsenatorin von Berlin und von 1991 bis 1995 Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin.

Hanna-Renate Laurien wurde als Tochter eines Chemikers und einer Lehrerin geboren. Später arbeitete der Vater als Ministerialrat. Sie besuchte Gymnasien in Spremberg/NL und in Berlin. Wegen guter Leistungen übersprang sie eine Klasse. 1944 bis 1945 war sie beim Arbeitsdienst. Nach dem Abitur 1946 studierte sie Germanistik, Anglistik und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1948 wurde sie Mitbegründerin der Freien Universität Berlin.

1951 legte Hanna-Renate Laurien ein Staatsexamen ab und wechselte in den nordrhein-westfälischen höheren Schuldienst, zunächst in Euskirchen, dann in Bonn. 1952 promovierte sie in Germanistik. Von 1957 bis 1963 arbeitete sie im Düsseldorfer Kultusministerium. 1963 bis 1965 war sie Fachleiterin an einem Studienseminar.

Als Oberstudiendirektorin der Königin-Luise-Schule in Köln von 1965 bis 1970 sorgte sie 1967 dafür, dass eine schwangere Schülerin entgegen damals geltenden Gesetzen zum Abitur zugelassen wurde. Ebenso sorgte sie ein Jahr später dafür, dass eine unehelich schwangere Lehrerin nicht disziplinarisch abgestraft und versetzt wurde.

Wegen ihres resoluten Auftretens als Schulsenatorin wurde Hanna-Renate Laurien in den 1980er Jahren auch mit dem Spitznamen „Hanna Granata“ bezeichnet.

Ihre Schwester war jahrelang evangelische Pastorin an der St.-Nikolai-Kirche (Spandau).

Hanna-Renate Laurien trat 1966 der CDU bei. 1967 bis 1970 war sie stellvertretende Kreisvorsitzende der CDU in Köln.

Laurien gehörte von 1975 bis 1981 dem rheinland-pfälzischen Landtag an.

Bei der konstituierenden Sitzung des am 2. Dezember 1990 neu gewählten Berliner Abgeordnetenhauses wurde sie am 11. Januar 1991 als erste und bislang einzige Frau zur Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin gewählt. Sie setzte sich vehement für die Verlegung des Sitzes der Bundesregierung von Bonn nach Berlin ein. Die Berliner Bevölkerung rief sie im Herbst 1992 erfolgreich zu Demonstrationen gegen aufkeimende Ausländerfeindlichkeit und Rassismus auf. Es ist dem Einsatz von Hanna-Renate Laurien zuzuschreiben, dass fünf Gemälde von Gerhard Richter im Festsaal des Abgeordnetenhauses aufgehängt werden konnten. Ein sehr lukratives Angebot eines Museums für die Übernahme der Bilder schlug sie aus. Als sie zu den Berliner Parlamentswahlen 1995 nicht wieder kandidierte, gab ihr ein Chor von Abgeordneten aller Fraktionen zum Abschied ein Ständchen.

1996 schied sie aus dem CDU-Bundesvorstand aus. Seither hatte sie sich aus der Politik zurückgezogen. Hanna-Renate Laurien lebte bis zu ihrem Tod in Berlin-Lankwitz.

Ab 1970 war Hanna-Renate Laurien Hauptabteilungsleiterin, ab 1971 Staatssekretärin in Mainz unter dem rheinland-pfälzischen Kultusminister Bernhard Vogel, mit dem sie seit dieser Zeit befreundet ist.

Ab 1976 gehörte sie als Kultusministerin dem Kabinett Bernhard Vogel an, als er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde.

1981 holte Richard von Weizsäcker sie nach seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister von Berlin als Schul- und Jugendsenatorin nach Berlin. Als von Weizsäcker 1984 Bundespräsident wurde, bewarb sie sich um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, unterlag jedoch in einer CDU-internen Kampfabstimmung Eberhard Diepgen. Laurien blieb jedoch Senatorin und wurde 1986 zusätzlich Bürgermeisterin von Berlin.

Mit dem Wahlsieg Walter Mompers im Januar 1989 schied sie aus beiden Ämtern aus.

Hanna-Renate Laurien war ehrenamtlich an der Spitze des Internationalen Bundes, als Vorsitzende des Diözesanrates der Erzdiözese Berlin, als Mitbegründerin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Gegen das Vergessen – für Demokratie, Schirmherrin der Multiplesklerose-Gesellschaft und von Kirche positHIV und als Vorsitzende des Vereins der ehemaligen Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses tätig.

Laurien wurde evangelisch erzogen. Ihre Schwester war evangelische Pastorin in Berlin-Spandau. 1952 konvertierte sie zum Katholizismus. Sie war Mitglied des Hauptausschusses im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, trat als Predigerin und Vortragsrednerin auf. Laurien war unverheiratet und hatte als Laien-Dominikanerin gegenüber der katholischen Kirche das Gelübde der Ganzhingabe abgelegt. Sie wohnte in Berlin-Lankwitz und fühlte sich in besonderem Maße der Gemeinde Mater Dolorosa und als Mitglied der Laiengemeinschaft den Dominikanern – vor allem dem Berliner Institut M.-Dominique Chenu – verbunden.

Hanna-Renate Laurien setzte sich in der öffentlichen Diskussion intensiv mit dem Nationalsozialismus, der Würdigung seiner Opfer und der Bekämpfung seiner Nachfolger auseinander. So hielt sie am 17. August 2004 anlässlich einer Gegendemonstration zu den jährlichen Aufmärschen der Neonazis am Todestag von Rudolf Heß in dessen Begräbnisort Wunsiedel eine viel beachtete Rede gegen den „schamlosen Mythos“ um Heß. Sie wandte sich gegen den Ausdruck „Arischer Friede“, der kein Friede, sondern der Abschied von der Menschenwürde der Unterschiedlichen sei. „Wir wollen nicht Arier, wir wollen Menschen sein“, betonte sie. Sie war Befürworterin der Errichtung eines zentralen Mahnmals zur deutschen Homosexuellenverfolgung und sagte in diesem Bezug: „Wir dürfen die Opfer des Terrors nicht in Güteklassen einteilen. Gott hat jedem Menschen die gleiche Würde gegeben.“

Laurien wurde 1999 mit der Louise-Schroeder-Medaille des Abgeordnetenhauses von Berlin ausgezeichnet. 2002 gab sie aus Protest gegen die Auszeichnung der Schriftstellerin Daniela Dahn die Medaille zurück.

Sie war Ehrenmitglied des Freundes- und Förderkreises des Georg-Meistermann-Museums Wittlich „Der Schwebende Punkt“.



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