Lebendige Erinnerung

 

22. November 2007

Maurice Béjart

Maurice Béjart, ursprünglich: Maurice-Jean Berger (* 1. Januar 1927 in Marseille; † 22. November 2007 in Lausanne) war ein französischer Balletttänzer und Choreograf.
Béjart wird als Sohn des Philosophen Gaston Berger in Marseille geboren. Sein öffentliches Debüt als Tänzer hat er im Alter von 14 Jahren an der Opéra National de Paris, wo auch Roland Petit tanzt. Nach seiner Ausbildung tritt er zunächst in Frankreich in Kompanien von Janine Charrat und Roland Petit auf, später im „International Ballet London“ und im Cullberg Ballett in Stockholm.

1951 schafft er dort seine erste Choreografie, L’Inconnu (Der Unbekannte). 1955 choreografiert er Symphonie pour un homme seul (Symphonie für einen einsamen Menschen) für seine eigene Kompanie, die Ballets de l’Étoile. Das Stück, dessen Musik von Pierre Henry und Pierre Schaeffer komponiert wurde, trägt ihm öffentliche Anerkennung beim Publikum und der Kritik ein.

1960 wird Maurice Huisman, damals Direktor am Théâtre Royal de la Monnaie/Koninklijke Muntschouwburg, für das Béjart die preisgekrönte Choreografie für Le sacre du printemps schafft, auf ihn aufmerksam. Der Choreograf erhält eine feste Angestellung an dem Haus und gründet mit Huismans Unterstützung in Brüssel das Ballet du XXe siècle, mit dem er weltweit Tourneen unternimmt. Berühmte Inszenierungen aus dieser Zeit sind u.a. Boléro, berühmt geworden mit Jorge Donn als Solist, Messe pour le temps présent und L’Oiseau de feu (1970).

1987 verlegt der inzwischen zum Islam konvertierte Choreograf den Sitz seiner Kompanie nach Lausanne und benennt sie um in Béjart Ballet Lausanne. Sein Ensemble besteht zu der Zeit aus dreißig Tänzern, mit denen er jedes Jahr ein Stück herausbringt, u.a. Ring um den Ring (1990), Le Mandarin merveilleux (1992), À propos de Schéhérazade (1995), Le Presbytère… (1997) und Enfant-Roi/La Lumière des Eaux (2000).

1998 wird er wegen eines Plagiats gerichtlich verurteilt. Sein Stück Le Presbytère… enthält eine Szene, die La chute d’Icare (Der Absturz des Ikarus) des belgischen Choreografen Frédéric Flamand entnommen ist. Das Ballet bearbeitet und benennt Béjart um in Ballet for Life. Die Filmaufzeichnung dazu erhält 1998 beim Festival Rose d’Or die „Silberne Rose für Kunst & Specials“. 1999 wird Béjart mit dem Kyoto-Preis geehrt.

Béjart hatte und hat einen starken, aber auch polarisierenden Einfluss auf das Ballett, die Kritik und das Publikum. Er pflegt einen eklektischen Stil, der sich aus vielen Richtungen zusammensetzt und neigt zu Pathos, Mystizismus und Heldenverehrung. Mythische Figuren, Götter, Künstler und fremde Kulturen sind Themen seiner Kunst. Einerseits trug er durch diese bildkräftigen, unmittelbar zugänglichen Themen maßgeblich dazu bei, dass das Ballett ein breiteres Publikum erreichte. Andererseits werfen seine Kritiker ihm einen neo-klassizistischen Stil vor, der von vielen Insidern der Tanzszene als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird.

Béjart war sehr erfolg- und einflussreich als Lehrer. Schon Jorge Donn war durch die Zusammenarbeit mit ihm zum Star geworden. 1970 gründet Béjart die École Mudra in Brüssel, um junge Talente in der Tanzkunst zu unterrichten. Aus dieser Schule, die bis 1988 besteht, gehen eine ganze Reihe von Tänzern und Choreografen hervor, die die weitere Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Europa beeinflussen, unter ihnen Maguy Marin, Anne Teresa De Keersmaeker und Enzo Cosimi. 1977 gründet er in Dakar die École Mudra Afrique, die bis 1985 besteht.

1992, nach seinem Umzug nach Lausanne, gründet Béjart dort das École-atelier Rudra, das seitdem eine der angesehensten Ausbildungsstätten in der Welt des klassischen Tanzes ist. Sein Ensemble besteht zur Zeit aus etwa 40 Tänzern, die insgesamt 120 Aufführungen im Jahr bewältigen.


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