Lebendige Erinnerung

19. Mai 2007

Hans Wollschläger

Hans Wollschläger (* 17. März 1935 in Minden; † 19. Mai 2007 in Bamberg) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, Historiker, Literaturkritiker, Psychoanalytiker, Musikwissenschaftler und Organist. Er lebte zuletzt in einem zum unterfränkischen Königsberg gehörenden Dorf.

Wollschläger wurde 1935 in eine Pastorenfamilie geboren. Er wuchs vorwiegend in Herford auf und machte auf dem dortigen humanistischen Gymnasium 1955 das Abitur. Anschließend studierte er bis 1957 an der Nordwestdeutschen Musikakademie (heute Hochschule für Musik) in Detmold.

An der Musikakademie hatte Wollschläger Kompositionsunterricht bei Wolfgang Fortner und privaten Dirigierunterricht bei Hermann Scherchen.

Seit damals beschäftigte sich Wollschläger mit dem Leben und Werk Gustav Mahlers, dessen Fragment gebliebene 10. Sinfonie Wollschläger Ende der 1950er Jahre vervollständigen wollte, was er später als unstatthaft bezeichnete. Nach eigenen Angaben schrieb Wollschläger drei abendfüllende Sinfonien, die aber unveröffentlicht geblieben sind. Er hielt sie im Nachhinein für eklektizistisch und für durchweg ohnmächtige Versuche eines Zuspät-Geborenen. […] Technisch gingen diese Versuche darauf hinaus, eine komplexe tonale Struktur hinzukriegen, in der sich keine einzige Note ohne strikte Materialbindung befand.

Die Begeisterung für Gustav Mahler verband Wollschläger mit Theodor W. Adorno, mit dem er Ende der 1950er Jahre als Vorsitzender der Deutschen Sektion der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft (IGMG) zunächst in brieflichen Kontakt kam und mit dem er schließlich 1960 in Wien zusammentraf. Wollschläger erklärte, Adorno sei einer der beiden Großen gewesen, die er als seine geistigen Väter betrachte. In Moments musicaux von 2005 schildert Wollschläger seine Tage mit TWA und legt dar, wie sehr ihn Adornos Sicht auf Mahlers Werke und deren Aufführungsstil beeinflusst habe. Aber auch Differenzen kommen zu Wort, zum Beispiel die unterschiedliche Bewertung und Einordnung von Mahlers 8. Sinfonie.

Der zweite geistige Vater ist der Schriftsteller und Übersetzer Arno Schmidt. Ihn lernte Wollschläger in seiner Eigenschaft als freier Mitarbeiter des Karl-May-Verlags kennen, wo er zwischen 1957 bis 1970 arbeitete. In dieser Zeit bekam er Zugang zu Karl Mays unveröffentlichten bzw. unbearbeiteten Schriften. Schmidt war zeitlebens entschiedener Kritiker des Bamberger Karl-May-Verlages und begeisterter Karl-May-Leser. Die gemeinsame Vorliebe für Karl May führte Schmidt und Wollschläger oft zusammen, so dass zwischen ihnen ein Lehrer-Schüler-Verhältnis entstand. Von großer Bedeutung für Wollschläger war, dass Schmidt ihn in der Arbeit an den Herzgewächsen bestärkte und deren singuläre Neuartigkeit lobte: darüber kann Niemand hinweg, daß hier gewichtiges, noch nie gesagtes Neues, en masse und with a lavish hand, deponiert wurde!

1968 brach Schmidt, der damals mit der Niederschrift seines opus magnum Zettels Traum begann, jedoch den persönlichen Kontakt zu Wollschläger ab. Dieser unterhielt noch einen losen Kontakt zu Schmidts Frau Alice, der Anfang der 1970er Jahre gleichfalls endete und erst 1979, anlässlich Arno Schmidts Tod, wieder aufgenommen wurde.

