Lebendige Erinnerung

 

24. Oktober 2008

Helmut Zilk

Helmut Zilk (* 9. Juni 1927 in Wien; † 24. Oktober 2008 in Wien) war ein österreichischer Journalist und Politiker (Sozialdemokratische Partei Österreichs). Er war von 1983 bis 1984 Unterrichtsminister und von 1984 bis 1994 Bürgermeister von Wien.

Helmut Zilk wurde als Sohn eines Zeitungsangestellten in Wien geboren. Zum liberalen Vater hatte er ein sehr gutes Verhältnis. Dieser wandte sich früh gegen den Nationalsozialismus. Er verbot seinem Sohn, bei den Werbern der Nationalsozialisten zu unterschreiben. Dies tat Helmut auch als Einziger seiner Klasse nicht.

In der Nachkriegszeit arbeitete er als „Schulhelfer“ im 2. Bezirk. Er wurde promoviert 1951 [1], im Jahr 1955 legte er die Lehramtsprüfung für Pädagogik ab und unterrichtete in der Lehrerbildungsanstalt Hegelgasse. Zuerst nebenbei, dann hauptberuflich arbeitete er ab diesem Jahr für den ORF. In den frühen 1960er Jahren gestaltete er die Fernsehsendung „Was könnte ich werden?“ mit[2], die Schüler darüber informierte, welche Berufe sie nach der Pflichtschule erlernen konnten, und dabei jeweils Berufsbilder einer ganzen Sparte darstellte.[3]

1967 machte ihn Gerd Bacher, der erste Generalintendant des von der Regierung Klaus nach einem erfolgreichen Volksbegehren reformierten ORF, zum Fernsehdirektor. In dieser Funktion begründete er das Schulfernsehen, die Sendungen „In eigener Sache“, „Stadtgespräche“ und „Auslandsecho“ und das 2. Fernsehprogramm. Infolge seiner starken Bildschirmpräsenz und seiner enormen Schlagfertigkeit in Livesendungen war Zilk damals schon in ganz Österreich bekannt.

1974 hatte die Regierung Kreisky den ORF wieder stärker unter ihren Einfluss gebracht und den Generalintendanten ausgetauscht. Zilk wechselte zur Kronen Zeitung, wo er bis 1979 die Funktion des sogenannten Ombudsmanns bekleidete, der Kritik und Beschwerden der Leser an die Verantwortlichen weiterleitete und den Sachverhalt pointiert kommentierte. 1978 war Zilk Bruno Kreiskys Wunschkandidat für den Posten des ORF-Generalintendanten, gewählt wurde jedoch (wahrscheinlich aufgrund des entscheidenden Votums der ORF-Betriebsräte) zur allgemeinen Überraschung noch einmal Gerd Bacher.

Seit 1978 war Zilk in dritter Ehe mit der Sängerin Dagmar Koller verheiratet, aus der zweiten Ehe hatte er einen Sohn.

1979 holte ihn SPÖ-Bürgermeister Leopold Gratz als Stadtrat für Kultur und Bürgerdienst ins Wiener Rathaus; ein Zeichen der Öffnung der Wiener Sozialdemokratie, das die Mehrheit sichern helfen sollte. (Auf Grund seiner langjährigen Tätigkeit in den Medien hatte Zilk als Politiker von Anfang an mehr Medienaufmerksamkeit als die meisten anderen Mandatare.)

Als die SPÖ bei der Nationalratswahl 1983 die absolute Mehrheit verlor und eine neue Bundesregierung aus SPÖ und FPÖ gebildet wurde, folgte er Fred Sinowatz, der Bundeskanzler wurde, als Bundesminister für Unterricht und Kunst nach. Eine historische bedeutsame Handlung setzte Zilk in dieser Funktion, als er für Gymnasien das Fach Informatik als Pflichtgegenstand einführte – als eines der ersten Länder Europas. Sehr wirkungsmächtig wurde auch Zilks Entscheidung, Claus Peymann als neuen Burgtheaterdirektor in Wien zu berufen (er trat sein Amt 1986 an).

