Karlheinz Stockhausen
Karlheinz Stockhausen (* 22. August 1928 in Mödrath, jetzt Kerpen; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg) war ein deutscher Komponist. Er gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Sein Vater Simon Stockhausen, ein Volksschullehrer, fiel im Zweiten Weltkrieg, seine Mutter Gertrud (geborene Stupp) starb jung während des Aufenthalts in einer psychatrischen Klinik. Aufgewachsen in ärmlichen, katholisch geprägten Verhältnissen studierte er von 1947 bis 1951 an der Musikhochschule Köln Schulmusik mit Hauptfach Klavier sowie an der Universität zu Köln Musikwissenschaften, Germanistik und Philosophie.
Seit 1950 war er als Komponist tätig, wobei er nicht nur neue Formen der Musik schuf, sondern auch auf dem Feld der Notation innovative Zeichen setzte. Als Hochschuldozent und Verfasser zahlreicher musiktheoretischer Schriften und Essays, durch seine Tätigkeit für den Rundfunk sowie mit weit über 300 Eigenkompositionen, welche vielfach die Grenzen des technisch Machbaren verschoben, hat er die Musik des 20. Jahrhunderts deutlich mitgeprägt.
1951 heiratete er Doris Andreae, mit der er vier Kinder hatte, Suja (* 1953), Christel (* 1956), Markus (* 1957) und Majella (* 1961). 1967 heiratete er die Künstlerin Mary Bauermeister, mit der er die Kinder Julika (* 1966) und Simon (* 1967) bekam.
Seine frühen Kompositionen wie etwa Chöre für Doris sind noch eher traditionell. Ab den 1950er Jahren wendet sich Stockhausen etwa mit Kreuzspiel oder Formel der seriellen Musik zu. Er gilt diesbezüglich insbesondere als Mitbegründer der sogenannten punktuellen Musik. Angeregt durch Olivier Messiaens serielles Werk Mode de Valeur et d’intensités (1949) nahm er an dessen Kompositionskursen (Rhythmik und Ästhetik) in Paris teil.
Zwischen 1953 und 1998 arbeitete er eng mit dem Studio für Elektronische Musik am Westdeutschen Rundfunk zusammen, zeitweilig auch als künstlerischer Leiter, und widmete sich dort verstärkt der elektroakustischen Musik. 1955 verwirklichte er in diesem Kölner Studio den Gesang der Jünglinge, das als eines seiner zentralen Frühwerke gelten kann. Er setzte mit dieser Produktion neue Maßstäbe auf dem Gebiet der Raummusik und realisierte mit – aus heutiger Sicht – spartanischen Mitteln elektronische Klänge und Klangtexturen, die man so vorher noch nie gehört hatte.
Fortan war Stockhausen national wie international als Dozent tätig, leitete über lange Jahre die „Kölner Kurse für neue Musik“. Bei der Expo ’70, der Weltausstellung im japanischen ?saka war er 1970 mit seinen futuristischen Kompositionen der Anziehungspunkt im deutschen Pavillon. Von 1971 bis 1977 lehrte Karlheinz Stockhausen als Professor für Kompositionslehre an der Kölner Musikhochschule. Ab 1977 konzentrierte er sich auf die Vollendung von Licht, einer der umfangreichsten Opern der Musikgeschichte. In ihr wie auch in anderen Bühnenwerken wie beispielsweise Inori aus dem Jahre 1973 strebte Stockhausen die Verbindung von szenischer und musikalischer Idee zu einer unzertrennlichen Einheit an.
Nach Abschluss der Arbeit an Licht (die sieben Tage der Woche) widmete sich Stockhausen dem nächsten Großprojekt. Unter dem Titel Klang sollten die 24 Stunden des Tages in 24 Kompositionen für unterschiedliche Besetzungen vertont werden. Stockhausen ließ weiterhin verlauten, dass er plane, danach die 60 Minuten einer Stunde, sowie die 60 Sekunden einer Minute zu vertonen. Doch schon den Zyklus Klang konnte Stockhausen nicht mehr vollenden.
Seit 1991 gab der Stockhausen-Verlag eine preisgekrönte Gesamtausgabe seiner Werke sowohl in Partituren als auch auf CD heraus. 1995 wurde er mit dem Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg ausgezeichnet, 1996 wurde Karlheinz Stockhausen die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin verliehen, 2001 erhielt er den inoffiziellen Nobelpreis für Musik, den Polar Music Prize.
Neben der kompositorischen Arbeit war Stockhausen auch als Dirigent seiner eigenen Orchesterwerke aktiv. Die kompromisslose Ausführung und Planung seiner Werke wurden bewundert, aber auch kritisiert und führte dazu, dass seine Musik im normalen Musikbetrieb zuletzt kaum noch aufgeführt wurde, da Stockhausen deren Aufführung nicht autorisierte und somit verhinderte. Stockhausen komponierte bis zu seinem Tod. Anfang November 2007, vier Wochen vor seinem Ableben, nahm Stockhausen noch einen Kompositionsauftrag für ein neues Orchesterwerk anlässlich seines 80. Geburtstags an, den er 2008 hätte begehen können. Diesen Auftrag beendete er am Tag vor seinem Tod.