Wollschläger betrachtete rückblickend die weltgeschichtliche Katastrophe, die er als Kind erlebte, nicht nur unter dem Gesichtspunkt der materiellen Schäden und humanen Opfer, sondern vor allem als den bisher brutalsten Angriff auf die Zivilisation. Um diese einzigartige Epoche zu verstehen, las er schon während seiner Schulzeit u. a. Heine, Schopenhauer, Nietzsche und vor allem den Autor, in dem diese Tradition in der Sicht Wollschlägers kulminierte: Freud … vielleicht das grösste Geschenk des Weltgeistes an dieses barbarische Jahrhundert, das sich uns dadurch verstehbar machte.

Freud und die Psychoanalyse grundieren und durchsetzen Wollschlägers gesamtes Werk. Wenn er als Motto seines opus magnum den Satz, der über dem Eingang zur Platonischen Akademie stand, abwandelte in Niemand, der sich nicht auf die Psychologie versteht, möge hier eintreten, so meinte er die Psychoanalyse. Er versuchte in späteren Jahren selbst, psychoanalytische Techniken konventionell und in kleinen Gruppen mit dem Ziel der nachholenden Ich-Entwicklung anzuwenden; doch primär schätzte er an Freud nicht den Psychiater oder Kliniker, sondern den Religionskritiker, der die Religion als universelle Zwangsneurose diagnostizierte, und den Philosophen, der die Bausteine einer künftigen Ethik der Vernunft bereitgestellt habe.

Eine vorwiegend privatim gepflegte Passion hatte Wollschläger für den 1934 von Freud verstoßenen Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Sie datiert von den 1960er Jahren und bezieht sich ausdrücklich auf den späten Reich. In den 1970er Jahren experimentierte Wollschläger zusammen mit einem befreundeten Medizinstudenten mit Reichs Orgonakkumulator. Im Jahre 2005 trat er erstmals öffentlich für Reich bzw. dessen Spätwerk ein, das zu Unrecht als bloßes Kuriosum der Forschungsgeschichte angesehen werde. Doch obwohl Wollschläger die Brisanz seiner [Reichs] Gedanken bewunderte, fand er nach wie vor nicht den Ort, auf sie differenziert einzugehen.So entging er dem Dilemma, sich zwischen Freud und Reich zu entscheiden; denn während er Freuds Unbehagen in der Kultur als überragenden Gipfel von Freuds wissenschaftlicher Altersphilosophie hochschätzt, berichtet Reich, eben dieses Buch habe Freud als Abwehrschrift gegen ihn verfasst. Die antipodische Gegnerschaft zwischen Freud und Reich geriet ihm nicht in den Blick.

Gemeinsam mit Arno Schmidt und anderen übersetzte Wollschläger die Gesammelten Werke von Edgar Allan Poe. Er ist auch als Übersetzer der Krimis von Raymond Chandler und Dashiell Hammett bekannt. Wollschlägers großes Ansehen rührt aber vor allem von seiner mehrfach ausgezeichneten Übersetzung von James Joyces Jahrhundertroman Ulysses her. Auch seine Übersetzung des Kapitels Anna Livia Plurabelle aus Joyces Finnegans Wake gilt als bedeutende schöpferische Nachdichtung.

Wollschlägers erste eigene Buchveröffentlichung war 1965 seine kenntnisreiche rororo-Monographie über das Leben und Werk Karl Mays, die seither in diversen Verlagen Neuauflagen erlebt hat. Arno Schmidt bezeichnete diese erste solide Biographie Karl Mays als Vorfrühling der May=Forschung und als Pseudo=Erstling wegen der ununterdrückbaren Fähigkeit des Verfassers zu eleganten Formulierungen und der unverkennbar bereits trainierte[n] Kunst der Materialkomprimierung.

In den 1970er Jahren folgten Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, die sich mit den Kreuzzügen auseinandersetzen, und Die Gegenwart einer Illusion, die sich unter Berufung auf Sigmund Freuds Die Zukunft einer Illusion kritisch mit den christlichen Kirchen beschäftigt.