Es traf sich für Zilk gut, dass Bürgermeister Gratz nach zehn Jahren in dieser Funktion Amtsmüdigkeit zeigte. 1984 ließ sich Zilk auf Vorschlag Gratz’ zum Bürgermeister der Stadt Wien und damit auch zum Landeshauptmann des Bundeslandes Wien wählen. Nun hatte er wieder eine Funktion mit vielen unmittelbaren Gestaltungsmöglichkeiten inne.

„Der Dr. Zilk“ war nun in Wien allgegenwärtig – mit gewichtiger Stimme und spektakulären Entscheidungen. Von der Verbannung der Autos vom Rathausplatz über den Einbau von teuren Filtern in Wiens Müllverbrennungsanlagen, den Bau des Schulschiffes, das Film Festival auf dem Wiener Rathausplatz, den „Adventzauber“ und den „Silvesterpfad“ bis zur Volksbefragung über die für 1995 geplante gemeinsame Weltausstellung Wien/Budapest, die vom Volk abgelehnt wurde. 1988 entschied Zilk nach längeren Diskussionen persönlich den Aufstellungsort des 1983 von der Stadt bei Alfred Hrdlicka in Auftrag gegebenen Mahnmals gegen Krieg und Faschismus, das noch im selben Jahr (vorerst provisorisch, feierliche Fertigstellung 1991) auf dem Albertinaplatz errichtet wurde.

Zilk kümmerte sich aber auch um so genannte „Kleinigkeiten“, die Bürger verärgerten. Selbst in der Altstadt wohnhaft, streifte er oft zu Fuß durch die Innere Stadt, neben sich einen Assistenten, der die Aufträge des Bürgermeisters sofort notierte. Dienststellen, die mit seinem Arbeitstempo nicht mitkamen, mussten damit rechnen, mit seiner Billigung in Medien kritisiert zu werden. Infolge dessen schrieb man Zilk große Durchschlagskraft zu.

Spezifikum von Zilk als Politiker war, dass er sich von „reiner Parteipolitik“ meist möglichst fern hielt. Im Unterschied zu den meisten seiner sozialdemokratischen Vorgänger fungierte er nicht als Wiener SPÖ-Vorsitzender, sondern überließ dies seinem als Parteipolitiker groß gewordenen Vizebürgermeister und Finanzstadtrat Hans Mayr. Auch rhetorisch wirkte Zilk ganz anders als die gewohnten Apparatschiks. Telegen, gebildet, bei Bedarf goschert (großmäulig), laut und polemisch, aber im Ernstfall auch von großer Sensibilität, – so war Zilk als Politiker auch bei Menschen beliebt, die die SPÖ mit Sicherheit nicht wählen wollten.

Am 5. Dezember 1993 wurde Zilk bei einem Briefbombenattentat des Terroristen Franz Fuchs an der linken Hand schwer verletzt (der Fanatiker bekämpfte Zilk als Symbol des multikulturellen, weltoffenen Wiens). 1994 schied Zilk aus dem Amt des Bürgermeisters aus, sein Nachfolger wurde Michael Häupl.

2003 wurde Zilk von der Regierung Schüssel zum Leiter einer Reformkommission der Bundesregierung zu Fragen der zukünftigen Organisation des Bundesheeres bestellt.

Auch seit seinem Rückzug als Bürgermeister blieb Zilk in den österreichischen Medien stets präsent. Er war bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und pflegte seine etwas polternde Art (geradezu legendär war in diesem Zusammenhang eine Pressekonferenz zum Thema Hundstrümmerln). Im Blickfeld der Öffentlichkeit blieb Zilk bis zu letzt als Moderator der aus dem Wiener Ringturm ausgestrahlten ORF-Talkshow „Lebenskünstler“.

Bei dem Briefbombenattentat, das 1993 auf ihn verübt wurde, verlor er zwei Finger seiner linken Hand. Diese war seither in der Greiffunktion stark eingeschränkt und immer in einer Hülle verborgen, die stets passend zur Krawatte aus dem gleichen Seidentuch gefertigt wurde.

Am 14. Februar 2006 bekam Zilk im Wiener Wilhelminenspital nach Auftreten von Herzrhythmusstörungen einen Herzschrittmacher implantiert.

Er starb in den frühen Morgenstunden des 24. Oktober 2008 im Wiener Wilhelminenspital an Herzversagen.



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