Lebendige Erinnerung

 

10. August 2008

Eva Reich

Eva Reich (* 27. April 1924 in Wien; † 10. August 2008 in Hancock, Maine, USA) war eine in Österreich geborene Ärztin, die in den USA lebte. Eva Reich wurde 1924 als erstes Kind von Annie Pink und Wilhelm Reich geboren. Ihre Schwester Lore kam 1928 zur Welt. Nachdem sich ihre Eltern 1930 getrennt hatten, lebte Eva bei ihrer Mutter in Prag, später bei den Großeltern in Wien. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 emigrierten die Mutter und ihre beiden Töchter, u.a. aufgrund ihrer jüdischen Abstammung, in die USA.
Eva Reich absolvierte auf Wunsch ihrer Mutter ein Medizinstudium, das sie 1949 abschloss. Anschließend arbeitete sie an einem New Yorker Krankenhaus. Nach fast zwei Jahrzehnten der Entfremdung von ihrem Vater arbeitete sie seit ca. 1950 an dessen “Orgonomic Infant Research Center”, wo man das Problem erforschte, wie frühe charakterliche “Panzerungsprozesse” bei Säuglingen vermieden werden können.

Eva Reich sagt über den Einfluss, den ihr Vater, der wie sein Freund Alexander Neill ein entschiedener Vertreter einer selbstregulativen Erziehung war, in ihrer frühen Kindheit ausgeübt habe: “Er war ein Diktator”. Er habe sie einen kommunistischen Kindergarten besuchen lassen und ihr die Beschäftigung mit Mystik und Religion untersagt. Nach dem Tod ihres Vaters 1957 wurde sie Verwalterin seines umfangreichen Nachlasses. Wegen Wilhelm Reichs kontroverser Rolle in der Geschichte der Psychoanalyse enthält er vermutlich auch brisante, allerdings bis 2007 gesperrte Materialien. Eva Reich fühlte sich jedoch damals dieser Aufgabe nicht gewachsen und übertrug die Verwaltung – was sie später sehr bereute – an eine mit dem Werk Reichs nicht verbundene Person.
Eva Reich beschäftigte sich als Medizinerin intensiv mit Psychosomatik und alternativer Medizin, wie z. B. Bioenergetik. Außerdem setzt sie sich für Methoden ein, die Frauen eine “sanfte Geburt”, etwa nach Frédérick Leboyer und Michel Odent, ermöglichen sollen. Sie reiste mit dem Wohnmobil durch die USA, um die amerikanische Landbevölkerung über Möglichkeiten der Empfängnisverhütung aufzuklären. Die vielerorts, auch in Deutschland, eingerichteten Schreibaby-Ambulanzen gehen auf ihre Initiative zurück. Eva Reich vertritt die Ansicht, dass sogenannte “Schreibabys” sich körperlich verkrampfen, weil der Kontakt zwischen Mutter und Kind nicht optimal funktioniert. Das Schreien sei Ausdruck starker Unlust und muskulärer Verspannungen. Die Ambulanzen versuchen, betroffenen Eltern zu helfen, u. a. durch Anwendung der von Eva Reich entwickelten Schmetterlingsmassage für Babys.
Heidrun Mössner hat über sie einen Dokumentarfilm gedreht, der im Jahr 2004 auf der Berlinale gezeigt wurde. Eva Reich erlitt vor Jahren mehrere Schlaganfälle, war seitdem pflegebedürftig und starb an deren Folgen.



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