Lebendige Erinnerung

 

28. April 2007

Carl Friedrich von Weizsäcker

Carl Friedrich von Weizsäcker (* 28. Juni 1912 in Kiel; † 28. April 2007 in Söcking am Starnberger See) war ein deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher.

Carl Friedrich von Weizsäcker war der Sohn von Ernst von Weizsäcker (1882-1951) und Marianne von Graevenitz (1889-1983) sowie der Bruder von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker.

Am 30. März 1937 heiratete er die Schweizer Historikerin Dr. Gundalene Wille (1908–2000), die er 1934 bei ihrer Arbeit als Journalistin kennengelernt hatte. Er war Vater von drei Söhnen, Carl Christian von Weizsäcker (*1938), Ernst Ulrich von Weizsäcker (*1939) sowie Heinrich Wolfgang von Weizsäcker (* 1947) und einer Tochter Dr. Elisabeth Raiser geb. Weizsäcker (* 1940).

Weizsäcker lernte schon 1927 in Kopenhagen Werner Heisenberg kennen, unter dessen Einfluss er den Entschluss fasste, Physik zu studieren. Von 1929 bis 1933 studierte er Physik, Astronomie und Mathematik in Berlin, Göttingen und Leipzig, u. a. bei Werner Heisenberg, Friedrich Hund (Doktorprüfer) und Niels Bohr. Er beschäftigte sich mit der Bindungsenergie von Atomkernen (Bethe-Weizsäcker-Formel, Tröpfchenmodell, 1935) und den Kernprozessen, die im Inneren von Sternen Energie liefern (Bethe-Weizsäcker-Zyklus, 1937/1938). 1937 erschien sein Buch Die Atomkerne in Leipzig. Vor seiner Zuwendung zur Philosophie beschäftigte er sich außerdem mit Modellen zur Entstehung des Sonnensystems und in Zusammenhang damit mit der Theorie der Turbulenz.

Weizsäcker erkannte bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit, Atombomben herzustellen. Zu Beginn des Krieges erhoffte er sich politische Einflussmöglichkeiten durch den „Uranverein“ zur Erforschung der Kernspaltung, dem auch Heisenberg und Otto Hahn angehörten. Er entwickelte die Theorie der Plutoniumbombe. Zu einer entsprechenden Eingabe an das Heereswaffenamt [1] äußerte er rechtfertigend die illusionäre Hoffnung auf politischen Einfluss, die ihn bewegt habe. Neue Quellen [2] belegen, dass diese Phase zumindest bis Herbst 1942 andauerte. „Nur durch göttliche Gnade“ sei er vor der Versuchung, die deutsche Atombombe tatsächlich zu bauen, bewahrt worden. Diese Gnade bestand darin, „dass es nicht gegangen ist“, wie er rückbetrachtend eingestand, weil die deutsche Kriegswirtschaft die erforderlichen Ressourcen nicht bereitstellen konnte. Die Arbeiten waren bereits so fortgeschritten, dass im Sommer 1942 ein Patent angemeldet wurde. Dessen Punkt 5 lautete: Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen, … das … in solcher Menge an einen Ort gebracht wird, z.B.in einer Bombe, … (6 Patentansprüche, weiteres Schicksal dieser Anmeldung bisher unbekannt).

Seit 1946 leitete Weizsäcker eine Abteilung des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen. U.a. vor dem Hintergrund der eigenen Verstrickungen in Entwicklung einer deutschen Atombombe rückte nach dem Krieg die Beschäftigung mit Fragen der Verantwortung und Ethik in den Naturwissenschaften sowie politisches Engagement stärker in den Vordergrund. 1947/48 nahm Weizsäcker an Treffen der Gesellschaft Imshausen teil, die über eine Erneuerung Deutschlands beriet. Als 1956 die Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen diskutiert wurde, initiierte und formulierte er mit Otto Hahn und anderen Kernforschern das Aufsehen erregende Manifest der Göttinger Achtzehn. Es platzte 1957 mit der Forderung eines freiwilligen Verzichts der Bundesrepublik auf den Besitz von Kernwaffen in die Atomeuphorie und führte zum politischen Eklat, nachdem der damalige Atom- und dann Verteidigungsminister Franz Josef Strauß diese Frage bewusst offen gelassen, und der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die Ausrüstung mit taktischen Atomwaffen öffentlich befürwortet hatte. 1961 initiierte er mit dem Tübinger Memorandum ein weiteres Manifest, in dem er sich mit anderen evangelischen Wissenschaftlern und Prominenten gegen atomare Aufrüstung und für eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze aussprach.

Auf einem Lehrstuhl für Philosophie in Hamburg berufen (1957), beschäftigte er sich seit 1957 neben wissenschaftstheoretisch-physikalischen Fragen zur Einheit der Natur (Buchtitel) mit dem biologischen und sozialen Ursprung des Menschen. Zentrales Anliegen seiner philosophischen Arbeiten ist die begriffliche Durchdringung der Grundlagen der Quantenphysik, u.a. der sogenannten Kopenhagener Interpretation.