1982 erschien das Erste Buch von Wollschlägers experimentellem Roman Herzgewächse oder Der Fall Adams, dessen abschließendes Zweites Buch 1984 veröffentlicht werden sollte. Diesen Roman hatte Wollschläger 1959 Arno Schmidt vorgelegt und war dessen Rat gefolgt, den Roman neu zu bearbeiten und dabei die Erkenntnisse des Etym-Verfahrens zu verwerten. Die in diese zweite Fassung eingefügten Etym-Notationen tilgte Wollschläger in der nun veröffentlichten dritten Fassung allerdings weitgehend wieder.1995 wurde unter dem Titel Enuma elisch… Aus dem Zweiten Teil der »Herzgewächse oder der Fall Adams« ein Auszug aus dem unveröffentlichten Zweiten Buch publiziert.
Die äußere Handlung lässt sich knapp reduzieren: Der Schriftsteller Michael Adams, Jahrgang 1900, geboren in dem May’schen Schicksalsort Aden, kommt 1950 aus der Emigration zurück in seine Heimatstadt Bamberg. Er begleitet seine Bamberger Erlebnisse mit Tagebuchnotizen, die sich mit Erinnerungen vermischen, die in frühere Zeiten und seelische Tiefen reichen. Hier in Bamberg wird W sein Schüler. W ist eine Fiktion des jungen Hans Wollschläger, der später als fiktiver Herausgeber H.W. die Notizen Adams‘ als Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern veröffentlicht. Im Vorwort jenes Herausgebers H.W. aus dem Jahr 1982 werden Lesehinweise erteilt: unter anderem derjenige, dass die hier erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen Adams‘ sich zu dessen bereits publizierten Schriften wie ein unsichtbare[r] Grundtext verhielten. Schließlich wird der Leser auf den zunehmenden Zerfall des „Ichs“ der Aufzeichnungen vorbereitet, indem von den Selbstzeugnissen eines Lebens, das zuletzt der Obsorge der Psychiatrie überlassen werden mußte, die Rede ist.
Wollschläger selbst bietet dem Leser eine Möglichkeit für den Versuch, die Inhalte der äußerst facettenreichen Herzgewächse mit ihrer Auffächerung des Ichs in verschiedene Personen, den unterschiedlichen zeitlichen Ebenen und den ins Auge fallenden Unterschieden der Schriftgrößen und -stile zu analysieren; denn in einem grundlegenden Aufsatz aus dem Jahr 1979 über die Erste Annäherung an den »Silbernen Löwen« Karl Mays systematisierte er die Symbolik, die dieses literarische Werk durchdringt:

A. Grundschicht: eigentliche Symbolik. Archaisches Material in zwei Partialsträngen: Kollektiv-Repräsentanzen (phylogenetisch; Vorvergangenheit), präödipale Erlebnis-Engramme (ontogenetisch; Vergangenheit). Topisch: vor- und frühsprachlich; unbewußt. Erscheinungsform: »Ideen«-Bilder; unbegrifflich; starr; invariabel. Produktionsprinzip: Es-immanente Materialbildung.
B. Mittelschicht: Allegorie (Gleichnis, »Märchen«). Jüngeres, vorwiegend ödipales Material in isolierten Zensur-Übersetzungen. Partialstränge: kollektivgeschichtliche Vorstellungen (Vorvergangenheit), individual-geschichtliche Vorstellungen (Vergangenheit). Topisch: unbewußt; grundsprachlich. Erscheinungsform: »Begriffs«Bilder; inkohärent; unbegrenzt variabel. Produktionsprinzip: Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung).
C. Oberschicht: Verschlüsselung. Jüngstes Erlebnis-Material in direkten geschlossenen Übersetzungen (»Tagesreste«), korrespondierend mit A und B, komplementär. Partialstränge: gesunkene Erinnerungen (Vorvergangenheit), aktuelle Erinnerungen (Vergangenheit). Topisch: in der Basis unbewußt, mit weiten Ausläufern ins Bewußte. Erscheinungsform: Rollen, Masken; begrenzt variabel. Produktionsprinzip: Traumarbeit (sekundäre Bearbeitung); Rationalisierung.

1987 gab Wollschläger seinen ebenso fundierten wie engagierten Tierschutz-Essay „Tiere sehen dich an“ oder das Potential Mengele heraus, der sich mit dem gewissenlosen Umgang mit Nutz- und Versuchstieren auseinandersetzt.

