Hugo Loetscher
Hugo Loetscher (* 22. Dezember 1929 in Zürich; † 18. August 2009 ebenda) war ein Schweizer Schriftsteller.
Hugo Loetscher war ein Schweizer Schriftsteller, Feuilletonist und Publizist. Geboren in einer katholischen Arbeiterfamilie im Aussersihlquartier von Zürich, studierte er in seiner Heimatstadt und in Paris Philosophie und Literatur, doktorierte über „Politische Philosophie in Frankreich“, begründete auf Anregung von Manuel Gasser (1909 – 1979) die Feuilletonbeilage WORT der Kulturzeitschrift DU und war jahrelang prägender Redakteur der Zeitung WELTWOCHE.
Der Durchbruch als Autor gelang ihm in den frühen sechziger Jahren mit den Romanen „Abwässer. Ein Gutachten“ (mit dem Thema Gewässerverschmutzung, welches er in symbolischer Bedeutung aufgriff), „Noah.Roman einer Konjunktur“ und der Muttergeschichte „Die Kranzflechterin“, ein vielgelesenes Porträt von Loetschers deutscher Grossmutter.
Für den Autor charakteristisch blieb einerseits eine tiefe Verwurzelung in schweizerischen Traditionen, z.B. als Geschichtenerzähler über das luzernische alpine Entlebuch, seine väterliche Urheimat; andererseits entwickelte er sich als der globalste aller Schweizer Autoren, so mit dem Brasilienroman „Wunderwelt“ (1979), den er durch eine wunderbare Fotoreportage „Durchs Bild auf die Welt gekommen“ brillant ergänzte, auf einem Niveau von hochliterarischem Journalismus, den man sich sonst nur in der angelsächsischen Literatur gewohnt ist.
Auch China, Afrika und Kalifornien spielen in Loetschers Werken, etwa „Herbst in der grossen Orange“, und „Die Augen des Mandarin“ eine grosse Rolle. Charakteristisch für ihn bleibt, dass er – auch als ehemaliger Frankreich-Korrespondent bedeutender Zeitungen und Kenner der französischen Philosophie – in Frankreich stets bei weitem besser anerkannt und geschätzt war als in Deutschland.
Er galt über Jahrzehnte als einer der besten Portugalkenner unter den deutschsprachigen Autoren. Auch mit Polen war er stark verbunden. In Deutschland blieb er Aussenseiter, mögen bekannte Publizisten wie der Theologe Karl-Josef Kuschel grosse Stücke auf ihn gehalten haben und rückte auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen markanten Nachruf auf Loetscher ein, in dem er als bedeutendster Schweizer Schriftsteller nach der Ära Frisch und Dürrenmatt gewürdigt wird.
Ein Leitthema von Loetscher bildet das Motiv des „Immunen“, dem zwei seiner Hauptwerke gewidmet sind: „Der Immune“ (1973/1985) und „Die Papiere des Immunen“ (1986). In diesen Prosabüchern schaffte er den Durchbruch zu einem komplexen Erzählstil, der dennoch nicht in Fragmente zerfällt, weil sich das Autobiografische wie auch die Objektivität der Darstellung historischer Ereignisse die Waage halten.
Der Begriff der Immunität verbindet beides: die Radikalität und Sensibilität des letzten grossen Intellektuellen der Schweiz um die Zeit der Jahrtausendwende. Die Abdankung in Zürichs Grossmünster, der Kirche des Reformators Ulrich Zwingli, entsprach wohl nur bedingt dem barocken Wesen des kritischen Katholiken Hugo Loetscher, war aber – mit den Reden von Verkehrsminister Moritz Leuenberger und Schriftsteller Urs Widmer – ein Zeichen dafür, dass die Schweiz einen ihrer bedeutendsten, einerseits Stadt und Land sehr verbundenen, andererseits global vernetzten Schriftsteller und Gelehrten verloren hat.
Nicht zu vergessen bleibt, dass Hugo Loetscher mit seiner markanten, in jeder Hinsicht gewichtigen Gestalt das Bild von Zürichs Altstadt mitprägte. Dieses wirkt nun um ein bedauerliches Stück anonymer und unter gewissen liebenswerten Gesichtspunkten nachgerade leer.
An der Storchengasse 6 hat der Schriftsteller gelebt, unweit der Gaststätte, wo Theophrastus Paracelsus 1527 seinen „geliebten Konkneipanten“ zugeprostet hat. Je nachdem traf man den Gourmet und Kochbuchverfasser beim Einkaufen in einer Spezialitätenmetzgerei oder den unersättlichen Leser in einer Buchhandlung oder einem Antiquariat. Das kritische und zugleich humane Potential seines Gesamtwerks, das in der autobiografischen Studie „War meine Zeit meine Zeit“ (2009) gipfelt, wäre mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewiss nicht überbewertet worden.
Zu Lebzeiten wurde Loetscher mit dem Grossen Schillerpreis, der bedeutendsten Auszeichnung für Schweizer Autoren, geehrt. Die Programmtexte zu den Uraufführungen bedeutender Stücke von Friedrich Dürrenmatt, etwa „Der Meteor“ (20. Januar 1966), gehören mit zum Schönsten, was Loetscher je publiziert hat.
Was er hier über die schwarze Theologie des Todes auf Papier brachte, ist ein kongenialer Kommentar zu einem Jahrhundertschriftsteller, dessen Witwe sich aber nach Dürrenmatts Tod mutmasslich in einem Anfall von Eifersucht von einem der besten Freunde und Kenner des Werks ihres Mannes abgewandt hat.
Ob die Leiche von Dürrenmatt oder die von Loetscher die Hände „ineinandergelegt“ bzw. „gefaltet“ haben oder nicht – was ändert dies daran, dass beide, ohne fromm zu sein, von der Frage nach Gott lebenslang auf ketzerische Weise in Unruhe gehalten wurden?
Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Schriftsteller, Beromünster