Annemarie Renger
Annemarie Renger, geb. Wildung, (* 7. Oktober 1919 in Leipzig; † 3. März 2008 in Oberwinter) war eine deutsche Politikerin (SPD). Sie war von 1972 bis 1976 Präsidentin des Deutschen Bundestages und von 1976 bis 1990 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Nach dem Besuch des Lyzeums absolvierte sie eine Verlagslehre und war dann bis 1945 als Verlagskauffrau in Berlin tätig.
Danach arbeitete sie als Privatsekretärin des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher bis zu dessen Tod 1952. Daneben leitete sie ab 1946 das Büro des SPD-Parteivorstandes in Berlin.
Annemarie Renger war eines von sieben Kindern des SPD-Politikers und Sportfunktionärs Fritz Wildung (1872–1954) und dessen Ehefrau Martha (1881–?). 1938 heiratete sie Emil Ernst Renger, der 1944 fiel. Aus dieser Ehe stammte ihr 1998 verstorbener Sohn Rolf, der Mitglied der FDP war. Ab 1965 war Annemarie Renger dann in zweiter Ehe mit Aleksandar Loncarevic verheiratet, der 1973 verstarb. Seit 1965 lebte sie in Oberwinter bei Bonn.
Seit 1945 war Annemarie Renger Mitglied der SPD. Bis 1973 war sie Mitglied im SPD-Bundesvorstand sowie im Präsidium der SPD. Von 1979 bis 1983 war sie Mitglied der Kontrollkommission der SPD. Renger gehörte neben Egon Franke zu den führenden Köpfen der so genannten „Kanalarbeiterriege“ in der SPD.
Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1979 trat sie als Kandidatin der SPD an, unterlag aber mit 431 Stimmen dem Kandidaten der Unionsparteien Karl Carstens, der 528 Stimmen erhielt. Die 66 Vertreter der FDP in der Bundesversammlung hatten sich der Stimme enthalten.
1953 wurde sie in den Deutschen Bundestag gewählt. Von 1959 bis 1966 war sie außerdem Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates und der WEU.
Von 1969 bis 1972 war sie Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion und damit die erste Frau, die in den engeren Fraktionsvorstand der SPD-Fraktion einzog.
Nachdem die SPD nach der Bundestagswahl 1972 erstmals die stärkste Fraktion stellte, wurde sie am 13. Dezember 1972 als erste Frau in das Amt des Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt. Gleichzeitig war sie auch Vorsitzende der „Unterkommission Haushalt“ und der „Kommission für Fragen der Besteuerung der Abgeordneten-Diäten“ des Ältestenrates des Bundestages und auch des Gemeinsamen Ausschusses nach Artikel 53a des Grundgesetzes. Nach der Bundestagswahl 1976 stellten wieder CDU und CSU die stärkste Fraktion und Annemarie Renger wurde von Karl Carstens abgelöst. Renger selbst wurde zur Vizepräsidentin des Bundestages gewählt. Dieses Amt bekleidete sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag im Dezember 1990 und war auch in dieser Zeit Vorsitzende diverser Kommissionen des Bundestags-Ältestenrates. Vom 24. Juni 1977 bis 1983 war Renger außerdem stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages.
Gemeinsam mit 20 weiteren Fraktionskollegen (unter anderem Dieter Haack, Karl Ahrens, Hans Matthöfer und Egon Franke) vom rechten SPD-Flügel stimmte sie am 22. November 1983 dem Fraktionsantrag zum NATO-Doppelbeschluss im Bundestag nicht zu und löste damit eine schwere innere Krise bei den Sozialdemokraten aus.
Seit 1985 war Renger Präsidentin des Arbeiter-Samariter-Bundes. Von 1987 bis 1998 war sie Aufsichtsratsvorsitzende der McDonald’s Kinderhilfe. Von 1991 bis 1995 war sie Vorsitzende der „Vereinigung ehemaliger Mitglieder des Deutschen Bundestages und des europäischen Parlaments e. V.“.
Sie war Vorsitzende des Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgungsorganisationen und Präsidentin der Kurt-Schumacher-Gesellschaft.
Zudem war sie Ehrenpräsidentin des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland.
Annemarie Renger wurde in vielfältiger Weise für ihr besonderes Engagement im deutsch-jüdisch-israelischen Verhältnis ausgezeichnet. 1992 erhielt Renger gemeinsam mit Hildegard Hamm-Brücher die Buber-Rosenzweig-Medaille. Man verlieh ihr die Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität des Negev und im Jahre 2006 den Heinz-Galinski-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland. Des weiteren erhielt sie das Große Bundesverdienstkreuz.
„Mit ihr haben wir eine bedeutende Parlamentarierin verloren, eine engagierte Demokratin, eine Abgeordnete mit Leib und Seele. Annemarie Renger war in der Geschichte des Deutschen Bundestages die erste Frau und Sozialdemokratin, die dieses Amt innehatte und sie übte es so gerne wie überzeugend aus - mit Bestimmtheit und Würde. Kennzeichnend war ihr gelegentlich energischer Durchsetzungswille, den alle Parlamentarier, über Fraktionsgrenzen hinweg, erleben durften.“
– Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages
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