Er leitete zeitweilig eine Forschungsstelle für Kriegsverhütung und die Ernährungslage in der Welt und saß dem Verwaltungsrat des Deutschen Entwicklungsdienstes (1969 bis 1974) vor. In den Siebzigern kam es zu einer Begegnung mit dem indischen Pandit Gopi Krishna, die zur Gründung der „Forschungsgesellschaft für westliche Wissenschaft und östliche Weisheit“ führte, einer Gesellschaft, die regelmäßige Veröffentlichungen und Treffen organisierte, bei denen damals noch wenig in der Öffentlichkeit behandelte Themen wie östliche Mystik und deren Verhältnis zu westlichen Rationalitätsvorstellungen eine Rolle spielten.

Weizsäckers praktisch-philosophisches Engagement führte beispielsweise zu Ansätzen einer „Weltinnenpolitik“. Es gipfelte 1970 in der Gründung des Starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das er gemeinsam mit dem Philosophen Jürgen Habermas bis 1980 leitete. Themen wie die Gefahr eines Atomkrieges, die Umweltzerstörung oder der Nord-Süd-Konflikt standen im Mittelpunkt der Forschungen, die versuchten, sich jenseits der Tagespolitik zu halten.

Nach seiner Emeritierung 1980 vertrat Weizsäcker als Vortragsreisender und Autor einen „radikalen Pazifismus als das christlich einzig Mögliche“. Er rief zu einer Weltversammlung der Christen auf und ordnete in zahlreichen Büchern seine „Wahrnehmungen der Neuzeit“ (Buchtitel). In den Büchern äußert sich ein immer stärker religiös – jedoch nicht traditionell christlich – werdendes Bemühen, die Einheit einer Welt zu denken, die in egoistischen Interessen und widerstreitenden Kulturen auseinander zu fallen droht. Wissenschaft und politische Moral sind nach seiner Ansicht im Zeitalter der Atombombe, der Informationstechnik und der Genmanipulation untrennbar mit einander verbunden. Sie ruhen für ihn auf dem „Quellgrund religiöser Erfahrung“: „Nicht Optimismus, aber Hoffnung habe ich zu bieten“. Eines der Werke dieser Schaffensperiode trägt den Titel Bewusstseinswandel.

In den 1990er Jahren arbeitete er hauptsächlich am philosophischen Hauptwerk „Zeit und Wissen“. Er führte hier die bereits in „Einheit der Natur“ vorgestellte Idee weiter, die Quantenphysik axiomatisch aus der Unterscheidung empirisch entscheidbarer „Ur-Alternativen“ aufzubauen. Auf dieser Grundlage gelingt es Weizsäcker beispielsweise, die Dreidimensionalität des Raumes herzuleiten, und die Größenordnung der Entropie abzuschätzen, die frei wird, wenn ein Proton in ein Schwarzes Loch stürzt.

1957 wurde ihm die Max-Planck-Medaille verliehen. 1963 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 1982 erhielt er den Ernst-Hellmut-Vits-Preis der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster (Westfalen). 1983 erhielt er den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. Carl Friedrich von Weizsäcker ist Träger des Ordens Pour le Mérite. 1988 wurde er mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet und im folgenden Jahr 1989 mit dem hoch dotierten Templeton-Preis für „Progress in Religion“.

1979 lehnte Weizsäcker die von Willy Brandt vorgeschlagene Kandidatur zum Bundespräsidenten ab. Sein Bruder Richard war von 1984 bis 1994 deutscher Bundespräsident. Inzwischen sind zwei Gymnasien in Ratingen und in Barmstedt nach Carl Friedrich von Weizsäcker benannt worden.


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Ich erinnere mich, mit Carl Friedrich von Weizsäcker vor etwa 35 Jahren einen Spaziergang um das Freiburger Münster gemacht zu haben, nachdem der Physiker und Philosoph im alten Kaufhaus von Freiburg im Breisgau über seinen verstorbenen Freund Reinhold Schneider gesprochen hatte. Am meisten beeindruckte die Schlichtheit und Bescheidenheit dieses grossen Gelehrten, der dann übrigens noch wenige Jahre vor seinem Tode mit der Ehrenplakette der Reinhold Schneider-Gesellschaft Freiburg i.B. geehrt wurde. Von Weizsäcker können wir lernen, dass ein grosser Naturwissenschaftler stets auch noch in einem je anderen System denken kann, also zum Beispiel einem ethischen System, wie das lange vor Weizsäcker auch Albert Einstein vorgemacht und vorgelebt hat.

Grosse Naturwissenschafter, das ist eine alte Erfahrung, sind in der Regel eher demütiger als sog. Geisteswissenschafter und zumal Literaturpäpste. Wie Sokrates wissen sie besser, was sie nicht wissen.

Pirmin Meier, Lehrer und Autor, Beromünster/Schweiz

Eintrag von Pirmin Meier am 19.Januar 2009


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