Karlheinz Stockhausen starb am 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg bei Köln nach kurzer schwerer Krankheit. Sein Werk umfasst nach Angaben seines Verlags 363 Kompositionen. Im Stockhausen Verlag erschienen bisher 139 Compact Disks mit seinen Werken.
Karlheinz Stockhausen vollendete 2005 seine 1977 begonnene Heptalogie LICHT. Mit seinem Lebenswerk hinterließ er ein religiöse, mystische und autobiograhische Themen behandelndes, monumentales Opus. Die Opern bauen auf einer „Superformel“ (siehe Formelkomposition) auf, die drei Melodien zusammenfügen, welche die Hauptfiguren – Michael, Eva, Luzifer – charakterisieren. Die ersten Opern erlebten in Mailand ihre Uraufführung (Donnerstag, Samstag, Montag), in Leipzig wurden 1992 Dienstag und 1996 Freitag zum ersten Mal gespielt – an beiden Aufführungen war Johannes Conen als Bühnenbildner beteiligt. Auch drei der Kinder Stockhausens waren in die Aufführungen von Donnerstag, Samstag und Dienstag involviert, Majella als Pianistin in Donnerstag und Samstag sowie Markus als Trompeter und Simon als Sopransaxophonist und Synthesizer-Spieler in Donnerstag, Samstag, und Dienstag.
In Donnerstag aus Licht verarbeitet Stockhausen autobiographische Erlebnisse und präsentiert in dem Teil Michaels Jugend eindrücklich prägende Erlebnisse aus seiner Kindheit in abstrahierter Form, wie etwa den Tod seiner Eltern.
Konkrete Personen oder Gruppen werden teilweise mehrfach besetzt (wie etwa die Eva-Figur in Montag durch drei Soprane verkörpert wird), mit einem Instrument oder einer Gruppe derselben assoziiert (Michael-Truppe: drei Trompeten, sechs Tutti-Trompeten, Schlagzeug, Synthesizer), oder durch einen Tänzer erweitert. Außergewöhnliche Einfälle bietet der Zyklus in Fülle – so werden vier Streicher in vier fliegende Hubschrauber gesetzt und spielen von dort ihre Musik. Zwei 35-minütige Stücke für Chor und Orchester werden simultan in zwei verschiedenen Räumen gespielt, der Hörer bekommt nur Ausschnitte davon zu hören. Die verschiedenfarbig gekleideten Chormitglieder singen in Sanskrit, Chinesisch, Arabisch, Englisch und Suaheli.
In seiner Gesamtheit wurde das insgesamt 29 Stunden Musik umfassende Werk LICHT noch nicht aufgeführt.
Trotz seiner Bedeutung galt Stockhausen als kontroverse Person. Seine zuweilen exzentrische Selbstdarstellung stand auch in Fachkreisen stellenweise stark in der Kritik. Öffentliche Äußerungen wie „Ich wurde auf Sirius ausgebildet, und dort will ich auch wieder hin, obwohl ich noch in Kürten bei Köln wohne“, sorgten für öffentlichen Spott und Empörung. So auch seine Bemerkung im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: „Das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos.“ Er führte dazu aus:
„Daß Menschen in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben, stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert für eine Aufführung und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten. Manche Künstler versuchen doch auch über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen … Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das Konzert gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen niemand angekündigt, Ihr könntet dabei draufgehen.“
Diese radikale und sehr auf das rein Künstlerische fokussierte Sichtweise stieß in der Öffentlichkeit vielfach auf Ablehnung. Stockhausen wurde aus diesem Grund vom Hamburger Musikfest 2001 wieder ausgeladen. In einem Kommentar in der NZZ hieß es unter anderem: „Keine Frage, der Komponist hat ein Problem mit der Gewalt im Allgemeinen, was sich aus jugendlichen Erfahrungen Stockhausens am Ende des Zweiten Weltkriegs erklären lassen mag. Und da ein Künstler in die Öffentlichkeit wirkt, wird in den Äusserungen Stockhausens ein persönliches Problem zur öffentlichen Sache. Darüber hinaus scheint der Komponist aber auch ein Problem mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit jenseits der von ihm geschaffenen Kunstwelt zu haben, sonst käme er nicht auf die unerträgliche Idee, Terroranschläge, die Tausende von Opfern fordern, mit Ergebnissen künstlerischer Produktion, also mit künstlichen Erzeugnissen, zu vergleichen.“ Stockhausen selbst hatte am 19. September 2001 eine schriftliche Erklärung in englischer Sprache zu seinen umstrittenen Äußerungen abgegeben. Er widerrief seine Äußerung nicht, sondern verwies auf die Figur des gefallenen Engels Luzifer und den Zusammenhang mit seinem siebenteiligen Zyklus Licht. Das Zitat sei vom Journalisten der ihn interviewenden Zeitschrift entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er distanzierte sich ausdrücklich von dem Terroranschlag und schrieb in der Erklärung, dass er die Opfer in seine Gebete einschließe.
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