Der 1976 in einem Interview gegenüber Eckhard Henscheid geäußerte Wunsch Wollschlägers, eine Psychobiographie Friedrich Nietzsches zu schreiben, blieb unerfüllt.

In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens war Wollschläger gemeinsam mit Hermann Wiedenroth Herausgeber der Historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays und gemeinsam mit Rudolf Kreutner der Gesammelten Werke Friedrich Rückerts (1788–1866). Im Rückertjahr 1988 erschien Wollschlägers Ausgabe der Rückert’schen Kindertodtenlieder. „Zum ersten Mal [wurde] die unverfälschte Lektüre dieser entstehungsgeschichtlich begrenzten, thematisch und lebensgeschichtlich geschlossenen dichterischen Leistung möglich.“

Zahlreiche an Wollschläger verliehene Kultur- und Literaturpreise sowie die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bamberg zeigen, dass sein Schaffen – insbesondere als Schriftsteller, nachschaffender Übersetzer und Kulturkritiker – in Fachkreisen geschätzt wird. Die öffentliche Bekanntheit und Rezeption seiner Werke dagegen ist gering. Das gilt auch für die Herzgewächse, die Gegenstand mehrerer Diplomarbeiten und Dissertationen waren.

Anlässlich der Preisverleihungen erschienen zahlreiche Zeitungsartikel und Interviews mit Wollschläger. In den Feuilletons wurden seine Persönlichkeit sowie seine Schriften und Übersetzungen unter verschiedensten Aspekten besprochen.

In jüngster Zeit ist die Kritik an Wollschläger oft eher satirisch und polemisch. So befasste sich Eckhard Henscheid in der Süddeutschen Zeitung vom 8./9. Juli 2006 mit Wollschlägers Klagen über den harten Schriftstellerberuf. Henscheid wundert sich, wie Wollschläger als Autor, der bisher kein erkennbares Hauptwerk zustande gebracht habe, außer den nie zu Ende geschriebenen Herzgewächsen (1982), die inzwischen bei Lesern und Wollschläger in Vergessenheit geraten seien, so gut von seinen Klagen über den Schriftstellerberuf leben könne. Hierbei bezog er sich auf die Rede Wollschlägers In diesen geistfernen Zeiten vom 1.7.1976 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die er 1977 als eine Ansprache gewürdigt hatte, die ob ihrer zierlichen Architektonik aus Polemik und Parlando, Witz und Wehmut, Klage und Koketterie (…) nicht ohne Chancen ist, dereinst unter die großen Reden deutscher Zunge aufgenommen zu werden: falls die noch lang genug fortbesteht.

Eher gerecht werden Wollschlägers umfänglicher Lebensleistung verschiedene Würdigungen zu seinem 70. Geburtstag. Andreas Weigel beispielsweise kommt nach einer Charakterisierung der vielen Facetten in Wollschlägers Schaffen zu dem Schluss, es falle schwer, über die Herzgewächse anders als in Superlativen zu sprechen. In diesem Roman seien Wollschlägers vielfältige Fähigkeiten gebündelt. Satz für Satz zeige Wollschläger, wie viel er von seinen Vorbildern (Theodor W. Adorno, Raymond Chandler, Sigmund Freud, James Joyce, Karl Kraus, Gustav Mahler, Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Arno Schmidt …) gelernt habe, denen er nacheifere, anstatt sie nachzuahmen. Dieses faustische Streben, es Göttern gleich zu tun, sei ein Hauptmotiv der Herzgewächse, was der Nebentitel zeige: Höllensturz, Sündenfall und Teufelspakt. Wollschlägers umfassende Ausrichtung auf dieses (Über-)Lebenswerk bedinge, dass auch sein restliches Schaffen primär Kommentar zu den Herzgewächsen sei. Obgleich seine programmatischen Auseinandersetzungen mit anderen Künstlern und Künstlerinnen so eigenständig seien, dass sie gewiss auch für sich allein gelesen werden können, liege ihr tieferer Sinn meist doch in der theoretischen Untermauerung seines opus magnum.


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