Lebendige Erinnerung

 

30. Juli 2009

Peter Zadek

Peter Zadek (* 19. Mai 1926 in Berlin, † 30. Juli 2009 in Hamburg) war ein deutscher Regisseur.
Peter Zadek wurde in Berlin als Sohn einer bürgerlichen, reformiert jüdischen Familie geboren und emigrierte 1933 mit der Familie nach London und nach Beginn des Bombenkrieges ins ruhigere Oxford. Während der Ausbildung zum Lehrer kam er in Kontakt mit einem Amateurtheater, was in ihm den Wunsch erweckte, Regisseur zu werden.

Er begann eine Regieausbildung in London und mit 21 Jahren hatte seine erste Inszenierung von Oscar Wildes Salome in London Premiere. Nach dem Studium begann er an zahlreichen Theatern in der britischen Provinz zu inszenieren. Im walisischen Swansea und Pontypridd hatte er Engagements als Regisseur mit der Verpflichtung, wöchentlich eine neue Inszenierung herauszubringen. 1958 erhielt er eine Einladung des Theaters am Dom in Köln und reiste zum ersten Mal nach seiner Emigration wieder nach Deutschland. Dort lernte er den deutschen Regisseur und Theaterleiter Kurt Hübner kennen, der ihn nach Ulm holte und später mit ihm in Bremen in den 1960er-Jahren für Furore sorgte mit dem so genannten Bremer Stil, der vor allem durch die wilden Inszenierungen Zadeks und die Bühnenbilder des Malers Wilfried Minks geprägt wurde. Mit Minks arbeitete Zadek seit seiner Zeit in Ulm zusammen.

In Ulm sorgte seine erste Inszenierung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig für Aufsehen, da aufgrund der negativen Darstellung des Juden Shylock dem Juden Zadek Antisemitismus vorgeworfen wurde. Zadek entgegnete den Vorwürfen: „Solange die Deutschen nicht die schlechten Seiten von Juden aussprechen, haben sie nicht begonnen, sich mit ihrem Antisemitismus auseinanderzusetzen.“

Die herausragenden Arbeiten unter Kurt Hübner in Bremen waren seine Inszenierungen Frühlings Erwachen von Frank Wedekind und Die Räuber von Friedrich Schiller, die den Geist und die revolutionäre Atmosphäre von 1968 bereits vorwegnahmen. Neben Peter Zadek arbeitete auch der junge Peter Stein als Regisseur in Bremen und so wurde dieses kleine Theater zu einem der wichtigsten Theater seiner Zeit in Deutschland.

Die Erfolge in Bremen führten zu seiner ersten Intendanz am Schauspielhaus Bochum von 1972 bis 1979. Hier begann seine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Protaganisten seiner spektakulärsten Inszenierungen: Ulrich Wildgruber. Wildgruber war bis zu seinem Tode in allen großen Shakespeare-Rollen unter Zadeks Regie zu sehen. Es zeigte sich aber auch, dass Zadek mit der Führung eines Theaters und den damit verbundenen bürokratischen Tätigkeiten überfordert war, und er ließ sich erst nach langjähriger Tätigkeit als freier Regisseur 1985 wieder auf das Abenteuer Intendanz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg bis 1989 ein. In Bochum brachte er seine zweite Interpretation vom Kaufmann von Venedig, dem 1988 noch eine dritte am Wiener Burgtheater – Zadeks Debüt an diesem Theater – folgte, heraus und kreierte eine in Deutschland neue Form der Theaterrevue. Seit 1990 war Peter Zadek an allen großen deutschsprachigen Bühnen als freier Regisseur tätig. Seine Inszenierungen stießen immer wieder auf fast kultartige Zustimmung sowie auf inbrünstige Ablehnung. Zadek verstieß in seinen Inszenierungen immer wieder gegen gesellschaftliche Konventionen und Theaterkonventionen. Er arbeitete häufig experimentell und war somit immer überraschend. Ein Schwerpunkt war jedoch immer wieder die Psychologie der Figuren, für die er den Schauspielern viel abverlangte. Zuletzt zu begutachten war er am Berliner Ensemble mit seiner Sichtweise des Peer Gynt von Henrik Ibsen (2004). 2005 gründete er mit Tom Stromberg die Theaterproduktionsfirma my way Production. Erste Produktion sollte William Shakespeares Was ihr wollt sein.

Außerhalb seiner Theaterarbeit wagte er sich zweimal an Kinofilme heran: 1969 Ich bin ein Elefant, Madame und 1983 Die wilden Fünfziger nach dem Roman Hurra, wir leben noch von Johannes Mario Simmel.

Zadek erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen und wurde mehrfach von den Kritikern von Theater heute zum Regisseur des Jahres gewählt. 2002 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Mit 21 Einladungen zum Berliner Theatertreffen ist er der Regisseur, der die meisten Einladungen zu diesem wichtigsten Theaterfestival in Deutschland erhielt. 2006 erhielt er die Medaille für Kunst und Wissenschaft der Stadt Hamburg. Gemeinsam mit dem kanadischen Regisseur Robert Lepage sollte Zadek 2007 den Europäischen Theaterpreis erhalten. Zadek sagte jedoch seine Teilnahme an der Preisverleihung aufgrund von Probenarbeiten und Erkrankung kurzfristig ab. Die Jury entschied daraufhin, Preis und Preisgeld in Höhe von 60.000 Euro in Gänze Robert Lepage zu überreichen. Das Preisgeld sollte der my way-Produktion von Was ihr wollt zugutekommen. Als Zadek kurz nach der Bekanntgabe des Preisgeldentzuges in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert wurde, meldete das Unternehmen Insolvenz an. Das Stück sollte ursprünglich bei den Wiener Festwochen Premiere haben und später auf der RuhrTriennale in Bochum gezeigt werden. 2008 wurde er bei der Nestroy-Verleihung mit dem Nestroy für das Lebenswerk ausgezeichnet.

Privat war Peter Zadek seit 1980 mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Elisabeth Plessen liiert, die unter anderem für ihn neue Übersetzungen zu seinen Shakespeare-Inszenierungen beisteuerte, die dadurch eine neue Frische erhielten und wesentlichen Anteil am Erfolg der Inszenierungen hatten. Peter Zadek war Vater zweier erwachsener Kinder, an deren Erziehung er sich jedoch nicht beteiligt hatte, da er sich nicht imstande sah, dies mit seinem Theaterberuf in Einklang zu bringen. Zadek sah seine Schauspieler, ein kleiner fester Stamm von rund 30 bis 40 Akteuren, zu denen unter anderen Eva Mattes, Angela Winkler und Susanne Lothar gehörten, als seine eigentliche Familie an, die er nach eigener Aussage besser kannte als seine Angehörigen. Peter Zadek entdeckte u. a. Rosel Zech, die heute zu den größten Schauspielern des deutschsprachigen Films gehört.



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