Ralf Dahrendorf
Ralf Gustav Dahrendorf, Baron Dahrendorf, KBE (* 1. Mai 1929 in Hamburg, † 17. Juni 2009 in Köln), gelegentlich unter dem Pseudonym Wieland Europa, war ein deutsch-britischer Soziologe, Politiker und Publizist. Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Mitglied des Deutschen Bundestages, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Mitglied der Europäischen Kommission und Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und war Mitglied des House of Lords.
Ralf Dahrendorf wurde 1929 als Sohn des Genossenschafters und SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf in Hamburg geboren. Er studierte Philosophie und Klassische Philologie an der Universität Hamburg und promovierte dort 1952 zum Dr. phil. mit der Arbeit »Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx«. Es folgten eine zweite Promotion in Soziologie an der London School of Economics zum Ph. D., sowie die Habilitation an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken (beides 1957). Von 1958 bis 1960 lehrte er als Professor für Soziologie an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, dann in Tübingen und an der Universität Konstanz.
Obwohl Dahrendorf nach dem Krieg zunächst der SPD – und kurzzeitig auch dem damals von Helmut Schmidt geführten SDS – angehört hatte, wurde er in seinem politischen Wirken vor allem als Vordenker des Liberalismus bekannt. Nachdem er zuvor bereits einmal auf einer regionalen Liste für die Freidemokraten kandidiert hatte, wechselte er 1967 endgültig zur FDP. Zusammen mit dem damaligen Generalsekretär Karl-Hermann Flach war er maßgeblich an der programmatischen Neuausrichtung der Partei in den späten 1960ern und frühen 1970ern beteiligt. Bekannt wurde er auch durch – von seinesgleichen selten gewagte – öffentliche Diskussionen mit den Protagonisten der 68er-Bewegung wie zum Beispiel Rudi Dutschke. 1968 zog Dahrendorf für die Liberalen als Abgeordneter in den Landtag von Baden-Württemberg ein, doch legte er am 28. Oktober 1969 sein Mandat wieder nieder, als er gleichfalls für die Liberalen in den Deutschen Bundestag einzog, den er aber bereits am 25. August 1970 wieder verließ. Er amtierte in jener Zeit auch kurzzeitig in der ersten Regierung Brandt als Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, bevor er 1970 als Kommissar für Außenbeziehungen und Außenhandel in die EG-Kommission Malfatti nach Brüssel wechselte. In der Kommission Ortoli war er bis zu seinem Rücktritt 1974 für Forschung, Wissenschaft und Bildung zuständig.
1974 kehrte Dahrendorf in die Wissenschaft zurück und leitete bis 1984 die renommierte London School of Economics (LSE). Von 1984 bis 1986 lehrte er an der Universität Konstanz, und 1986–1987 an der Russell Sage Foundation in New York. Von 1987 bis 1997 war er Rektor des St. Antony’s College der Universität Oxford und von 1991 bis 1997 zudem Prorektor der dortigen Universität.
1982 wurde er von Königin Elisabeth II. mit dem Orden Knight Commander of the Order of the British Empire (KBE) ausgezeichnet, mit dem für britische Bürger der Adelstitel „Sir“ verbunden ist. 1988 nahm Dahrendorf die britische Staatsbürgerschaft an, 1993 wurde er zum Life Peer erhoben und erhielt den Titel als Baron Dahrendorf, of Clare Market in the City of Westminster. Clare Market ist ein Platz bei der London School of Economics and Political Science und der Parkplatz der LSE. In der Nähe befand sich früher das Schloss von John Earl of Clare, der dort bis etwa 1617 wohnte. Den Titel hat Dahrendorf, wie üblich, selbst gewählt und damit seine Verbundenheit mit der LSE und liberalen Humor gezeigt.
1982 bis 1987 war Dahrendorf außerdem Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. FDP-Mitglied war er inzwischen nicht mehr, sondern gehörte wegen seiner 1988 angenommenen britischen Staatsbürgerschaft den dortigen Liberal Democrats an und ist Mitglied des englischen Oberhauses. Außerdem war er als Berater der Badischen Zeitung tätig.
Dahrendorf erhielt 1989 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Er war Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 1997 erhielt er von der Theodor-Heuss-Stiftung für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk den Theodor-Heuss-Preis. Im Jahre 2002 erhielt er als erster Preisträger den Walter-Hallstein-Preis der Universität Frankfurt, der Stadt Frankfurt und der Dresdner Bank AG.
Ab Januar 2005 war er Forschungsprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. 2007 wurde Dahrendorf mit dem international hoch renommierten Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Sozialwissenschaften ausgezeichnet.
Am 4. April 2008 wurde Dahrendorf durch den Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) zum Vorsitzenden der neuen Zukunftskommission der nordrhein-westfälischen Landesregierung berufen. Dahrendorf lebte in London und in Bonndorf / Schwarzwald.
Am 17. Juni 2009 starb Dahrendorf im Alter von 80 Jahren nach einer schweren Krebserkrankung.