Lebendige Erinnerung

 

23. Februar 2007

Heinz Berggruen

Heinz Berggruen (* 6. Januar 1914 in Berlin-Wilmersdorf; † 23. Februar 2007 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Kunstsammler des 20. Jahrhunderts, Journalist, Autor, Kunsthändler, Galerist und Mäzen. Im Jahre 2004 wurde Berggruen zum Ehrenbürger Berlins ernannt.

Berggruen stammte aus einer jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie, sein Vater hatte ein Papier- und Schreibwarengeschäft in Wilmersdorf, Olivaer Platz.[1] Er beschrieb seinen Vater als „sehr, sehr sanftmütig“ und seine Mutter als „höchst energisch“.[2] Auf dem Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf hatte er neun Jahre Französischunterricht, was dazu führte, dass Französisch zu seiner Hauptsprache werden sollte, nachdem er Deutschland verlassen hatte. Berggruen begann 1932 sein Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der heutigen Humboldt-Universität und setzte es später an den Universitäten Grenoble (heute: Université Stendhal) und Toulouse fort. Nach zwei Jahren holte ihn seine Mutter wieder zurück nach Deutschland – ungeachtet des Nationalsozialismus, den die Berggruens wie viele andere auch zunächst nicht ernst nahmen. Nach dem Magisterabschluss absolvierte er ein Volontariat bei einer jüdischen Wochenzeitung in Berlin mit dem festen Berufsziel eines Journalisten und Schriftstellers. Anschließend schrieb er 1935 kurze Zeit für die Frankfurter Zeitung. Seine Artikel durften allerdings aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr unter seinem vollen Namen erscheinen.

Er emigrierte 1936 über Kopenhagen in die USA, wo er ein einjähriges Stipendium an der Berkeley University erhielt. Anschließend arbeitete er als Kunstkritiker für die San Francisco Chronicle. Es gelang ihm, seine Eltern noch rechtzeitig zur Ausreise nach New York zu überreden. In Kalifornien lernte er auch Diego Rivera und dessen Frau Frida Kahlo kennen, mit ihr hatte er 1939 eine kurze intensive Affäre,[3] nach der Berggruen eigenen Angaben zufolge in jedem Interview gefragt wurde.[4] 1940 kaufte er in Chicago von einem deutschen Emigranten für 100 Dollar sein erstes Gemälde: ein Aquarell von Paul Klee, „Perspective-Spuk“. Es begleitete ihn 40 Jahre lang als Talisman.[5] Danach wurde er Kurator am San Francisco Museum of Modern Art.

Im Zweiten Weltkrieg kam er als Sergeant der US-amerikanischen Armee nach Europa. Nach Ende des Krieges wurde er kurzzeitig Mitherausgeber der Kunstzeitschrift Heute in München, einer seiner Kollegen war Erich Kästner. Danach arbeitete er als kultureller Mitarbeiter bei der US-amerikanischen Delegation der UNESCO in Paris. Dort ließ er sich 1947 als Kunsthändler in der Rue de l’Université am linken Seine-Ufer nieder. Er gewann die Sympathie von Pablo Picasso und konnte sein Händler und Freund werden. Erst 1980 gab er seine Kunstgalerie auf, um sich nun besser auch eine eigene Sammlung aufbauen zu können.

Heinz Berggruen sammelte vor allem Kunst von Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Klee und Paul Cézanne. Er war mit dieser Sammeltätigkeit ebenso wie der französische Kunsthändler Ambroise Vollard wegbereitend für die Entwicklung der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Berggruen entdeckte die Bedeutung der Scherenschnitte des reiferen Henri Matisse, für die sich seinerzeit niemand interessierte. Die Sammlung Berggruen gilt als eine der wichtigsten Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Im Januar 1991 trafen sich der Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Wolf-Dieter Dube und Berggruen bei der Eröffnung einer vorerst auf fünf Jahre befristeten Ausstellung der Berggruen-Sammlung in der Londoner National Gallery. Dube konnte Berggruen zu einem Besuch in Berlin bewegen, daraus konkretisierte sich schließlich Berggruens Rückkehr mit seiner Sammlung von 113 Meisterwerken nach Berlin im September 1996. Dazu wurde ihm der eigens renovierte westliche Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg, heute bekannt als Museum Berggruen zur Verfügung gestellt.[5] Kurz vor Weihnachten 2000 verkaufte Berggruen seine auf 750 Mio. Euro geschätzte Sammlung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz weit unter Wert für 126 Mio. Euro. Er betrachtete diesen Transfer als eine „Geste der Versöhnung“. Sieben Kunstwerke, fünf Cézannes und zwei Van Goghs, nahm er von der Schenkung aus, um seine Erben auszahlen zu können. Berggruen hoffte vergeblich auf private Kunstfreunde, die diese Gemälde kauften und sie wieder der Sammlung zurückschenkten.[6] Seinen Freund Helmut Newton konnte er ebenfalls dazu bewegen, dessen Fotosammlung seiner Heimatstadt anzuvertrauen.

Sein Sohn aus erster Ehe, John Berggruen (* 1944), ist in San Francisco ebenfalls Kunsthändler geworden.[7] Berggruen war in zweiter Ehe mit Gattin Bettina verheiratet, sie hatten zwei Söhne. Olivier Berggruen ist ein Kunsthistoriker, der 2002 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eine Ausstellung von Matisse-Scherenschnitten mit Werken aus der Sammlung seines Vaters[8] [9] sowie 2006/07 eine Ausstellung über Picasso und das Theater als Kurator ebendort geleitet hat. Sein dritter Sohn Nicolas Berggruen ist Mehrheitsgesellschafter der in Berlin ansässigen Grundstücksgesellschaft Nicolas Berggruen Holding GmbH.[10] Heinz Berggruen lebte abwechselnd in seiner Pariser Wohnung am Jardin du Luxembourg und in seiner Geburtsstadt Berlin, direkt über den Ausstellungsräumen seiner Sammlung im Stülerbau in Charlottenburg. Am 23. Februar 2007 starb er in Paris, wo er noch wenige Wochen zuvor seinen 93. Geburtstag gefeiert hatte.



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